HR Today Nr. 9/2018: Im Gespräch

«Gut für dich, 
besser für alle»

Nach einem Burnout stellt Jan Bredack sein Leben auf den Kopf und ernährt sich fortan vegan. Weil sich das als umständlich erweist, gründet er 2011 die vegane Ladenkette Veganz und gibt seinen Topmanagement-Job bei Daimler auf. Am 9. Oktober 2018 berichtet er am ZFU-Unternehmerforum über seine unternehmerischen Erfahrungen.

Jan Bredack, Sie sind Inhaber und Gründer von Veganz, einer veganen Ladenkette und Lebensmittelmarke, die Sie 2011 gegründet haben. Zu Ihrer Firma seien Sie über ein Burnout gekommen, ist Ihrem Lebenslauf zu entnehmen…

Jan Bredack: Ich hatte im Vertrieb von Daimler Benz gerade eine Stelle in Russland angenommen und sollte dort nicht nur ein neues Werk, sondern den ganzen Vertrieb und Service aufbauen. Das wollte ich erst mal durchziehen. Aber dann habe ich mich in der Tretmühle verloren.

Wie das?

Ein Burnout ist nicht, wie viele glauben, auf eine Überarbeitung zurückzuführen. Ein Mensch ist von vielen äusseren Umständen geprägt, die er nicht ohne Weiteres beeinflussen kann. In Konzernen geht es um Macht. Wie gross ist mein Büro? Wo steht das Auto in der Tiefgarage? Wie viele Mitarbeitende habe ich und wie hoch sind meine Budgets? Das sind Werte und Umstände, die man sich schafft. Irgendwann werden die Firma und dieses Wertesystem zum Lebensinhalt und beeinflussen die Lebensenergie. Wenn noch etwas hinzukommt, man Rückschläge erleidet oder einem etwas weggenommen wird, versucht man, das zu kompensieren. Meist mit noch mehr Leistung und Arbeit. So war es jedenfalls bei mir.

Wo stehen Sie heute?

Nach meinem beruflichen Burnout habe ich mein Leben komplett umgestellt. Ich habe eine neue Lebenspartnerin kennengelernt, die damals schon dreizehn Jahre vegetarisch gelebt hatte. Durch sie habe mich mit dieser Ernährungsform auseinandergesetzt. Aufgrund von Literatur sowie Gesprächen mit meinen Kindern und anderen Menschen in meinem Umfeld habe ich festgestellt, dass sich auch diese Ernährungsform mit meinen veränderten Wertvorstellungen nicht deckt. Deshalb habe ich meine Lebensweise vor 2009 auf vegan umgestellt.

Weshalb haben Sie Veganz gegründet?

Noch bevor ich vegan geworden bin, habe ich die Angebote in Supermärkten, Onlineshops und Reformhäusern studiert und im Hinblick auf meine eigenen Bedürfnisse festgestellt, dass es mühsam  und wenig verbraucherfreundlich ist, pflanzliche Produkte einzukaufen. Das brachte mich erstmals auf die Idee, einen veganen Markt zu konzipieren, in dem man alle Lebensmittel für den täglichen Bedarf kaufen kann. Nachdem ich Veganer geworden war und am eigenen Leib spürte, wie aufwendig der Einkauf mitunter ist, war meine Marktstudie in vollem Gang. Ich schrieb einen Businessplan, um die Wirtschaftlichkeit zu prüfen. Danach gings gleich los. Die Entscheidung, die Corporate-Welt  zu verlassen und eine eigene Firma zu gründen, war ein Prozess, der sich über zwei Jahre hinweggezogen hat. Auch wenn es in den Medien manchmal anders dargestellt wird, war ich nicht so mutig, meine ganze Existenz von einem Tag auf den anderen in die Tonne zu hauen. Im Gegenteil: Am Anfang war ich noch Vollzeit bei Daimler beschäftigt, während ich parallel mit einem Team an Mitstreitern die Eröffnung des ersten Veganz-Supermarkts vorbereitete.

Wie kamen Sie zu Ihren Mitstreitern?

Nach der Firmengründung war es für mich unglaublich leicht, intrinsisch motivierte Menschen zu finden, die sich für Veganz einsetzten. Eine grosse Herausforderung waren ihre mangelnden Berufserfahrungen und Branchenkenntnisse. Das hat dazu geführt, dass wir anfänglich eine hohe Fluktuation hatten.

Wie haben Sie diese Situation bewältigt?

Das liess sich nur lösen, indem ich qualifiziertes Personal einstellte. Zwar hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits eine Investorenzusage erhalten, laut meinen Planungen waren aber keine weiteren Mittel für die Beschäftigung von Personal vorgesehen. Ich streckte diese Kosten dann aus privaten Mitteln vor. Dadurch konnte sich Veganz schnell professionalisieren.

Führen Sie Ihre Mitarbeitenden anders als bei Daimler?

Als Unternehmer gebe ich die  Vision stärker vor. Die konkrete Ausgestaltung derselben gebe ich meist ab, wodurch ich auch viel Feedback erhalte, das ich wiederum in meine künftigen Entscheidungen und Planungen miteinbeziehe. Ich freue mich immer wieder, mit meinen Mitarbeitenden zu kooperieren, um im Team gemeinsam Dinge zu erarbeiten. Das war im Konzern viel autoritärer. Grundsätzlich gebe ich viel Macht an meine Mitarbeitenden ab, allerdings mit klar abgesteckten Verantwortungsbereichen und Erfolgsmessungen. Vor dem Erfolg steht jedoch oft eine Lernkurve. Deswegen fördern wir eine gesunde Fehlerkultur. Ich möchte, dass meine Mitarbeitenden Fehler machen und es das nächste Mal besser machen. Dieser Vertrauensvorschuss fördert eine innovative Kultur, die das Unternehmen schnell voranbringt.

Was ist Ihnen an Ihrer Firmenkultur wichtig?

Wir beobachten, ob das, was gut für den einzelnen Mitarbeitenden ist, für alle positiv sein kann. Wir schauen auf die Zusammenhänge. So sind wir beispielsweise vertraglich dazu verpflichtet, unsere Terrasse von Unkraut zu befreien. Daraus machen wir eine Aktion, bei der jeder eingeladen wird, mitzuhelfen. Am Ende haben wir dann nicht nur unseren Mietvertrag erfüllt, sondern auch gleich einen Kräutergarten angelegt. Das Gemeinsame wird bei uns sehr aktiv gelebt.  Unser Team-Motto ist: Gut für dich, besser für alle.

Von der Supermarktkette zum Grosshändler und nun  zur Lebensmittelmarke: Nach anhaltendem Wachstum durchschreiten die Veganz-Supermärkte harte Zeiten. Sie mussten infolge einer Planinsolvenz einige Läden schliessen. Wie geht es weiter?

Die Planinsolvenz bedingt, viele Filialen zu schliessen, um Veganz vor der Insolvenz zu schützen. Das war keine leichte Entscheidung. Die Nachfrage nach veganen Lebensmitteln ist jedoch weiterhin sehr hoch. Wir müssen uns nun auf andere Vertriebswege konzentrieren. Das Konzept der Einzelhandelsgeschäfte mit einem speziellen Sortimentsbereich ist weiterhin erfolgreich, was wir an den verbliebenen Filialen bemerken. Dieses lässt sich jedoch nur an wenigen Standorten durchsetzen. Durch unsere Handelspartner können wir mit der Marke Veganz jedoch wesentlich mehr Menschen erreichen.

Wie gehen Sie persönlich mit solchen Veränderungen um?

Der Aufbau eines Unternehmens erfolgt nicht in einem radikalen Schritt. Das ist ein Prozess. Für jede Strategieanpassung braucht es aber andere Stellenprofile. Auch die Jobanforderungen verändern sich. So betreiben wir beispielsweise kein eigenes Lager mehr, sondern arbeiten mit einem externen Anbieter zusammen und mussten darum einige Logistiker freisetzen. Zudem haben wir unsere Prozesse optimiert und so beschäftigen wir heute nur noch drei Personen in der Buchhaltung. Früher waren es mal acht. Natürlich ist der Stellenabbau für einen Unternehmer schwieriger zu bewältigen als für eine Führungskraft in einem Konzern. Ich habe ein Vertrauensverhältnis zu meinen Mitarbeitenden aufgebaut, kenne sie und weiss ihren jahrelangen Einsatz sowie ihre Leistungen zu würdigen. Müssen Stellen aus wirtschaftlichen Gründen abgebaut werden, obwohl alle so viel zum Unternehmen beigetragen haben, fällt mir das besonders schwer. In solchen Situationen kommuniziere ich klar und transparent und suche nach guten Lösungen, die auch den Mitarbeitenden helfen, sich auf die neue Situation einzustellen. Ich bin so fair, wie sich das wirtschaftlich noch vertreten lässt. Etwa, indem wir gekündigte Mitarbeitende freistellen, damit sie genügend Zeit haben, sich neu zu orientieren und einen leichteren Übergang in ein neues Arbeitsverhältnis bei einem anderen Arbeitgeber haben.

Wie wird sich Veganz entwickeln?

Im Kern wird Veganz stabil bleiben, denn unsere Grundwerte ändern sich ja nicht. Wir wollen eine bessere Welt und das wird kein Trend verändern können. Dennoch verfolgen wir gesellschaftliche Entwicklungen sehr intensiv. Etwa Verpackungen aus Plastik, die wir durch eine nachhaltige Lösung ersetzen möchten.

Sie sprechen am ZFU-Anlass «Design the Future». Worum geht es?

Mit Veganz habe ich in kurzer Zeit sehr viel erlebt und erreicht. Dabei verbinden sich mein persönlicher Lebenswandel und mein Antrieb eng mit dem Weg der Firma. Ich habe viel über die Gestaltung der Zukunft gelernt. Doch nicht ausschliesslich. Es wird in meinem Vortrag auch darum gehen, worauf Erfolge zurückzuführen sind, und dass eben nicht alles eine Frage des Geldes ist. Es geht um mehr. Deshalb ist das verantwortliche Handeln jedes Einzelnen so immens wichtig.

Zur Person

Jan Bredack (46) war beim Stuttgarter Daimler-Konzern als Leiter Vertrieb und Service Nutzfahrzeuge Deutschland tätig und führte in dieser Position mit 30 Jahren rund hundert Mitarbeitende. Nach einem Burnout im Jahr 2008 folgt ein Richtungswechsel. Bredack stellt seine Ernährung um und lebt seither vegan.

2011 gründet Jan Bredack die Veganz GmbH, einen veganen Grosshändler mit eigenen Supermärkten in sechs deutschen Metropolen sowie zwei ausländischen Niederlassungen. Über die Läden wurde im Dezember 2016 eine Planinsolvenz eröffnet. Seither befindet sich Veganz in einem radikalen Wandel. Am Unternehmertag der ZFU zum Thema «Design the Future» berichtet Jan Bredack am 9. Oktober 2018 über seine unternehmerischen Erfahrungen und erklärt, worin Erfolg für ihn besteht.

Kommentieren0 Kommentare

Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

Weitere Artikel von Corinne Päper

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren