Arbeitssucht schadet dem Unternehmen

Arbeitssucht kann Unternehmen teuer zu stehen kommen. In einer Studie haben sich erstmals Arbeitssüchtige aus dem deutschsprachigen Raum dazu geäussert.

Unternehmen werden immer häufiger damit konfrontiert, dass Mitarbeiter und Manager durch ihre ausgeprägte persönliche Fixierung auf die Arbeit auffallen und sich dadurch erheblich von ihren Kollegen distanzieren. Es handelt sich hierbei um das Phänomen Arbeitssucht. Diese Form der Sucht ist eine zwanghafte und krankhafte Fixierung auf die Arbeit. Und sie kann zu erheblichen Kosten für Unternehmen führen.

Workaholic und stolz drauf

Die Möglichkeit, dass Arbeit krank machen könnte, war vor 20 Jahren noch indiskutabel – obgleich das Klagen über die permanent steigende Arbeitsbelastung zum guten Ton gehörte: Scheinbar beiläufig hoben Mitarbeiter hervor, wie viele Arbeitsstunden sie am Tag oder am Wochenende leisteten, wie abgehetzt sie von einem Termin zum nächsten rennen. Das englische Synonym «Workaholic» war positiv behaftet: Man sprach in der Öffentlichkeit in der Regel scherzhaft, fast stolz darüber, ein Workaholic zu sein.

Niemand wollte aber darüber sprechen, dass er aufgrund der hohen Arbeitsbelastung Schlafprobleme hat, weil seine Gedanken ständig um die Arbeit kreisen und es ihm schwer fällt abzuschalten. Oder dass er womöglich unter permanenten Kopfschmerzen, Erschöpfungszuständen, Bluthochdruck, Angstzuständen oder Depressionen leidet.

Vielerorts kein Tabuthema mehr

Spricht man heute das Thema Arbeitssucht in Unternehmen oder HRM-Gremien an, diskutieren die Anwesenden sofort über die Krankheitssymptome und die negativen Auswirkungen auf die Betroffenen und die Unternehmen. Auch die Betroffenen selber trauen sich heute zunehmend, Hilfe zu suchen. Dies zeigt etwa die drastisch gestiegene Anzahl der Gruppen «Anonyme Arbeitssüchtige». Sie sind heute in Deutschland in 28 Städten (2007 waren es noch 23 Städte), in Österreich in 4 Städten und in der Schweiz einmal vertreten.

Auch die gestiegene Anzahl an Fachkliniken, die Arbeitssucht als Krankheit verstehen und therapieren, setzt ein deutliches Zeichen für die fortschreitende gesellschaftliche Akzeptanz der Sucht – obwohl diese noch nicht offiziell als Krankheit anerkannt ist. Gab es vor 15 Jahren in Deutschland lediglich eine Klinik, die Arbeitssucht offiziell im Rahmen einer Therapie behandelte, sind es heute schon 10 Kliniken sowie zahlreiche Psychologen.

Entgrenzung fördert Arbeitssucht

Der Grad zwischen dem veränderten Arbeitsverhalten aufgrund gesellschaftlicher Weiterentwicklung und krankhafter Übersteuerung wird schmaler. Und immer häufiger wird die Grenze zum Krankhaften überschritten.

Die technischen Möglichkeiten und arbeitsorganisatorischen Veränderungen tragen dazu bei, dass die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verwischen. Zuhause Arbeiten, ständige Erreichbarkeit über das Smartphone, flexible Arbeitszeiten, Delegation von unternehmerischer Verantwortung auf die Arbeitnehmerinnen – das alles kann Arbeitssucht fördern. Dafür etwa, dass sie ständig erreichbar sind oder auch am Wochenende «freiwillig» arbeiten, erhalten Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten und Kollegen nach wie vor Anerkennung. Sie bewegen sich dann in einem Arbeitsumfeld, in dem sie ihre Sucht unbehelligt ausleben können.

Dass Workaholismus ein ernstzunehmendes Problem für Unternehmen darstellen kann, blenden diese weitestgehend und konsequent aus. Auch keine Aufmerksamkeit in der betrieblichen Praxis oder im Betrieblichen Gesundheitsmanagement findet die Tatsache, dass die betrieblichen Rahmenbedingungen sowie die Führungskräfte bei der Entstehung oder Förderung der Sucht eine Rolle spielen können.

Arbeitssüchtige äussern sich über betriebliche Folgen

In der aktuellen Studie «Unternehmensrisiko Arbeitssucht» haben sich erstmals im deutschsprachigen Raum Betroffene zu den betrieblichen Problemen und Auswirkungen im Zusammenhang mit ihrer Sucht geäussert:

  • «Zeitgerechte Unterstützung durch eine weitere Arbeitskraft. Trotz Anfrage nicht erhalten bzw. zu spät erhalten. Burnout zum Zeitpunkt der Bereitstellung von Unterstützung bereits (zu) weit fortgeschritten.»
  • «Bessere interne Organisation: Ich bin oft krank in die Arbeit gegangen, weil ich wusste, dass Kollegen/innen für mich einspringen mussten, die ohnehin auch überlastet waren.»
  • «Kontrolle meiner Überstunden (350 Überstunden), nicht alle Arbeit auf mich delegieren, Entfristung, um den Befristungsdruck zu senken.»
  • «Mit meinen Problemen wahrgenommen zu werden.»
  • «Gespräche; Verständnis für meine Situation; angemessene/machbare Einsatzmöglichkeit gemeinsam definieren.»

Betriebswirtschaftliche und personalwirtschaftliche Schäden entstehen bereits Monate oder gar Jahre, bevor die Sucht durch einen «Totalausfall» – wie etwa ein Burnout oder Herzinfarkt – des Betroffenen nicht mehr zu verleugnen ist. Sprich: Das arbeitssüchtige Verhalten wirkt sich schon im Anfangsstadium negativ auf die Arbeit aus. Beispielsweise bleiben Aufgaben unerledigt oder Arbeitsprozesse verzögern sich. Aufträge gehen verloren, Fehler und Fehlentscheidungen häufen sich und Termine werden nicht eingehalten.

Die Kontrolle von Kollegen nimmt überhand und die Anzahl der Kündigungen steigt. Der vermeintlich «beste Mitarbeiter» kehrt seinen bisherigen betrieblichen Nutzen in ein kaum kontrollierbares wirtschaftliches Risiko um. Nimmt der Arbeitssüchtige eine Schlüsselposition in der Firma ein, kann sogar die Existenz des Betriebes bedroht sein.

Der unternehmerische Vorsatz muss sein, das Thema Arbeitssucht als Krankheit anzuerkennen, betroffene Arbeitnehmer zu unterstützen und damit gleichzeitig betrieblichen Schaden abzuwenden. Vorbeugen können Unternehmen, indem sie die Problematik der Sucht aktiv in ihr Risikomanagement integrieren und entsprechende Massnahmen daraus ableiten. Bestehende Personalinstrumente können ohne grossen Aufwand die Thematik Arbeitssucht aufgreifen und dabei helfen, arbeitssüchtige Verhaltensweisen erkennen.

Kommentieren0 Kommentare
Ulrike Meissner

Dr. Ulrike Meissner war langjährig als Personalleiterin im internationalen Umfeld tätig und hatte eine Professur für Human Resources Management inne. Heute ist sie als eHR-Dozentin und Trainerin weltweit aktiv.

Weitere Artikel von Ulrike Meissner

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren