Der erschöpfte Mensch

Wie das Burnout in die Welt kam

Immer mehr Menschen leiden unter Erschöpfungsdepressionen. Neu ist das Phänomen aber nicht, wie der Medizinhistoriker Patrick Kury in seinem Buch zum Thema Stress und Burnout schreibt. Eher hat ein altes Leiden einen neuen Namen bekommen – und einen modernen Anstrich.

Der Stress kam still und heimlich. Er hat sich in das Leben der Menschen geschlichen, als die ihn noch nicht einmal benennen konnten. Mediziner und Psychiater nahmen sich seiner an. Sie versuchten ihn zu identifizieren und im Körper dingfest zu machen. Mit dem Fortschritt begriffen sie immer besser, was Stress ist, was er bewirkt und wie er sich ausdrückt.

Trotzdem war ihm kein Einhalt zu gebieten. Im Gegenteil. Der Stress hat eine unglaubliche Erfolgsgeschichte zu verzeichnen. Aus unserer heutigen Welt ist er nicht mehr wegzudenken. Er ist zu einem Dauerbegriff in den Medien geworden, einem Befindlichkeitsmerkmal ganzer Generationen, einem anerkannten Auslöser vieler Krankheiten. So gilt er als Ursache für Burnout. Dass solche psychischen Erschöpfungszustände stark zugenommen haben, ist bekannt.

Doch wie ist dem Stress ein solcher Aufstieg gelungen? Es wurden zahlreiche medizinische Untersuchungen gemacht, um dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Gesellschaftlich und historisch hingegen hat eine Aufarbeitung lange Zeit gefehlt. Patrick Kury, Historiker und Privatdozent an der Universität Bern, hat diese Lücke nun gefüllt. In seinem Buch «Der überforderte Mensch. Eine Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout» untersucht er die Erschöpfung im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Für ihn ist klar: Stress ist nicht ein rein medizinisches Phänomen, sondern auch dem Zeitgeist unterworfen. Und mit ihm die Krankheiten, die ihn verkörpern. Wie eben Burnout.

Verbreitetes Phänomen

Im deutschsprachigen Raum wird Burnout zunehmend als eigentliche Volkskrankheit wahrgenommen. In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und gesundheitlichen Störungen wird Burnout aber bislang nicht als eigenständige Krankheit aufgeführt. In der Schweiz leidet laut Bundesamt für Statistik rund ein Drittel der berufstätigen Bevölkerung unter «Schwäche und Erschöpfung», zwei Kernmerkmale eines Burnouts.

Vom Hormoncocktail zu den Soldaten

Doch von Anfang an. Nach Kury gibt es zwei Ebenen, wie der Stress in unser Leben kam. Die eine ist das naturwissenschaftliche Konzept, das zu erklären versucht, was Stress überhaupt ist und was bei Stress im Körper passiert. Die Grundlagen für die Stressforschung legte der österreichisch-ungarisch-kanadische Mediziner Hans Selye. Er forschte in den 1930er-Jahren in Kanada an hormonellen Abläufen im Körper. Gleichzeitig und unabhängig von Selye begannen amerikanische und britische Militärmediziner und -psychiater während des 2. Weltkriegs den Begriff Stress für Belastungen zu verwenden, denen die Militärpiloten im Gefecht, aber auch noch lange nach dem Krieg ausgesetzt waren.

Nach 1950 mischten sich auch die amerikanische Psychosomatik und Psychologie sowie die schwedische Sozialmedizin in die Stressforschung ein. Die drei Disziplinen stellten immer mehr einen Zusammenhang zwischen psychisch, sozial und kulturell bedingtem Stress und Krankheiten her.

Das führt zur zweiten Ebene, die bewirkte, dass Stress immer mehr ins Bewusstsein der Menschen rückte: Nach der rein medizinischen, biochemisch orientierten Stressforschung hat sich das Forschungsfeld geweitet. Gesellschaftliche und sozioökonomische Faktoren wurden teilweise als Belastung für die Menschen identifiziert. Diese Stressoren wurden zunehmend als Ursache für Krankheiten herangezogen.

Nervenschwäche als erste Zivilisationskrankheit

Als erste solche Krankheit nennt Kury die Neurasthenie. Sie kann als Nervenschwäche übersetzt werden. «Ende des 
19. Jahrhunderts war die Neurasthenie ein grosses Thema. Bei der Beschreibung der Krankheit gibt es viele Parallelen zum heutigen Burnout», sagt Kury. Ist Burnout also gar kein neues Phänomen? Hat die Krankheit eine ältere Schwester, die den Menschen bereits in den 1880er-Jahren Leid zufügte?

Neurasthenie wird in der medizinhistorischen Literatur als erste sogenannte Zivilisationskrankheit bezeichnet. Es handelt sich um eine Nervositätsepidemie, ein Erschöpfungsleiden, das im städtischen Bürgertum zwischen 1880 und dem 1. Weltkrieg weit verbreitet war. Die damaligen Ärzte gingen davon aus, dass die modernen Lebensumstände, die technischen Innovationen, die neuen Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten sowie die Beschleunigung der meisten Lebensbereiche das Nervensystem der Menschen stark beanspruchten und schwächten. Als Symptome wurden unter anderem Kopfschmerzen, krankhafte Reizbarkeit, Hoffnungslosigkeit, eine schwache Stimme, Schlaflosigkeit und nervöse Verdauungsstörungen aufgeführt. Mit dem 1. Weltkrieg verschwand die Neurasthenie aber mehr oder weniger aus dem Diskurs. Trotzdem ist sie auch heute noch – anders als Burnout – im WHO-Katalog der Krankheiten aufgeführt und wird beispielsweise in Osteuropa noch diagnostiziert.

Nach der Neurasthenie kam in Deutschland, der Schweiz und Österreich in der frühen Nachkriegszeit mit der sogenannten Manager-Krankheit eine weitere stressbedingte Zivilisationskrankheit auf. Sie galt als Elitekrankheit und stand für die Zunahme von frühen Todesfällen bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern. Sie trat vor allem in Form von schweren Herz-Kreislauf-Problemen in Erscheinung, die bis zum Infarkt führen konnten. So weit die körperlichen Konsequenzen. Doch viele Mediziner deuteten die Manager-Krankheit als psychosomatische Krankheit, als Ausdruck der überdurchschnittlichen Belastungen der frühen Nachkriegszeit bei Wiederaufbau und Wirtschaftsboom.

Aufgrund der Manager-Krankheit konnte sich der Stressbegriff in den deutschsprachigen Ländern im Gegensatz zum angelsächsischen Raum lange nicht so richtig durchsetzen. Den Durchbruch brachten erst die gesellschaftspolitischen Veränderungen der 1970er-Jahre. Ökonomische und ökologische Krisen, ein erwachendes Umweltbewusstsein und eine neue sozialpolitische Agenda führten zu intensivem Nachdenken über Lebensqualität, Umweltschutz und gesunde Lebensführung. Dieser Rahmen machte ein psychosoziales Stresskonzept möglich. Stress begann eine immer wichtigere Rolle als Ursache von Krankheiten zu spielen. Neben Herzgefässerkrankungen, Bluthochdruck etc. gewann die Erschöpfungskrankheit Burnout an Bedeutung. «Burnout wurde zuerst in den USA, später auch in Europa immer häufiger diagnostiziert», so Kury.

Die Schuldfrage taucht auf

In den 1970er-Jahren setzte aber noch eine andere Bewegung ein: Stress wurde individualisiert, Ratgeber zur Stressbewältigung schossen wie Pilze aus dem Boden. Sie liefern bis heute Tipps, wie jeder am besten mit Stress umgehen kann. Somit ist auch gleich klar, wer schuld ist, wenn man am Stress zerbricht: in erster Linie der Betroffene selbst.

In dieser historischen Betrachtung ist Burnout also keine neue Krankheit? «Jein», antwortet Kury. «Alle genannten Zivilisationskrankheiten sind an ökonomische, soziale und technische Bedingungen ihrer Zeit gebunden.» Burnout ist insofern neu, dass es die typische Krankheit einer Dienstleistungs- und einer digitalisierten Gesellschaft ist. Sie ist insofern nicht neu, dass wir seit 1880 in einer Zeit mit grossen Beschleunigungsphasen leben (siehe dazu auch Artikel Seite 19), die immer wieder neue Krankheiten hervorgebracht haben. «Es ist nicht die Wiederkehr einer bekannten Krankheit, sondern die Manifestation eines bekannten Phänomens in neuem Gewand», sagt Kury.

Der grösste Unterschied zwischen Burnout und seinen «Vorgängern» Manager-Krankheit und Neurasthenie seien die unterschiedlichen Körperkonzepte, die den Krankheiten zugrunde liegen. Bei der Neurasthenie wie auch bei der Manager-Krankheit wurde noch von einem statischen Körperbild ausgegangen. Das heisst: Der Körper wurde als etwas Starres verstanden, der sich nicht von alleine wieder ins Gleichgewicht rücken kann. Es wurde geglaubt, dass die Erschöpfung irreparabel sei. «Im Gegensatz dazu geht man beim Burnout von einer dynamischen Vorstellung aus, sodass der Körper in der Lage ist, auf Herausforderungen zu reagieren und die Balance wiederherzustellen.»

Auch das Verständnis der Krankheit ist an den technischen und sozioökonomischen Wissensstand der Epoche gebunden. Bei der Neurasthenie glaubten die Menschen, der Körper funktioniere wie ein Elektro-Kreislauf. Ist dieser überspannt, ist auch der Körper erschöpft. Die Manager-Krankheit fiel ins Zeitalter der Automatisierung und wurde mit dem Funktionieren des Herz-Kreislauf-Systems des Menschen gleichgesetzt. Heute wird Burnout als Krankheit fehlgeleiteter Botenstoffe, also nicht funktionierender Kommunikation, verstanden, was bestens ins Zeitalter einer Dienstleistungsgesellschaft mit ständiger Erreichbarkeit passt. «Zivilisationskrankheiten sind eben auch Kulturleistungen», erklärt Kury.

Buch zum Thema

Patrick Kury: Der überforderte Mensch – 
Eine Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout. Campus Historische Studien. 
Bd 66., 2012. 342 Seiten.

Ein Luxusproblem, aber ein reales

Darum jedoch bloss von einer Modeerscheinung zu sprechen, ist nicht Kurys Absicht. «Zivilisationskrankheiten sind Manifestationen eines kollektiven Unbehagens. Welche Ausdrucksmöglichkeiten dafür zur Verfügung stehen, hängt von der jeweiligen Epoche ab. Die Krankheitskonzepte müssen als Gefäss hierfür begriffen werden», sagt der Historiker. Es gelte Angebot und Nachfrage – die Menschen leiden und suchen nach einem passenden Gefäss.

In diesem Verständnis dürften Burnouts irgendwann verschwinden und durch eine neue Zivilisationskrankheit ersetzt werden. Noch sieht Kury aber keine Gegenbewegung. Und noch nehmen die Belastungen, die zu Burnout führen, eher zu als ab. Während bei der Manager-Krankheit Arbeitszeitregelungen und gewerkschaftliche Massnahmen zum Verschwinden der Krankheit geführt haben, wurde die Neurasthenie vor allem durch den 1. Weltkrieg gestoppt. «Wer verstümmelt nach Hause kam, kein Dach über dem Kopf hatte und nicht wusste, was er morgen essen soll, hatte andere Sorgen als Neurasthenie», sagt Kury.

Sind also Burnout und Co. Luxusprobleme? Auch hier lehnt Kury ab. Bis zu einem gewissen Grad seien es Luxusprobleme, sagt der Historiker, «aber wir leben nun mal in dieser saturierten Welt. Es sind realistische Probleme.» Solche, über die in der Gesellschaft mehr gesprochen werden müsse, findet Kury. «Burnout ist ein gesellschaftliches Problem. Im Zeitalter von ausgeprägter Psychologisierung und Individualisierung wird die Verantwortung, mit Stress umgehen zu lernen, an den Einzelnen delegiert. Wir müssen uns jedoch auch überlegen, welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu diesen Erschöpfungszuständen führen, und diese ändern.»

In den Debatten der 1970er-Jahre sei dieser Punkt noch stärker im Fokus gestanden. Nicht immer bewegt sich die Geschichte eben vorwärts.

«Viele Menschen warten zu lange, bis sie Hilfe annehmen»

Herr Herwig, wie wird der Begriff Burnout definiert?

Uwe Herwig: Burnout ist ein weiter, schon in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts geprägter Begriff, es gibt verschiedene Definitionen. Von psychiatrischer Seite her sprechen wir von einer vor allem psychosozial bedingten, depressiven Erkrankung. Die Symptome weisen die Kriterien einer Depression auf, allerdings mit einem erkennbaren Auslöser: chronische Überlastung. Ursache kann anhaltender Stress ohne familiären oder anderen privaten Ausgleich sein.

Wie drückt sich diese Überlastung aus?

Durch ein chronisches Erschöpfungsgefühl, verminderte Leistungsfähigkeit, Gedankenkreisen, Versagensgefühle, Schlafstörungen, Nicht-abschalten-Können, generelle Lustlosigkeit, Reizbarkeit, sozialen Rückzug, innere Kündigung, innere Anspannung, Antriebsmangel und Hoffnungslosigkeit. Die Palette ist vielfältig.

