Recruiting Convention 2016

Klassentreffen im Lake Side

Lohntransparenz in Stellenausschreibungen, Ferientage für Mitarbeiterempfehlungen, Konzertticket-Verlosungen unter Bewerbern: An der sechsten Recruiting Convention vom 22. September gaben sechs Referenten Einblick in ihre Recruiting-Praktiken.

Nebelverhangen ist der Himmel über dem Zürichsee am 22. September um halb neun Uhr morgens, als die ersten Gäste im Lake Side zur Recruiting Convention 2016 eintreffen. Matthias Mäder, Geschäftsführer von Prospective und Veranstalter der Recruiting Convention, kommt in seiner Begrüssung schnell zur Sache: Recruiting sei heute wie Religion, so seine These. «Es basiert auf Glauben, nicht auf Wissen.» Dabei wäre Messbarkeit gerade im Recruiting essentiell.

Lohntransparenz in der Stellenausschreibung

Die HR-Generalistinnen Sonja Auf Der Maur und Désirée Nater vom Kinderspital Zürich zeigen im ersten Referat des Tages, dass es nicht immer eine Personalmarketing-Abteilung braucht, um kreativ auf Mitarbeitersuche zu gehen. Dem Fachkräftemangel begegnen sie mit Herz. Anstatt auf «Textwüsten» setzen sie auf emotionale Bewegtbilder mit echten Mitarbeitenden und auf interaktive Stelleninserate. Darin geben sie unter anderem eine Lohnspanne für die ausgeschriebene Stelle an – ein Punkt, der bei den Bewerbern und bei den Besuchern der Recruiting Convention auf grosses Interesse stösst. Doch wenn Fachkräfte so rar sind wie in der Gesundheitsbranche, braucht es mehr als gute Stelleninserate. Die Antwort des Kispi: Ein VW-Bus-Oldtimer als mobiles Jobcenter, eine mobile-basierte 15-Sekunden-Bewerbung und eine attraktive Positionierung als Arbeitgeberin – erarbeitet zusammen mit den Mitarbeitenden.

Heavy Metal Konzerttickets für Entwickler

Die Mitarbeitenden in den Rekrutierungsprozess einbeziehen – dafür plädiert auch Leandra Amsler, HR Leiterin des Informationstechnologie-Anbieters Netstream. Recruiting werde erst durch Employer Branding und Mitarbeiterempfehlungen erfolgreich – besonders, wenn rare Spezies wie IT-Entwickler gesucht werden. Der grosse Vorteil von Mitarbeiterempfehlungen: Der Cultural Fit Check sei bereits integriert.

Mit der Suche von IT-Entwicklern beschäftigt sich auch Paul Frey, Strategic Account Manager bei Stack Overflow. Das Problem: «Entwickler suchen keinen neuen Job – höchstens eine neue Herausforderung». Um sie trotzdem zu erreichen, müssten Recruiter Botschaften «nerdig formulieren» – und die richtigen Anreize setzen. Zum Beispiel in Form einer Ticketverlosung für ein Heavy Metal Festival. Auch Frey plädiert dafür, in der Stellenausschreibung die Gehaltsspanne anzugeben und betont zusätzlich den Wert nicht-monetärer Benefits, wie beispielsweise den «eines höhenverstellbaren Schreibtischs».

«Hau bloss ab! Wir brauchen dich hier nicht!»

Nach dem Networking-Lunch vom Buffet geht es weiter. So weiter wie bisher? «So weiter wie bisher ist nicht neu!», ruft Buchautor Martin Gaedt, der seinen obligaten «roten Faden» mitgebracht hat, und reisst das Publikum damit aus dem Mittagstief. Unter dem Motto «Rock your Recruiting» hinterfragt Gaedt in seinem wirbelsturmartigen Auftritt ... so ziemlich alles. Seine Lieblingsfolie trägt den Schriftzug «Hau bloss ab! Wir brauchen dich hier nicht!» – das sei die Botschaft, die die meisten Unternehmen ihren potentiellen Bewerbern vermittelten.

Bis vor wenigen Jahren versuchte die ABB, sich ihren Mitarbeitenden mit einer Broschüre erlebbar zu machen. «Eine 20-Seitige Broschüre liest heute keiner mehr», stellt Sara Dovlo, Head of HR der ABB Schweiz, nüchtern fest. Etwas Neues musste her. Dovlos Ansatz: Personalisierung. «Für jeden Bewerber, den wir einladen, schalten wir heute eine personalisierte Microsite auf. Mit den Kontaktdaten seines Recruiters, Informationen zum Unternehmen und Mitarbeiter-Videos.» Aufwand pro Bewerber? «Fünf Minuten». Vom zuständigen Recruiter erhalte der Bewerber beim Vorstellungsgespräch einen «personalisierten Flyer, den ihn auf seine Bewerber-Website führt». Die Herausforderung: Digitalisierung bedeute Kulturveränderung. Und dafür brauche es Zeit, Geduld und «charmante Hartnäckigkeit».

Durch Geheimnistuerei neugierige Leute anziehen

Charmant ist auch der Auftritt von Judith Oldekop, Head of HR bei Siroop, die aus dem Nähkästchen plaudert. Bevor das Start Up vor einem halben Jahr mit einer grösseren Marketingkampagne unter dem heutigen Namen an die Öffentlichkeit trat, musste Oldekop aus rechtlichen Gründen «unter der Hand» rekrutieren. «Das war gar nicht so schlecht: Mit der Geheimnistuerei zogen wir auch neugierige Leute an.» Um seine Mitarbeitenden zu halten, bietet Siroop Welcome-Packs für neue Mitarbeitende, Welcome-Teamausflüge, Mystery-Lunches und «Hack-Days für die Techies». Für das wachsende Start-Up sind Mitarbeiterempfehlungen ebenfalls ein grosses Thema – Bei Erfolg honoriert sie Oldekop mit einem zusätzlichen Ferientag. Die grösste Herausforderung, die Oldekop und Siroop noch bevorsteht: «Wir ziehen nächsten Frühling zu Swisscom und wollen unsere Siroop-Kultur auf jeden Fall mitnehmen.»

Mittlerweile scheint die Sonne über dem Zürichsee. Sonnenbrillen werden aufgesetzt, Jacketts über die Stuhllehnen gehängt, es wird gelacht. Reaktionen zu den Referaten werden ausgetauscht und die Gesprächsthemen gehen über klassischen Smalltalk hinaus. Beim Apéro lassen die 110 Besucher das Recruiter-Klassentreffen ausklingen.

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Antonia Fischer
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