HR Today Nr. 3: Diversity

«Schönheit für alle»

Seit Frühjahr 2016 engagiert L’Oréal Schweiz drei gehörlose und hörbehinderte Make-up-Artisten. So auch Astrid Geisseler, die in den Manor-Filialen in Zürich und Basel arbeitet und mittlerweile auf Social Media in der Gehörlosen-Community zum Star geworden ist. Eine Erfolgsstory mit Vorbildcharakter.

Astrid Geisseler arbeitet in einem 50-Prozent-Pensum je einen Tag im Manor in Zürich sowie in Basel, wo sie an einem Stand Kundinnen berät, schminkt und L’Oréal-Produkte der Marke Urban Decay verkauft. «Herausfordernd ist für mich, wenn meine Kundinnen zu schnell oder zu undeutlich sprechen und ich deshalb nicht von ihren Lippen ablesen kann. Anfänglich fühlte ich mich etwas verletzt, wenn sich die Kundinnen mit der Kommunikation keine Mühe gaben oder den Kontakt mit mir nicht aufnehmen wollten. Heute bleibe ich in solchen Situationen freundlich und verweise an meine hörenden Kolleginnen», erzählt Astrid offen von ihren Erfahrungen an der Kundenfront.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

«In der Hektik des Business geht schon mal vergessen, dass die Zusammenarbeit mit behinderten Menschen mehr Zeit braucht», gesteht die L’Oréal-Inklusionsverantwortliche Deborah Egloff. «Man muss vieles schriftlich festhalten, um Missverständnisse zu vermeiden.» Auch für Astrids Vorgesetzte, Retail and Education Manager Maike Willems, die bei L’Oréal insgesamt 25 Mitarbeitende führt, ist die Umgewöhnung nicht unerheblich. «Was ich mit anderen Mitarbeitenden schnell per Telefon, Mail oder SMS bespreche oder erkläre, muss ich mit Astrid ausführlich per SMS regeln.» Bei wichtigen Informationen nimmt sie den Umweg über die Gehörlosenfachstelle in Basel in Kauf, die zwischen L’Oréal und Astrid dolmetscht, weil «Astrid nicht dasselbe Vokabular hat wie wir und alltägliche Worte, wie wir sie benutzen, nicht versteht.»

Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Auch wenn dieser manchmal steinig ist. «Wir haben akzeptiert, dass wir zusammen eine neue Erfahrung machen», sagt Egloff. «Wir lernen, wie Kollaboration zwischen Hörenden und Gehörlosen funktioniert, und gehen Schritt für Schritt gemeinsam weiter.» Nicht nur die Mitarbeitenden, auch die Kunden sind zeitweilig mit der Gehörlosigkeit überfordert: «Dass die Kommunikation zwischen Astrid und den Kunden nicht immer klappt, gehört dazu und darf nicht überbewertet werden», findet Maike. Um Arbeitsabläufe reibungsloser zu gestalten und Missverständnisse zu verhindern, sind unkonventionelle Lösungen gefragt.

Wie beispielsweise das von Astrid selbst gestaltete Gehörlosen-Namensschild, das sie auf sich trägt und den Kundinnen vor der Beratung zeigt. Ausserdem hat Maike die Arbeitseinsätze an Astrids Bedürfnissen angepasst: Weil sich das Umfeld am L’Oréal-Stand im Manor in Zürich als zu hektisch erwies, arbeitet Astrid nun einen Tag auch im Manor in Basel, wo das Tempo etwas gemächlicher ist.

Daneben arbeitet die 37-Jährige an einem Wochentag von zu Hause aus an Make-up-Videos für ihre stetig wachsende Gehörlosen-Anhängerschaft in den Social Media: «An meinem Kreativtag produziere ich Make-up-Tutorials, die ich auf Facebook und Instagram veröffentliche.»

Auf Social Media ist Astrid mittlerweile für viele Gehörlose zum Star geworden. «Ihre Follower schauen zu ihr auf und reisen extra nach Basel oder Zürich, um sie zu treffen», sagt Maike stolz. Und Astrid ergänzt: «Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Gehörlosen-Community durch unsere Arbeit noch mehr in die Welt der Hörenden einbezogen wird.» Doch damit nicht genug. Bereits ist ein weiteres Projekt in Planung: Eine Make-up-Schule für Gehörlose.

L'Oréal

Der französische Kosmetikkonzern beschäftigt weltweit über 89 500 Mitarbeitende. Unter dem Slogan «Schönheit für alle» implementierte das Unternehmen vor über zehn Jahren in der Schweiz eine Strategie für Vielfalt und Inklusion. Seit Frühjahr 2016 arbeiten drei gehörlose und hörbehinderte Make-up-Artisten für die Marke Urban Decay in Zürich, Basel, Vevey und Lausanne. In der Schweiz will das Unternehmen zwei Prozent der Stellen mit Gehörlosen und Menschen mit Behinderungen besetzen. Dafür arbeitet L’Oréal unter anderem mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund.

 

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Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

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