Wann kippt Stress ins Burnout?

Wenn die genannten Anzeichen regelmässig belastend sind und über Wochen anhalten. Treten die Symptome nur kurze Zeit auf, spricht man eher von einer akuten Belastung. Es ist aber wichtig, erste Warnzeichen früh zu erkennen und ernst zu nehmen. Je später eine Stabilisierung einsetzt, desto tiefer kann sich die Abwärtsspirale drehen. Das kann auch zu körperlichen Folgeproblemen oder Kompensation durch Alkohol oder Tabletten führen. Solche Faktoren erschweren die Behandlung zusätzlich.

Wie sieht die Therapie aus?

Der Psychiater nimmt die Rolle eines Beraters und Psychotherapeuten ein. Er versucht mit dem Patienten die Belastungsfaktoren zu ordnen und zu reduzieren. Oft schafft dieser Blick von aussen bereits Entlastung. Eine erste Massnahme können alleine schon Ferien sein. Je nach Schweregrad werden Patienten krankgeschrieben, gegebenenfalls werden Medikamente zur Unterstützung der Therapie eingesetzt. Das Wichtigste aber ist, die Belastungsfaktoren einzudämmen.

Was sind denn die häufigsten Belastungen?

Das ist ganz unterschiedlich. Oft sind es auch Doppelbelastungen, zum Beispiel Stress bei der Arbeit und Probleme in der Familie.

Gab es das nicht schon immer?

Sicher gab es schon immer Belastungen verschiedenster Art, und die Menschen haben darunter gelitten. Wir können und wollen da keinen Vergleich von früher zu heute anstellen, dafür sind die Einflussfaktoren zu komplex. Wichtig ist, auf die heutigen belastenden Faktoren zu achten und Risikogruppen zu kennen. Zum Beispiel Menschen, die sich in helfenden Berufen stark emotional involvieren. Letztlich aber treten Burnouts in allen Schichten und Berufssparten auf. Die gesellschaftlichen Anforderungen sind hoch, Komplexität und Informationsflut im Arbeitsalltag haben zugenommen, Veränderungen passieren schneller. Manchmal steht hinter der Beschreibung Burnout aber auch eine depressive Erkrankung, welche nicht auf eine aktuelle Überlastungssituation zurückzuführen ist – was nichts an der Behandlungsbedürftigkeit ändert.

Trotzdem steht immer wieder der stille Vorwurf eines Luxusproblems im Raum. Gibt es denn auch in armen Ländern Burnouts?

Überall, wo Menschen Belastungen ausgesetzt sind, reagieren sie auch darauf, dies liegt in der Natur des Menschen und des Lebens. Burnout in dieser Begrifflichkeit ist in unserer Gesellschaft – übrigens auch wissenschaftlich schon seit Jahrzehnten – ein wichtiges Thema geworden, das im Alltag präsent ist und über das gesprochen werden muss. Es führt zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs, welche Leistungsansprüche ein Subjekt erfüllen kann und welchen Stellenwert Leistung als solche und die Zufriedenheit damit im Leben haben sollen. Auch sollten Arbeitsbedingungen und -anforderungen so gestaltet sein, dass sie Erholungen gestatten. Der öffentliche Diskurs ist wichtig, er hilft Menschen, die lange unter Überlastung leiden, Worte zu finden.

Welchen Stellenwert nimmt das Thema Burnout in der Psychiatrie ein?

Innerhalb der depressiven Erkrankungen ist Burnout zu einer eigenen Kategorie geworden. Burnout-Prozesse sind gut beschrieben und seit den 1970er-Jahren erforscht. Jetzt geht es vor allem darum, das Wissen der Medizin an die Menschen zu bringen, damit Früherkennung und Behandlung besser funktionieren. Viele Menschen warten zu lange, bis sie Hilfe annehmen.

Wie sind denn die Heilungschancen?

Sehr gut! Ein Burnout ist meist – vorausgesetzt man nimmt Hilfe an – eine vorübergehende Krisensituation.

Ein Burnout-Patient kann also durchaus wieder normal arbeiten?

Ja, sicher. Vielleicht lässt sich aus der Krise manchmal sogar Gutes ziehen. Betroffene Menschen haben eine zusätzliche Erfahrung gemacht, die sie beispielsweise zu verständnisvolleren Vorgesetzten machen kann, weil sie mehr Einfühlungsvermögen für ihre Mitarbeiter haben.

  • Prof. Dr. Uwe Herwig ist stellvertretender Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich.

 

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