Checkliste

So pflegen Führungskräfte ihre inneren Ressourcen durch Rückzugstage

Mit innovativen Formen der Führungskräfteentwicklung können Unternehmen ihren Führungskräften Sorge tragen. Als effektiv haben sich in der Praxis kürzere «Retreat & Reflect»-Auszeiten erwiesen. Damit können stark beanspruchte Führungskräfte ihr hohes Engagement langfristig aufrechterhalten.

Viele Leitungsteams nehmen sich jährlich ein oder zwei Mal Zeit, um sich aus der Distanz zum Alltag mit aktuellen Fragen und Entwicklungspotenzialen auseinanderzusetzen. Periodische Retreats sind in Unternehmen nichts Neues.

Doch stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Ihr Arbeitgeber stellt Ihnen als Führungskraft eine regelmässige persönliche Rückzugszeit zur Verfügung. Sie erhalten also ein paar zusammenhängende Tage, an denen Sie sich nur um sich selbst kümmern. Das heisst, Sie bekommen Zeit, in der Sie vertieft der Frage nachgehen, wo es in Ihrem beruflichen und privaten Leben Anpassungen im Setting und in Ihrem Verhalten braucht, damit Sie engagiert, gesund und souverän bleiben.

Bewährte Vorgaben für Rückzugstage

Die Idee eines persönlichen Retreats basiert auf der Erfahrung, dass sich jene Führungskräfte, die gut für sich selber sorgen, auch angemessen für Andere einsetzen. Für solche Rückzugstage haben sich in der Praxis folgende Vorgaben bewährt:

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Verbringen Sie diese Tage nicht zuhause, sondern verweilen Sie sich möglichst oft draussen in der Natur, idealerweise in Waldnähe.
  • 
Tragen Sie das wenige, was Sie für die Rückzugstage brauchen, in einem Rucksack mit. Übernachten Sie in einfachen Gasthöfen.
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Gehen Sie zu Fuss, langsam und bewusst. Machen Sie Rast an schönen Plätzen, die auf Sie anziehend wirken. Beobachten Sie Landschaft, Vegetation und Lebewesen.
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Verbringen Sie diese Tage nicht mit Menschen, die Sie aus Ihrem privaten oder beruflichen Alltag kennen. Lassen Sie sich neugierig auf kurze Gespräche mit fremden Menschen ein. Nutzen Sie deren Erfahrungen als Hinweise für Ihre eigenen Fragen.
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Lassen Sie Ihr Smartphone konsequent auf Flugmodus. Verzichten Sie auf News, Musik und Bücher.
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Notieren Sie mehrmals täglich Ihre Gedanken, Ideen, Bilder, Wünsche, Fragen und mögliche Antworten im persönlichen Notizbuch. Und fassen Sie Ihre Einsichten und Handlungsabsichten am Ende dieser Tage zusammen.

Rahmen schaffen

Für viele Führungskräfte ist es eine attraktive Vorstellung, wieder einmal Zeit nur für sich zu haben. Etwas, was im betriebsamen Alltag leicht untergeht. Doch es braucht auch etwas Mut, sich mit sich selbst zu konfrontieren.

Wir sind es kaum mehr gewöhnt, uns vertieft um uns selbst zu kümmern. Oder ist es gerade umgekehrt? Halten wir uns gerne so beschäftigt, damit wir uns nicht vertieft mit uns selbst beschäftigen müssen?

Viele Führungskräfte haben zumindest eine diffuse Ahnung, dass ihnen ein zeitlich beschränkter Rückzug guttun könnte. Denn das Wesentliche wird im lärmigen Alltag leicht übertönt.

