HR Today Nr. 1&2/2019: Debatte

Anglizismen in Stellentiteln

Es mag kompliziert klingen, wenn eine Firma eine Key Account Managerin oder einen Space Consultant sucht. Trotzdem haben sich viele englische Stellentitel in unseren täglichen Sprachgebrauch eingeschlichen. Ist das gut so? Oder manchmal schlicht zu viel des Guten?

Michel Ganouchi: «Anglizismen in Stellenanzeigen? Take it easy!»

Vorneweg: Ich bin bekennender Fan der deutschen Sprache. Der sorgfältige Umgang mit ihr soll weiter geschult und nachhaltig gefördert werden. Nur, wir sprechen hier von Stellenanzeigen und nicht von belletristischen Ergüssen. Ich habe vor langer Zeit in einer Marketingweiterbildung mal etwas von einem Sender-Empfänger-Modell gelesen. Der Botschaftsabsender verpackt seine Message (Achtung, Anglizismus zur Vermeidung einer Wiederholung) so, dass sie von seiner Zielgruppe möglichst ohne Aufwand dechiffriert und verstanden wird. Bei einem hohen gemeinsamen Zeichenvorrat klappt das auch problemlos. Wir müssen unsere Botschaften also primär der Zielgruppe anpassen.

Entgegen allen Unkenrufen sind Stellenanzeigen als Mittel, um Vakanzen und Kandidaten zu matchen (Oh, Entschuldigung: in Einklang zu bringen), noch längst nicht tot – Digitalisierung hin oder her. Wie schaffe ich es also, meine Botschaft zielgruppengerecht zu verfassen? Eben: Indem ich das Kommunikationsverhalten meiner Zielgruppen studiere und versuche, ihren Zeichenvorrat zu verstehen. Die Welt dreht sich dermassen rasant, dass wir drohen, vom Äquator geschleudert zu werden. Die Globalisierung schreitet weiter voran und die Digitalisierung galoppiert. Deren Sprache ist Englisch. Kein erzwungenes Esperanto, schlicht und einfach Englisch. Oder halt Chinesisch. Aber da halte ich mich zurück.

Wohin die gesteuerte Lokalisierung von Sprache führen kann, zeigt Frankreich – nur leider im negativen Sinne. Ätzend. Fakt ist: Es entstehen laufend neue Berufsbilder, die in aller Regel nicht im deutschsprachigen Markt «erfunden» wurden. Neue hiesige Generationen von Arbeitskräften bewegen sich fliessend in diesen Gefilden. Und Sie möchten an diesen vorbeikommunizieren?

Mir ist bewusst, dass es viele traditionelle Berufe gibt, die der Digitalisierung nicht zum Opfer fallen werden. Maler und Umzugshelfer werden nicht so einfach ersetzt. Ich erkenne auch keine Notwendigkeit und Tendenz, diese Bezeichnungen künstlich zu «anglifizieren». Mir ist der Hauswart nach wie vor lieber, als der Facility Manager. Nur sehen wir genau an diesem Beispiel, wie die Zeit voranschreitet. Wenn die englische Sprache etwas in wenigen Lettern auf den Punkt bringt, das im Deutschen umständlich und missverständlich ist und erst noch von der Zielgruppe nicht verstanden wird, dann machen Anglizismen einfach Sinn.

Übrigens: Stellenanzeigen werden meist auf Online-Stellenbörsen ausgeschrieben, die (hoffentlich) über moderne Suchfunktionen verfügen. Diese semantische Suche sollte helfen, das Sprachenwirrwarr zu entschlüsseln und übereinstimmende Suchergebnisse auszuspucken. Egal, ob Sie eine Berufsbezeichnung in Deutsch oder Englisch eingeben. Also: Take it easy!

Sabine Biland-Weckherlin: «Bitte eine Nuance sparsamer sein bei englischen Stellenbezeichnungen.»

