HR Today Nr. 11/2017: Porträt

Auf Augenhöhe

Diana Risola lernt das HR-Handwerk bereits in ihrer KV-Lehrzeit bei Welti-Furrer von der Pike auf kennen. In verschiedenen Assistenzfunktionen und Weiterbildungen schnürt sie einen reichbepackten HR-Rucksack. Mit 33 übernimmt sie bei Sony ihre erste HR-Leitungsfunktion. Heute ist sie HR-Chefin von Philips Schweiz und Mitglied der Geschäftsleitung.

Philips ist im Umbruch. Vor dem rostroten, von einem Baustellenzaun umgebenen Gebäude in Zürich Manegg gähnt ein riesiges Erdloch vor dem ehemaligen Haupteingang. Bald soll das Gebäude abgerissen werden und einem Wohnquartier Platz machen. Deshalb steht der Firmenumzug hoch oben auf der Agenda der 44-jährigen Philips-HR-Leiterin Diana Risola. Eine Aufgabe, der sie sich mit Freude widmet. Denn die Gestaltung einer neuen Open-Space-Bürolandschaft biete für das von Gesundheitsförderung Schweiz frisch mit dem Friendly Work Space ausgezeichneten Unternehmen eine ideale Gelegenheit, die Mitarbeitenden stärker in das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) einzubeziehen.

Es ist nicht die einzige Veränderung, mit der Diana Risola konfrontiert ist. So wandelt sich Philips schon seit einiger Zeit vom Elektronikkonzern zum Gesundheitstechnologieunternehmen. «Das Friendly-Work-Space-Label passt zu dieser strategischen Neuausrichtung», sagt Diana Risola. Eineinhalb Jahre habe der Zertifizierungsprozess gedauert, um ein systematisches BGM zu schaffen, das institutionell verankert sei, anstatt weiterhin auf einzelne BGM-Schwerpunkte zu setzen. Fünf Bundesordner voller Dokumente seien für das Assessment zusammengekommen. «Ein mühseliger Prozess, der sich aber gelohnt hat.»

Eine gesunde Portion Egoismus

Um diesen Prozess anzustossen, musste Diana Risola die Geschäftsleitung vom Mehraufwand überzeugen und aufzeigen, wie schwierig es sei, künftig Talente zu finden und an das Unternehmen zu binden. Um das BGM-Zertifizierungsziel zu erreichen, hat Diana Risola ihre Mitarbeitenden immer wieder angespornt. So auch jene HR-Managerin, die unter ihrer BGM-Projektschirmherrschaft eine Diplomarbeit zur Friendly-Work-Space-Zertifizierung verfasst.

An den Mitarbeitenden zweifelt Diana Risola indessen nicht: «Ich habe ein Grundvertrauen in sie und ihre Fähigkeiten.» Dieser Vertrauensvorschuss gilt für alle. So sei die Arbeitszeit bei Philips weitgehend flexibel einteilbar. «Präsenzzeit ist für mich wenig relevant», erklärt Risola. «Es gibt verschiedene Familienmodelle, und Mitarbeitende haben einen unterschiedlichen Biorhythmus. Manche arbeiten früh morgens, andere spät in den Abend hinein.» Diesen Bedürfnissen müsse ein Unternehmen gerecht werden.

Sie geht mit gutem Work-Life-Balance-Beispiel voran: «Ich arbeite zwar 100 Prozent, mache aber auch Home Office und widme mich an zwei Nachmittagen meinen beiden Jungs.» Die Arbeitszeit hole sie abends, am Wochenende oder morgens wieder auf. Auszeiten plant sie bewusst ein. Etwa am Montagabend, bei Malstunden im Atelier. «Ich verliere mich in den Farben und bin im Nullkommanichts entspannt.» Sportstunden sind im Terminkalender ebenfalls fix eingetragen. «Eine gesunde Portion Egoismus kommt meinen beiden Kindern und letztlich meinem Umfeld zu gut.»

KV statt Kosmetik

Strategische Neuausrichtungen begleiten Diana Risolas HR-Berufskarriere, seit sie 1990 eine KV-Lehre beim Umzugsunternehmen Welti-Furrer begann: «Die Hälfte meiner Lehrzeit habe ich im HR-Direktionssekretariat gearbeitet.» Als Assis­tentin der HR-Direktorin habe sie Einblicke in das HR erhalten, die man normalerweise in einer Lehre nicht habe, zumal das Umzugsunternehmen damals durch schwierige Zeiten gegangen sei. «Wir mussten umstrukturieren und standen vor einer Nachlassstundung.» Beim Lehrabschluss sei ihr bereits mit 20 Jahren klar gewesen, dass sie im HR bleiben wolle.

