Der erschöpfte Mensch

Rasch zum hauseigenen Psychologen

Die Zürcher Kantonalbank hatte sich zum Ziel gesetzt, 
ihren Mitarbeitenden neben der Gesundheitsprävention auch bei psychischen Problemen schnelle, unbürokratische Hilfe anbieten zu können. Heute wird das Netzwerk 
mit 14 Psychologen gut genutzt.

Jedes Unternehmen will leistungsfähige Mitarbeitende. Immer mehr Unternehmen überlegen sich, wie die Arbeitskraft der Angestellten erhalten werden kann. Auch die Zürcher Kantonalbank (ZKB) hat sich vor einiger Zeit dieser Frage angenommen.

Neben einem umfassenden Präventionsprogramm mit verschiedenen Komponenten wie kostenlosen und anonymen Beratungsangeboten, einem Gesundheitsportal im Intranet, medizinischen Check-ups, ergonomischem Mobiliar, verschiedenen Seminaren zum Thema Gesundheitsvorsorge und Ernährung stand auch die Frage im Raum, wie Mitarbeitenden mit psychischen Problemen unbürokratisch und anonym geholfen werden könne, erklärt René Hoppeler, Leiter HR bei der ZKB. «Die Leute sollen nicht nur physisch, sondern auch psychisch gesund bleiben. Die physische Seite ist meistens gut abgedeckt, im psychischen Bereich fehlt aber oft die Bereitschaft, Hilfe zu suchen. Darum wollten wir ein Angebot mit niederschwelligem Zugang schaffen, als Ergänzung zur Sozialberatung.»

Betroffene Mitarbeitende können aus drei Angeboten wählen: Hilfe in Führungsfragen, Fragen zu Arbeit und Beruf oder persönliche Fragen. Ein Netzwerk von 14 Psychologen stellt die Beratung sicher. Die Mitarbeitenden können selbst auswählen, wem sie sich anvertrauen möchten. Im Intranet sind Fotos und Kontaktdaten der Psychologen hinterlegt. Bei Führungs- und beruflichen Fragen übernimmt die ZKB bis zu fünf Beratungsstunden innerhalb eines Jahres, bei persönlichen Fragen zwei Stunden.

«Die Psychologen kenne ich alle persönlich», so Hoppeler. Ausgewählt wurden sie nach bestimmten Kriterien, die sie für die einzelnen Angebote geeignet machen. «Ein Psychologe im Bereich Führung muss beispielsweise einmal in einem gewinnorientierten Unternehmen in einer Führungsposition gearbeitet haben», erklärt Hoppeler die Auswahl. Auch Psychologen, die auf Jugendliche spezialisiert sind, befinden sich im Portfolio.

Die einzelnen Produkte trennscharf voneinander abzugrenzen, ist naturgemäss nicht immer möglich. Seelische Probleme haben oft mehr als nur eine Ursache: Ein Burnout kann beispielsweise durch berufliche oder familiäre Missstände entstehen oder durch beides. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen und bringen gebündelt das Fass zum Überlaufen. «Das liegt nicht nur an der heutigen Arbeitswelt, das liegt auch an der gesamten modernen Lebensweise, mit der die Menschen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stossen», so Hoppeler. Bei unklaren Problemstellungen obliegt es den Psychlogen, den Mitarbeitenden einem der drei Angebote zuzuordnen. «Die Psychologen wissen, wo ihre jeweiligen Schwerpunkte liegen, und ich verlasse mich auf sie.»

Insgesamt haben im vergangenen Jahr 62 der insgesamt rund 5000 Mitarbeitenden das Unterstützungsangebot genutzt. Drei von ihnen im Bereich Führung, 52 bei Arbeit und Beruf und sieben im persönlichen Bereich. Die Nachfrage schwankt über die Jahre zwischen 55 und 70 Fällen pro Jahr.

Employee-Assistance-Programme

Jedes Unternehmen sieht sich mit Sorgen und Nöten seiner Mitarbeitenden konfrontiert. Zum Teil gehen diese über berufliche Fragestellungen hinaus und betreffen heikle Themen wie psychische Erkrankungen oder die Pflege älterer Angehöriger. Viele Unternehmen sind nicht in der Lage, hier selbst Hilfe zu bieten. Sie können auf so genannte Employee Assistance Programmes (EAP) zurückgreifen. Eine externe Mitarbeiterberatung steht den Mitarbeitenden für alle Fragestellungen zur Verfügung. 

Im Hintergrund ist ein Team aus geschulten Fachkräften wie Ärzten, Psychologen, Therapeuten, Anwälten, Sozialberatern oder Management-Coaches. Alle Dienstleistungen können von Mitarbeitenen (und  zum Teil deren Angehörigen) anonym und kostenlos beansprucht werden. Ziel eines EAP ist es, die Kosten menschlich bedingter Risiken für die Unternehmen möglichst klein zu halten. Gleichzeitig soll die Zufriedenheit der Mitarbeitenden erhöht und deren Leistungsfähigkeit sichergestellt werden. In den USA und Grossbritannien ist dieses Konzept bereits etabliert.

