Digitalisierung

Big Data Scientist und App-Entwicklerin statt Laternenträger und Kutscher

Die Digitalisierung hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, auch die Bildung ist betroffen. Dabei geht es nicht nur um die Verlagerung vom Lernen und Lehren in digitale Räume, sondern zunehmend auch um die Berufsbildung. Berufe verschwinden, neue Berufe entstehen, vor allem aber verändern sich die Berufe – und zwar alle.

Dass Tablets, Soziale Medien, Lern-Apps und andere digitale Hilfsmittel mit der neuen Generation von Lernenden und Lehrenden in die Schulzimmer und Hörsäle einziehen, daran haben wir uns gewöhnt. Schulprojekte und Pilotversuche testen und evaluieren aktuell positive und negative Effekte und nicht selten stellt sich heraus: Die Hilfsmittel ändern sich, das Lernen und Lehren bleibt in den Grundzügen gleich. Lernen ist mit Zeitaufwand, Engagement und Ehrgeiz verbunden, Lehren braucht didaktische Vielfalt, Empathie und profunde Fachkenntnis. Daran ändern die Hilfsmittel – digital oder analog – wenig. Ganz anders ist das in der Berufsbildung und im betrieblichen Bildungsmanagement: Berufe verschwinden, neue Berufe entstehen, Berufe ändern sich grundlegend und erfordern eine dynamische Personalentwicklung.

Automatisierung macht Berufe überflüssig

Zu den dramatischen Auswirkungen der Digitalisierung gehört die Automatisierung vieler Prozesse und damit das Verschwinden von Berufen. Aus dem Schriftsetzer wurde der Polygraf und die Rohrpostbeamtin ist gänzlich verschwunden. Wir erinnern uns kaum noch, was Schriftsetzer und Rohrpostbeamtin überhaupt gemacht haben. Postbotinnen, Postboten und Detailhandelsfachleute gehören zu den aktuell durch die Automatisierung gefährdeten Berufen. Bald könnte die Post vom Paketroboter oder der Drohne ausgeliefert werden. Der Detailhandel revolutioniert sich nicht nur durch das Selbstscannen und den Self-Checkout, sondern vor allem durch das Internet der Dinge. Im Internet der Dinge registrieren Gestelle, Lager, Kühlschränke den Nachfüllbedarf selber, bestellen selber nach und automatisierte Lieferlogistik deckt den Bedarf ohne grosses Zutun von Berufsleuten. Bus-, Taxi- und Lastwagenfahrer können die nächsten sein, die der Automatisierung weichen müssen. Wenn die selbstfahrenden Fahrzeuge – aktuell in der Pilotphase – zur Normalität werden, erübrigt sich ein ganzer Berufszweig. Eine oft zitierte Studie aus dem Jahr 2013 mit dem Titel: «Die Zukunft der Beschäftigung: Wie anfällig sind Jobs für die Digitalisierung?» erhob die Digitalisierungs-Wahrscheinlichkeit von Berufsprofilen für die USA. Sie errechnet ein Risiko für 47 Prozent der insgesamt rund 700 einbezogenen Beschäftigungen. Diverse neue Studien für europäische Länder und die Schweiz kommen zu ähnlichen Werten. Mit anderen Worten: Etwa die Hälfte der Arbeit wird in naher Zukunft digitalisiert.

Wie dramatisch ist die Situation für Berufsleute?

Jeder technologische Schub hat bisher schon Berufe zum Verschwinden gebracht. So wurden zum Beispiel der Laternenträger oder der Lichtputzer durch die Elektrifizierung überflüssig – den Radmacher, Kutscher und Schiffwerker haben die Eisenbahn und das Auto verdrängt. Die Weber, Färber und Köhler fielen der Industrialisierung zum Opfer. Die Liste der ausgestorbenen Berufe ist lang. In den letzten Jahrzehnten sank vor allem die Beschäftigung in den Fabrikhallen und der Produktion, oft waren davon ungelernte Hilfsarbeitskräfte betroffen. Zunehmend sind Berufe in der Dienstleistungsbranche gefährdet: kaufmännische Berufe, Berufe im Bank- und Versicherungswesen, in der Verwaltung – überall, wo Menschen hauptsächlich am Computer arbeiten, rollt die nächste Automatisierungswelle an. Allerdings: Jeder technologische Schub hat bisher einen Kreislauf in Gang gesetzt, bei dem Produktivität, Löhne und Produktqualität stiegen, während Preise sanken. Dadurch vergrösserte sich die Nachfrage, was wiederum die Spirale von technologischer Innovation, Produktivitäts-, Lohn- und Qualitätssteigerung, Preissenkung und Nachfrage antrieb und antreibt. Durch diesen Mechanismus entstehen beständig neue Stellen in alten und neuen Berufen. Zu den neuen Berufen gehören zum Beispiel aktuell der Big Data Scientist, die Social Media Managerin, der Digital Marketing Manager, die App-Entwicklerin oder die Digitale Bestatterin, die sich um die Daten, Profile und die würdevolle Beisetzung der digitalen Persönlichkeit von Toten kümmert. Wie viele neue Stellen die Digitalisierung schafft und ob es mehr, gleich viele oder weniger sind, als verloren gehen, darüber gehen die Meinungen auseinander. Definitiv lässt sich sagen: Die Digitalisierung schafft viele neue Stellen und neue Berufe und die Berufswelt wird nicht ärmer, sondern reicher.