Dabei sei das KV alles andere als eine freiwillige Berufswahl gewesen: «Eigentlich wollte ich Kosmetikerin werden», gesteht Risola. Ihr italienischstämmiger, etwas konservativer Vater habe sich diesem Wunsch aber vehement widersetzt «Du musst etwas Richtiges lernen», lautete sein Verdikt.

«Als Lehrabgängerin ins HR zu kommen, war schwierig», sagt Risola. «Mir fehlte die Erfahrung.» Nach der Lehre habe sie deshalb zum Einstieg ins Berufsleben für eine Unilever-Tochter telefonisch Teiglinge an Bäckereien verkauft.

Ein Jahr später arbeitet sie für eine Versicherung in Genf, wo sie ihre Französischkenntnisse aufbessert. Als sie in die Deutschschweiz zurückkehrt, sieht die HR-Berufswelt rosiger aus. Im Auftrag des Verkaufsdirektors bei der Mosse Adress AG rekrutiert sie Verkäufer, die auf hundertprozentiger Provisionsbasis arbeiten. «Ich durfte das HR bei der Vorselektion unterstützen und einzelne Gespräche führen.» So sei sie in die Rekrutierung gerutscht.

Abenteuer und Neuanfänge

Die HR-Thematik lässt sie nicht mehr los. Beim familiengeführten Handelsunternehmen Sipro Siderprodukte AG übernimmt sie als Geschäftsleitungsassistentin einige HR-Aufgaben, wickelt die gesamte HR-Administration ab und kümmert sich um Rekrutierungen. Vom damaligen Patron erhält sie eine Carte blanche, um auch Neues auszuprobieren. Daneben nimmt sie an Management-Meetings teil, in denen die strategische Unternehmensentwicklung diskutiert wird. Die Mitgestaltungsmöglichkeiten erweisen sich allerdings zunehmend als limitiert.

So zeichnet sich Ende 2000 ein Wechsel ab, als der Internet-Hype viele Start-ups auf den Plan ruft, wovon ebenso viele bereits ein Jahr später wieder in der Versenkung verschwinden: So auch das Start-up Qualiklick, das von ehemaligen Mitarbeitenden der Mosse Adress AG mitgegründet wird. Noch ist diese Entwicklung nicht abzusehen, als Diana Risola im Dezember 2000 ihre Stelle antritt und die Firmengründer im HR in organisatorischen Belangen unterstützt. Das Abenteuer währt gerade mal neun Monate. Bereut hat sie den Schritt in die Start-up-Welt trotzdem nicht. «Es war eine intensive und lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte.»

Ein Neuanfang steht an und zeitgleich eine Weiterbildung zur Personalfachfrau. «Ich brauchte das Papier zu meinen HR-Erfahrungen.» Mit 28 gelingt ihr der Einstieg beim Flughafen Zürich als Leiterin der Lehrlingsausbildung, wo sie 20 Lernende betreut, die unterschiedlichste Berufe erlernen: vom KV zum Informatiker, Gärtner, Automechaniker bis hin zum Reinigungsfachmann oder Betriebspraktiker. Den jungen Menschen fühlt sie sich nahe: «Aufgrund meines Alters konnte ich bei vielen Themen mitreden.»

Gleichzeitig habe sie gelernt, konsequent zu sein und unpopuläre Entscheide zu treffen, etwa bei Lehrabbrüchen. «Ich musste lernen, die Perspektive des anderen einzunehmen.» Besonders dann, wenn unterschiedliche Ansprüche aufeinander geprallt sind. So hätten die Jugendlichen schon damals nicht mehr einfach so alles ausgeführt. Diese «Diskussionskultur» sei ihr etwas fremd gewesen. «Als Lernende war ich es gewohnt, das zu tun, was man mir sagte.»

