HR Today Nr. 4/2017: Arbeit und Recht

Grenzen der Produktivität

Lebewesen – also Pflanzen, Tiere und Menschen – haben in Bezug auf die optimale Produktivität ein Problem: Sie brauchen Erholungszeit (Regenerationszeit). Menschen können nicht permanent auf Höchstleistung arbeiten. Marathonläufer laufen ja auch nicht täglich einen Marathon. Computer haben dieses Problem nicht. Sie tauschen Geld interkontinental von Börsenplatz zu Börsenplatz in Marathonläufermanier – fast täglich, rund um die Uhr. Es ist deshalb kein Zufall, dass im Zeitalter des internationalen Kapitalismus ausgerechnet die Finanzindustrie die Zeiterfassung abschaffen und nur die Produktivität messen will.

Unterschiedliche Branchen haben bezüglich Produktivität unterschiedliche Möglichkeiten. Wer im Teich des globalen Aktienmarktes nach Geld fischt, kann in einer Minute beliebig viel davon angeln. Wer jedoch in der realen Wirtschaft Produkte und Dienstleistungen erbringt, stösst bei der Produktivität an Grenzen, die uns die Natur vorgibt.

Illustrieren wir dies mal am Beispiel der Schweinezucht: Vor 100 Jahren kam ein Schwein im Alter von 2 bis3 Jahren zur Schlachtreife. Heute gezüchtete Schweine werden im Alter von 4 bis 6 Monaten geschlachtet. Wenn wir die Produktivität bei der Schweinezucht in dieser Art weiter denken, dann werden wir ein Schwein schon in wenigen Jahren schlachten müssen, bevor es zur Welt gekommen ist. Leben lässt sich jedoch nicht beschleunigen. 4 bis 6 Monate alte Schweine tragen noch Milchzähne – sind also noch Kleinkinder, würde man beim Menschen sagen. Sie spüren es: Lebende Systeme kennen Grenzen, die der elektronische Börsenhandel nicht kennt. Der Landwirt kann das Getreide und das Vieh, das er produziert, nicht beliebig drucken oder vermehren, wie das die Finanzindustrie mit Geld kann. Arbeitsgesetze dienen dazu, sinnvolle Arbeitsbeziehungen zu schaffen. Im Kapitalismus arbeiten nicht nur Menschen – sondern auch das Geld.

Da könnte es doch Sinn machen, dass die Juristen ein ganzheitliches Arbeitsrecht schaffen, das nicht nur für arbeitende Menschen, sondern auch für arbeitendes Geld (Kapital) gültig ist. Immer mehr Schweizer Landwirte nehmen sich das Leben. Die Produktivität, die der Markt von ihnen fordert, ist nicht möglich. Die Suizidrate von Landwirten ist präzis ein Symptom für das, was ich oben beschrieben habe. Wenn wir überall versuchen, die Produktivität zu maximieren, dann zerstören wir Existenzen. Rolf Dubs schrieb hierzu in seinem Volkswirtschaftslehrbuch: «So bleibt denn die freie Marktwirtschaft ein Wunschbild. Aufgrund einer Fehlbeurteilung des Menschen trägt sie immer Tendenzen der Selbstzerstörung in sich.» Demnächst werden wir über die Vollgeldinitiative diskutieren. Wir müssen die Frage beantworten, ob private Banken Geld drucken dürfen. Der Bundesrat hält dies für richtig. Warum erlauben wir dann das Geldschöpfen nicht auch den Bauern? Diese können schliesslich keine «Schattengetreidespeicher» bauen, wenn es mal nicht so gut läuft. Sicher würden sie tiefere Löhne entrichten als die geldschöpfenden Banken.n

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Text: Ivo Muri

Ivo Muri ist Gründer des Zeitwirtschaftssystem-Anbieters ZEIT AG und Zeitforscher in Sursee (LU). An der Zeitakademie, die seinem ­Unternehmen angegliedert ist, hält er Vorträge und berät Unternehmen, Verbände und Institu­tionen für einen ­lebensnahen Umgang mit der Zeit. www.zeitag.ch

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