HR Today Nr. 4/2017: Neue Arbeitswelten

Panoptikum

Schlaglichter auf Diskurs, Trends und News.

New Work? – Alles Quatsch!

Zweiter Tag beim «Future Leadership»-Seminar: Martin ist Geschäftsführer eines KMU und hat viel über New Work, Agilität, Digitalisierung und Selbstorganisation gehört. Jetzt verliert er die Fassung. «Ich habe meinen Leuten Freiheit gelassen. Die konnten sich nicht mal entscheiden, welche Kaffeemaschine sie für das Büro kaufen wollen. Ich habe mir das ein paar Tage angeschaut, dann habe ich selbst entschieden. New Work? Alles Quatsch!»

Stimmt das? Welche Fähigkeiten und Kompetenzen brauchen Mitarbeiter in der Zukunft? Die «Agentur ohne Namen» hat sie in einer Studie identifiziert: Veränderungsbereitschaft, Querdenken, Flexibilität, Kreativität und mehr. Das Dilemma für Chefs ist offensichtlich: Keine dieser Kompetenzen kann eingefordert werden. «Müller, seien Sie mal kreativ!» Das funktioniert nicht. «Susanne, du musst geistig flexibler werden!» auch nicht. Das bleiben Direktiven, die auf einem verstaubten, doch leider immer noch zu oft anzutreffendem Führungsverständnis beruhen. Sie sind wirkungslos.

Lieber Martin, gehe davon aus, dass in deinem Unternehmenssystem ungeahnte Potenziale und Ressourcen schlummern. Die entfalten sich aber nicht auf dein Kommando, sondern brauchen neue Rahmenbedingungen. Ich spreche nicht von neuen Prozessen, Software oder mehr Leuten – ich spreche von Sinn, Werten und Kultur.

Menschen entfalten ihr Potenzial und entwickeln neue Kompetenzen, wenn die Bedingungen dafür geschaffen werden. Wenn sie den Sinn ihres Tuns kennen, teilen und leben. Wenn Führung nicht mehr über ein Wissensgefälle, Kontrolle und Macht definiert wird, sondern über Kontakt und Beziehungen. Wenn Vertrauen die Basis ist, wenn Intuition ernst genommen wird, wenn «Labore» entstehen und neues Verhalten gelernt werden darf. Wenn Menschen nicht mehr in viel zu eng geschnittenen Jobprofilen gehalten werden, sondern ihre Arbeit selbst gestalten.

Lieber Martin, solange du weiter deine Macht demonstrierst und Selbstbestimmung und Verantwortung jederzeit nach Lust und Laune entziehst, wirst du keine selbstbestimmt und verantwortungsvoll handelnden Mitarbeiter bekommen. Du zeigst dich partizipativ, doch deine Haltung ist autoritär. Eigentlich traust du deinen Leuten nichts zu. Du bist das Problem.

Neue Kompetenzen wachsen nicht im gleichen Garten, in dem du abhängige Mitarbeiter gezüchtet hast. Werde ein besserer Gärtner, dann wächst das Neue von selbst. In deinem Garten blüht das, was du gesät hast.

Michael Pohl ist systemischer Coach und Trainer und begleitet Unternehmen durch Transformations­prozesse.

Victory Through Organization: Why the War for Talent is Failing Your Company and What You Can Do about It

Dave Ulrich, David Kryscynski, Mike Ulrich. Wayne Brockbank, April 2017.

HR-Guru Dave Ulrich thematisiert in seinem neuen Buch «Victory Through Organization» den «War for Talent» als eine der grössten Herausforderungen, denen Organisationen heute gegenüberstehen.

