HR Today Nr. 12/2018: Berufsbildung

Berufslehre im Umbruch

Die Berufslehre gilt in der Schweiz zu Recht als Erfolgsgeschichte. Über die Hälfte aller Jugendlichen wählt diesen Ausbildungsweg. Dennoch zeichnen sich Veränderungen ab.

Arbeitgeber können sich nicht beklagen. Im Gegensatz zu vielen umliegenden Ländern geniesst die Berufslehre in der Schweiz einen hervorragenden Ruf. Das zeigt auch die Nachfrage. Im Sommer 2018 begannen 53 Prozent der 73'000 Schulabgänger eine Berufslehre.

Einzig die Zahl der unbesetzten Stellen wirft einen kleinen Schatten: Von 81'500 ausgeschriebenen Lehrstellen blieben 11'500 unbesetzt. Obwohl die Arbeitgeber nicht alle Lehrstellen vergeben konnten, hielten sie an der Berufsbildung fest: 72 Prozent boten im Vergleich zum Vorjahr wieder gleich viele Lehrstellen an.

Schüler haben die Qual der Wahl

Jugendliche können hierzulande aus 230 Grundbildungen auswählen. Dennoch entscheiden sich die meisten Schülerinnen und Schüler für eine kaufmännische Lehre. Bei der Berufswahl lassen sich die Jugendlichen zudem stark von stereotypen Geschlechterrollen leiten. So bevorzugen Frauen nebst kaufmännischen Tätigkeiten mehrheitlich frauentypische Berufe wie Fachfrau Gesundheit oder Fachfrau Betreuung. Männer wählen hingegen Tätigkeitsbereiche wie Logistiker, Elektroinstallateur, Polymechaniker oder Zeichner.

Auf weniger Begeisterung stossen Lehrstellen im Baugewerbe sowie in der Land- und Forstwirtschaft. Dort sind gemäss dem Nahtstellenbarometer 2018 – einer Arbeitgeberbefragung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) – die meisten offenen Lehrstellen zu verzeichnen. Doch weshalb wählen Jugendliche ihren Beruf nach 
Stereotypen und verschmähen ganze Branchen?

Gelebte Stereotypen

Die Antworten der Jugendlichen im Nahtstellenbarometer lassen darauf schliessen, dass es mit ihrer Prägung im Elternhaus zu tun hat. Ganze 89 Prozent besprechen sich in Sachen Berufswahl mit ihren Eltern, gefolgt von Lehrern (55 Prozent) sowie Freunden, Freundinnen und Kollegen (34 Prozent). Die professionelle Berufsberatung spielt hingegen nur eine untergeordnete Rolle. Nur gerade jeder fünfte Jugendliche setzt in der Berufswahl auf diesen Prozess.

Wenn Arbeitgeber ihre Lehrstellen nicht besetzen können, hat das zum Teil mit gesellschaftlichen Gegebenheiten zu tun. Die Einstellung der Eltern zur Berufslehre hängt beispielsweise stark von deren Bildungshintergrund ab, ihrem Herkunftsland sowie ihrem Rollenverständnis von Frau und Mann.

Dennoch werfen die Aussagen der Arbeitgeber Fragen auf. Als Grund für die Nichtbesetzung ihrer Lehrstellen gaben 70 Prozent an, es seien nur ungeeignete Bewerbungen eingetroffen. 30 Prozent sagten, sie hätten gar keine Bewerbung erhalten. Arbeitgebern, die ihren Anstellungsentscheid hauptsächlich auf gute Schulnoten abstützen, entgehen unter Umständen motivierte und gute Arbeitnehmende. Das zeigt zumindest eine Studie von Margrit Stamm, Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education: Sie untersuchte die Erfolgsfaktoren der Swissskills-Sieger aus dem Jahr 2014.

Dass sich bis zu einem Drittel der Erst-, Zweit- und Drittplatzierten als mittelmässige oder schlechte Schüler bezeichneten, stellt die Klage vieler Betriebe, sie fänden keine guten Lehrlinge, in ein anderes Licht. Gemäss der Untersuchung braucht es für den beruflichen Erfolg statt guter Schulnoten vielmehr ganz spezifische Persönlichkeitsmerkmale. Dazu gehören: Selbstständigkeit und Ehrgeiz, präzises Arbeiten, Ausdauer und Disziplin sowie ein hohes Mass an Selbstkompetenz.

Letzteres erwies sich für mehr als die Hälfte der befragten Swissskills-Sieger im Kampf um die ersten drei Plätze als die allergrösste Hürde: nämlich mit dem Zeitdruck und Stress klarzukommen sowie Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen beizubehalten.

