Kommunikation

Ruf! Mich! An!

Das Telefon war eine bahnbrechende Erfindung und lange ein Statussymbol. Doch heute verschicken wir lieber täglich weltweit rund 270 Milliarden E-Mails¹ und allein über Whatsapp 42 Milliarden Textnachrichten². Einfach mal zum Hörer greifen? Machen wir immer seltener. Warum das so ist – und warum wir es doch mal wieder tun sollten.

Wir führen komplexe Diskussionen per E-Mail, schicken Textnachrichten hin und her, um uns zum Lunch zu verabreden. Solange wir bloss nicht zum Hörer greifen müssen. Warum scheuen wir uns eigentlich so sehr davor?

Wir wollen nicht stören

«Jemanden zu stören ist heutzutage verpöhnt», sagt Daniel Frei, Kommunikationsberater für Einzelne und Unternehmen. Und wir sind ja alle so beschäftigt, dass es nicht möglich ist, uns nicht zu stören. Ein unangekündigter Telefonanruf ist die Störung schlechthin. Er unterbricht den Angerufenen in seinem Tun und zwingt ihn zu einer Handlung, die er nicht auf dem Plan hatte. Entweder hebt er ab und beginnt ein Gespräch, oder er ignoriert das Bimmeln und hat vielleicht ein schlechtes Gefühl dabei. «Die Idee des unmittelbaren Antwortens stirbt aus, und zwar auf allen Kanälen», hat Daniel Frei beobachtet. Viele heben gar nicht mehr ab, wenn man sie anruft. Und wer zum Hörer greift, ist sich dessen bewusst. Da scheint es doch viel einfacher, eine Nachricht zu tippen, das gegenüber nicht zu stören und es ihm zu überlassen, wann er darauf antwortet – falls er denn antwortet, denn auch das ist heutzutage nicht mehr garantiert. 

Wir wollen Zeit sparen

Bevor es in einem Telefonat inhaltlich zur Sache geht, begrüsst man sich und plaudert noch ein bisschen. Ja, man plaudert. Über dies und das und jenes. «Telefonieren ist zeitaufwendig», sagt Daniel Frei. Dabei haben die meisten von uns davon ohnehin zu wenig. Und wir schicken deshalb lieber schnell mal eine Nachricht ... Und bekommen eine zurück ... und schreiben wieder eine ... Und haben mit Sicherheit vor allem dann viel Zeit verplempert, wenn es um Dinge geht, die verhandelt werden müssen. Denn die lassen sich am Telefon viel schneller klären!

Wir fürchten Kontrollverlust

«Egal ob Alltag, Beruf oder Familie, überall wird Kommunikation gefordert», sagt Daniel Frei. Wer immer für jeden erreichbar sein will oder muss und das noch auf vielen verschiedenen Kanälen, der ist schnell am Limit. Dass ausgerechnet das Telefonieren da ausstirbt, ist für den Experten kein Wunder. «Telefonieren ist die direkteste aller technischen Kommunikationsformen, da verliert man am ehesten die Kontrolle», sagt er. Und wer überfordert ist, möchte genau die um jeden Preis behalten. Deshalb ignorieren wir das Klingeln und fragen lieber schnell mal per Nachricht nach, um was es geht....

Wir wollen Konflikte vermeiden

Gerade wenn es unangenehm wird, brechen heutzutage viele eine Kommunikation einfach ab. Doch diese Entwicklung hat negative Folgen. «So werden Konflikte gemieden und Probleme nicht ausdiskutiert», sagt Daniel Frei. Wer telefoniert, muss sich ihnen stellen. Da ist es doch viel einfacher eine Nachricht zu ignorieren oder einen Kontakt zu blockieren....

Wann ist eine schriftliche Nachricht sinnvoll?

  • Bei komplexen Anfragen, die Entscheidungen bedürfen: Hier schafft eine schriftliche Zusammenfassung mehr Übersicht 
  • Wenn mehrere Personen involviert sind: Alle gleichzeitig ans Telefon zu bekommen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Womit alles gesagt wäre. 
  • Bei kurzen Infos, die keiner Antwort bedürfen. 

Wann lohnt sich der Griff zum Hörer? 

  • Wenn es um Verhandlungen geht: Ein Telefonat beschleunigt die Prozesse, macht Absprachen einfacher und verhindert Missverständnisse.
  • Wenn die Beziehung zu einem Menschen wichtig ist: Ein Telefonat übermittelt eine persönliche Botschaft. Du bist mir wichtig, für dich nehme ich mir Zeit. 
  • Wenn ein Konflikt oder ein Problem gelöst werden muss: Schon der Griff zum Hörer zeigt, dass man dem Problem nicht aus dem Weg geht und ebnet den Weg für eine Klärung.

«Bei einem Telefonat schwingt immer auch die Stimmung mit, da ist Herz dabei», sagt Daniel Frei. Das sei der grosse Vorteil des Telefonierens, gerade in einer Zeit, in der persönliche Beziehungen flüchtiger würden. «Wer heute jemanden anruft oder abhebt, wenn es klingelt, der zeigt dem anderen seine Wertschätzung», sagt er. Denn wer telefoniert, nimmt sich Zeit und lässt sich unmittelbar auf sein Gegenüber ein. Zwei Dinge, die selten geworden sind und dem Telefonieren künftig wieder zu einem besonderen Status verhelfen könnten.

Quellen:

Dieser Artikel ist erschienen bei Miss Moneypenny.

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Ruth Preywisch

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