Studie

Schweizer Arbeitgeber: Zweiklassengesellschaft beim Online-Auftritt

Viele Schweizer Arbeitgeber scheinen noch nicht bereit für den Kampf um Talente. Zu diesem Schluss kommt die Studie Arbeitgeberauftritt.ch. Sie hat den Online-Auftritt der 100 grössten Arbeitgeber in der Deutschschweiz untersucht – mit durchzogener Bilanz.

In vielen Berufen mangelt es heute an Nachwuchs. Babyboomer blicken der Pension entgegen, die Masseneinwanderungsinitiative drosselt schon bald den Zugang von europäischen Fachkräften. Vor diesem Hintergrund wird das professionelle Werben um die Arbeitskräfte auf dem Schweizer Arbeitsmarkt immer wichtiger.

Die erstmals für die Schweiz aufgelegte Studie Arbeitgeberauftritt.ch untersuchte den Online-Auftritt, konkret die Karriere-Websites und Online-Stelleninserate, der 100 grössten und wichtigsten Arbeitgeber in der Deutschschweiz. Geprüft wurden Zugang, Informationsgehalt, Navigation, Design, Interaktion und «Frechmut» anhand von 250 Einzelkriterien. Die Bilanz: durchzogen.

Die Studie zeigt in Sachen Arbeitgeberauftritt eine Art Zweiklassengesellschaft. Während die Top-Gelisteten auf den sich verschärfenden Arbeitskräftemangel mit richtig guter Personalwerbung reagieren, verkennen andere scheinbar deren Wichtigkeit. Mehr als die Hälfte aller Auftritte grosser und wichtiger Schweizer Unternehmen erfüllt nicht die Hälfte der Kriterien.

Viel Swissness an der Spitze

Mit dem Gewinnertrio Migros, Swisscom und Balôise liegen viele Jahre Schweizer Wirtschaftsgeschichte ganz vorne. Das Trio überzeugt laut den Herausgebern der Studie mit gut aufbereiteten Informationen und schafft es, Unternehmenskultur glaubwürdig zu vermitteln. Die drei Unternehmen kommunizieren mit ihren Zielgruppen auf Augenhöhe, nutzen Videos, lassen reale Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen von ihren Erfahrungen erzählen, sind auf Facebook aktiv und betreiben im Fall der Bâloise sogar einen Mitarbeiterblog.

Ebenfalls einen guten Job machen die anderen in den Top Ten platzierten Unternehmen UBS, Zurich Financial Services, Accenture, Hirlanden, Siemens, ABB und die SV Group. Letztere beweist, dass auch in Branchen mit tiefem Lohnniveau stilvoll um den Nachwuchs geworben werden kann.

Kantone und Städte zementieren Vorurteile gegenüber «Verwaltung»

Die 16 untersuchten Kantone und Städte schneiden laut den Herausgebern der Studie «richtig schlecht» ab. Das Design ihrer Karrierewebsites wirke «wie aus Zeiten, als das Internet laufen lernte». Obwohl sie grosse Arbeitgeber mit teilweise über 30‘000 Mitarbeitern und einem riesigen Rekrutierungsbedarf sind, landeten sie fast durchs Band im letzten Viertel des Rankings. Nur der Bund kann mit seinem Auftritt und einem Platz im ersten Drittel überzeugen.

Spitäler verschlafen Fachkräftemangel

Nur 6 der 16 untersuchten Spitäler sind in der oberen Hälfte des Rankings platziert. Institutionen wie das Kantonsspital Aargau, das Universitätsspital Zürich oder die Solothurner Spitäler haben die Zeichen der Zeit erkannt – die Privatklinikgruppe Hirslanden bringt es gar in die Top Ten. Sie überzeugen mit Informationen und Einblicken in den Spitalalltag. Am anderen Ende der Skala brauchen laut den Herausgebern der Studie sechs grosse Spitäler «ganz akut eine Infusion gegen Schlafkrankheit» – sie finden sich unter den letzten 30 Plätzen im Ranking wieder. Viele würden auf ein veraltetes Set an PDFs oder auf Nichtinformation setzen. Das schlechte Abschneiden vieler Spitäler überrascht angesichts des harten Wettbewerbs in den Gesundheitsberufen.

Luft nach oben bei Mobile, Video, Bild und Social Media

Fast die Hälfte der Unternehmungen locken ihre Interessenten in mobile Sackgassen. Ihre Websites (40 Prozent) und Stelleninserate (49 Prozent) sind nicht für die Ansicht auf den Screens der Smartphones und Tablets optimiert. Das vereinfachte Bewerben direkt aus dem Smartphone ist erst bei 25 Prozent der Firmen möglich.

Auf Facebook tummeln sich mittlerweile über 3 Millionen Schweizerinnen und Schweizer. Aber nur jedes dritte Unternehmen nutzt diesen Kanal für seine Aussendarstellung und den Dialog mit potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern. Immerhin nutzen 65 Prozent der Schweizer Unternehmen mittlerweile die Business-Netzwerke Xing und Linkedin.

Studien zeigen, dass die Bewerbungsabsicht steigt, wenn Jobs mit Videos beworben werden. Geschichten aus der Arbeitswelt in den Unternehmen, erzählt von richtigen Mitarbeitenden, werden von den Interessierten als speziell glaubwürdig wahrgenommen. Trotzdem nutzt nur die Hälfte der untersuchten Schweizer Arbeitgeber bewegte Bilder, um zu bewegen.

Auch die Bildsprache auf den Websites ist laut der Studie verbesserungswürdig. Fast die Hälfte (43 Prozent) der Schweizer Arbeitgeber würden auf unpersönliche, kalt wirkende «Musterfotos» setzen oder ganz auf Bilder ihrer Mitarbeitenden verzichten. Bei den Städten und Kantonen sind es gar über 60 Prozent.

Der «War for Talents» ist oft Begründung – oder Ausrede – für unbesetzte Stellen. Ausgetragen wird er laut den Herausgebern der Studie mit den «Waffen unserer Grossväter».

Arbeitgeberauftritt.ch

Wie gut nutzen die wichtigsten Arbeitgeber in der Schweiz das Internet für eine Personalwerbung, die bei den Talenten richtig Lust darauf macht, sich zu bewerben? Professor Dr. Wolfgang Jäger untersucht diese Frage seit 10 Jahren in Deutschland. Zusammen mit dem Schweizer HR-Spezialisten Jörg Buckmann hat er nun auf der Basis des Studiendesigns aus Deutschland erstmals untersucht, wie es um die Personalwerbung von Schweizer Unternehmen im Internet steht.

 

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Online-Redaktorin HR Today

af@hrtoday.ch

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Jörg Buckmann unterstützt Unternehmen, Behörden und Spitäler bei deren Positionierung auf dem Arbeitsmarkt und in Fragen rund um HR-Kommunikation und Personalmarketing. Er betreibt den Blog buckmanngewinnt. www.mehrblickzuerich.ch

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