Gute Noten sind nicht alles

Gute Schulnoten werden von Arbeitgebern in der Lehrlingsrekrutierung zwar berücksichtigt, aber weniger hoch gewichtet, als man glaubt, wie die Studie «Governance in Vocational and Professional Education and Training» der Universität Lausanne belegt. Für diese wurden die Einstellungspraxis der Arbeitgeber unter die Lupe genommen und 811 Berufsbilder zu fiktiven kaufmännischen Lernenden-Profilen befragt.

Zwar erwiesen sich die Schulnoten in der Lokalsprache und in Mathematik durchaus als ausschlaggebende Faktoren für einen Einstellungsentscheid. Viel wichtiger als Noten oder Schulniveau waren jedoch die Ergebnisse des Multichecks.

Firmen, die keine oder nur wenige Bewerbungen erhalten, sollten sich über das Marketing in eigener Sache Gedanken machen. Obwohl dies bei der Rekrutierung von Lernenden immer wichtiger wird, scheint diese Einsicht noch nicht überall angekommen zu sein.

Schenkt man dem aktuellen Nahtstellenbarometer Glauben, werden die meisten Lehrstellen durch persönliche Kontakte, Werbung auf der Firmenwebsite, Suchmaschinenoptimierung und Schulbesuche besetzt. Nur wenige Unternehmen investieren in weitergehende Aktivitäten wie Inserate, Anlässe für angehende Lernende oder Beiträge in sozialen Netzwerken. Es könnte also mehr getan werden.

Schweizer Exportschlager

Das Zürcher Institut Great Place to Work bietet seit kurzem eine Zertifizierung an, mit der Lehrbetriebe ausgezeichnet werden, die Mindestkriterien bei der Lernendenbefragung sowie dem Ausbildungskonzept erfüllen. Damit soll wenig bekannten Ausbildungsbetrieben eine Plattform geboten werden und unbekanntere Berufsprofile sollen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Zudem sollen Jugendlichen so eine zuverlässige Orientierung bei der Wahl ihres künftigen Arbeitgebers haben.

So wird auf Basis eines 28 Fragen umfassenden Fragebogens erhoben, wie die Jugendlichen die Ausbildungskultur ihres Lehrbetriebs erleben: Werden sie fachlich gefördert und persönlich wahrgenommen? Wird ihnen Wertschätzung entgegengebracht und werden sie respektvoll und fair behandelt? Zudem wird das Ausbildungskonzept des Unternehmens analysiert und darauf basierende Empfehlungen ausgearbeitet.

Länder wie Indien und die USA versuchen das Erfolgskonzept der Schweizer Berufslehre zu kopieren. Dieser Exporterfolg soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Berufsbildung mit der Entwicklung Schritt halten muss. Mega-trends wie die Digitalisierung, die steigende berufliche Mobilität und der demografische Wandel machen auch vor der Berufsbildung nicht Halt.

In Zukunft müssen sich auch ältere Arbeitnehmende häufiger umschulen lassen, da sich Berufsbilder  immer schneller verändern oder ganz von der Bildfläche verschwinden. Andere entstehen dafür neu. Der Bund hat die Zeichen der Zeit erkannt. Mit dem Programm «Berufsbildung 2030» will er die Berufsbildung und die Berufslehre durch zehn Leitlinien modernisieren.

Zum Beispiel mit flexiblen Bildungsgängen für Erwachsene, um ihnen  eine Umschulung zu erleichtern oder indem sie sich ihre beruflich erworbenen Kompetenzen bei Bildungsangeboten anrechnen lassen können. Dass dieser Weg der richtige ist, zeigen verschiedene Zahlen.

Ü50 mit Aufholbedarf

Bei den über 30-Jährigen ist der Anteil der Personen, die ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder einen eidgenössischen Attest (EBA) erlangt haben im Jahr 2004 von vier Prozent auf immerhin elf Prozent im Jahr 2015 gestiegen. Bei den über 50-jährigen zeichnet sich diese Entwicklung noch nicht ab. Gerade 524 Personen dieser Altersklasse haben 2016 ein EFZ oder EBA abgeschlossen.

Nebst der Umschulung gestandener Berufsleute sieht sich das Schweizerische Bildungssystem bei der geschlechtsuntypischen Berufswahl gefordert. Weitere Herausforderungen sind die Nutzung digitaler Technologien an allen Lernorten sowie die Adaptionsfähigkeit und Gleichwertigkeit der Berufsbildung und  der allgemeinbildenden Bildungswege.

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Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

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