Doch ganz alleine losgehen? Ohne Begleitung? Ohne Idee des Weges? Ohne Struktur? Tatsächlich ist es gerade für kürzere Rückzüge hilfreich, mindestens ein vorstrukturiertes Rückzugsprogramm zu wählen. Es entlastet von organisatorischen Fragen. Das gibt Sicherheit, in die Unsicherheit – der Begegnung mit sich selbst – zu gehen. Es gibt einen Rahmen, in der Stille des Rückzugs die innere Unruhe auszuhalten. Und es besteht die Möglichkeit, im Austausch und durch Impulse der Begleiter weiterzukommen.

Dreirad des Lebens

Bei den vielen Fremdansprüchen und Möglichkeiten, die uns die äussere Welt bietet, ist es herausfordernd, das eigene Leben so zu gestalten, dass wir uns selbst «am Steuer» des Gefährts fühlen, das wir Leben nennen. Unsere Aufmerksamkeit wird gnadenlos von der äusseren Welt absorbiert. Wie Georg Milzner konstatiert: Wir sind überall, nur nicht bei uns selbst.

Die Situation lässt sich gut mit einem Dreirad vergleichen. Berufs- und Privatleben sind die beiden grossen Räder, auf denen der Grossteil des äusseren Lebens stattfindet. Hier reagiert vorwiegend unser Ego, indem es versucht, eigene emotionale und materielle Bedürfnisse sowie Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. Es geht um Ausbildung, Karriere, Einkommen, Vermögen, Liebesbeziehungen, Familienplanung, Wohnen, Freunde, Hobbys und so weiter. Sind diese beiden Räder ungleich gross oder übernimmt das Berufsleben das Steuer, gerät die Work-Life-Balance in Gefahr.

Für die Stabilität braucht es ein drittes Rad. An ihm sind Lenker und Pedale angebracht. Hier wird die Richtung unseres Lebens beeinflusst. So können wir Gegensteuer geben, wenn uns die Drift des Lebens zu stark vom Weg abbringt. Und so können wir auch das Tempo beeinflussen, je nachdem, mit wie viel Kraft wir treten. Mangelt es an innerer Energie, dann fehlt uns diese Kraft. Die Folge: Es geht nicht in die gewünschte Richtung vorwärts. Wir werden von anderen durch das Leben geschoben und fühlen uns leicht als Opfer von Sachzwängen. Pedalen wir mit zu viel Kraft, aber ohne klare Richtung, bewegen wir uns mehr oder minder beliebig durchs Leben oder drehen uns im Kreis.

Zurück ans Steuer

Dieses dritte Rad steht sinnbildlich für unsere innere Welt. Für ein gutes Leben müssen wir diesen Platz am Steuer des Lebens deinnehmen: Durch unser Denken, Fühlen und ganz besonders unser Wollen.

Das konfrontiert uns mit der zentralen Frage: Was will ich von meinem Leben eigentlich? Diese Frage beschäftigt die Menschen vor allem in der ersten Lebenshälfte.

Ab der Lebensmitte ist es günstig, die Frage umzukehren: Und was will das Leben eigentlich von mir? Wie kann ich den Wunsch nach einem sinnvollen Leben beantworten? Was ist meine ganz persönliche, für mich und mein Wesen adäquate Lebensspur? Was wünsche ich mir für mein Leben, damit ich es als gelingend erlebe? Und wie passt das zu dem, was ich im Moment in meinem Privat- und Berufsleben tue? Fliessen meine Aufmerksamkeit und meine Zeit in jene Bereiche, die für mich wesentlich sind? Wo gehe ich stimmige Kompromisse ein? Wo ist mir der Preis zu hoch geworden? Wo verbiege ich mich zu stark, so dass ich mich von meiner inneren Lebenspur wegbewege?

Unser Selbst repräsentiert diese fragenden, suchenden und ordnenden Teile in uns. Lange Zeit ist es leise und genügsam – gerade an den Übergängen der Lebensphasen, aber auch laut und unerbittlich. Um dem Selbst genügend Platz zu geben, braucht es räumliche und zeitliche Distanz vom Alltag. Die Nacht, eine ruhige Stunde am Wochenende oder Aktivferien genügen kaum.

