HR Today Nr. 12/2018: Debatte

Tränen am Arbeitsplatz?

Sie sind umstritten: Gefühle am Arbeitsplatz. Insbesondere Tränen werden eher nicht gerne gesehen. Die Emotionen ganz weglassen geht indes aber auch nicht. Ob und wann man seinen Tränen im Job freien Lauf lassen kann, kommt offenbar auf unterschiedliche Faktoren an – da sind sich beide Autoren einig. Aber während sich einer von ihnen manchmal gar ein (kontrolliertes) Geheul wünscht, hebt die andere den Warnfinger.

Stefan Sohst: «Die meisten Mitarbeitenden trauen sich nicht, ihre Emotionen zu zeigen.»

Der Ruf von Emotionen im Berufsalltag ist nicht der beste. Während Freude, Zorn oder Entschlossenheit vielleicht noch toleriert werden, gelten Tränen quasi als Karrierekiller. Frauen, die in Tränen ausbrechen, sind «eben doch nicht gemacht für die harte Businesswelt». Und Männer, die weinen, werden mindestens für ein Jahr nicht mehr ernst genommen. Völlig zu Unrecht!

Menschen, die ihre Gefühle unterdrücken, wirken nicht authentisch. Es ist gar nicht möglich, unsere Emotionen per Knopfdruck abzuschalten, wenn wir das Büro betreten. Deshalb ist es besser, sie bewusst in den Job zu integrieren. Emotionen sind die Kraft, die hinter unserem Leben und Handeln steckt.

Alle Informationen, die uns erreichen, passieren zuerst den emotionalen Teil unseres Gehirns. Was für die rationale Nutzung verarbeitbar scheint, wird an unser rationales Gehirn weitergeleitet. Emotional souveräne Persönlichkeiten haben also auch im Businesskontext grosse Vorteile. Unterdrückte Gefühle stören diese feine Filterfunktion und das ganze System gerät durcheinander.

Wer also Kränkungen und Enttäuschungen am Arbeitsplatz herunterschluckt und freundlich weiterlächelt, gefährdet seine Fähigkeit, Reize und Impulse seines Umfelds richtig einordnen zu können. Einfacher formuliert: Wer immer nur schluckt, wird frustriert und blockiert damit seine eigene Leistung. Deshalb sind emotionale Auseinandersetzungen wichtig, und ja, es dürfen dabei auch Tränen fliessen. Danach können wir meist deutlich besser zusammenarbeiten. Noch wichtiger: Wir bleiben gesund. Denn wer ständig seine Probleme verdrängt, hat ein höheres Risiko, physisch oder psychisch krank zu werden.

Das Problem: Die meisten Mitarbeitenden trauen sich schlicht nicht, ihre Emotionen zu zeigen. Um das zu ändern brauchen wir eine Unternehmenskultur, in der Gefühle zugelassen und sogar wertgeschätzt werden. Dafür braucht es Führungskräfte, die emotional so kompetent sind, dass sie Prozessen im Unternehmen den richtigen Rahmen dafür geben können. Meist fehlt den Führungskräften jedoch diese Kompetenz, weil sie in unserem Kulturkreis nicht als ausbildungswürdig gilt.

Die gute Nachricht: Diese Kompetenz lässt sich trainieren – und sogar relativ einfach. Der Profit von gelebter Emotionalität am Arbeitsplatz ist enorm, wie meine Erfahrungen zeigen: Deutlich kürzere und effizientere Meetings, eine bessere Kommunikation, weniger Konflikte, höhere Produktivität und tiefere Fluktuation.

Emotionen schaffen starke Beziehungen. Ein Mitarbeitender, der auch gefühlsmässig im Team angekommen ist, bringt seine Kreativität ein – und häufig auch die Bereitschaft, Aussergewöhnliches zu leisten. Deshalb: Geteilte Tränen sind ebenso wichtig wie geteilte Begeisterung.

