Leadership

Lassen Sie Bilder sprechen

Gespräche bestehen zu einem hohen Anteil aus Missverständnissen. Häufig haben Gesprächspartner das Gefühl, vom Gleichen zu sprechen – obwohl die Bilder, die beide im Kopf haben, weit auseinandergehen. Damit Gesprächspartner im Geschäftsleben dieselbe Sprache sprechen und sich verstehen, plädieren unsere Gastautoren dafür, auf die wohl urtümlichste Form der Weitergabe von Wissen zurückzugreifen: das Zeichnen.

Ankündigung: «Heute Mittag gibt’s Spinat.» «Würg», denkt der Sohn und erinnert sich an die ungeliebte grüne Kleinkinderspeise. «Mmh», freut sich seine Schwester und erwartet diese leckere Spinat-Pasta, die sie neulich bei einer Freundin probiert hat. Und was kommt auf den Tisch? Ein pikanter Asia-Salat. Ein Begriff, drei Bilder.

Szenenwechsel: «Wir haben ein Problem!», verkündet die Führungscrew. «Nicht mein Job», denkt sich der Angestellte. «Ich werde für meine Arbeit bezahlt, nicht fürs Probleme lösen.» «Es muss etwas geschehen», reagiert der Abteilungsleiter und beruft eine Sitzung der Teamverantwortlichen ein. «Nächsten Monat müssen die Zahlen besser sein», verlangt der Controller und setzt zum Streichkonzert an. Das Problem existiert. Jeder macht sich ein anderes Bild davon. Lösungsansätze gibt es nur punktuell und unkoordiniert.

Warum Worte alleine nicht genügen

Situationen des Nicht- und Falschverstehens sind alltäglich, im Privatleben ebenso wie in der Wirtschaft. Probleme können durch falsche oder nur teilweise kommunizierte Lösungsansätze grossen Schaden anrichten. Kaum wahrgenommen, aber untergründig existent und im Finale eben schädigend. Verbale Verlautbarungen und Gespräche bestehen zu einem hohen Anteil aus Missverständnissen. Die Beteiligten meinen zwar, vom gleichen Hindernis zu sprechen. Doch fragt man nach, wird schnell klar, dass die Bilder im Kopf weit auseinandergehen. Bilder visualisieren Worte. Meist entstehen sie intuitiv und sind eher oberflächlich und flüchtig. Doch gezielt erzeugt und eingesetzt können Bilder aufzeigen, was Worte verschleiern, unterdrücken, beschönigen. Bilder können motivieren, den Blick schärfen, fokussieren, Kräfte bündeln und vieles mehr.

Warum wir Bildersprache leichter verstehen

Wir Menschen sind visuelle Wesen. Bildersprache verstehen fast alle Menschen. Mit einem Bild wird etwas suggeriert, woran die Gedanken und später Worte anknüpfen. Doch nur die wenigsten beherrschen die Bildersprache aktiv. Dabei stellt sie ein ideales Mittel dar, um komplexe Themen zu strukturieren und neue Lösungsansätze zu generieren. Stattdessen wird nach alter Sitte in Meetings diskutiert und anschliessend mit reduzierten Botschaften, Power Point Präsentationen und ähnlichem gearbeitet. Ein Grossteil der Möglichkeiten, Situationen und Vorgehensweisen transparent zu machen, bleibt ungenutzt und geht verloren. Kommunikationsschwierigkeiten und nicht selten Effizienzprobleme sind die Folge. Auch die neuen Gegebenheiten und der immer raschere Wandel der Arbeitswelt von Globalisierung über Digitalisierung bis zur Industrie 4.0 tragen dazu bei.

Warum Visualisierung bewegt

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Visualisierung von Geschäftsabläufen und Businessproblemen zunehmend an Bedeutung. Führungskräfte und Entscheider können mit der Technik des Visual Thinking deutlich mehr bewegen: komplexe Prozessabläufe und Schwierigkeiten bei anstehenden Reorganisationen analysieren, effiziente Lösungen finden und entscheidende Ideen intern und extern kommunizieren. Wer gelernt hat, komplexe Gedanken in einfachen visuellen Skizzen darzustellen, spart Zeit bei der Vermittlung und bei der Umsetzung. Und Zeit zählt bekanntlich in jedem Unternehmen als bares Geld.

