23. Berner Wirtschafts- und HR-Forum

Querdenken ist anstrengend

Unter dem Motto «Ausbrechen und Querdenken» ist am 22. Januar 2018 im Kursaal Bern das alljährliche Stelldichein der Berner HR- und Wirtschaftsszene mit über 1000 Gästen über die Bühne gegangen.

Nach der Begrüssung durch Gastgeberin Nicole Berner der WKS KV Bildung Bern und einem Hoch auf die Hummel, setzte Motivationsexpertin Nicola Fritze zu einem mitreissend interaktiven Referat an. So liess sie das Publikum im vollbesetzten Saal zunächst einmal summen, um einer mutigen Zuschauerin mit geschlossenen Augen eine Kopfmassage zu verpassen und bei ihr so einen Gänsehaut-Effekt auszulösen.

Es folgten verschiedene interaktive Experimente zur Illustration, wie unser Denken, Handeln, und Wahrnehmen funktionieren. Fritze forderte das Publikum etwa auf, mit dem Zuschauer auf dem Nebensitz ausgehend vom Wort «Milch» innert einer Minute ein mit Milch zusammenhängendes Assoziationswort-Pingpong zu spielen mit dem Ziel, so 25 Wörter zu generieren. Danach war die Aufgabe, das Spiel zu wiederholen, aber ohne, dass die Begriffe etwas miteinander zu tun haben dürfen.

Querdenken auf Befehl?

Erkenntnis: Querdenken ist anstrengend. Das sei auch die Zwickmühle, in der sie sich als Business Coach wiederfinde, wenn sie von Unternehmen zu Querdenker-Workshops eingeladen werde. Da schaue sie oft in müde Gesichter von Leuten am Rande der Belastungsgrenze. In diesem Zustand auch noch auf Befehl querdenken zu müssen, mute oft reichlich absurd an.

Auf Befehl querzudenken, Routinen abzulegen und Komfortzonen zu verlassen, funktioniere nicht, wenn es einem Unternehmen nicht gelingt, stimmige Umstände und wenigstens ein Hauch von Entspannung herzustellen. «Es gibt keine Kreativität auf Abruf», lautete denn auch eine ihrer Kernaussagen. Das zweite Problem: Menschen glauben, was sie denken und verteidigen ihre eigene Wahrheit, um sich in Sicherheit zu wiegen. Für Fritze ein verständliches und nachvollziehbares Verhaltensmuster, was jedoch nicht davon befreien sollte, täglich die eigenen Glaubenssätze selbstkritisch zu reflektieren. «Glauben Sie nicht immer, was Sie denken!»

«Abern ist out!»

Den zweiten Teil ihres Referats widmete sie den Handlungsblockaden, die sich ergeben, wenn das Wort «aber» jede Diskussion dominiert. Was sie damit meinte, illustrierte sie anekdotenreich aus ihrem Beratungsalltag. Allzu oft werden Ideen abgewürgt mit den Totschlägerargumenten «kein Budget», «hatten wir schon», «macht bereits die Konkurrenz» oder «zu riskant». Unter dem Motto «Abern ist out!» und «Wer das Haar sucht, verpasst die Suppe», machte sie mit dem Publikum sodann ein weiteres Experiment.

Sie forderte die Zuschauer auf, mit dem Sitznachbarn im Ping-Pong-Verfahren je satzweise eine Geschichte zu entwickeln, mit der eisernen Regel, dass das Wort «aber» tabu ist und wenn es doch fallen sollte, eine Bestrafung in Form eines Remplers in die Rippen absetzt. Stattdessen sollten alle Sätze jeweils mit «ja genau, und dann …» eingeleitet werden. Ein Experiment, das vielen im Publikum offenbar die Augen öffnete. Ebenso wie die Aufforderung, einmal zu hinterfragen, weshalb Paare im Bett immer auf der gleichen Seite schlafen.

Gelbe und rote Karte für den CEO

Nach einer Einlage des Weltrekordhalters im Boogie-Woogie Nico Brino diskutierte WKS-Chef Christian Vifian mit Nicola Fritze, dem Adelbodner Distanzflug-Gleitschirm-Athleten Chrigel Maurer und der Unternehmerin Andrea Roch, Gründerin der 50-köpfigen Marketing-Agentur Business4you über die Kunst des Querdenkens.

Wobei gerade Rochs Statements aufgrund der Anschaulichkeit in besonderer Erinnerung geblieben sind. Sie habe festgestellt, dass ihr Unternehmens-Credo, Kunden zu begeistern, langfristig nur funktioniert, wenn es gelingt, eine Balance herzustellen und im selben Masse auch die Mitarbeiter zu begeistern: «Die Kunden-Begeisterung muss in einem Gleichgewicht mit der Mitarbeiterbegeisterung stehen.»

Dafür probiere sie immer wieder neue Instrumente aus. Etwa indem alle Mitarbeiter über eine gelbe und rote Karte verfügen, die sie bei Bedarf ihr als CEO zeigen dürfen. Dabei steht die gelbe Karte für ein «Veto», mit der sie – auch von Lehrlingen – gezwungen werden kann, Entscheidungen noch einmal zu überdenken. Während die rote Karte eine Art «Panic Button» darstellt, die eingesetzt werden darf, wenn sich jemand überfordert fühlt und Verantwortung abgeben will. Zudem sind bei Business4you auch «Rockstar»-Karten im Einsatz, die man sich im Team untereinander verteilen kann, wenn man jemandem im Team seine Wertschätzung ausdrücken will – also wenn jemand etwas «gerockt» hat.

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Chefredaktor HR Today

sb@hrtoday.ch

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