Burnout und Resilienz – (Über-) Leben am Arbeitsplatz

Mehr – höher – weiter – schneller – überall – jederzeit, und das bis zur Besinnungslosigkeit. Kein Wunder, brennen viele Menschen aus. Im Interview erklärt Joachim Galuska, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der Heiligenfeld Kliniken sowie der Akademie Heiligenfeld*, wie man einem Burnout schon im Kindesalter vorbeugen kann, und betont die Wichtigkeit des sozialen Umfelds.

Herr Galuska, gibt es Möglichkeiten bereits in der Erziehung der Kinder einem Burnout im Erwachsenenalter vorzubeugen?

Dr. Joachim Galuska: Ja, Kinder, die über den Raum verfügen, sich entsprechend ihrer Fähigkeiten und Interessen zu entfalten, entwickeln die Fähigkeit zur Resilienz. Eigene Erfahrungen innerhalb gesetzter Grenzen zu machen, gibt ihnen Halt. Und von Erziehenden begleitet Schwierigkeiten zu meistern, schafft Vertrauen in die eigene Stärke. Um auf das Leben vorbereitet zu sein, reicht aber Schulwissen allein nicht aus. Gesellschaftliche Werte durch Gespräche zu vermitteln, das Üben von Achtung und Respekt gegenüber anderen und sich selbst zu fördern, hilft dabei, zerstörerisches Mobbing zu vermeiden. Diese Form von Gewalt ist bereits im Schulsystem weit verbreitet, da Erziehende die Kinder und Jugendlichen führungslos oft sich selbst überlassen. Dies führt dazu, dass sie sich entsprechend selbst Strukturen schaffen. Einmal erlernt, werden diese destruktiven Muster auch im Erwachsenenleben wieder gelebt, was sich schädigend auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirkt.

In welchen Branchen beobachten Sie die meisten Burnout-Fälle?

Betroffen sind besonders oft soziale und Gesundheitsberufe. Bei Lehrpersonen und in Pflegeberufen stellen wir eine Häufung der Fälle fest. Doch allgemein betrachtet tritt Burnout dort auf, wo Menschen hochkomplexe Aufgaben zu erfüllen haben, selbst unzureichend auf die zu meisternde Situation vorbereitet wurden und dazu noch höchste Leistungsansprüche an sich selbst stellen. Durch strukturelle Veränderungen sehen sich Mitarbeiter immer mehr durch fachfremde, bürokratische Arbeiten belastet, welche die Leidenschaft für die eigentliche Berufung zurückdrängt. Zudem wird die Belastung durch Mitfühlen und die Verarbeitung des Erlebten bei sozial, medizinisch und im Rettungsdienst Tätigen oft unterschätzt (z. B. bei Lehrern, Sozialarbeitern, medizinischem Personal, Polizei, Feuerwehr).

Sind eher Grosskonzerne oder KMU betroffen?

Burnout ist auch geläufig unter dem Namen «Managerkrankheit» und tritt meist im mittleren Management auf. Daher kommen eher Grosskonzerne in Betracht. KMU sind oft von Familien geprägt. Zumal Angehörige und Freunde die grössten regulierenden Systeme sind, bleiben die mitarbeitenden Familienmitglieder in der Regel vor Burnout gefeit. Betroffene Personen stehen in einem starken Wettbewerb und verlieren darüber oft den Kontakt zu sich selbst. Besonders gefährdet sind Perfektionisten, die ihre Bedürfnisse immer hinten anstellen und auch ihre Sozialkontakte vernachlässigen. Als somatische Reaktionen sind oft Herzinfarkte oder Bandscheibenvorfälle zu beobachten, welche die Betroffenen dann zum Innehalten zwingen.

Wie häufig tritt das Phänomen Burnout in den verschiedenen Industrieländern auf und wie wird damit umgegangen?

In Skandinavien wird Burnout häufiger verzeichnet als in Deutschland. Zumal sich der Sozialstaat hier verpflichtet, für jemanden zu sorgen, der bei der Arbeit für die Gemeinschaft Schaden genommen hat. In den individualistisch funktionierenden Staaten wird dem Erkrankten selbst die Schuld an seinem Leiden zugeschoben, somit steht er als Versager da. In den USA erhöht sich das Risiko zu erkranken durch noch mehr Individualisierung und Rücksichtslosigkeit, weniger Sozialausgleich und hohen Konkurrenzdruck. Somit ist das Individuum in Krisensituationen überfordert, da kein Netz aus sozialen Bindungen Rückhalt bietet.

Was raten Sie Kindern, um Burnout zu vermeiden beziehungsweise dessen Anfänge zu erkennen?

Viele gute Freunde zu haben, denen man wirklich vertrauen und mit denen man Dinge besprechen kann, ist ein guter Schutz vor Burnout. Findet Euch selbst und Euren Weg! Entwickelt Euch weiter und bleibt nie stehen! Denn wer beweglich ist, kann sich neuen Situationen anpassen und bleibt im Fluss.

Kennen Sie den Zustand aus eigener Erfahrung?

Aufgrund einer persönlichen Krise war ich am Arbeitsplatz nur noch reduziert leistungsfähig. Allerdings wurde ich von meinen Mitarbeitern so entlastet, dass ich weiterarbeiten konnte. Oft ist bei psychischen Krisen der soziale Support niedrig, was die Gefahr zu erkranken erhöht. Dem Vorgesetzten kommt hier eine grosse Verantwortung zu, zumal er der wichtigste einzelne Faktor im Leben eines Arbeitnehmers ist. Ein entsprechendes Vertrauensverhältnis trägt viel zur Genesung bzw. zur Gesundheit bei. Denn ein Arbeitsplatz ist ein äusserst wirksames Feld, das Mitarbeiter ebenso sehr zu stützen wie auch runterzuziehen vermag. Aus meiner Erfahrung entwickelt sich ein Burnout nicht durch zu viel Arbeit allein. Multiple Ereignisse, die parallel auftreten, führen dazu (Beziehungsprobleme, Verlust Angehöriger, Suchtprobleme). Unterstützung aus dem Umfeld hilft, wie bei einem Gipsbein auch, die Krise zu überwinden.

Was ist wichtig, um ein Burnout zu überwinden?

Der Mensch muss in seiner Ganzheit betrachtet und behandelt werden. Zu Beginn stehen unter anderem Sport, Wellness, Wiederherstellung einer Tagestruktur, die Schlafregulierung und die körperliche Nährung auf dem Plan. Bei fortgeschrittener Erkrankung ist es unerlässlich, das Feld, in dem man erkrankte, zu verlassen, um Fortschritte machen zu können. Dies kann zum Beispiel eine psychosomatische Klinik sein. Nach und nach finden die Betroffenen zu sich selbst und ein Wachstumsprozess kann beginnen.

Buchtipp

Sylvia Kéré Wellensiek, Joachim Galuska: Resilienz – Kompetenz der Zukunft. Beltz-Verlag 2014.

 

Kommentieren0 Kommentare

Esther Kall ist Journalistin und Therapeutin. Zuletzt verantwortete sie während zwanzig Jahren als Chefredaktorin verschiedene Special Interest-Publikationen im Bau- und Energiebereich. Esther Kall ist Therapeutin für Kinesiologie AP und Klangschalenmassage und befasst sich insbesondere mit dem Aufbau von Resilienz, Stressbewältigung und Burnout-Vorsorge, indem sie regelmässig die Energie ihrer Klienten balanciert. iklang.ch

Weitere Artikel von Esther Kall
Log in to post a comment.

Das könnte Sie auch interessieren