HR Today Nr. 6/2018: Porträt

Das Urgestein

Beinahe ein Drittel seines Lebens verbringt Grafiker Renato Ferrara beim Verlagshaus, 
das HR Today herausgibt. Was motiviert ihn, Ausgabe für Ausgabe neu zu gestalten? 
Wir haben ihn gefragt.

«Renato liest alle Artikel.» Ein Satz, von dem sich etliche Redakteure eingeschüchtert gefühlt haben müssen, wenn ihnen HR Today-Grafiker Renato Ferrara vorgestellt wurde. Auch nach 23 Jahren hat er die Angewohnheit, alles durchzulesen, nicht abgelegt. Langweilig wird es ihm dabei nicht. «Das HR hat eine grosse Entwicklung durchgemacht», sagt Ferrara. «Früher war es ein Abschiebeposten.» Ein Abschiebeposten mit Aufgaben, die vornehmlich daraus bestanden hätten, Mitarbeitende einzustellen und zu entlassen. Das sei mittlerweile ganz anders. «HR-Menschen sind vermehrt zu Beratern geworden.» Mit diesem Wandel hätten sich auch die HR-Themen ständig verändert. Langweilig sei ihm beim Lesen deshalb bis heute nicht geworden.

«Ich habe keinen Lebenslauf»

Algorithmen, die Lebensläufe nach Stichworten durchforsten, Chatbots oder gar Video-Interviews mit einem Roboter: Mit all dem hat sich Renato Ferrara nie persönlich auseinandersetzen müssen. «Ich habe keinen Lebenslauf», warnt er uns. Ein leiser Hinweis darauf, dass das Gespräch keinen geraden Verlauf nehmen könnte. Dass er kein niedergeschriebenes CV hat, ist eigentlich kein Wunder, denn das letzte Mal hat sich Renato vor 23 Jahren beworben. Und das bei einem Mittagessen mit Thomas Sterchi, einem der beiden Firmenteilhaber der Job-Index Thomas Sterchi & Co. KG, wie der Verlag damals hiess. Dieser engagiert ihn vom Fleck weg für 
einen 50-Prozent-Job. Doch alles der Reihe nach.

Auch in der Werbebranche, in der Ferrara bis zum Wechsel zu Job-Index jahrelang tätig ist, sind schriftliche Bewerbungen verpönt. «Die Stellenvermittlung funktionierte hauptsächlich über Mund-zu-Mund-Propaganda. Der Werbekuchen war klein, man kannte einander.» Und wusste demnach, wer gerade auf Stellensuche war und Interesse an einer neuen Opportunität haben könnte. Allerdings sei die Werbebranche in den 60er- und 70er-Jahren gesellschaftlich gar nicht so gefragt gewesen: «Man hat sich beinahe geschämt, wenn man erzählte, dass man in der Werbebranche arbeitet.» So hätten Werber als Lügner und als Verführer gegolten, die andere Leute hereinlegten. Später habe sich das Image geändert: «Auf einmal wurde Werbung zur Kunst.»

Ferraras Anfangsjahre in der Grafik sind finanziell nicht ganz uninteressant, als sich «jeder Grafiker nach zwei Monaten Arbeit beinahe ein Hüsli im Tessin kaufen konnte». Vor diesen paradiesischen Grafiker-Zeiten kommt  jedoch die Ölkrise, bei der 1973 der Ölpreis innerhalb von wenigen Wochen um 70 Prozent ansteigt und die westliche Wirtschaft in eine mehrjährige schwere Rezession stürzt. Nebst autofreien Tagen, an denen man auf der Autobahn spazieren geht, folgt die erste grosse Arbeitslosenwelle –  nach beinahe zwei Jahrzehnten der Vollbeschäftigung. Diese Entwicklung trifft auch den 22-Jährigen hart, der wie seine Lehrlingskollegen nach dem Grafiker-Lehrabschluss im Jahr 1977 arbeitslos wird. «Wir haben das nicht kommen 
sehen. Wir sind voll reingelaufen.» Knapp ein halbes Jahr dauert es, bis er eine Anstellung 
findet.

Zur Person

Renato Ferrara (62) wächst zusammen mit einem Bruder in einer Arbeiterfamilie in Zug auf. Er besucht in Luzern die Kunstgewerbeschule und absolviert eine Lehre als Grafiker. Mit der Ölkrise kommt die Arbeitslosigkeit. Er beginnt seine Grafiker-Karriere beim damaligen Hotelkonglomerat CEM. Es folgen verschiedene Stellenwechsel, bis er über ein Arbeitslosenprojekt zur Job-Index Thomas Sterchi & Co. KG kommt. Nach einem Gespräch mit Mitfirmeninhaber Thomas Sterchi erhält Renato Ferrara eine Festanstellung. Seither hat er die Fachzeitschrift HR Today auf ihrem Werdegang begleitet.

