Unternehmenskultur

Gesundheit als ökonomische Grösse in Unternehmen verankern

Eine Rendite zu erwirtschaften ist der Existenzzweck einer Organisation, aber nicht der Sinn des Handelns der Führungskräfte und der Beschäftigten. In der dominanten, ökonomischen Denkweise steht nicht der Mensch im Vordergrund, obwohl «das menschliche» die Basis für den Unternehmenserfolgs ist. Der Schlüssel für erfolgreiche Unternehmen sind nicht Managementsysteme, sondern authentische Haltungen.

In der heutigen Zeit spiegelt sich unser Selbst mehr und mehr in einer virtuellen Welt. Die kleinste Regung wird sofort in einem Selfie festgehalten, gepostet, getwittert oder als Video hochgeladen. Wir sind pausenlos bemüht, uns im Spiegel der anderen zu optimieren und uns in immer neuere Rollen zu zwingen. Dabei sollten wir uns die Frage stellen, wer wir wirklich sind. Authenthisch zu sein erfordert bei vielen einen hohen persönlichen Einsatz, was häufig auf einer Dissonanz zwischen gezeigten und den tatsächlich erlebten Gefühlen beruht. Deshalb ist es von grosser Bedeutung, die eigene Gefühlswahrnehmung zu schärfen und zu lernen, dass eine angemessene Äusserung der Gefühle eine zentrale Rolle spielt. Hilfreich dabei ist ein kollegiales Feedback, Begleitung oder Supervision.

Lernen am Modell

Dadurch wird Authentizität ausgestrahlt, die ein Lernen am Modell ermöglicht: Das heisst, der Mensch lernt von Vorbildern wie Vorgesetzten oder Kollegen und ahmt deren Verhalten nach, wenn es für ihn zum gewünschten Erfolg führt. Nachahmung kann auch auf neurobiologischer Ebene in Form eines unbewussten Resonanzsystems erfolgen, welches Gefühle und Stimmungen anderer Menschen im Gehirn des Empfängers zum Erklingen bringt. Die sogenannten Spiegelneuronen reagieren sogar, wenn jemand eine Handlung nur beobachtet. Jeder von uns kennt das: Das Gegenüber beginnt zu gähnen und wir gähnen mit. Auf neurobiologischer Ebene geht die Wissenschaft heute davon aus, dass das Gehirn des Erwachsenen kein starres, fix verdrahtetes Organ darstellt, sondern bis ins hohe Alter veränderbar ist. Neu gewonnene Erfahrungen und Lernprozesse bauen neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen auf und lassen uns wachsen und lernen.

Stress mindert die Lernfähigkeit

Es gibt aber auch eine Störung dieses Vorgangs: Stress mindert die Neuroplastizität und eine gestörte Neuroplastizität wird als möglicher Auslöser für psychische Erkrankungen angesehen.Stressfolgekosten machen bereits heute alleine in der Schweiz pro Jahr rund 10 Milliarden Schweizerfranken aus und werden gemäss WHO-Prognose bis 2030 zu den bedeutendsten Krankheitsbildern weltweit zählen. Eine Entwicklung, die für keine Anspruchsgruppe einer Unternehmung einen gangbaren Weg darstellt. Der Privatsektor reagierte, als die UNO sich im Herbst 2015 ein menschzentriertes, neues Leitbild gab: die Sustainable Development Goals (SDGs). Diese Ziele wurden Anfang Februar 2017 in Bern unter Einladung des Global Compact (freiwillige Wirtschaftsinitiative der UNO) das erste Mal öffentlich in der Schweiz diskutiert. Werden positive Beispiele aktiv thematisiert, kann auch die Vertrauenswürdigkeit der Unternehmen profitieren. Unternehmen reagierten auf businessrelevante, externe Kosten bisher wegen hohen gesundheitsbedingten Ausfällen mit betrieblichem Gesundheitsmanagement. Die Gedanken aus dem Management-Klassiker «Lernende Organisationen» von Prof. Dr. Peter Senge werden nicht nur an MBA-Lehrgängen, sondern auch in der Praxis immer relevanter. Lernende Organisationen, wie sie Senge beschreibt, bauen auf Selbstentwicklung, Team-Lernen, mentalen Modellen und gemeinsamen Visionen auf. Daraus geht nach Senge die fünfte Disziplin – das Systemdenken – hervor. Was im Kontext von anspruchsgruppenübergreifenden Partnerschaften zur Erreichung der erwähnten UNO-Ziele zentral wird. Grosskonzerne wenden dieses Wissen zusehends an, während KMUs noch am Anfang stehen. Bodo Janssen – ein Hotelier aus Norddeutschland – geht im Aufbau einer lernenden Organisation solche Wege.

Eine Frage der Haltung

Die Arbeit an der Haltung ist entscheidend, um in Unternehmen bereits existierende Potenziale zu entfalten. Denn diese sind messbar: Bodo Janssen hat in seinem Hotelbetrieb Upstalsboom mit über 600 Mitarbeitern in drei Jahren die qualifizierten Bewerbungen um 500 Prozent und die Weiterempfehlungsrate auf 98 Prozent gesteigert. Der Umsatz hat sich bei steigender Rendite in dieser Zeit verdoppelt, weil Menschenerfolg in Reinkultur praktiziert wird. Zum Beispiel ist ein ehemaliger Chefkoch heute Chefcontroller und die HR-Abteilung wird «Human Potential» genannt und ist mittlerweile siebenmal grösser als die Controllingabteilung, weil eine Vertrauenskultur gelebter Alltag ist. Beim Konzern T-Systems hat sich der auf Blended Learning aufbauende Ansatz von «Corporate Happiness» über die Zeit zum weltweit besten HR-Projekt gemausert. Beide Beispiele bestätigen: Der Faktor Menschenerfolg hilft Organisationen, von innen authentisch zu werden. Es liegt an uns Menschen und Führungskräften, den Gesinnungswandel mit Haltung zu gehen.

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Remo Rusca ist Unternehmer und Gründer der Smart Identity, um für Menschen und Organisationen die Bedeutung einer neuen, smarten Haltung zu vermitteln. Ausserdem ist Rusco Co-Founder, Partner und Verwaltungsrat der Village Office Genossenschaft, welche ein nationales Netzwerk an CoWorking-Spaces für Unternehmen aufbaut.

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Martin Pitterl ist Arzt und Psychologe mit langjähriger, operativer Klinikerfahrung und hat seine Doktorarbeit zu Fragen der Neurobiologie verfasst. Heute bringt Martin Pitterl seine breite medizinische und psychologische Erfahrung als selbständiger Begleiter von Führungskräften und Mitarbeitern sowie Organisationen ein.

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