«Wir arbeiten täglich mit unseren Mitarbeitenden im Kriegsgebiet der Ukraine»

Die Digital Marketing Agency Capptoo mit Hauptsitz in Zürich betreibt Niederlassungen in der Ukraine. Ein Grossteil der Belegschaft konnte sich in Sicherheit bringen – auch dank der Bemühungen der Firma. CEO Christian Fillinger über dunkle Vorahnungen und die unglaubliche Loyalität seiner ukrainischen Mitarbeitenden.

 

Sie haben Niederlassungen in Ukraine und waren in ständigem Kontakt mit Ihren 25 Mitarbeitenden vor Ort. Wie haben Sie die Situation Ende Februar wahrgenommen?​

Wir haben bereits im letzten Quartal 2021 begonnen, Notfallpläne zu erarbeiten. Als der Krieg dann am 24. Februar 2022 tatsächlich ausbrach haben die meisten Mitarbeitenden trotzdem weiter an Kunden- oder internen Projekten gearbeitet. Viele verhielten sich stoisch und blieben in der ostukrainischen Stadt Sumy, 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Damals gingen wir noch davon aus, der Krieg treffe ausschliesslich den Süd-Osten.

Aber es kam anders.

Ja, leider. In den folgenden Tagen haben wir ​darauf gedrängt, dass unsere Mitarbeitenden in der Ukraine alles zusammenpacken und die Stadt verlassen, so lange die Strassen noch benutzbar sind und es Benzin und Lebensmittel gibt. Einige unserer Angestellten sind dann nach Lviv aufgebrochen und waren mehrere Tage und Nächte im Auto unterwegs.

Welche Vorkehrungen trafen Sie im Vorfeld für den Ernstfall?​

Als sich die Wahrscheinlichkeit des Kriegs im Februar immer deutlicher abzeichnete, habe ich unseren Team-Leadern in der Ukraine meine Bedenken mitgeteilt. Das Management hat präventiv eine Liste mit Unterkünften erstellt, so dass wir im Ernstfall alle 25 Mitarbeitenden mit Familien und Tieren sicher unterbringen konnten. Vier Tage später kamen die ersten zwei Personen in Zürich an.

Wo befinden sich Ihre Mitarbeitenden jetzt?              

Wir haben Wohnungen für mehrere Arbeitskolleginnen und -kollegen gemietet und möbliert, etwa in Winterthur und Kreuzlingen. Teammitglieder in der Schweiz und in Deutschland stellten auch privat Unterkünfte und teilweise sogar Ferienhäuser zur Verfügung, etwa in Überlingen. Für die Kosten kommt Capptoo auf. Von unseren seinerzeit 25 Mitarbeitern in der Ukraine haben acht das Land noch verlassen können.

Dann sind jetzt noch Mitarbeitende in der Ukraine?

Wir sprechen sogar täglich mit ihnen. Unser Entwickler-Team wollte vor Ort bleiben – und irgendwann war es dann zu spät. Seither suchen sie bei Luftalarm im Bunker Schutz.  In der Schweiz haben wir vier Erwachsene und drei Kinder unterbracht, also nicht nur Angestellte, sondern auch deren Familienangehörige.

Wie geht es jenen, die immer noch ausharren?

​Unterschiedlich. Unser Chef-Designer Roman Kovbasyuk zum Beispiel ist wegen einer dunklen Vorahnung seiner Frau Anna bereits am Abend vor Kriegsanfang aus Sumy in Richtung Westen zur slowakischen Grenze aufgebrochen. Sie machten sich zusammen mit ihren sechsjährigen Zwillingen und Annas Mutter um 22 Uhr auf den Weg, um 4 Uhr morgens herrschte Kriegszustand. Doch unser Chef-Designer konnte nicht ausreisen, da dies Männern zwischen 18 und 60 Jahren nun nicht mehr erlaubt war. Dank einer Spezialbewilligung durften zumindest Anna, ihre Mutter und die Kinder das Land verlassen.

Wie ist das überhaupt möglich, in der Ukraine weiterhin Kundenaufträge zu bearbeiten?

Das ist das Unglaubliche an dieser Zusammenarbeit. Unser Team lässt sich von dieser Spannung kaum etwas anmerken. Viele von ihnen bearbeiten Kundenaufträge über längere Zeit und wollen diese keinesfalls abbrechen. Manche haben mir dieselbe Frage auch so beantwortet, dass ihre kreative Tätigkeit sie wenigstens von der Realität des Kriegs ablenkt, der praktisch vor ihrer Haustür stattfindet. Oksana, eine 23-jährige Mitarbeiterin, war in Kharkiv wohnhaft und lebte eine Woche im Bunker unter Dauerbeschuss, bevor  ihr die riskante Flucht in einem Wagen von Freunden gelang. Sie musste ihre Familie zurücklassen. Sie schaffte es nach Lviv und war einige Tage später schon wieder in Kunden- und internen Calls. Jene, die in der Schweiz in Sicherheit sind, wollen sofort weiterarbeiten. Ihre Integration in den Schweizer Alltag klappt übrigens problemlos.

Was passiert mit den Niederlassungen in der Ukraine? Würden Sie die Standorte überhaupt wieder öffnen?

Wir haben uns auf ein Worst-Case Szenario eingestellt. Seit Kriegsausbruch haben wir drei weitere Ukrainer angestellt, die bereits nicht mehr in ihrer Heimat leben, und die nun ebenfalls mit ihren Landsleuten zusammenarbeiten, die da geblieben sind. Aber die Ukraine ist die Heimat dieser Mitarbeitenden. Welchen Entscheid auch immer sie in Zukunft treffen: Wir werden ihn mittragen. Die Zusammenarbeit mit Ukrainerinnen und Ukrainern ist fantastisch. Sie sind gut ausgebildet, sehr pflichtbewusst und arbeiten genau. Unser Kundinnen und Kunden – übrigens auch von namhaften Schweizer Unternehmen – schätzen sie ebenfalls enorm.

Geopolitisch wird sich einiges ändern. Inwiefern hat das Auswirkung auf Ihr Unternehmen?

Wir sind eine sehr agile Firma und werden uns den sich immer schneller ändernden Gegebenheiten anpassen können. Uns kommt zugute, dass wir in 13 Ländern tätig sind und schon immer sehr virtuell gearbeitet haben. Dies wird so bleiben. Zudem gewinnen wir immer mehr auch internationale Kunden und expandieren in Länder, die unsere Diversifikations-Strategie unterstützen. Somit können wir negative Geschäftsgänge oder Krisen wie diese besser aushalten und den Mitarbeitenden dadurch mehr Sicherheit geben.

 

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