HR Today Nr. 10/2017: Porträt

Der Sterbebegleiter

Stéphane Haefliger gehört zu den profiliertesten HR-Stimmen der Romandie. Jüngst hat er ein Buch veröffentlicht, worin er den Konkurs seines Ex-Arbeitgebers – der Banque Privée Espírito Santo – aufarbeitet. Heute ist er HR-Chef bei der Compagnie Bancaire Helvétique, die Teile der Konkursmasse übernahm.

Stéphane Haefliger hat eine lange Durststrecke hinter sich. Der Walliser gilt als eine der prominentesten Persönlichkeiten der Westschweizer HR-Community und hat sich als Dozent, Kolumnist und Netzwerker einen Namen gemacht. Doch Ende 2014 ist er plötzlich vom Medienradar verschwunden.

Die Funkstille ist eng mit dem skandalumwitterten Konkurs seines ehemaligen Arbeitgebers, der Banque Privée Espírito Santo (BPES), verbunden. Eine düstere Affäre mit gefälschten Konten und toxischen Vermögenswerten, die am Ende auch Stéphane Haefliger die Stelle kostete. Nach neun Jahren loyaler Dienste wurde ihm auf einen Schlag der Boden unter den Füssen weggezogen. «Im schlimmsten Moment der Krise – als alle versuchten, vom sinkenden Schiff zu springen – beschloss ich, das sterbende Unternehmen bis zum Ende zu begleiten», erinnert er sich bei einem Besuch in seinem Einfamilienhaus in Saxon (VS).

Stéphane Haefliger hat seine Erfahrungen unter anderem auch als Kolumnist der französischsprachigen Version von HR Today mit spitzer Feder dokumentiert und dabei stets einen distanziert-reflexiven Blick auf die HR-Berufspraxis bewahrt. Daraus ist nun ein Buch entstanden. – Was animiert ihn zum Schreiben? «Zunächst einmal die Freude. Ich habe ähnlich viel Spass am Schreiben wie am Reisen und an Begegnungen mit Menschen. Zudem gehöre ich zu einer Generation, die durch das Buch gebildet wurde.»

In seinem neusten Werk sind diejenigen Passagen, welche die Folgen der Stilllegung des Unternehmens auf die körperliche Verfassung der Mitarbeiter beschreiben, besonders eindrücklich. Die Erzählung ist dramatisch und lustig zugleich. «In Extremsituationen kann der Körper Schmerz und Stigmatisierungen mit einer unerhörten Gewalt zum Ausdruck bringen. Einer hat vorübergehend seine Sehkraft verloren, ein anderer fing an, leicht zu hinken, und ein Dritter konnte nicht mehr schlafen.» Er selber gesteht, bei diesem Höllenritt mehr als zwanzig Kilo zugenommen zu haben. Die hat er inzwischen wieder verloren – auf langen Wanderungen in seinem heimatlichen Wallis und bei Salattellern mit Mineralwasser.

Emotionale Schocks

Doch das Physische war nur die eine Seite. Auch die mentale Verfassung hatte gelitten. «Wir haben alle wiederholt starke emotionale Schocks einstecken müssen. Während mehrerer Monate haben wir gleichzeitig Phasen der Trauer, der Hyperaktivität und der Angstanfälle durchlebt – das Ganze in Arbeitstagen, die nicht enden wollten.»

Dennoch harrte Stéphane Haefliger aus und gab nicht auf. «Ich bin aus einer Mischung von Affekt und Loyalität geblieben. Ich habe die Organisation zutiefst geliebt. Es war mir unvorstellbar, wie der Kapitän der Concordia von Bord zu gehen. Zumal ich neben der HR-Arbeit auch noch die Aufgaben des Mediensprechers übernommen hatte. Mit Abstand betrachtet, wäre ich mit Vorteil vorsichtiger gewesen. Es fühlte sich an, wie in eine Autowaschanlage geraten zu sein – bloss ohne Wagen», erinnert er sich mit einem ironischen Lächeln.

