Innovation

Wer Menschen versteht, ist der Innovation näher

Innovationen entstehen selten im stillen Kämmerlein, sondern wenn Menschen in gut gemischten Teams unter den richtigen Bedingungen zusammenarbeiten. Eine solche Arbeitsumgebung zu schaffen, erfordert ein tiefgehendes Verständnis der menschlichen Natur. Wer hat das eher als die HR-Abteilung?

Das Mantra «Wir müssen innovativer werden» wird überall gebetet. Doch die Gegenfrage, warum dem so sei, löst oft verwirrte Blicke aus. Wird weiter nachgehakt, was denn mit Innovation gemeint sei und was Innovation im jeweiligen Unternehmen bedeute, wird es vielen Gesprächspartnern unbehaglich. Oder aber die Antwort lautet: «Innovation bedeutet Technologie, Patente, Forschung und Entwicklung. Dafür haben wir interne Prozesse und unsere Experten.»  

Obwohl ich letzterer Aussage nicht grundsätzlich widersprechen möchte, halte ich sie doch für völlig unzureichend und nehme hierzu in dreierlei Hinsicht Stellung:

  1. Manchmal drängt sich die Frage auf, ob bei all den Diskussionen um das Thema Innovation nicht zunehmend eines vergessen wird: Innovation ist Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. Wir sind doch (hoffentlich) nicht innovativ um der Innovation willen, sondern weil es Probleme zu lösen, Gelegenheiten aufzugreifen und unsere Zukunft zu sichern gilt. Innovation bedeutet, bewusst den Pfad der Veränderung zu wählen, um Werte zu schaffen und unsere Zukunft zu ermöglichen – eine gute Idee ist noch lange keine Innovation.
  2. Die Zeiten, als Innovation nur wenigen und vor allem Spezialisten vorenthalten war, sind vorbei. Um den heutigen Herausforderungen gerecht zu werden, bedarf es des Wissens, der Vielfalt, Kreativität und Innovation aller, in allen Bereichen, auf allen Ebenen. Innovation ist Thema und Verantwortlichkeit eines jeden Einzelnen.
  3. Prozesse – der bevorzugte Ansatzpunkt in vielen Organisationen, wenn es um die Verbesserung des Innovationsklimas geht – können Innovation zwar unterstützen, was aber schliesslich und tatsächlich einen Unterschied macht, sind Verhaltensweisen und Werte, die gefördert, unterstützt und gelebt werden.

Den goldenen Schlüssel gibt es nicht

Es stellt sich also die Frage, was ein innovatives Unternehmen ausmacht. Auch hier wieder drei Anmerkungen:

  1. Auf der Suche nach Ansatzpunkten für die Verbesserung des Innovationsklimas steht für die meisten Unternehmen eines ganz oben: das Identifizieren von Best Practice. Doch wenn Innovation nur des Kopierens der Methoden von anderen innovativen Unternehmen bedürfte, warum sind dann nicht alle Unternehmen so innovativ wie 3M? Über diese Firma gibt es Fallstudien, Artikel, Bücher, Analysen, Berichte … So einfach ist es nicht. Um ein innovatives Unternehmen zu kreieren, bedarf es eines tiefen Verständnisses der gegenwärtigen Konditionen des Unternehmens und seines Umfeldes sowie einer Vision für die Zukunft. Darauf aufbauend können unternehmensspezifische Ansätze, Prozesse, Strukturen und Lösungen entwickelt werden. Best Practice kann ein Input in diesem Entwicklungsprozess sein, aber nicht dessen Endpunkt. Deshalb rede ich im Zusammenhang mit Innovation lieber von «Leading Practice».  
  2. Bis vor kurzem wurde uns in Bezug auf Innovation suggeriert, dass wenn wir gezielt nur einen bestimmten Ansatz – in der Regel einen bestimmten Prozess – anwenden, all unsere Innovationserwartungen erfüllt werden. Das glauben auch viele Manager gerne. So ein «goldener Schlüssel» ist bequem, doch leider gibt es ihn nicht. Wenn ein Unternehmen erfolgreich innovativ sein will, braucht es eine Vision, auf die mit und durch Ideen hingearbeitet werden kann. Um Innovation in der Firmenkultur zu verankern, braucht es Führungskräfte, die Innovation verstehen und durch ihre Taten (nicht nur Worte) ankurbeln, es braucht ein (physikalisches) Arbeitsumfeld, das innovations-fördernde Verhaltensweisen und Werte unterstützt. Dazu gehören beispielsweise die Offenheit für Neues und Anderes, die Hinterfragung des Status quo, die Erkenntnis, dass es keinen «one best way» gibt, die Wahrnehmung von Fragen als Horizonterweiterung und nicht als Kritik sowie die Möglichkeit zum Experimentieren. Kurz: Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz zum Innova-tionsverständnis und -management.
  3. Erfolgreiche Innovation bedeutet, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Innovation entsteht selten im stillen Kämmerlein, sondern vielmehr durch Verquickung bisher separater Wissensbereiche. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie der amerikanischen Innovationsfirma Doblin entstanden 98 Prozent aller Innovationen, die in den vergangenen zehn Jahren auf den Markt kamen (einschliesslich derer, die wir als radikal bezeichnen würden), durch Kombination bestehenden Wissens.

Innovation setzt daher voraus, dass Menschen mit verschiedenen Hintergründen und aus unterschiedlichen Wissensbereichen zusammenkommen. Dies verlangt in der Regel Offenheit sowie die Bereitschaft, wirklich zuzuhören und zu teilen – unabhängig von Hierarchien. Es braucht den Willen, sich auf Unbekanntes einzulassen, Risiken einzugehen, Fehlschläge als Lernmöglichkeiten zu sehen, aber auch Spass zu haben und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Daher ist des Pudels Kern ein tiefgehendes Verständnis menschlicher Natur: Was bewegt Menschen zur Zusammenarbeit? Wie können Vorurteile und Kommunikationsschwierigkeiten, die in interdisziplinären Szenarios oft auftreten, überwunden werden? Wie kann eine Offenheit gegenüber Veränderungen erreicht werden und wie werden Experimente und Proto-typing Alltag im Unternehmen?

Physik-Vortrag vor der Arbeit

Eine gute HR-Abteilung kann viel zur Etablierung einer Innovationskultur beitragen. Die Ansätze reichen von der Rekrutierung über die Mitarbeiterförderung bis zu strukturellen Themen (siehe Kasten). Auf jeden Fall braucht es manchmal auch innovative Einfälle, wie die amerikanische Firma Cargill beweist: Dort misst der Chief Innovation Officer nicht das Innovationsklima, sondern er schaut sich die Employee-Engagement--Werte an. Denn engagierte Angestellte sind in-novativ, weil sie sich einbringen wollen und können. Auch die Firma GSK zeigt sich kreativ. Vor Gesprächen für eine bessere Innovationskultur bietet sie Kurse und Präsentationen zu Kunst und Physik an.

Wie das HRM zu einer guten Innovationskultur beitragen kann

  • 
Rekrutieren eines diversen Mitarbeiterpools
  • 
Unterstützen von vorurteilsloser, bereichs-übergreifender Zusammenarbeit
  • 
Identifizieren und Entwickeln von Innovationskompetenzen
  • 

Sicherstellen, dass die Diversität eines Teams den -Innovationsanforderungen entspricht
  • 

Innovationskompetenzen in Reviews, individuelle Entwicklungspläne und Erfolgskriterien integrieren, besonders bei Führungskräften
  • 
Unterstützung von Aktivitäten, die nicht direkt mit der jeweiligen Rolle im Unternehmen zu tun haben
  • 
Sicherstellen, dass Engagement für und in Innovationsaktivitäten positive Folgen für die Karriere hat. Gerade und besonders, wenn Risiken eingegangen wurden und diese nicht unbedingt zu einem  kommerziellen Erfolg geführt haben
  • Personal Swiss: 9. und 10. April 2013, Messe Zürich, Halle 5 & 6. www.personal-swiss.ch
    Vortrag von Bettina von Stamm: Di., 9. April, 12.25 Uhr, Forum 5
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Dr. Bettina von Stamm beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Innovation. Sie hat drei Bücher zu Innovation und Innovationskultur in Unternehmen verfasst und ist Gründerin des Innovation Leadership Forum.
www.innovation-leadershipforum.org

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