Wie das Bilderbuchkino im Kopf entsteht

Visuelles Denken ist Übungssache und erlernbar. Grundvoraussetzung ist zunächst, eventuell vorhandene Hemmungen vor dem visuellen Arbeiten abzulegen. Die Verwendung von Kreativitätstechniken wie Gamification, also der spielerische Umgang mit geschäftlichen Zusammenhängen, oder Storytelling lässt sich in Workshops erarbeiten. Damit können wahre Ideenschätze, die sonst nicht nur für Aussenstehende, sondern auch für den Betroffenen selbst unsichtbar geblieben wären, behoben werden. Die Verwendung mehrdimensionaler Templates unterstützt das vernetzte Denken der rechten und linken Gehirnhälften. Auch Kopfmenschen können nun ihr intuitives Wissen anzapfen und für die Live-Visualisierung von Business-Themen nutzen. Ob auf der Serviette oder gar auf dem Bierdeckel, am iPad, Flipchart oder Whiteboard – die jeweilige Situation liefert den Rahmen für das Bild. Das visualisierte Problem wird zum Eycatcher und löst weitere Denkprozesse aus. So wie ein schön angerichteter Teller den Appetit verstärkt. Das Auge isst/denkt mit!

Neun Tipps, um mit Bildern richtig zu kommunizieren

  1. Arbeiten Sie gemeinsam mit Ihrem Gesprächspartner an dessen Herausforderungen und Lösungsideen.
  2. Finden Sie das richtige Tempo: Passen Sie Ihre Erzählgeschwindigkeit an Ihren Gesprächspartner und das Visualisieren an. Setzen sie ganz bewusste Pausen.
  3. Verschönern Sie erst hinterher. Dadurch lassen Sie das Gespräch noch einmal Revue passieren und Sie können es noch einmal überdenken.
  4. Das aktive Zuhören und den Blickkontakt nicht vergessen! Damit sich Ihr Gesprächspartner verstanden fühlt, schauen Sie ihm ab und zu in die Augen. Lassen Sie zudem immer wieder kleine Pausen und verlieren Sie sich nicht in Ihrer Zeichnung. Nur durch das Gesagte kann die Visualisierung entstehen.
  5. Übung macht den Meister! Ihre Visualisierung wird nicht immer perfekt sein und zu Beginn bringen Sie vielleicht noch nicht sehr viel auf das Papier. Aber das verlangt auch keiner! Wichtig ist, dass Sie und Ihr Gesprächspartner sich verstehen. Mit jedem Gespräch sammeln Sie mehr Erfahrung und das Live-Visualisieren wird Ihnen so immer leichter fallen.
  6. Vermeiden Sie falsche Erwartungen. Sagen Sie deshalb zum Einstieg in das Gespräch, dass Sie kein Kunststudium absolviert haben, dennoch aber zu Papier bringen möchten, was Kernthemen und Eckpunkte des Gespräches sind. So finden Sie einen erfrischenden Einstieg in die Gespräche mit Ihrem Partner und geben ihm sowie auch sich selbst ein gutes Gefühl.
  7. Das Gespräch lenken. Möchten Sie erneut auf einen Aspekt eingehen, der Ihnen besonders wichtig ist? Lenken Sie das Gespräch ganz einfach, indem sie unterstreichen, Linien nachziehen, Bilder umkreisen ... So legen Sie ganz bewusst das Augenmerk Ihres Gegenübers auf Punkte, die für Sie oder ihn wichtig sind. Diese Arbeitsweise kann ein Gespräch wieder aufnehmen, nochmals in die richtige Richtung lenken oder für das nötige Verständnis sorgen.
  8. Nicht an Details aufhalten. Bringen Sie alles Wesentliche auf das Papier, immer mit dem Ziel vor Augen, die Situation Ihres Gegenübers zu verstehen und dafür die beste Lösung zu finden. Ausserdem nehmen Sie die Dinge mit auf, die Ihr Partner besonders wichtig findet, um damit zu arbeiten. Dabei gilt: Kommen Sie auf den Punkt. Es müssen nicht alle Fakten visualisiert werden, entscheidend sind die wirklich ausschlaggebenden.
  9. Arbeiten Sie nach dem Gespräch nach und versenden Sie das gut aufbereitete visuelle Protokoll so schnell wie möglich, zusammen mit den nächsten Schritten der Zusammenarbeit.

 

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Marko Hamel ist Mitgründer und Geschäftsführer von Visual Selling. Mit der «Visual Selling»-Methode unterstützt er Organisationen dabei, Businessprobleme visuell zu analysieren und zu lösen sowie dank digitaler Kommunikation in Verbindung mit Live-Visualisierung die Lösungen zu kommunizieren. Soeben ist seinBuch «Visual Selling – Das Arbeitsbuch für Live-Visualisierung im Kundengespräch» erschienen. www.visualselling.de

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Miriam Hamel ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von Visual Selling. Mit der «Visual Selling»-Methode unterstützt sie Organisationen dabei, Businessprobleme visuell zu analysieren und zu lösen sowie dank digitaler Kommunikation in Verbindung mit Live-Visualisierung die Lösungen zu kommunizieren. Soeben ist ihr Buch «Visual Selling – Das Arbeitsbuch für Live-Visualisierung im Kundengespräch» erschienen. www.visualselling.de

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