HR Today Nr. 12/2018: Berufsbildung

Die Vergessenen

Die Digitalisierung schafft einen hohen Weiterbildungsbedarf. Daran gemessen ist 
die Weiterbildungsbeteiligung verschiedener Arbeitnehmergruppen jedoch deutlich zu tief. Gefragt ist ein Förderprogramm, das erwachsene Berufstätige erfasst, die der Weiterbildung weitgehend fernbleiben.

Um die Bildungsbeteiligung der Arbeitnehmenden ist es in der Schweiz nicht zum Besten bestellt. Das zeigt der kürzlich veröffentlichte Bildungsbericht Schweiz 2018, wonach die steigenden Arbeitsmarktanforderungen und der damit einhergehende Weiterbildungsbedarf nicht zu einer höheren Bildungsteilnahme der Arbeitnehmenden geführt haben.

Zwar finanzieren Arbeitgeber einen Grossteil der beruflichen Weiterbildung, dennoch sahen sich diese in den letzten 20 Jahren kaum dazu veranlasst, den steigenden und sich verändernden Kompetenzanforderungen mit höheren Weiterbildungsinvestitionen zu begegnen.

Zudem investieren Unternehmen weiterhin nur selektiv in ihre Belegschaft. So unterstützen KMU nur etwa einen Drittel ihrer Mitarbeitenden bei Weiterbildungen, in Grossunternehmen profitiert hingegen knapp über die Hälfte der Arbeitnehmenden von Bildungsmassnahmen.

Fehlende konstante Weiterbildung

Erwerbstätige sind ebenso wenig bereit, die selektive Weiterbildungstätigkeit der Arbeitgeber mit eigenen Investitionen in die berufliche Weiterbildung zu kompensieren. Gerade fünf Prozent der Erwerbstätigen nehmen an selbstfinanzierter beruflicher Weiterbildung teil.

Seit vielen Jahren unverändert sind zudem grosse Unterschiede zwischen der Weiterbildungsbeteiligung qualifizierter und wenig qualifizierter Arbeitnehmender. Nur 20 Prozent der Erwerbstätigen mit einem Tertiärabschluss verzichten auf eine berufliche Weiterbildung. Bei Berufstätigen mit einem Berufsabschluss sind es 40 Prozent und bei Berufstätigen ohne Berufsabschluss sogar knapp 70 Prozent.

Die von Arbeitsmarkt- und Bildungsexperten sowie Politikern geforderte konstante berufliche Weiterbildung entspricht somit für einen Grossteil der Schweizer Erwerbsbevölkerung nicht der Realität.

Hürden abbauen

Problematisch sind insbesondere jene 40 Prozent der Erwerbstätigen mit einem Berufsabschluss, die sich beruflich nicht weiterbilden. Das entspricht rund 900'000 Erwerbstätigen, die innerhalb eines Jahres weder an Kursen, Workshops und Seminaren, noch an Konferenzen oder On-the-Job-Schulungen teilgenommen haben.

Um die Weiterbildungsbeteiligung der Arbeitnehmenden auf ein Niveau zu heben, mit dem die Schweiz die digitale Transformation erfolgreich bewältigen kann, ist eine ganzheitliche und nachhaltige Weiterbildungsförderstrategie gefragt. Diese muss Hürden abbauen, die Arbeitnehmende daran hindern, sich beruflich weiterzubilden und alle Akteure einbeziehen – insbesondere die Unternehmen.

Drei Elemente für eine Strategie:

  1. 
Notwendig ist eine nationale Informations- und Beratungsoffensive. Ein wesentliches Element sollten Strategien der kantonalen Beratungsstellen sein, die auf die Bedürfnisse von qualifizierten Berufstätigen ausgerichtet sind. Eine wichtige Rolle spielen zudem die Sozialpartner und die Organisationen der Arbeitswelt (OdAs).
  2. 
Es braucht ein finanzielles Anreizsystem, damit Betriebe vermehrt in die berufliche Weiterbildung investieren. Das System muss so ausgestaltet werden, dass bestehende Inves-titionen nicht verdrängt, sondern ergänzt werden. Denkbar ist ein von Unternehmen und öffentlicher Hand gespiesener nationaler Weiterbildungsfonds.
  3. 
Weiterbildungsanbieter sind gefordert, ihre Bildungs- und Beratungsleistungen stärker auf die Bedürfnisse der Unternehmen auszurichten. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen haben spezifische Bildungsanforderungen, die von vielen Anbietern nicht erfüllt werden. Bei den überfachlichen Kompetenzen braucht es eine Systematisierung und einen Ausbau des Weiterbildungsangebots.

Mit der Berufsbildung 2030 hat der Bund ein Leitbild zur Entwicklung der Berufsbildung verabschiedet. Darin nennt die Leitlinie 1 Erwachsene als Zielgruppe. Ziel sei, alle Erwachsenen ein Leben lang fit für den Arbeitsmarkt zu halten.

Falls es den Verbundpartnern damit ernst ist, muss die Umsetzung eines Weiterbildungsförderprogramms jedenfalls die logische Konsequenz sein.

Zur Organisation

Der SVEB vertritt als nationaler Dachverband die Interessen der Weiterbildung in allen drei Landesteilen. Er setzt sich unter anderem für die Förderung des Weiterbildungssystems vor dem Hintergrund grosser technologischer und gesellschaftlicher Umwälzungen an. Ihm sind über 700 Mitglieder angeschlossen. Diese sind sowohl private und staatliche Weiterbildungsanbieter wie auch Verbände, innerbetriebliche Weiterbildungsanbieter und Einzelpersonen.

Literaturhinweis: SKBF (2018). Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung.

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Bernhard Grämiger

Bernhard Grämiger hat an der Universität St. Gallen Wirtschaft studiert. Er ist seit zwei Jahren Direktor des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB). Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der 
Bildungspolitik.

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