Der Berufseinstieg gelingt Renato Ferrara als Grafiker bei der CEM-Gruppe, einem familiengeführten Firmenkonglomerat, zu dessen Portfolio auf dem Zenit des Unternehmenserfolgs rund 20 Hotels gehören: etwa das Zürcher St. Gotthard-Hotel beim Bahnhof sowie Landgasthöfe, Zunfthäuser oder eine Weinkellerei. Vier Jahre später wechselt Renato Ferrara zur Werbeagentur Wirz, die von Vater und Sohn geführt wird und hauptsächlich Schweizer Klientel betreut – etwa den Nahrungsmittelhersteller Hero. Renato Ferrara bleibt sieben Jahre dort.

Dann folgt eine neue Krise. Dieses Mal eine persönliche, als Ferraras Vater stirbt und er sich zeitgleich von seiner damaligen Freundin trennt, mit der er eine Weltreise geplant hat. Anstatt zu zweit, reist Renato Ferrara nun alleine durch die Welt. Seine Reisen führen ihn von Irland bis in die USA. Als er zurückkommt, ist er «ziemlich pleite». Dieser Zustand hält nicht lange an, denn «irgendwo hat irgendjemand gehört, dass ich von meiner Weltreise zurück bin». Dieser Jemand habe irgendjemanden gekannt, der einen Grafiker gesucht habe. Bei der vermittelten Stelle hält er es drei Jahre aus. Eine relativ lange Zeit in der Werbebranche, wo manche Grafiker schon nach zwei, drei Jahren als alte Hasen gelten. Es folgen unzählige weitere Stellenwechsel. Allerdings nicht immer ganz freiwillig, denn viele Werbe-agenturen werden restrukturiert. «Mit einem neuen Art Director kamen häufig neue Texter und neue Grafiker. Auf einmal war man dann nicht mehr gefragt.»

Mit 40 Jahren hat Renato Ferrara genug vom Stellenwechseln und von der Werbebranche. Er wird bei seiner letzten Stelle in «gegenseitigem Einverständnis» entlassen. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? «Am Ende meiner Werbekarriere habe ich nur noch Grafiken verwaltet. Ich bin für meine Werbeagentur frühmorgens nach Düsseldorf geflogen und abends mit einem Foto eines Autos zurückgekommen, auf dem wir das Nummernschild retuschieren mussten.» Auch händeschüttelnden, fröhlichen Bankkunden kann er nichts mehr abgewinnen. Seine brachliegende Kreativität will Ferrara zunächst als Gärtner wiederbeleben. Bis ihn ein Berufsberater mit Verweis auf seine Rückenschmerzen davon abbringt, einen solch radikalen Richtungswechsel einzuschlagen.

Arbeitslose Gotte

Renato Ferrara rutscht in ein Programm bei einem der regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), die soeben ihren Betrieb aufgenommen haben, und bekommt eine stellenlose Gotte zugewiesen, die ihm ein Praktikum bei Pro 
Senectute in Zug verschafft. Bei der Non-Profit-Organisation kann er sich seinem angestammten Grafikberuf widmen – unter der Auflage, sich mit Computern und Grafikprogrammen vertraut zu machen. Gesagt, getan. Ferrara absolviert seinen ersten Kurs «Was ist ein Computer» an der Kantonalen Berufsschule für Weiterbildung EB in Zürich und lernt, «dass nicht der grosse Röhrenbildschirm auf dem Tisch ein Computer ist, sondern der Kasten untendran». Es folgen weitere, gestalterische Kurse, etwa mit Photoshop und Indesign. Obwohl sein Praktikum zunächst nur ein halbes Jahr dauert, wird dieses um drei weitere Monate verlängert. Als sein Arbeitgeber die Mittel für eine Festanstellung nicht aufbringen kann, ist Renato Ferrara ein weiteres Mal auf Stellensuche.