Das Autorenteam um Dave Ulrich stellt dabei die These auf, dass Organisationen mehr sein können als die Summe ihrer Talente: Erfolg sei nicht nur abhängig von den Talenten, die ein Unternehmen hat – sondern auch von der gesamten Organisation, die das Talent noch besser machen kann. Das Buch erläutert, wie Firmen erfolgreicher werden, indem sie den Fokus vom Entwickeln individueller Kompetenzen auf das Entwickeln von Organisations-Kompetenzen verschieben. Das Buch richtet sich an HR-Verantwortliche und kombiniert Business-Tools und Expertenberatung, dank welcher HR einen messbaren wirtschaftlichen Nutzen zum Unternehmen beitragen kann und zeigt folgende Aspekte auf:

  • Wie HR Stakeholder-übergreifend integrierte Lösungen entwickelt und damit das Geschäftsergebnis des Unternehmens positiv beeinflusst.
  • Wie sich HR-Abteilungen einen umfassenden Informationsvorsprung verschaffen.
  • Wie HR-Verantwortliche die Kompetenzen entwickeln, welche die grösstmögliche Wirkung auf ihre persönliche Effektivität, auf interne und externe Key-Stakeholder sowie auf die Geschäftsresultate haben.

New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt

Benedikt Hackl, Marc Wagner, Lars Attmer, Dominik Baumann. Springer Gabler, 2017.

Wie sieht die optimale Führungs- und Innovationslandschaft aus? Wie erhöhe ich das Commitment meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Welche Arbeitsumgebung fördert eine New-Work-Kultur?

Das Buch «New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt» zeigt auf, welche Wege ein Unternehmen beschreiten kann, um eine moderne Arbeitsorganisation erfolgreich zu etablieren und auch digitalen Herausforderungen zu begegnen. Dabei erläutert es, wie die Faktoren Demografie, Globalisierung, Digitalisierung und Wertewandel die Veränderungen der Arbeitswelt vorantreiben. Auf Basis von Studienergebnissen fassen die Autoren den aktuellen Forschungsstand zusammen, in dessen Zentrum die Erwartungen von Mitarbeitern und Führungskräften stehen. Das Buch stellt zudem verschiedene New-Work-Instrumente vor und vertieft diese anhand von Fallstudien aus der Praxis. Dabei wird deutlich, dass der Einsatz von Instrumenten innovativer Arbeitsorganisation – wie beispielweise einer demokratischen Führungskultur oder kreativer Workspaces – zu einer höheren Mitarbeiterzufriedenheit und Arbeitgeberattraktivität führt. Das Buch richtet sich an HR-Verantwortliche, Führungskräfte und Manager, sowie an alle Leser, welche die Arbeitswelt der Zukunft in ihrem Unternehmen aktiv und nachhaltig gestalten wollen.

Unternehmen der nächsten Generation, Atlas des neuen Arbeitens

Michael Bartz, Andreas Gnesda, Thomas Schmutzer. Springer Gabler, 2017.

Die Transformation von Unternehmen in Richtung neuer, innovativer Arbeitsweisen erfordert Zeit und Ressourcen und ist nicht risikofrei. Umso wichtiger ist es, die Erfahrungen anderer Unternehmen zu nutzen, die sich bereits erfolgreich auf den Weg gemacht haben. Das Buch «Unternehmen der nächsten Generation» gibt Industrieerfahrungen von Unternehmen der nächsten Generationen zum Thema «Neue Welt des Arbeitens» weiter und trägt Erfahrungsberichte aus dem deutschsprachigen Wirtschaftsraum zusammen. Dabei wirft es einen Blick hinter die Kulissen von Weltkonzernen wie BMW, Johnson & Johnson, IBM oder Philips. Die Leser erhalten aber auch Zugriff auf das Wissen und die Erfahrung mittlerer und kleiner Organisationen im Zusammenhang mit der neuen Welt des Arbeitens. Die Beiträge präsentieren erfolgreiche Lösungsansätze, praxisorientierte Vorgehensweisen bei der Umsetzung sowie den erzielten Nutzen. Dabei werden Lernerfahrungen offen und ehrlich geteilt. Diese zeigen auf, welche Lehren Organisationen auch aus kritischeren Erfahrungen ziehen können. Die Leser sollen so mit dem nötigen Handwerkszeug ausgestattet werden, um die Entwicklung in Richtung «Unternehmen der nächsten Generationen» effizient zu gestalten. Dabei zeichnet sich der «Atlas  des neuen Arbeitens» durch leichte Lesbarkeit und Eingängigkeit aus.