«Gesucht: Executive Vice Pleasident for Global Happiness», steht auf einem Plakat: Das ironisch gemeinte Wortspiel im Stellentitel dient als Blickfang beim Eingang eines hippen Unternehmens in Zürich West. Abgesehen von dieser witzigen Eigenwerbung: Haben Sie nicht auch den Eindruck, in unserer Mitte sei eine Geheimsprache entstanden? Angesichts gewisser kryptischer Jobtitel, die meist kaum Schlüsse auf den Stelleninhalt zulassen, stellt sich die Frage, wozu es dieses Verwirrspiel braucht.

Erklären könnte man dies mit dem Druck elektronischer Suchmaschinen, dem angelsächsischen Sprachgebrauch global orientierter Konzerne sowie dem Trend zum Internationalen auf dem Weiterbildungsmarkt. Doch steckt hinter dem mysteriösen «Angular JS-Developer» eine HR-Strategie mit dem Ziel, öde Positionen attraktiver erscheinen zu lassen? Oder ist die Stelle wirklich derart komplex, wie man aufgrund der hochgestochenen Bezeichnung vermuten könnte?

Ich finde ganz pragmatisch: Eine Stellenausschreibung muss zur Kultur der jeweiligen Firma passen. Die nachfolgenden Beispiele könnte man aufgrund der spezifischen Berufsumfelder noch durchgehen lassen: Die global tätige Grossbank, die einen «Team Lead Financial Crime Compliance IT – News Screening/Risk Scoring/Single Client View» sucht. Oder die international ausgerichtete Anwaltskanzlei, die im Netz eine Vakanz mit dem Titel «Shadow the New Lawyer» ausschreibt. Verstehen tut diese Ausschreibungen aber kaum jemand. Vermutlich gibts deshalb viele ungewollte Bewerbungen, inklusive Mehraufwand für das HR. Effizient ist das eher nicht.

Sprache und Jargon eines Stelleninserats sollten nicht von der Firmenkultur, der Branche und dem Markt des entsprechenden Unternehmens abweichen. Nehmen wir mal an, der Schweizer Kaminfegermeisterverband schreibt einen «Chief Vision Officer» aus – klingt lächerlich, oder? Dasselbe gilt für das Zürcher Luxusgeschäft, das einen «Client Advisor Saturday Worker» sucht und damit eigentlich eine englischsprechende Verkäuferin für den Samstag meint.

Englische Stellenbezeichnungen haben im internationalen Kontext durchaus ihre Berechtigung und gehören mittlerweile zum Standard, beispielsweise bei der Executive Assistant oder beim CFO. Sie dürften aber insgesamt eine Nuance sparsamer angewendet und – wo passend – auch mit altbewährten Bezeichnungen wie «Geschäftsleitungsassistentin» oder «Finanzchef» ersetzt werden.

In Schweizer KMU mit Fokus auf den nationalen Markt wirken aufgeblasene Anglizismen deplatziert. Im Umkehrschluss sucht der globale Grosskonzern in seiner Ausschreibung auch keinen «Sachbearbeiter», sondern den zum internen Vokabular passenden «Claims Handler».

Kommentieren1 Kommentare

Michel Ganouchi ist Inhaber der recruma gmbh (www.recruma.com) sowie Direktor Schweiz der DEBA (Deutsche Employer Branding Akademie). Der ehemalige Country Manager von Monster berät Unternehmen, wie sie zur Arbeitgebermarke werden, unterstützt ihr HR-Marketing und zeigt, wie man Social Media im Recruiting nutzt.

Weitere Artikel von Michel Ganouchi

Sabine Biland-Weckherlin ist Partner bei da professionals. Sie verfügt über fundierte Kenntnisse in der Rekrutierung, Selektion und Betreuung von Executive Assistants wie auch von Führungskräften und Fachspezialisten.

Weitere Artikel von Sabine Biland-Weckherlin

Kommentieren

Kommentare

Der Wandel....
Früher hiess es Aussendienstmitarbeiter nachher Verkaufs-/Kundenberater nachher Account Manager nachher Key Account Manager nachher Senior Key Account Manager und immer noch machen sie den gleichen Job wie eh und je...Hauptsache es tönt gut.
Übrigens kamen die Wünsche vom neuen Titel jeweils von den Arbeitnehmer...sieht doch besser aus im LinkedIn/XING Profil.

Das könnte Sie auch interessieren