Wirkungslose HR-Prozesse

Dabei blickt er nicht verbittert zurück. Wenn er überlebt habe, dann dank seiner Fähigkeit, die Situation aus der Sicht des Soziologen zu betrachten. Er ist auch nicht zurückgekehrt, um mit der Vergangenheit abzurechnen. Im Gegenteil. Sein Buch gibt Anekdoten von Männern und Frauen wieder, die Qualen überwunden haben. «Im Moment des Konkurses wurden die Ressourcen augenblicklich weniger, während das Volumen der Aufgaben anstieg. Ich habe Mitarbeiter gesehen, die über sich hinauswuchsen und mit Erfolg Funktionen übernahmen, die weder ihrer Ausbildung noch ihrem Salär entsprachen.» Diese Praxiserfahrungen haben seine Kritik am HR-Handwerk genährt: «Ich konnte die Wirkungslosigkeit der klassischen HR-Prozesse beobachten. Deshalb plädiere ich heute für mehr Mut im Recruiting, mehr Risikobereitschaft bei Job-Mutationen und mehr Erfindergeist bei den Karrieremobilitätsplänen. Die aktuellen HR-Prozesse rufen Kastrationsängste hervor und sind rückwärtsgewandt. Sie leugnen das Allerwichtigste: das Potenzial des Individuums.»

Zwischen den Zeilen kommt hervor, dass diese schleichende Agonie viele Masken fallen liess. Haefliger stimmt zu: «Ja klar. Solche Prüfungen entlarven die Menschen. Es gab viele – jüngere und auch weniger junge – die bei der ersten Erschütterung von Bord gesprungen sind. Aber man kann es ihnen nicht verübeln. Sie dachten an ihre Familienleben, Hypotheken und Leasingverträge. Andere verabscheuten das Chaos oder wollten mit dem Debakel nicht in Verbindung gebracht werden. Das kann ich auch verstehen.»

Managementlektion

An dieser Stelle geht Haefliger nicht weiter auf die Affäre ein, um zu einer Managementlektion anzusetzen: «Die Retentionspläne haben einen bescheidenen Effekt, trotz monatlich gesteigerten Prämien und einer garantierten Anstellung hat es der grösste Teil der betroffenen Mitarbeiter vorgezogen, den Job aufzugeben.» Sein Schluss: «Die Stabilität der Arbeitsumgebung, eine gesunde Unternehmenskultur und ein inspirierendes Management, das sind die wahren Retentionsfaktoren. Der Rest ist nichts anderes als schlechte Flughafen-Literatur.»

Doch kommen wir auf den Ausgang der Affäre zurück: Im September 2014 wird bekannt, dass die gesunden Aktiven der BPES von der Compagnie Bancaire Helvétique (CBH) übernommen würden. Stéphane Haefliger ist am Ende seiner Kräfte. Er hat seine ganze Energie in die Sterbebegleitung der BPES investiert. Seine professionelle Zukunft scheint gefährdet zu sein. «Um 23.30 Uhr hatte ich in meiner Funktion als Unternehmenssprecher die Pressemitteilung redigiert, welche die Übernahme ankündigen sollte. Am nächsten Tag rief mich der CEO der CBH an und bot mir den HR-Chefposten an.»

Der Lohn für seine Opferbereitschaft? «Ich habe viel gelernt in dieser Zeit und habe dabei auch einige Illusionen verloren. Ich kenne die Schwierigkeiten des HR-Geschäfts seither um einiges besser. Im Moment des Konkurses haben sich Freundschaften zerschlagen. Allianzen sind auseinandergebrochen. Die entlassenen Mitarbeiter werden in einer solchen Situation zu Gläubigern der Konkursmasse. Bis zu diesem Moment wird man geschätzt. Danach hassen sie dich. Auf einem sinkenden Schiff zieht man alle Befürchtungen, Ängste, Kritik und Unzulänglichkeiten der Organisation auf sich. Man wird von der Situation quasi erschlagen.»

HR als Stratege und Zauberlehrling

Da stand er also, neu etabliert in der Position des HR-Chefs. Sein neustes Buch beginnt denn auch mit einer Serie von Kurztexten, die HR-Managern dabei helfen dürften, ihre eigene Position zu verankern. «Ich verstehe mich als interner strategischer Partner, der inneren Zusammenhalt und Sinn generiert. Das bedeutet, dass HR immer einen kritischen Blick auf das eigene Tun behalten sollte – wie ein Zauberlehrling, dessen magische Gedanken sich ständig um sein Handwerk drehen», meint Haefliger schmunzelnd. «Etwa bei der Art und Weise, wie Coaching betrieben wird. Indem sie Coaches instrumentalisieren, versuchen Unternehmen, Dysfunktionalitäten der Organisation auf den Mitarbeiter abzuwälzen.»