Die typischen Leistungen eines EAP umfassen:

  • 
Telefonische Beratung in psychologischen, medizinischen oder sachlichen Fragen (z. B. Recht, Geld oder Behörden), bei einigen Anbietern bis zu 24 Stunden pro Tag
  • 
Persönliche Beratung unter vier Augen, wenn nötig
  • 
Krisenintervention, z.B. nach Unfällen oder Todesfällen
  • 
Reporting an den Auftraggeber über die Inanspruchnahme der Dienstleitstungen
  • 
Case Management – Koordination von Hilfeleistungen verschiedener Anbieter, um die soziale und berufliche Integration aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen
  • 
Managementberatung

Wahl zwischen Sozialberatung und Psychologe

Schwer abzugrenzen ist die psychologische Beratung auch von der Sozialberatung. Diese wird vom externen Dienstleister Movis übernommen und widmet sich familiären und persönlichen Themen, jedoch auch Themen wie Krankheit, Unfällen, Süchten, Todesfällen, Schulden oder Vermittlung von Hilfe durch soziale Institutionen wie die IV.

Dieses Angebot wird zwischen 40 und 50 Mal pro Jahr beansprucht. «Den Mitarbeitenden steht es frei, wohin sie sich wenden. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass sich Führungskräfte eher weniger an eine Sozialberatung wenden. Diese wird als stigmatisierend empfunden», so Hoppeler.

Der HR-Leiter betont, dass das psychologische Angebot vor allem als Nothilfe gedacht ist. «Es handelt sich aber nicht um eine Therapie, sondern um eine Intervention. Diese hat vor allem Ventilfunktion und soll eine momentane Notlage  entschärfen.» Sobald es therapeutisch wird und mehr als die fünf Stunden nötig sind, soll die Betreuung ins medizinische Angebot ausserhalb des Unternehmens überführt werden. Mitarbeitende hätten in diesem Fall die Möglichkeit, den einmal konsultierten Psychologen zu den Konditionen der ZKB weiter auf eigene Kosten in Anspruch zu nehmen. Sie können sich aber auch an ihren Personalbetreuer wenden, der die Möglichkeit hat, weitere «Sessions» zu sprechen. «Dazu müssen sie jedoch ihre Anonymität verlassen», sagt Hoppeler.

Abgewickelt werden Angebot und Nachfrage über eine externe Clearingstelle. Diese sammelt die Daten aller Mitarbeitenden, die abgerechnet wurden, und hat so den Überblick, wer noch wie viele «Sessions» zugute hat. Auch die Psychologen rechnen hierüber ab. Auf René Hoppelers Schreibtisch landet nur eine Rechnung über die gesamte Anzahl der Stunden.

Alle zwei Jahre trifft der HR-Leiter die Psychologen zu einem Gedankenaustausch. Er erklärt, welche Projekte gerade im Unternehmen laufen. «Sie spiegeln uns zurück, wo sie aus der Praxis heraus die Problemfälle sehen, an denen wir arbeiten müssen. Natürlich werden dabei nie die Namen der Mitarbeitenden genannt. Alles bleibt immer anonym», betont Hoppeler. Überraschungen habe er bei diesen Meetings jedoch noch nie erlebt. «Wir haben ein Betreuungssystem, bei dem die Vorgesetzten viel Verantwortung tragen. Unsere Leute wissen darum, wo die Probleme liegen. Vor allem wenn es grössere Geschäftseinheiten betrifft, brauchen wir keine externen Indikatoren», so Hoppeler. Die psychologische Nothilfe ist nur ein Baustein im Gesundheitsmanagement der ZKB. Konkrete Zahlen, was genau diese Teilkomponente bewirkt, gibt es daher nicht. Hoppeler ist jedoch davon überzeugt, dass sich das Gesamtpaket lohnt. «Bei den Krankheits- und Unfalltagen liegen wir in der Regel ein halbes bis ein Prozent unter dem Branchendurchschnitt», berichtet der HR-Leiter.

Keine Chance für Stress

Was stresst mich? Wie erkenne ich ein Burnout-Syndrom? Wie kann ich mich erholen und entspannen? Was gehört ins Notfallköfferchen? Und wie kann ich meine Ressourcen regenerieren? Antworten liefert das Online-Training zum Stressmanagement der Firma TTS, das für HR Today-
Leser als interaktive Lerneinheit ab sofort exklusiv für 30 Tage zum Abruf bereit steht.

Burnout kommt vom Stress. Dieser einfache Zusammenhang wird gern zitiert. Für die Ärztin 
und Therapeutin Mirriam Prieß greift das zu kurz. Für sie ist Burnout ein Selbstregulationsversuch eines Menschen, der ein Leben lebt, das seiner Identität nicht entspricht. Basierend auf ihrer Behandlungserfahrung erklärt sie, warum die Erkrankungsrate zunimmt und so viele Behandlungen scheitern.

  • Mirriam Prieß: Burnout kommt nicht vom Stress. Warum wir wirklich ausbrennen – 
und wie wir zu uns selbst zurückfinden. Südwest Verlag, 2013, 176 Seiten

 

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