Zur Person

Diana Risola (44) wächst in Oerlikon als Tochter eines italienischstämmigen Vaters und einer Schweizer Mutter auf. 1990 beginnt sie eine kaufmännische Lehre bei der Umzugsfirma Welti-Furrer und erhält erste Einblicke ins HR. Zunächst arbeitet sie als Sachbearbeiterin, bevor sie zu einer Versicherung in Genf wechselt. In verschiedenen Assistenzstellen eignet sich Diana Risola weitere HR-Kenntnisse an, bevor sie in einem Start-up die Personaladministration übernimmt. Risola absolviert eine Weiterbildung zur Personalfachfrau und wird 2001 Leiterin Lehrlingsausbildung beim Flughafen Zürich. 2004 unternimmt sie eine viermonatige Südamerika-Reise und tritt im selben Jahr bei der Bertelsmann Group die Stelle als HR-Leiterin an. Zeitgleich bildet sie sich zur Leiterin Human Resources weiter. Im Juni 2006 übernimmt sie bei Sony Europe für sieben Jahre die Schweizer HR-Leitung, wird Mitglied der Geschäftsleitung und bringt in dieser Zeit ihre beiden Kinder zur Welt. Nach ihrem Mutterschaftsurlaub wird Sony restrukturiert, ihre Stelle wird abgebaut und das HR nach Istanbul verlagert. Risola wechselt zu Philips Schweiz AG, wo sie seit August 2013 als Head of HR und Mitglied der Geschäftsleitung wirkt.

Midlife-Crisis mit 30

Während viele Mitvierziger nachholen, was sie meinen, versäumt zu haben, gerät Diana Risola bereits mit 30 Jahren ins Grübeln: «Ich war nie gereist.» Mit Blick auf eine spätere Familiengründung zögert sie nicht lange. Sie kündet ihre Stelle beim Flughafen Zürich und organisiert innerhalb eines Monats eine Reise nach Venezuela, die sie auf einer viermonatigen Tour der Gegensätze quer durch den Dschungel zu einem Strassenprojekt und in ein Hotel auf dem Traumarchipel Los Roques führt. Zurück in der Schweiz steht der nächste Karriereschritt an: Diana Risola wird HR-Leiterin beim Inkasso-Unternehmen Bertelsmann und bildet sich zur HR-Leiterin weiter. Sie übernimmt die HR-Aufgaben von einer Assis­tenz, die das HR nebenbei betrieben hatte, und baut dieses strukturiert Stück für Stück unter der Leitung des neuen Geschäftsführers auf. Diese Spielwiese wird ihr jedoch bald zu klein.

Global denken, lokal handeln Ihr Wunsch nach mehr Mitbestimmung und Kommunikation auf Augenhöhe erfüllt sich bei Sony Electronics, wo Diana Risola 33-jährig als Head of Human Resources Einzug in die Geschäftsleitung hält. Global denken, lokal handeln wird zu ihrer Maxime in einem überschaubaren Unternehmen mit internationaler Ausrichtung.

Es sind turbulente HR-Zeiten, denn im schrumpfenden Consumer-Electronics-Markt gewinnen HR-Themen wie Personalentwicklung, Talentgewinnung und Leadership an Gewicht. Dabei habe sie gemerkt, wie wichtig das Thema Führungscoaching sei. «Ich wollte als HR Business Partner agieren, die Führungskräfte unterstützen und dabei Neues ausprobieren.» Am Coaching hält sie fortan fest und bildet sich stetig weiter. Dennoch verstehe sie sich nicht als klassischer Coach. «Ich bin zu ungeduldig.» Statt jemanden mit stetigen Fragen zum Ziel zu führen, bevorzugt sie eine Mischung aus Coaching-Fragen und Mentoring.

Hochkochende Emotionen

2010 und 2012 bringt sie zwei Kinder zur Welt. Nach einer fünfmonatigen und einer beinahe einjährigen Berufspause, die Sony mit Ad-Interim-Stellvertretungen überbrückt, folgt eine tiefgreifende Reorganisationsphase. Supportfunktionen wie das HR werden in ein Service-Center in Istanbul verlagert.

Bon gré, mal gré setzt Diana Risola diese Vorgaben um, «obwohl ich wusste, dass es für mich dann keine Beschäftigungsmöglichkeit mehr gibt». Eine anspruchsvolle Zeit, in der sie lernt, «Know-how zu vermitteln und mit hochkochenden Emotionen umzugehen».

Nach getaner Arbeit wechselt sie 2013 als Head of Human Resources zu Philips, «weil ich dort ein ähnliches Unternehmen mit einer überschaubaren Mitarbeiterzahl in einem internationalen Umfeld vorgefunden habe, das dennoch lokal getrieben ist». Dort will sie vorläufig weiterhin wirken und künftig mit ihrem Team gemeinsame Erfolge wie die erfolgreiche Friendly-Work-Space-Zertifizierung feiern.

Philips Schweiz

Philips Schweiz gehört zum weltweit tätigen niederländischen Konzern Philips, der sich als führender Anbieter von Gesundheitstechnologien versteht. In der Schweiz beschäftigt das Unternehmen 240 Mitarbeitende an den Standorten Zürich, Gland und Zofingen.

 

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Redaktorin HR Today

cp@hrtoday.ch

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