Nicht zuletzt deshalb sagt Haefliger der aktuellen Forderung nach «Transparenz um jeden Preis» ein Ende voraus und sieht ein Comeback der Intimsphäre herannahen. «Mit den Managementtechniken, welche die Intimsphäre der Mitarbeiter anzapfen, hat man es zu weit getrieben.» Nicht zuletzt deshalb kämpft er auch für eine Rückkehr der Geisteswissenschaften in die Managementschulen.

Zur Person

Stéphane Haefliger wächst als Sohn eines Gemüsehändlers in Saxon (VS) auf. Statt das Familiengeschäft zu übernehmen, entscheidet er sich für ein geisteswissenschaftliches Studium der Soziologie, Psychologie und Ethnologie an der Universität Lausanne. Nach dem Berufseinstieg bei der Waadtländer Kantonalbank wird er persönlicher Berater der Waadtländer Regierungsrätin Jacqueline Maurer und wechselt nach drei Jahren zu KPMG, wo er mit HR in Berührung kommt. 2006 wird er HR-Chef der portugiesischen Privatbank Espírito Santo – die 2014 aufgrund von ruinösem Missmanagement Konkurs anmelden muss. Haefliger wickelt den Konkurs ab und wird 2015 HR-Chef der Privatbank Compagnie Bancaire Helvétique, die Teile der Konkursmasse übernimmt. 2017 erscheint sein Buch «RH et manger, levez-vous! Vie et mort des organisations», das unter anderem auf Kolumnen basiert, die er für die französischsprachige Version von HR Today verfasst hat.

Haefliger hat sein neustes Buch seinen Eltern gewidmet. Sein Vater Antoine Haefliger führte in Saxon ein Früchte- und Gemüsegeschäft. Seine Mutter Josiane half ihm dabei. «Ich war dafür vorgesehen, den Familienbetrieb zu übernehmen», erzählt Haefliger. Von seinem Vater erbte er die Kontaktfreude zu Menschen. Von der Mutter, der Tochter eines Volksschullehrers, Strenge und Genauigkeit. Er war bereits in jungen Jahren sehr belesen. Nach der Matura in St-Maurice, schrieb er sich an der Universität Lausanne für ein Wirtschaftsstudium ein, wechselte aber schnell in die Soziologie, Psychologie und Ethnologie. Bereits mit zwanzig Jahren verlor er seinen Vater. «Zum Glück hatten wir noch die Gelegenheit, über meine Zukunft zu sprechen. Ich habe ihm von meinem Wunsch erzählt, das Studium fortzuführen. Er hat das akzeptiert, obwohl der Clan die Hoffnung hatte, dass ich den Familienbetrieb übernehmen würde.»

Von Karl Marx zu KPMG

Die akademische Arbeit begeisterte ihn. Er verfasste soziologische Abhandlungen, die das Zusammenspiel von Macht, Kommunikation und Management reflektierten. Nach dieser Auseinandersetzung mit Sozialphilosophen wie Pierre Bourdieu oder Karl Marx stieg er bei der Waadtländer Kantonalbank ein. «Das war meine erste Begegnung mit dem Ernst des Berufslebens.» 1999 wurde er von Jacqueline Maurer, der ersten Frau im Regierungsrat des Kantons Waadt, zum persönlichen Berater ernannt und wirkte während drei Jahren als deren Ghostwriter. 2001 wechselte er zu KPMG, wo er das gnadenlose Beratergeschäft kennenlernte. Sechs Jahre später, von 65-Stunden-Wochen im HR-Handwerk abgehärtet, wurde er 2006 angefragt, das HR bei der Privatbank Espírito Santo zu reorganisieren. Er ging beherzt an Bord ...

CBH Compagnie Bancaire Helvétique

Die CBH Compagnie Bancaire Helvétique ist eine auf die Vermögensverwaltung spezialisierte Schweizer Privatbank mit Sitz in Genf. Ende 2015 beschäftigte sie 163 Mitarbeiter und verwaltete 6,49 Milliarden Schweizer Franken Kundenvermögen. Die Bank verfügt über Niederlassungen in Zürich, St. Moritz, Nassau (Bahamas), London, Hongkong, Tel Aviv und Luxemburg.

 

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