Nora Schütte: «Man sollte abwägen, welche Emotionen man wie und in welchem Ausmass zeigt.»

Sie sind genervt vom stressigen Weg zur Arbeit oder beseelt vom tollen Wochenende: Menschen bringen ihre Emotionen jeden Tag mit zur Arbeit. Man kann sie meist nicht einfach abstellen. Viele Studien zeigen zudem, dass Emotionen bedeutsam für die Entscheidungsfindung und Kreativität sein können.

Wie so oft ist aber alles eine Frage des Masses: Die Fähigkeit, die eigenen Emotionen angemessen darzustellen oder auch verbergen zu können, ist ein Teil der sogenannten Emotionalen Intelligenz. Diese impliziert nicht, dass das Zeigen von Emotionen immer schlecht ist – denken Sie an einen Vorgesetzten, der seine Mitarbeiter für ein neues Projekt motivieren und begeistern soll. Wichtig ist, dass ein Mensch anlassbezogen die «richtigen» Emotionen ausstrahlen kann und dies auch glaubwürdig rüberkommt. Natürlich spricht man am Arbeitsplatz auch über Themen, die emotional stark aufgeladen sind.

Hier ist Authentizität angesagt. Es ist wichtig, dass man sich über belastende Ereignisse austauschen kann: Eine Trennung beispielsweise oder ein Trauerfall lösen bei den Zuhörern in der Regel keine negativen Emotionen aus. Man sollte sich aber immer bewusst sein, was man nach aussen ausstrahlt und welche Folgen das haben kann.

Eine starke Emotionalität führt oft dazu, dass man als verletzlich oder überfordert wahrgenommen wird. Das kann mit den Ansprüchen, die an die eigene Rolle gestellt werden, kollidieren. Ein Vorgesetzter sollte souverän wirken. Mit Kollegen muss man langfristig zusammenarbeiten können. Von Mitarbeitenden wird im Allgemeinen verlangt, dass sie ihre Gefühle angemessen ausdrücken und sich einer gegebenen Situation anpassen können.

Passiert es dennoch, dass man den eigenen Stress oder das Genervtsein an seinen Kollegen ausgelassen hat, dann bittet man am besten um Entschuldigung. Das zeigt Grösse und kommuniziert ausserdem, dass man die Regeln und Normen des Arbeitsplatzes kennt und sich auch an diese halten will.

Negative Gefühle am Arbeitsplatz müssen nicht immer nur schlecht sein. Viele Emotionen sind erstmal eine Antriebskraft und Antrieb ist meist etwas Gutes. Aber man darf sich von Neid, Ärger oder Wut nicht dazu verleiten lassen, unkluge Dinge zu tun. Um negativen Gefühlen vorzubeugen ist Humor ein wirksames Mittel.

Gute Laune ist durchaus wünschenswert – sie sollte aber echt sein. Wenn Sie als Vorgesetzter Optimismus unter Ihren Mitarbeitenden verbreiten wollen, sollten Sie diesen zumindest richtig inszenieren können. Denn unglaubwürdig ausgedrückte Emotionen sind kontraproduktiv: Vorgespielter Zorn wirkt lächerlich. Gute Laune, die aufgesetzt rüberkommt, hinterlässt ein schales Gefühl.

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Stefan Sohst

Stefan Sohst ist mit Christoph Theile Geschäftsführer der EQTing GmbH mit Sitz in Hamburg. Die beiden Coaches haben die EQTing-Trainingsmethode entwickelt, die Führungskräfte und Mitarbeitende befähigt, ihre eigenen Emotionen zu erkennen, zu benennen und bewusst zu steuern.

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Nora Schütte

Nora Schütte, Psychologin und Coach, arbeitet als HR Consultant mit den Schwerpunkten Eignungsdiagnostik und Führungskräfte-Entwicklung bei der ITB Consulting GmbH in Bonn. Die Firma entwickelt seit Jahren innovative, wissenschaftlich fundierte Lösungen für Firmen und Hochschulen.

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