HR Today Nr. 5/2017: Debatte

Über Niederlagen sprechen?

Man solle über verfehlte Ziele und Fehler reden, um persönlich zu wachsen, findet Organisationscoach Marc Bürgi. Für den Coach Cristian Hofmann ist das hingegen keine Option, weil Fehler in unserer wettbewerbsorientierten Gesellschaft mit Versagen gleichgesetzt würden. Über sein Scheitern öffentlich zu sprechen, sei deshalb kontraproduktiv.

Marc Bürgi

Angenommen, jemand erzählt Ihnen von einer beruflichen Niederlage und welcher Glücksfall das war, um den nächsten Entwicklungsschritt anzustossen. Was würden Sie daran besonders schätzen? Und wie gross wäre die Chance, dass diese Erfahrung Ihr Leben positiv beeinflusst?

Zugegeben, wir leben in einer Welt, die sich stark an äusseren Darstellungen und am Wettbewerb misst. Glaubt man den Botschaften sozialer Medien, der Unterhaltungsindustrie oder den exzentrischen Idealen des Marketings, dann sind alle anderen schön, berühmt und erfolgreich. Wie kann es sein, dass andere ständig Erfolg haben? Und was mache ich falsch? Just mit diesen Vergleichen entstehen Zweifel und persönliches Unglück, denn es kommt immer einer, der noch besser ist. Es spielt auch keine Rolle, ob die Konkurrenz echt oder bloss einTrugbild ist:  Stress, Selbstzweifel und Überforderung haben Auswirkungen. Was können wir in dieser Hamsterrad-Situation tun? Haben wir andere Optionen als einfach mitzuspielen?

Statt von Niederlagen könnten wir zunächst von nicht erreichten Zielen sprechen. Während der erste Begriff den Wettkampf gegen die Konkurrenz betont, öffnet der zweite eine Perspektive auf persönliche und individuelle Lernprozesse, zu denen Rückschritte gehören. Im Coaching liegt der Ausgangspunkt zur Reflexion eigener Stärken, Wünsche und Möglichkeiten, um Massnahmen abzuleiten, die uns unseren Zielen näherbringen. Wir gewinnen zusätzliche Klarheit, wenn wir unsere Wünsche mit den gegebenen Rahmenbedingungen abgleichen. Setzen wir uns Herausforderungen, sind diese an einem leichten Unbehagen erkennbar, da sie uns aus der eigenen Komfortzone hinausführen und das Risiko eines Misserfolgs in sich tragen.

Wer transformierende Ziele angeht, kann offen über seine Stolpermomente sprechen. Nach dem Verfehlen eines Ziels um Feedback zu fragen, stärkt die Beziehung zu den angesprochenen Personen und liefert zusätzliche Hinweise zu Entwicklungsmöglichkeiten. Auch wenn Misserfolge zuweilen hart und schmerzhaft sind, geht es darum, wieder aufzustehen und aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. Dabei erkennen wir, welche Trainings, Kompetenzen, Kontakte oder persönlichen Entwicklungsprozesse bis zum gewünschten Erfolg noch nötig sind. Sprechen wir über verfehlte Ziele, zeigen wir uns authentisch und menschlich, was den Druck auf unser berufliches und privates Umfeld reduziert. Gleichzeitig nutzen wir unsere Fehler zum persönlichen Wachstum, indem wir Rückmeldungen einholen, Verbesserungen diskutieren und diese mutig angehen.

Nicht jede Situation verlangt jedoch nach dem Ausbreiten sämtlicher Details. Machen Sie es bedacht: Sprechen Sie dann über berufliche Niederlagen, wenn Sie Authentizität und Beziehungen stärken möchten. Wenn wir es schaffen, ab und zu über unsere Unvollständigkeiten zu sprechen, macht uns das zugänglich, menschlich und stark.

 

Cristian Hofmann

Scheitern gehört zum Alltag. Doch stellen Sie sich vor, Sie würden jeden Misserfolg auf Linkedin posten und in Ihrem CV in einer eigenen Rubrik aufführen. Muss das wirklich jeder wissen? Wird man Sie begeistert zum nächsten Bewerbungsgespräch einladen? Misserfolg ist in unseren Breitengraden ein Tabu. Wir werden an unseren Erfolgen gemessen; Misserfolge werden verurteilt oder belächelt. Scheitern ist Kopfsache.

In Coachinggesprächen sagen mir Klienten oft, dass ein Misserfolg den Anstoss zur Veränderung gegeben habe. Das Scheitern führte also letztlich zu etwas Positivem. Warum erleben wir es trotzdem als so schwierig? Psychologen weisen darauf hin, dass wir meist an den Erwartungen scheitern. Eine Niederlage schmerzt! Eben hatten Sie noch Ziele und Pläne – und plötzlich stürzen Sie auf den steinharten Boden. Sie sind verunsichert, es ist Ihnen peinlich.

Vor allem aber fürchten Sie sich vor den Reaktionen der Mitmenschen, von Vorgesetzten und Arbeitskollegen, vor Mitleid und Schadenfreude. Während Sie dem nächsten Umfeld Ihr Scheitern vermutlich erklären können, ist es ungleich schwieriger, dies Menschen gegenüber zu tun, die weder Sie noch die Umstände des Misserfolgs kennen. So führt der Misserfolg schnell zum Missverständnis. Genau deswegen brauchen Sie ihn nicht an die grosse Glocke zu hängen, indem Sie ihn öffentlich machen. Das eigene Image und die Reputation basieren auf der Wahrnehmung der anderen. Sie ergeben sich aus einem gesellschaftlichen Konsens. Dieses System können Sie nicht ändern. Solange die Gesellschaft Fehler mit Versagen gleichsetzt, vergrössert sich Ihr Problem, wenn Sie Ihr Scheitern öffentlich machen. Die Gnadenlosigkeit im Umgang mit Fehlern ist ein Produkt unserer Wettbewerbsgesellschaft und vieler Unternehmenskulturen. Ob wir wollen oder nicht: Wir messen einander ständig im Modus des Wettbewerbs an den Erfolgen, kaum ein Job ist sicher – fast jede Position kann innert kurzer Zeit zur Disposition gestellt werden. Es sind wenige Berufe, wo Fehler ausdrücklich kommuniziert werden sollen. Und auch dort werden sie kaum öffentlich gemacht, sondern anonymisiert. Kürzlich diskutierte ich mit Piloten über den Umgang mit Misserfolgen im Cockpit. Sie reflektieren ihr Verhalten in gewissen Situationen, reden über Fehler und Fehlentscheidungen. Das dient der Verbesserung ihrer Leistung, fördert ihre Erfahrung und hilft, künftig Katastrophen zu verhindern. Solche Niederlagen sind lehrreich und fördern die Persönlichkeitsentwicklung. Die Diagnose ist klar: Misserfolge sind alltäglich. Sie zu überwinden, ist oft der Schlüssel zu künftigem Erfolg. Wer mit Fehlern umzugehen lernt, kann aus der nächsten Krise gestärkt hervorgehen. Das eröffnet neue Kapitel in der Karriere. Oft sind es Erfolgsgeschichten! Solange unser Image von Dritten geprägt ist und die Wettbewerbsgesellschaft nicht für eine neue Fehlerkultur bereit ist, bringt es nichts, das eigene Scheitern öffentlich kundzutun. Es genügt, wenn Sie dies im direkt betroffenen Umfeld offen und ehrlich kommunizieren und souverän damit umgehen.

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Dr. Marc Bürgi arbeitet als selbständiger Coach und Outplacement Berater in Zürich, Schaffhausen und Bern. Zuvor war er als externer Business Coach, Personalentwickler und HR Business Partner für einen schweizerischen HR Full-Service Provider tätig. Er verfügt über Beratungserfahrungen in unterschiedlichen Branchen für Schweizer und internationale Grossunternehmen, lokale KMUs und 50+ Kandidaten. www.dmb-consulting.ch

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Cristian Hofmann ist Berater und Coach für Leadership Excellence und Organisationsentwicklung. Er befähigt internationale Unternehmen, Entscheidungsträger und Teams zu mehr Wirksamkeit und Bestleistung. Seine Kernkompetenzen liegen im Executive Coaching und der Implementierung von Personalentwicklungslösungen. http://supercoaching.ch

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