Mögliche Erfahrungen während der Rückzugstage

Führungskräfte erleben die Rückzugstage recht unterschiedlich. Das hängt von den konkreten Fragen ihrer Lebenssituation ab, mit denen sie sich auseinandersetzen. Und natürlich von ihrer Bereitschaft, sich auf innere Prozesse einzulassen. Auf einer tieferen Ebene machen die meisten jedoch recht ähnliche Erfahrungen, die sie innerlich öffnen und stärken:

  • Präsent und entspannt: Durch die Reduktion der Aussenreize und die Stille der Natur erleben Menschen während des Rückzugs die Kraft der Präsenz, in der sie für einen Moment ungeteilt anwesend sind. Sie beschäftigen sich für einen Augenblick weder mit Problemen der Vergangenheit, noch planen sie an der Zukunft. Sie sind nur ganz da. Die innere Angespanntheit kann sich entspannen. In der Präsenz verinnerlichen sie, dass der Modus des Seins genauso wichtig ist wie der Modus des Tuns. Eine Gewissheit, die sie im Alltag davor bewahrt, in die Beschleunigungsfalle zu tappen oder sich angesichts von Fremdbestimmung durchs Leben getrieben zu fühlen.
  • Verbunden mit dem Selbst: Wenn Menschen mit ihrer Aufmerksamkeit bei sich selbst sind, wandert ihr Schwerpunkt von aussen nach innen. Sie kommen von einer gebückten in eine innerlich aufgerichtete Haltung. Die Empfindung, bei sich selbst zuhause zu sein, verstärkt sich. In diesem Zustand können sie das Wechselspiel zwischen äusserer Situation und ihrem Denken und Fühlen in Ruhe betrachten. Je länger sie im ungestörten Zustand der Selbstverbundenheit verweilen, desto mehr vertieft sich die Verbindung zum inneren Wesenskern, zum innersten Ort, von dem Klarheit und Kraft des Lebens wesentlich ausgehen. Hier kann jeder sein Sein als etwas begreifen, was seinem Leben zutiefst entspricht. Wenn unser Bewusstsein mit diesem Ort in Berührung kommt, erleben wir das als «Magic Moment». Mit einem Mal wird vieles klarer, ohne dass es sofort in Worte gefasst werden kann.
  • Das Neue entstehen lassen: Der innerste Wesenskern jedes Menschen verfügt über eine natürliche Intelligenz. Hier liegen die für uns persönlich stimmigen Antworten bereit. Das, was für uns wirklich wichtig und wesentlich ist, entsteht aus diesem inneren Ort. Das Wesentliche ist also schon da und kann beim Entstehen beobachtet und unterstützt werden. Es braucht vorerst kein aktives Handeln, nur das neugierige Beobachten, was sich zeigen will. Wer zu hastig nach den ersten Hinweisen greift und sein Leben sofort wieder in den Griff bekommen will, verscheucht den kleinen Vogel, der sich sinnbildlich gerade auf seiner Hand niedergelassen hat.
  • Wahlmöglichkeiten erkennen: Indem wir präsent und verbunden mit uns selbst sind und neugierig beobachten, was sich zeigt, können wir ganz unerwartete Hinweise erhalten, welche Antworten in Richtung der Umsetzung möglich sind. Wir erkennen neue Handlungsoptionen, die sich uns bieten, und merken, dass wir die Wahl haben. Das stärkt, weil wir uns weniger als Opfer von Umständen, sondern als Regisseure unseres eigenen Lebens sehen können. Doch jede Wahl hat einen Preis. Vor der Rückkehr aus den Rückzugstagen werden Handlungsoptionen abgewogen und ein konkreter Plan für die Umsetzung wird vorbereitet.

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Norbert Lanter

Norbert Lanter ist 
Unternehmer, Organisationsentwickler und Executive Coach. 
Er organisiert und 
begleitet jährlich mehrere Rückzugswochen für Führungskräfte.

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