Buchpremiere on tour

Krisen bewältigen: Wie erfahrene Führungskräfte mit Schicksalsschlägen umgehen

Der Umgang mit Krisen bei öffentlich exponierten Personen bietet einen besonderen Erkenntnisgewinn. Dies zeigte eine jüngst beendete Veranstaltungsreihe, die anlässlich einer Buchpremiere durch die Schweiz tourte.

Schicksalsschläge gehören zum Leben. Führungskräfte und Politiker sind davon besonders häufig betroffen – nur schon weil sich bei ihnen die Krisen oft in aller Öffentlichkeit abspielen. Darum lässt der Umgang mit Krisen bei öffentlich exponierten Personen mit besonderem Erkenntnisgewinn beobachten. Von ihren Erfahrungen können wir alle etwas lernen.

Das ist die Grundidee eines neuen Sachbuchs der Psychologin Ruth Enzler Denzler und des «Tages-Anzeiger»-Journalisten Edgar Schuler. Sie haben zehn bekannte Schweizer Persönlichkeiten zu ihrem Umgang mit Krisen befragt und die wichtigsten Erkenntnisse daraus destilliert. An einer Veranstaltungsreihe, die mit einer Buchpremiere in Basel gerade zu Ende gegangen ist, hat die Hälfte der im Buch befragten Interviewpartner darüber hinaus über ihre gelebten Erfahrungen berichtet.


Monisha Kaltenborn: Das Überleben des Unternehmens sichern


An der Veranstaltung in Zürich gaben zwei sehr unterschiedliche Temperamente Auskunft: Sepp Blatter, der sich nach seinem Abgang bei der FIFA nach wie vor kämpferisch gibt und seinen Ruf wiederherstellen will, und Monisha Kaltenborn, die als ehemalige Chefin des Sauber-Rennstalls und einzige Frau in einer Formel-1-Führungsfunktion unzähligen medialen Anfeindungen mit stoischer Ruhe begegnete. 


Ihr sei es in erster Linie darum gegangen, das Überleben des Rennstalls und dessen Arbeitsplätze zu sichern. Dass die Medien über sie mit unverhohlener Häme (und mehr als einer Prise Frauenfeindlichkeit) berichteten, konnte sie wegstecken, wie sie sagte, weil sie selber genau wusste, wie es um das Unternehmen wirklich stand. Sie schilderte eindrücklich, wie sie mit meditativer Ruhe zunächst in sich selber nach Lösungen suchte, bevor sie diese mit ihrem Führungsteam besprach, diese zum Teil wieder verwarf und weiterentwickelte.


Sepp Blatter: Kampf um Rehabilitierung


Auch Sepp Blatter wurde durch das «Medientribunal» verurteilt – was gesundheitliche Folgen beim nunmehr 81-jährigen Walliser hatte. Heute sei er gesundheitlich wieder auf dem Damm: «Die Karosserie ist geflickt.» Und er kämpft weiter um seine Rehabilitierung. 


Auf Widerspruch stiess Blatter mit seiner Einschätzung, dass Frauen Krisen besser bewältigen könnten als Männer. Dafür gebe es, sagte Ruth Enzler, keine Belege. Einig ging die Psychologin mit Blatter, dass es bei der Bewältigung einer Krise am hilfreichsten ist, die richtigen Fragen zu stellen und sich nicht zu schnell auf mögliche Antworten zu stürzen. Wichtig sei vor allem, so Enzler, alte Denkmuster abzulegen und neue Perspektiven auf belastende Sachverhalte zu entdecken. Was auch helfe, schloss Monisha Kaltenborn: «Stur bleiben.»


Silvia Steiner: Gegenstrategie mit der Unterstützung von Experten


Stur blieb auch die heutige Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner, die von einer Boulevardzeitung fälschlicherweise der Begünstigung ihres Ehemanns beschuldigt wurde. Das erzählte sie an der Buchpräsentation in Zug. Von ihrer damaligen politischen Vorgesetzten allein gelassen, entwickelte Steiner zusammen mit einem ganzen Team von Experten eine Gegenstrategie. 


Anders als Kaltenborn war sie darauf angewiesen, die Medienberichte juristisch zu korrigieren, denn eine politische Karriere wäre durch diesen Makel gefährdet gewesen. Steiner erstritt schliesslich eine Entschuldigung der Zeitung – die dann vier Jahre später und ganz klein in einer Zeitungsecke abgedruckt wurde. 


