Nationale Tagung für betriebliche Gesundheitsförderung 2014

Gesundheitsmanagement für jedes Alter

An der nationalen Tagung für betriebliche Gesundheitsförderung vom Mittwoch drehte sich alles ums Thema Gesundheit: Der Stand des Generationenmanagements wurde ebenso beleuchtet wie die psychische Gesundheit von Jugendlichen oder die Bedeutung von Führung und Personalmanagement in Bezug auf eine Gesundheitskultur im Unternehmen.

Im Jahr 1900 kamen auf 100 Erwerbstätige 78 Personen, die jünger als 20 Jahre alt waren, und nur zehn waren über 65. Heute sind 28 Erwerbstätige jünger als 20, aber bereits 33 älter als 65: Der Altersquotient hat sich verdreifacht, der Jugendquotient mehr als halbiert. Dabei gestaltet sich die Situation in der Schweiz noch durchaus komfortabel: In Europa belegt sie mit 72 Prozent einen Spitzenplatz bei der Erwerbsquote älterer Mitarbeiter – in der EU sind durchschnittlich nur 58 Prozent der Personen über 50 erwerbstätig. Zudem treten die Schweizer Erwerbstätigen immer später aus dem Erwerbsleben aus und ein Drittel arbeitet sogar noch im AHV-Alter, meist Teilzeit und selbständig. «Die Bereitschaft, im AHV-Alter unter bestimmten Bedingungen weiterzuarbeiten, steigt», erläutert Martina Zölch, Institutsleiterin der Hochschule für Wirtschaft FHNW.

Die Professorin stellte an der neunten nationalen Tagung für betriebliche Gesundheitsförderung vom Mittwoch erstmals ihre Studie unter dem Titel «Der demografische Wandel bewegt die Schweizer Arbeitswelt» der Öffentlichkeit vor. Der demografische Wandel ist mit ein Grund für den Fachkräftemangel; in der Schweiz arbeitet über ein Drittel der Erwerbstätigen in Berufen, die in Verdacht stehen, vom Fachkräftemangel betroffen zu sein. Die Wirtschaft muss handeln – was sie auch tut, wie Martina Zölch in ihrem Vortrag ausführt: Bund und Kantone, aber auch Verbände und Netzwerke haben die Problematik erkannt und Initiativen lanciert.

Wie Zölchs Forschung weiter zeigt, bleibt jedoch noch viel zu tun, gerade in Unternehmen: In der Personalpolitik ist Generationenmanagement meist kein Thema und die Bedeutung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) ist zu wenig im Fokus. Zudem kommt es oft zu Altersdiskriminierung. Einen massgeblichen Einfluss auf den Erhalt der Arbeitsfähigkeit von (älteren) Mitarbeitenden haben Führungskräfte; diese sind sich aber ihrer wichtigen Rolle noch zu wenig bewusst, moniert die Studienleiterin. «Viele Unternehmen sind für die Folgen des demografischen Wandels sensibilisiert, doch die Umsetzung von Massnahmen hinkt hinterher», sagt Martina Zölch. Gerade in KMU fehlten oft die Ressourcen, um sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. «Die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) hat bislang nicht den Stellenwert, die ihr angesichts der demografischen Herausforderungen zukommt», fasst sie ihre Erkenntnisse zusammen. «Die Zusammenhänge zwischen Fachkräftemangel und BGF werden von Unternehmen bislang noch zu wenig gesehen.»

Psychische Gesundheit bei Jugendlichen

Mit dem Thema «Psychische Gesundheit von Jugendlichen» befasste sich Fabienne Amstad, Co-Leiterin Psychische Gesundheit von Gesundheitsförderung Schweiz. Pantomimisch unterstützt wurde ihr Vortrag vom Schauspieler und Theaterlehrer Fabian Gysling (vgl. auch Bildergalerie oben). Fabienne Amstad erläuterte den Begriff «Jugend» und erklärte, welche Entwicklungsaufgaben in dieser Zeit anfallen, etwa die Entwicklung einer eigenen Identität und eines eigenen Wertesystems oder den Aufbau sozialer Kompetenzen und deren Bedeutung für den beruflichen Kontext.

Was in der Jugend ebenfalls passiert, ist die Entwicklung von psychischen Störungen: «Die Hälfte aller psychischen Erkrankungen beginnen bereits im Alter von unter 14 Jahren», sagt die Expertin. Schon im Jugendalter treten Angst- und affektive Störungen wie Depressionen auf, ADHS oder Missbrauch von Substanzen. Die Zahlen rütteln auf: 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung erlebt mindestens eine diagnostizierbare psychische Störung pro Jahr, 40 bis 50 Prozent einmal im Leben. Psychische Störungen kosten in der Schweiz schätzungsweise elf Milliarden Franken pro Jahr. Im Vergleich zu den anderen Altersgruppen sind die 15- bis 24jährigen Erwerbstätigen überdurchschnittlich häufig gestresst, was sich ebenfalls negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt. Dem will Gesundheitsförderung Schweiz mit dem Gesamtprojekt Companion entgegenwirken: Ziel ist die Förderung der psychischen Gesundheit bei Jugendlichen im Berufsalltag.

Wandel kann nur top-down gelingen

«Ohne Fühungsinstrumente und Personalmanagement lässt sich keine Gesundheitskultur in einem Unternehmen verankern.» Das ist die Quintessenz des Vortrags des emeritierten HR-Professors Norbert Thom zum Thema Gesundheitskultur. Der ehemalige Direktor des Instituts für Organisation und Personal (IOP) der Universität Bern führte ebenfalls aus, dass durch psychische Erkrankungen hohe Kosten entstehen – für die Volkswirtschaft wie auch die Unternehmen. Deshalb brauche es ein Gesundheitsmanagement in Unternehmen: Einerseits, um die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu stärken, andererseits aber auch, um ihre Leistungsbereitschaft zu steigern.

Für die Umsetzung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements sei es essentiell, die betriebliche Gesundheitspolitik mit der Unternehmens- und Personalpolitik zu koppeln. Häufig würden jedoch nur einzelne Projekte umgesetzt, die nicht in der Unternehmenskultur verankert seien. Kulturelle Veränderungen in Organisationen gelten allerdings als die schwierigste und langwierigste Form des organisationalen Wandels und können nur von oben nach unten gelingen: Führungspersonen können die Kultur aktiv beeinflussen. Eine grosse Bedeutung komme dabei dem Personalmanagement zu, wie Norbert Thom betont. Die Qualität der Führung hat den grössten Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden. Deshalb brauche es ein angemessenes Personalmanagement mit einer angemessenen Beeinflussung des Führungsverhaltens, um eine Gesundheitskultur im Unternehmen zu entwickeln und verankern.

Weitere Infos: www.gesundheitsfoerderung.ch/tagung

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