«In den allermeisten Fällen sind die Teilnehmenden der Integrationsvorlehre eine Bereicherung für ihre Teams»

Seit 2018 haben Geflüchtete bei Coop die Möglichkeit, eine Integrationsvorlehre zu absolvieren. Annika Keller, Verantwortliche Berufsbildung bei Coop, über die Idee und die Herausforderungen dieses Lehrgangs.

 

Coop bietet eine Integrationsvorlehre an. Was steckt genau dahinter und welches sind die Intentionen?

Annika Keller: Uns war es ein Anliegen, berufsspezifische Integrationsvorlehren anzubieten, um Geflüchteten den Start in die Lehre später zu erleichtern. Das Staatsekretariat für Migration kam 2016 mit der Absicht auf uns zu, geflüchtete Menschen mit einer Integrationslehre in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir haben uns dazu entschieden, an diesem Pilotprojekt teilzunehmen. In der Folge erarbeiteten wir gemeinsam mit anderen Lehrbetrieben und Berufsfachschulen ein Kompetenzprofil für die Integrationsvorlehre im Detailhandel und in der Logistik.

Welche Bedingungen müssen für die Integrationsvorlehre von Seiten Coop, wie auch des Geflüchteten erfüllt sein?

Bewerberinnen und Bewerber müssen das mit den Berufsfachschulen gemeinsam definierte Anforderungsprofil erfüllen. Dazu gehören beispielsweise das Sprachniveau A2 in der jeweiligen Landessprache und die Motivation für Beruf und Branche. Diese Vorabklärung wird durch die Fachstellen der Kantone durchgeführt, erst danach erhalten wir die Dossiers.

Worin bestehen die Unterschiede zu einer klassischen Lehre?

Bei der Integrationsvorlehre handelt es sich um eine gezielte Vorbereitung auf den Einstieg in die klassische Lehre, die sonst beispielsweise aufgrund fehlender Sprachkenntnisse schwerfallen würde. Die Integrationslehre kann aber auch den direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

Wie viele Geflüchtete haben bisher die Integrationsvorlehre erfolgreich abgeschlossen?

Coop bietet seit 2018 eine Integrationsvorlehre an. Bis Ende Juli 2022 schlossen 165 Personen bei uns eine Integrationslehre erfolgreich ab. 105 davon starteten bei uns anschliessend eine Lehre.

Woher stammen die Geflüchteten, die diese Lehre absolvieren?

Ein grosser Teil stammt aus Afghanistan, Eritrea oder Syrien.

Werden die Integrationsvorlehren in allen Bereichen von Coop angeboten?

Die Integrationsvorlehre ist im Detailhandel in den Bereichen Lebensmittel und Do it yourself sowie in der Logistik möglich. Wir waren sehr daran interessiert, sie auch in unseren Hausbäckereien anzubieten, was aufgrund fehlenden Interessenten und Interessentinnen derzeit leider noch nicht möglich ist. 

Wie kommt das Projekt bei den Coop-Mitarbeitenden an?

Das Projekt kommt gut an. In den allermeisten Fällen sind die Teilnehmenden der Integrationsvorlehre eine Bereicherung für ihre Teams. Ihre Lebensgeschichten berühren und relativieren auch schon mal herausfordernde Situationen. Der kulturelle Austausch bietet zudem einen zusätzlichen Mehrwert: So können allfällige Vorurteile abgebaut werden.

Welches sind die grossen Herausforderungen dieses Lehrganges?

Wenn sich im Heimatland noch Familienangehörige befinden, während dort politische Unruhen herrschen oder die Traumabewältigung noch nicht stattgefunden hat, kann das sowohl für sie als auch ihre Ausbildnerinnen und Ausbildner eine Herausforderung sein. Letztere sind für solche Situationen sensibilisiert.

Derzeit herrscht in der Schweiz Lernendenmangel. Wie sieht die Situation bei Coop aus?

Anfang Jahr war die Situation angespannt. Aktuell sieht es aber so aus, dass ungefähr gleich viele Lernende wie im Vorjahr ihre Ausbildung bei der Coop-Gruppe beginnen werden. In manchen Grundbildungen ist es jedoch nicht einfach, Lernende zu finden. Dazu gehören beispielsweise Systemgastronomiefachleute EFZ oder Lebensmitteltechnologinnen und Lebensmitteltechnologen EFZ.

Was tun Sie im Bereich Employer Branding, um die Lehre bei Coop attraktiv zu bewerben und zu gestalten?

Wir starten diesen Monat wieder mit einer neuen Lernendenkampagne, welche die Jugendlichen ansprechen und zu einer Lehre bei Coop motivieren soll. Dazu kommt, dass wir seit 2020 mit einem neuen betrieblichen Lernkonzept arbeiten und unsere Ausbildungskultur den Bedürfnissen der Jugendlichen besser angepasst haben. Diese setzt sich aus den vier Säulen «Handlungsorientierung», «Individualisierung», «Begeisterung» und «Vorbild» zusammen. Die Lernenden haben zudem die Möglichkeit, sich auf einer eigens dafür eingerichteten Plattform untereinander zu vernetzen und auszutauschen. Ausgewählte Lernende haben eine Art Influencer-Funktion inne, in der sie die neuen Lernenden betreuen und begleiten.

Annika Keller

Annika Keller ist Verantwortliche Berufsbildung bei Coop.

 

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