HR-Debatte

Essen am Arbeitsplatz?

Mitarbeitende sollen die Mittagszeit nützen, um ungestört zu arbeiten und dabei essen zu können, findet Ruth Stylianou-Oberli. Knigge-Trainerin Susanne Abplanalp plädiert dagegen für fettfreie Tastaturen und eine Erholungspause.

Ruth Stylianou-Oberli

Oops! Schon wieder ist es passiert! Ich esse am Arbeitsplatz! Bei mir sind derzeit im Haus Bauarbeiten im Gang und bei diesem Dauerlärm kann ich nicht arbeiten. Da nutze ich die ruhige Mittagspause, um endlich konzentriert schreiben zu können. Was mich persönlich betrifft, finde ich das Essen am Arbeitsplatz gar nicht so schlimm. Mit dieser Einstellung befinde ich mich anscheinend in bester Gesellschaft.

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht schon einmal am Arbeitsplatz gegessen hat. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlicher Art. Angefangen beim Morgenbrötchen, das sich viele Mitarbeiter zusammen mit einem Kaffee am Arbeitsplatz gönnen. Sei es, weil sich der erste Hunger nach dem Frühstück bei einigen schon wieder bemerkbar macht oder weil andere vor zehn Uhr morgens gar nichts essen können. Auch über Mittag gibt es viele begründete Situationen, wo das Essen am Arbeitsplatz nicht zu umgehen ist. Etwa, wenn sich der Kunde auf den frühen Nachmittag ganz spontan zur Besprechung der aktuellen Werbekampagne angemeldet hat und man dafür noch husch, husch den Terminplan oder das Budget aktualisieren muss, damit man einen professionellen Eindruck hinterlässt.

In solchen Momenten bleibt keine Zeit für ein geruhsames Mittagessen. Und – glauben Sie mir – solche Situationen kommen öfters vor, als man sich dies wünscht. Dann ist man einfach dankbar, wenn die Zeit für das fliegende Essen eines Sandwiches oder eines Salats vorhanden ist. Dadurch entfällt zum Glück das unangenehme Magenknurren während des Meetings. Viel wichtiger als das Essen ist bekanntlich aber das Trinken. Fachpersonen empfehlen, täglich mindestens einen bis zwei Liter Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Das bedingt, dass wir auch während der Arbeitszeit trinken, um das Soll zu erfüllen. Das Trinken am Arbeitsplatz hat sich schon lange etabliert und kaum einer ärgert sich noch darüber.

Im Vorfeld dieses Artikels habe ich mich in meinem Bekanntenkreis etwas umgehört. Und die Feedbacks haben mich erstaunt: Viele Menschen schätzen die Ruhe während der Mittagspause, um ungestört ihrer Arbeit nachgehen zu können. Einige erwähnten, dass sie, einmal in die Materie eingetaucht, nicht durch eine Mittagspause aus dem Thema gerissen werden möchten. Andere verzichten sogar ganz auf das Essen, weil es schwer im Magen liegt und sie sich träge fühlen. Wieder andere legen keinen Wert darauf, weil sie früher nach Hause möchten, um Sport zu machen oder einfach das Mehr an Freizeit zu geniessen.

In einem Punkt sind wir uns alle einig: Auch wenn wir am Arbeitsplatz ab und an essen, gibt es Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Das Essen von saucenhaltigen Gerichten ist beispielsweise ein Tabu. Denn auch Schreibtisch-Esser erfreuen sich gern an einem sauberen Arbeitsplatz und einer funktionstüchtigen Tastatur.

 

Susanne Abplanalp

Take-aways und Kurierdienste mit allerlei Essensangeboten schiessen wie Pilze aus dem Boden und rollen damit direkt in die Büros. Allzeit essbereit oder immer dann, wenn der Hunger ruft. Vorbei die Zeit, als man sich zwei Stunden für die Mittagspause frei nahm. Verpflegung am Arbeitsplatz? Dagegen spricht so einiges: Starke Parfumwolken oder Körpergerüche wirken störend.

Ebenso unangenehm ist auch der Verzehr eines Kebabs vor dem Bildschirm. Sie wissen schon, wenn die Zwiebeln ihren Duft verströmen, dann hemmt das die Kollegen, die wegen eines dringenden Projekts durcharbeiten müssen. Sandwiches, bei denen zwischen den Brotscheiben eine Sauce oder Butter hervorquillt, hinterlassen auf Ihren Händen zudem einen leicht schmierigen Abdruck und somit auch auf der Tastatur Ihres Computers. Das ist ziemlich eklig, auch wenn es bloss Ihre eigene ist. Aber bleiben Sie bitte fern von derjenigen Ihres Kollegen. Wie schnell ist die Sauce auf Ihrem Hemd oder der Fettspritzer mitten auf dem Dossier, das Sie zwischen zwei Bissen studieren? Eben. Sie essen vor dem Bildschirm und bevor Sie herunterschlucken, steht prompt Ihr Chef vor Ihnen. Er will bloss kurz Ihre Meinung oder seine Frage beantwortet wissen. Und Sie?

Saucenreste am Mundwinkel, das Essen verstopft Ihre Aussage oder – noch schlimmer – Essensreste begleiten Ihre Aussage. Wollen Sie ihm die Unterlagen heraussuchen, indem Sie Ihre fettigen Finger noch schnell abschlecken? Geht nicht. Kurz an den Hosen abstreifen? Geht auch nicht. Da hat es doch der Kollege besser, der sich für seinen Lunch in die Cafeteria zurückgezogen hat. Dort wird er vermutlich nicht während seiner Mittagszeit aufgesucht und er kann sein Essen getrost mit den Kollegen geniessen und sich dabei sogar etwas erholen.

Abschalten ist wichtig. Genau. Erholen und abschalten, danach kommen die Ideen wieder fast von alleine. Machen Sie noch ein paar Schritte dazu und schon fliesst Ihre Kreativität aus Ihnen heraus. Den ganzen Tag am Arbeitsplatz zu kleben, ist nicht förderlich. Weder für den Rücken noch für das Hirn. Es gibt Firmen, die Mitarbeitende zwingen, mindestens 30 Minuten Pause zu machen. Das hat bestimmt seinen Grund. Wenn Sie gleichzeitig essen, die Mails abrufen und Telefongespräche führen, kommt trotzdem etwas zu kurz. Der Anrufer spürt, dass Sie nicht voll bei der Sache sind. Oder dass das einzig Volle Ihr Mund ist. Was machen Sie, wenn es klingelt und Sie gerade herzhaft in den Apfel gebissen haben? Nehmen Sie den Hörer nicht ab? Sprechen Sie mit vollem Mund? Beides ist unprofessionell. Das Essen ist ein sozialer Akt. Sie können sich mit Kollegen austauschen, Ihr Essen richtig geniessen und dabei abschalten. So tanken Sie auf und geben nach der Mittagspause wieder Vollgas. Diese Chance verpassen Sie beim einsamen und schnellen Verzehr des Lunches am eigenen Arbeitsplatz. Also: raus aus dem Büro und ran an das Mittagessen.

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Ruth Stylianou-Oberli ist Inhaberin der Marketing- und Kommunikationsagentur Good Choices und auch als Coach sowie Moderatorin unterwegs.

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Susanne Abplanalp ist als Dozentin tätig. Ihr Wissen für Auftrittskompetenz vermittelt die Business-Knigge-Expertin in Vorträgen, Seminaren und Coachings.

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