Interkulturelle Zusammenarbeit

«Den Spanier» und «den Amerikaner» gibt es nicht

«Das wird schon gutgehen.» Projekte, an denen Personen aus mehreren Ländern mitwirken, planen Unternehmen häufig nach dieser Maxime – speziell dann, wenn die ausländischen Partner aus den westlichen Industriestaaten stammen. Denn deren Kulturen sind verwandt – ihre Unterschiede werden jedoch oft unterschätzt.

Die meisten Personen, die bisher nur ihren Urlaub im Ausland verbrachten, unterschätzen, wie stark sie durch ihre Heimat geprägt sind. Sie unterschätzen auch, wie sehr es sie mit ihren Landsleuten verbindet, dass sie dasselbe Schulsystem durchliefen, von Kindesbeinen an dieselben Radiosender hörten, es gewohnt sind, den Müll zu trennen, und, und, und....

All diese Faktoren prägen unser Empfinden und Erleben. Erst im tagtäglichen Miteinander registrieren wir jedoch die kulturellen Unterschiede im Empfinden, die zu einem unterschiedlichen Verhalten führen. Diese Unterschiede gilt es zu reflektieren. Sonst erwachsen hieraus Vorurteile, die sich mit der Zeit zu (Negativ-)Urteilen verfestigen. Ein Beispiel: Oft wandern Schweizer aus, um «stressfreier» zu leben. Doch schon nach kurzer Zeit klagen sie über die Laisser-faire-Mentalität ihrer neuen Mitbürger.

Kulturelle Unterschiede werden meist unterschätzt

Ähnliche Prozesse registriert man auch in Unternehmen, deren Mitarbeiter plötzlich mit ausländischen Partnern zusammenarbeiten müssen – zum Beispiel, weil ihr Arbeitgeber in Spanien ein neues Werk eröffnete. Oder eine Vertriebsorganisation in China gründete. Oder mit einem US-amerikanischen Mitbewerber fusionierte.

In solchen Situationen unterschätzen Unternehmen und ihre Mitarbeiter anfangs oft die kulturellen Implikationen der Zusammenarbeit – und zwar vor allem dann, wenn die neuen Partner keine «Exoten», sondern zum Beispiel Dänen oder Franzosen, Engländer oder US-Amerikaner, sind. Denn gerade weil die westlichen Industrienationen gemeinsame kulturelle Wurzeln haben, erscheint an der Oberfläche vieles gleich. Das verleitet die Unternehmen dazu, wenig Zeit zu investieren, ihre Mitarbeiter auf die Zusammenarbeit vorzubereiten und mögliche Knackpunkte zu ermitteln. Denn dies erscheint, anders als wenn die neuen Partner Inder oder Chinesen, Saudis oder Afrikaner sind, nicht nötig.

Aus Vorurteilen werden Pauschal-Urteile

Doch dann startet das Projekt. Und einige Zeit später merken die Verantwortlichen: Irgendwie läuft das Ganze nicht wie geplant. Ständig gibt es Reibereien. Und unsere Botschaften kommen beim Gegenüber nicht an. Dann reift in ihnen allmählich die Erkenntnis: Die kulturellen Unterschiede sind grösser, als gedacht. Doch leider ist es dann oft zu spät, das Ruder herumzureissen – beziehungsweise wäre hierfür ein enormer Energieaufwand nötig. Denn zu diesem Zeitpunkt haben sich die latenten Vorurteile, die jeder Mensch gegenüber Personen aus anderen Kulturen hegt, häufig bereits zu Urteilen verfestigt – Urteilen, die sich in pauschalisierenden Gedanken und Werturteilen manifestieren: «Die Amerikaner sind halt oberflächlicher als wir Schweizer» oder «Spanier sind wie alle Südländer unzuverlässig». Und diese Verknüpfungen wieder aufzulösen, ist meist schwer, denn sie sind in der subjektiven Wahrnehmung mit konkreten Erfahrungen hinterlegt. Es wird nicht mehr beachtet, dass es «den Spanier» oder «den Amerikaner» ebenso wie «den Schweizer» nicht gibt – selbst wenn gewisse Verhaltensmuster in den einzelnen Kulturen verschieden stark ausgeprägt sind. Es wird auch nicht mehr reflektiert, dass jedes Verhalten aus einem bestimmten Erleben resultiert. Deshalb ist vielfach kein Verstehen möglich.

Persönliches Kennenlernen ermöglichen

Solche Situationen gilt es zu vermeiden, wenn Personen aus mehreren Nationen regelmässig zusammenarbeiten und beim Erfüllen ihrer Aufgaben aufeinander angewiesen sind – und zwar frühzeitig. Denn in den ersten Wochen entscheidet sich meist, wie gut transnationale Teams langfristig funktionieren. Deshalb ist es in der Startphase solcher Projekte wichtig, Foren zu schaffen, die es zumindest den Schlüsselpersonen ermöglichen, sich persönlich kennen und verstehen zu lernen und sich auf gemeinsame Ziele sowie Regeln im Umgang miteinander zu verständigen.

Wie Menschen zusammenarbeiten, hängt stark davon ab, inwieweit sie die Reaktion des jeweils anderen einschätzen können und ihm vertrauen. Und dies setzt voraus, dass die betreffenden Personen ein wechselseitiges Bild voneinander und einen gemeinsamen Schatz an Erfahrungen haben. Dieses persönliche Bild vom Gegenüber entsteht beim Kommunizieren per Telefon und E-Mail nur bedingt. Denn hierbei bleibt die Kommunikation weitgehend auf den Austausch fachlicher Infos beschränkt. Zudem ist die Wahrnehmung stark eingeschränkt. Es fehlen sinnliche Erfahrungen, wie sie entstehen, wenn man einer Person die Hand reicht. Oder wenn man ihr beim Gespräch in die Augen schaut. Gerade solche Erfahrungen sind aber für den Aufbau von Vertrauen und einer persönlichen Beziehung wichtig.

Die Checkliste zum Artikel

Damit interkulturelle Teams funktionieren, helfen Workshops, bei denen sich die Schlüsselpersonen kennenlernen können und eine gemeinsame emotionale Basis für die Zusammenarbeit über grosse Entfernungen und Kulturgrenzen hinweg schaffen. Wie das gelingt, zeigt unsere Checkliste vom kommenden Montag.

 

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Sabine Machwürth ist geschäftsführende Gesellschafterin der international agierenden Unternehmensberatung Machwürth Team International (MTI Consultancy), Visselhövede (D), für die weltweit 450 Berater, Trainer und Projektmanager tätig sind. www.mticonsultancy.com

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