Bis zum Anruf von Thomas Sterchi im Herbst 1996. Der Mitinhaber der Job-Index Thomas Sterchi & Co. KG betreibt ein weiteres Arbeitslosenprojekt. Ob Renato Ferrara Lust habe, die Grafik-Abteilung zusammen mit einem Kollegen für das vom RAV finanzierten KMU-Magazin Boom aufzubauen? Ferrara zögert nicht lange und sagt zu. Seine Begeisterung ist jedoch von kurzer Dauer. Mit den ständig wechselnden Arbeitslosen hält er es nicht länger als fünf Monate aus. Es folgen ein Gespräch sowie ein Mittagessen mit Thomas Sterchi, in dessen Verlauf Ferrara seinem Unmut Luft macht. Kurz danach hat 
Renato einen neuen Arbeitsvertrag für eine 50-Prozent-Stelle in der Tasche: Bei der Job-
Index Thomas Sterchi & Co. KG, bei welcher der heutige Alma-Medien-Verlagschef Matthias Zimmermann seit kurzem Teilhaber ist.

Bevor Ferrara seine Stelle antritt, zieht das Jungunternehmen um und residiert ab Mai 1996 nicht mehr in Cham, sondern im aufsteigenden Technopark in Zürich-West. Zum Portfolio gehören nun die beiden RAV-Magazin-Projekte Boom sowie Arbeitsmarkt. Der Erfolgsstory droht jedoch ein abruptes Ende, als die RAV-
Zusammenarbeit gekündigt wird und Job-Index ohne Boom dasteht. Trotz unsicherer Ausgangslage nimmt der Teamgeist in diesen schwierigen Zeiten keinen Schaden: «Wir sind auch dann noch miteinander mittagessen gegangen, als wir beinahe pleite waren und uns nicht klar war, wohin uns unser Weg führt.»

Gelb oder braun?

Auf seine digitalen Anfangstaten ist Renato 
Ferrara  mittlerweile nicht mehr so stolz. «Beim Arbeitsmarkt sah jeder Artikel wie ein Inserat aus. Ich habe jeden Artikel anders behandelt und keine klare Linie gehabt.» Diese kommt mit der Vereinsfachzeitschrift Schrittmacher, die Job-Index für die Vorgängerorganisation des heutigen Verbands swissstaffing herausgibt. «Es wurde alles professioneller. Wir haben aufgehört, pfadimässig zu schreiben, Bilder einzukleben und das Ganze zusammenzuheften.» Kreativität ist gefragt. Renato Ferrara ist in seinem Element und setzt sich gegen erhebliche Widerstände für das übergrosse Heftformat ein,  das HR Today noch heute kennzeichnet.

Auch des Heft entwickelt sich: Aus Schrittmacher wird im Juni 1998 Interview und Anfang Februar 2002 HR Today. Auch die Farbe des Logos hat das Magazin dem umtriebigen Grafiker zu verdanken, das aus «Gelb mit einem bestimmten Anteil Schwarz» besteht. Eigentlich also braun ist. Bis jemand diese Farbe intern als «Gold» bezeichnet hat. «Dabei ist es bis heute geblieben.»

Geblieben ist auch Ferrara. 23 Jahre lang. Doch was hält ihn hier? «Ich dachte, ich lasse jetzt mal alle anderen an mir vorbeilaufen.» Auch sonst ändere sich ja ständig etwas. «Ausserdem lerne ich von den Leuten.» Daneben habe sich aber auch sein Beruf massiv verändert: «Heute mache ich fünf bis sechs Jobs gleichzeitig, die früher von verschiedenen Berufsleuten ausgeübt wurden. Ich bin nicht nur Grafiker, sondern auch für die Druckvorstufe und den Druck verantwortlich.»

Besonders gefällt ihm, dass bei HR Today Widerspruch nicht nur geduldet, sondern gefordert wird. Das entspricht seinem Naturell: «Ich habe immer Sachen hinterfragt.» Es anders als alle anderen zu machen – das liege ihm im Blut. Um besonders gute Ideen auszuhecken, brauche es jedoch Distanz und Hartnäckigkeit. «Du sitzt da und merkst, dass ein Titel nicht funktioniert.» Dann müsse man einfach alles nochmals hinterfragen und von vorne beginnen. Was er an der Teamzusammenarbeit bei HR Today schätzt? «Dass sie funktioniert», sagt Renato und lacht. «Wir müssen uns ja nicht heiraten», witzelt er, «aber wir sind so wenig Leute, dass wir zusammenhalten müssen. Fällt jemand aus, trifft uns das hart. Hier kann sich keiner vor seiner Verantwortung drücken. Es gibt kein Abschleichen.»

Alma Medien AG

Das Schweizer Medienunternehmen Alma Medien AG gibt die seit 1998 erscheinende HR-Fachzeitschrift HR Today 
heraus und hat 2013 Miss Moneypenny, eine Fachzeitschrift für Office-Managerinnen und Assistentinnen, lanciert. 
Aktuell beschäftigt der Verlag mit Sitz 
in Zürich 13 Mitarbeitende.

 

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Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

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