Technologischer Fortschritt steigert den Bildungsbedarf

Zur Vielfalt in der Berufswelt trägt eine zunehmende vertikale Differenzierung bei: Statt vieler ähnlicher Lehrberufe gibt es nach der Lehre immer mehr Spezialisierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Technologischer Fortschritt führt zu mehr und stärker gestaffeltem Bildungsbedarf. Die berufliche Qualifizierung verläuft heute in der Regel über die drei Stufen:

  • Grundbildung in der Berufslehre
  • Weiterbildung im Bereich der höheren Berufsbildung
  • Aus- und Weiterbildung an Hochschulen, insbesondere Fachhochschulen

So ist zum Beispiel aus den ehemaligen Berufen Schmied und Schlosser der Metallbauer entstanden, der sich heute in Fachrichtungen wie Bau, Kunst, Fahrzeuge oder Anlagenbau differenziert. Einem Metallbauer steht ein Bildungsweg über die Berufsprüfung mit eidgenössischem Fachausweis über die Meisterprüfung (Höhere Fachprüfung) bis zum Diplomierten Techniker HF (Höhere Fachschule) Metallbau offen. Anschliessend kann er zum Beispiel an einer Fachhochschule einen Bachelor of Science in Bauingenieurwesen erwerben. Oder er wechselt mit einer Weiterbildung zum Ausbilder oder Ausbildungsleiter selbst ins Bildungsfach.

Steigende Bildungsnachfrage in Unternehmen und Organisationen

Abgesehen vom staatlichen Bildungssystem entwickelt sich auch die betriebliche Bildung. Die Digitalisierung erfordert nicht nur grundlegende, sondern ständige Anpassungen an bestehenden und neuen Berufsbildern. Diese Anpassungen leisten teils die Berufsfachschulen, die höheren Fachschulen und die Fachhochschulen – nicht weniger sind aber die Unternehmen selbst gefordert. Durch den technologischen Wandel verändern sich Prozesse, Strukturen, Produkte. Die Mitarbeitenden müssen diese Veränderungen mitmachen. So erfordern zum Beispiel die zahlreicher und wichtiger werdenden informationstechnischen Komponenten veränderte Abläufe, veränderte Teamzusammensetzung und Rollenbesetzung und den Einsatz neuer Instrumente. Dafür müssen Mitarbeitende im Rahmen des betrieblichen Bildungsmanagements fit gemacht werden. Der technologische Wandel kann sich auch auf die Bearbeitung von Märkten auswirken. Statt beispielsweise Komponenten aus der Schweiz zu beziehen, kommen diese aus Polen und statt nach Österreich wird nach Frankreich geliefert – hier gilt es die Mitarbeitenden auch im Spracherwerb zu unterstützen und in der interkulturellen Zusammenarbeit weiterzuentwickeln. Oder – als letztes Beispiel für die zunehmende Bedeutung der innerbetrieblichen Bildung – Sicherheitsansprüche wandeln sich auf Grund des Einsatzes von Informationstechnologie und Automatisierung. Das zieht Bildungsmassnahmen für die Belegschaft nach sich und führt zu innerbetrieblicher Differenzierung. Es braucht Basisangebote, Angebote für Fortgeschrittene, für Vorgesetzte, für Ausbilderinnen und Ausbilder, Coaches und Controllerinnen.

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Susan Göldi ist Dozentin an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Sie leitet den Masterstudiengang Bildungsmanagement und Erwachsenenbildung, dazu gehören ein Diploma of Advanced Studies (DAS) in Bildungsmanagement sowie ein Certificate of Advanced Studies (CAS) in Strategischem Bildungs- und Kompetenzmanagement.

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Daniel Herzog ist Gesellschafter und Geschäftsführer der Lernwerkstatt Olten (LWO). Er unterrichtet im DAS Bildungsmanagement und war in verschiedenen Organisationen als Bildungsmanager tätig. www.lernwerkstatt.ch

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