Hanspeter Uster: Gespräch mit Psychologen


Ganz anders lag der Fall beim ehemaligen Zuger Regierungsrat Hanspeter Uster. Er wurde beim Anschlag auf das Parlament in Zug 2001 schwer verletzt. Bei der Verarbeitung dieses Traumas als private Person und als Politiker halfen ihm das Gespräch mit einem Psychologen – und seine Familie. 


Eric Sarasin: 
Das Heft aus der Hand gerissen

Der ehemalige Banker Eric Sarasin ging mit dem Vielfach-Verwaltungsrat Rolf Soiron bei der Präsentation in Basel einig, dass man sich am Tiefpunkt der Krise fühlt, als ob einem das «Heft aus der Hand gerissen» werde. Leute, die sich gewohnt sind, im «drivers seat» zu sitzen, müssen plötzlich feststellen, dass andere Mächte stärker sind. Das akute Krisenereignis wird zur persönlichen Existenzfrage. Sarasin geriet schuldlos in den Strudel einer Steueraffäre und musste sich von einem Boulevardblatt als «Bankster» bezeichnen lassen. Soiron wurde von seinem Übervater Marc Moret wider Erwarten nicht zum CEO der Sandoz befördert, sondern kurzerhand entlassen.


Krise als Wendepunkt


Für alle Befragten in dem Buch bedeutete ihre persönliche Krise einen Wendepunkt im Leben. «Eine Krise ist dazu da, um sie zu überleben», meint Rolf Soiron. Die Erkenntnis aus den Interviews und den psychologischen Erläuterungen dazu ist die: Wie man die Krise überlebt, ist eine Frage des Persönlichkeitstyps. Jeder und jede hat eine andere Strategie dafür – es geht darum, gerade in der existenziellen Gefährdung innerlich eine Distanz zu erarbeiten, neue Perspektiven zu gewinnen und/oder neue Bewältigungsstrategien zu lernen und den jeweils für den eigenen Typ richtigen Ausweg zu finden. 


Buchtipp

Krisen, Schicksalsschläge und Wertekonflikte lassen sich auch in den Top-Etagen von Politik und Wirtschaft nicht vermeiden. Ruth Enzler Denzler und Edgar Schuler haben namhafte Spitzenführungskräfte interviewt, um herauszufinden, wie diese im Rampenlicht der Medien und der Öffentlichkeit Krisen bewältigen.

Ruth Enzler Denzler und Edgar Schuler: Krisen erfolgreich bewältigen. Wie Führungskräfte in Wirtschaft und Politik Schicksalsschläge überwinden. Springer Verlag 2018, 270 Seiten, ca. Fr. 25.–.

 

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Chefredaktor HR Today

sb@hrtoday.ch

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Schicksalsschläge und Unvorhergesehenes gehören heutzutage fast zur Routine im Management. Denn was ist bitte heutzutage noch stabil und sicher? Die Welt dreht sich immer schneller und jeder Manager muss da mit, sonst ist er im Null Komma Nichts, abgemeldet. Schlaue Füchse haben den Braten gerochen. Keiner will doch heute mehr «Best practice» …ist doch kalter Kaffee! Das Zauberwort im 2018 ist mehr und mehr «Failure Day» oder «Failure Night». An diesen Veranstaltungen gibt es keine Auszeichnungen für die Besten, dafür ehrliches Staunen gepaart mit Bewunderung für jeden und jede der erklärt wo er oder sie schon mal im Business schier verzweifelte oder gar kurz aufgab. Je berühmter dabei das Unternehmen oder der Protagonist ist, umso grösser der Effekt à là «Das hätt ich nicht gedacht».
Ja, die Bescheidenheit kann sich dann vollumfänglich ausbreiten und den Boden der Tatsachen wieder sichtbar machen. Sie lehrt einem dazu zu stehen, nicht alles zu können und nicht alles zu wissen. Es ist doch keine Schande, als Chef zu sagen: «das weiss ich nicht, ich erkundige mich». Gerade bei der Generation Y trifft man hier auf fruchtbares Terrain. Wer meint sich schämen zu müssen, ist noch nicht ganz angekommen; im Zeitalter der Chefs die den «swag» haben…
Bettina Baur, Metaberatung GmbH

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