Experiment «Hoffice»

Eine Weiterentwicklung der Coworking-Idee entstand 2013 in Schweden und nennt sich «Hoffice». Das bedeutet so viel wie Coworking in den eigenen vier Wänden. Wie Zeit Online schreibt, geht die Idee auf den schwedischen Psychologen Christofer Gradin Franzén zurück: «Als er 2013 an seiner Masterarbeit schrieb, kam er mit seiner Arbeit allein am Küchentisch nicht voran. Darum lud er Freunde ein, um produktiver zu sein. Nach und nach entwickelte sich daraus ein Konzept mit verschiedenen Methoden aus der Wirtschaftslehre und der Psychologie und sogar buddhistische Ideen gehören dazu. Das Ziel: mit klaren Strukturen konzentriert arbeiten, seine Ideen teilen, um sich Feedback zu verschaffen, sowie vorhandene Ressourcen nutzen.» Als Ressource gelte dabei unter anderem ein vorhandenes Zuhause, wohin man einlädt. Franzéns Idee traf offenbar den Nerv der Zeit und verbreitete sich schnell. So sollen heute weltweit rund 120 Hoffice-Gruppen existieren. Nicht zuletzt, weil Franzén eine Facebookgruppe und inzwischen auch eine Website lancierte:

www.hoffice.nu/en

Coworking goes Agglo

Die 2016 gegründete Genossenschaft «VillageOffice» setzt sich dafür ein, dass Menschen künftig dort arbeiten können, wo sie wohnen. Dafür erstellt sie schweizweit ein Netzwerk mit gemeinschaftlich genutzten Arbeitsorten im Zentrum von Dörfern, kleinen Städten und Vororten. Mit «Coworking Experience» bietet die Genossenschaft ab 28. August 2017 zudem ein einjähriges Programm für Unternehmen, die mehr über Coworking erfahren möchten (vgl. S. 30). Wie kann Coworking helfen, die Mitarbeiterzufriedenheit zu erhöhen und das Engagement zu steigern? Welche Auswirkungen hat es auf die Unternehmenskultur und auf das Führungsverhalten? Auf diese Fragen will das Programm Antworten liefern, indem es einer ausgewählten Gruppe von Mitarbeitenden eines Unternehmens die Möglichkeit bietet, den Arbeitsort frei zu wählen: im angestammten Büro, im Home Office oder eben in einem «VillageOffice». Die teilnehmenden Personen und ihr Umfeld werden dabei von einem erfahrenen Coworking-Coach begleitet und die unternehmensspezifischen Resultate wissenschaftlich ausgewertet.

www.villageoffice.ch

Deskmag

Deskmag versteht sich als führendes internationales Online-Magazin zum Thema neue Arbeitsformen und -räume. Es untersucht, wie diese aussehen, wie in ihnen gearbeitet wird und wie sie verbessert werden können. Dabei vereint die Austauschplattform News, Studien, Events und Best Cases.

www.deskmag.com

brand eins: Neue Arbeit

Auch die Märzausgabe des Wirtschaftsmagazins brand eins widmet sich umfangreich und aufwendig recherchiert dem Schwerpunkt «Neue Arbeit». Im Begleittext zur Ausgabe schreibt die Redaktion zur Motivation der Themenwahl: «Wenn es um Arbeit geht, geht es immer auch um die Existenz. Umso erstaunlicher, wie wenig die Veränderung der Arbeitswelt die öffentliche Debatte beherrscht. Auch wenn der amerikanische Präsident im Moment die saftigeren Schlagzeilen liefert: Auf lange Sicht wird Neue Arbeit das Thema des 21. Jahrhunderts sein. Wie wir arbeiten werden und was – das sind die Fragen, auf die wir heute Antworten suchen müssen. Sie sollten unser Bildungssystem bestimmen, die Diskussionen in jedem Start-up, in jedem Konzern. Und sie sollten mit Mut, Fantasie und Offenheit für ganz neue Konzepte diskutiert werden. Denn eines ist sicher: So wie es gestern war, wird es nicht mehr. Wie es werden kann und was das bedeutet – darum geht es in der Ausgabe von brand eins.

 

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