Dunkle Persönlichkeit

Wenn Menschen Unternehmen schaden: Wer sind die Täter?

Lügen, betrügen, blaumachen: Mitarbeitende können Unternehmen mit ihrem Verhalten schaden. Doch warum tun sie das?

Hans ist Ende 40, hat einen tadellosen Leumund und steht mitten in einer erfolgreichen Berufslaufbahn. Aus gesundheitlichen Gründen muss er jedoch seine bisherige Arbeit aufgeben. Sein Arbeitgeber kann ihm aber zum Glück eine Alternative anbieten. Zwar ist es eine eher einfache Tätigkeit, aber immerhin steht er nicht auf der Strasse.

Bald nach Antritt der neuen Stelle nagen dann doch Stolz und Neid an ihm, zumal er es als ungerecht empfindet, viel weniger als andere Kollegen zu verdienen. Seine Arbeit beinhaltet das Abwickeln von grossen Mengen an Bargeld. Es geht es nicht lange, bis er beginnt, kleine Beträge für sich abzuzweigen – schliesslich tut es der Organisation ja nicht weh.

Dies bleibt unbemerkt, denn eine systematische Ein- und Ausgangskontrolle der Geldbeträge findet nicht statt. Mit der Zeit werden die Beträge immer grösser und summieren sich über die Jahre zu Hunderttausenden von Franken. Die Luxusartikel und die teuren Ferien, die er sich damit finanzieren kann, erklärt Hans seiner Frau und seinen Freunden mit Lotto-Gewinnen. Nach der Einführung eines Kontrollsystems hört er zwar eine Weile auf mit den Diebstählen, macht dann aber doch weiter und wird letztendlich überführt. Darüber war er sogar froh, denn die über zehn Jahre lange Last des schlechten Gewissens hat ihn immer mehr geplagt.

Der Betrüger im Sog seines Verhaltens

Was hat Hans dazu getrieben, seine Organisation durch die Diebstähle zu schädigen? Ist er ganz einfach ein böser Mensch?

Böse, im Sinn von moralisch verwerflich und schädigend für andere, könnte als Erklärung passen – wenn man es auf sein Verhalten bezieht. Aber gilt das auch für ihn als Menschen? Die Forschung, die sich mit betrügerischem Verhalten beschäftigt, würde diese Frage wohl verneinen. Vielmehr spielen bestimmte psychologische Mechanismen eine Rolle, die aus einem pflichtbewussten, vertrauenswürdigen und ehrbaren Mitarbeitenden einen Kriminellen machen. Zwei Dynamiken stehen dabei im Vordergrund:

  • Als erste Dynamik handeln Personen wie Hans häufig auf Basis einer subjektiven Einschätzung ihrer Umgebung, die sie als nachteilig oder feindselig erleben. Das können beispielsweise strukturelle Elemente, wie ungünstige Arbeitszeiten oder schlechter Lohn sein, aber auch die vorgesetzte Person. In diesem Sinn kann das schädigende Verhalten auch als eigenmächtige Richtigstellung von Missständen, teilweise sogar als Rache angesehen werden.
  • Eine zweite Dynamik besteht in äusserem Druck, den eine Person erlebt. Dieser Druck kann zum Beispiel durch Schulden, Süchte oder auch Lifestyle-Bedürfnisse entstehen und nimmt häufig spiralförmig zu. Das heisst, es sind immer weitere Mittel oder Taten zur Entlastung des Drucks, zur Aufrechterhaltung der durch den Betrug erzielten materiellen oder immateriellen Gewinne oder zur Verschleierung des ursprünglichen Betrugs nötig.

Diebstahl und Betrug sind durchaus nicht die einzigen Formen von organisationsschädigendem Verhalten. Das Spektrum erstreckt sich über Lügen, Fälschen, Blaumachen, Missbrauch von Informationen, fahrlässigen Umgang mit Sicherheitsvorschriften bis zu unzulässigen Geschenken, Sachbeschädigung, Mobbing, sexueller Belästigungen und gar Alkohol- und Drogenmissbrauch. Dies alles schadet Organisationen und häufig auch direkt den Menschen darin.

Menschen mit einer dunklen Seite

Die beiden Dynamiken können im Zusammenhang mit Diebstahl beziehungsweise Betrug nicht alle Arten von organisationsschädigendem Verhalten erklären. Abgesehen von der Selbstschädigung stellt sich die Frage, warum es Personen gibt, die andere mobben, sexuell belästigen, Intrigen spinnen und sich allgemein feindselig und destruktiv verhalten und immer nur auf ihren persönlichen Vorteil bedacht sind.

Zu denken ist da beispielsweise an einen Mitarbeitenden, der andere wiederholt beleidigt oder gar systematisch ausgrenzt, sich gegen oben aber als Platzhirsch darstellt. Oder an den Vorgesetzten, der Mitarbeitende häufig unwirsch anfährt und sie ständig benachteiligt. Auch der konkrete Fall eines Mitarbeitenden, der in verschiedenen Unternehmen Schäden von über 170 Millionen Schweizer Franken anrichtete, sich aber immer wieder dem Arm des Gesetzes entziehen konnte und zuletzt in Abwesenheit verurteilt wurde, zeigt auf, dass destruktive Verhaltensweisen immer wieder vorkommen.

Die Forschung erklärt solch bewusst schädigendes Verhalten unter anderem im Konzept der «dunklen Persönlichkeit» beziehungsweise der Persönlichkeiten mit einem «dunklen Kern». Damit sind negative Persönlichkeitseigenschaften gemeint.

Charakteristisch für solche Menschen ist es, dass sie sich genuin sehr egoistisch, habgierig, manipulativ und kaltherzig verhalten und nicht davor zurückschrecken, auf andere nachteilig einzuwirken.

Menschen mit einer dunklen Seite sind nicht so leicht zu erkennen, da sie sich insbesondere zu Beginn einer Begegnung oder Beziehung bewusst verstellen und in bestimmten Situationen sogar Vorteile aufweisen. So können sie beispielsweise harte Massnahmen durchsetzen, gerade in unsicheren Zeiten Verantwortung übernehmen oder durch Vernetzung «zum Rechten» schauen.

Wie schaffen es Unternehmen, schädigendes Verhalten zu erkennen und zu verhindern? Mehr dazu lesen Sie nächste Woche im zweiten Teil.

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Simon Hardegger.

Simon Carl Hardegger studierte an der Universität Zürich Psychologie und leitet das Zentrum Diagnostik, Verkehrs- & Sicherheitspsychologie am IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seinen Arbeitsschwerpunkt bilden Risikobeurteilungen menschlicher Faktoren im beruflichen Kontext.

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Patrick Boss

Patrick Boss hat in Psychologie promoviert und ist als Berater und Dozent am Zentrum Diagnostik, Verkehrs- & Sicherheitspsychologie am IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW tätig.

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