HR Today Nr. 10/2020: Praxis – HR in der Rezession II

Perspektiven in der Rezession

Bedingt durch die Covid-19-Pandemie wird bis Ende Jahr in zahlreichen Unternehmen ein massiver ­Stellenabbau erwartet. Wie sich Ämter und Unternehmen darauf vorbereiten.

«Wir gehen davon aus, dass sich die Arbeits­losenquote vorübergehend stabilisiert und dann im Herbst weiter erhöht», sagt Andrea Engeler vom Amt für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Zürich (AWA). Gemeinsam mit den 16 Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) ist es Engelers Aufgabe, Stellensuchende im Kanton Zürich möglichst rasch wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Daneben ist ihr Amt damit beschäftigt, Kurzarbeitsgesuche rasch und unbürokratische abzuwickeln, damit Unternehmen Entlassungen vermeiden und Arbeitsplätze erhalten können. Beides ist für Engeler eine Herausforderung: «Der Ansturm auf das AWA war im Frühling enorm. Erhielten wir vor der Corona-Pandemie knapp zehn Kurzarbeitsgesuche pro Monat, sind Mitte März zeitweise bis 2000 Gesuche pro Tag eingegangen.» Da die bisherigen Bewilligungen grösstenteils bis Ende August 2020 liefen, rechnet Engeler mit einer weiteren Welle von Anmeldungen und Verlängerungen der Kurzarbeit.

Um diese Volumen zu bewältigen, hat sich Engeler frühzeitig damit beschäftigt, Amtsprozesse zu optimieren, personelle Ressourcen im AWA aufzubauen und den Vollzug beim Bund durch effizientere Abläufe zu erleichtern. Dieses vorausschauende Ressourcenmanagement sei beim ersten Kurzarbeitsansturm erfolgreich ­gewesen. «Wir haben nicht nur intern Mitarbeitende umgeschult, sondern temporär viele zusätzlich Fachkräfte aus anderen Direktionen der kantonalen Verwaltung sowie der Eidgenössischen Steuerverwaltung gewonnen.» Gemeinsam mit dem Amt für Informatik hätte das AWA zudem eine digitale Lösung für die summarische Abrechnung der Kurzarbeitsentschädigung ­entwickelt. «Das entlastet uns deutlich.» Dass das vereinfachte Kurzarbeitsverfahren bis Ende 2020 weitergeführt wird, bringe in den ­kommenden Monaten eine zusätzliche Erleichterung. Auch bei den Regionalen Arbeitszentren hat das AWA aufgerüstet. «Bis Ende 2020 ­werden wir rund 100 zusätzliche Personalberater ­beschäftigen.»

Dass die aktuelle Wirtschaftslage nicht nachfragebedingt ist, stellt Andrea Engeler vor gänzlich neue Herausforderungen: «Viele Wirtschaftsaktivitäten wurden aufgrund der Corona-Pandemie quasi auf Knopfdruck heruntergefahren.» Besonders stark betroffen seien persönliche Dienstleistungen, Gastronomie, Tourismus oder die Eventbranche. Die Entwicklung sei zudem kaum prognostizierbar. Nahezu alle wirtschaftlichen Aktivitäten sind davon betroffen. «Das belastet die systemrelevanten Leis­tungserbringer – auch uns.» Entscheidungsträger müssten nun auf politischer, wirtschaftlicher und Verwaltungsebene Massnahmen abwägen, welche die Gesundheit der Menschen schützen und gleichzeitig die wirtschaftlichen Auswirkungen berücksichtigen.

Kurzarbeit in der Praxis

Auch die HR-Verantwortlichen in Unternehmen sind durch die Covid-19-bedingte Rezessionszeit gefordert. «Die aktuelle Lage führt vielerorts zu Unsicherheiten, Ängsten und sehr oft zu Spannungen in Unternehmen», weiss der Coach und ehemalige Trisa-HR-Leitende Lucien Baumgaer­t­ner aus eigener Erfahrung. «HR-Verantwortliche sind in solchen Zeiten an allen Fronten gefordert.» Beispielsweise, indem sie mit der Geschäftsleitung und mit Gewerkschaften über Sozialpläne diskutieren, Gespräche mit Vorgesetzten führen und den Mitarbeitenden am Ende die Kündigung kommunizieren. «Ein anstrengender, aber letztlich auch spannender und wichtiger Teil der HR-Tätigkeit», sagt Baumgaer­t­ner. Um sich mit diesen Herausforderungen nicht gänzlich alleine auseinanderzusetzen, rät Baumgaertner seinen HR-Kollegen, sich begleiten zu lassen. «Das, um nicht den Überblick zu verlieren und die Distanz zur Situation zu wahren.» In einer Rezession solle HR zudem antizipierend handeln: «Abbau- oder Reorganisationsprojekte lösen zum Teil unberechenbare Dynamiken und Emotionen in Unternehmen aus. Wenn es HR-Fachleuten gelingt, vorausschauend zu handeln, sind sie auf gutem Weg.»

Vorbereitung ist alles

Ein solch vorausschauend handelndes Unternehmen ist Swissprinters. «Schon vor der Corona-Pandemie haben wir uns mit der zunehmend schwierigen Marktentwicklung auseinandergesetzt und unsere Kostenstruktur optimiert. Deshalb konnten wir durch die Kurzarbeit bis August 2020 vorübergehende Umsatzeinbrüche überbrücken», sagt Geschäftsführer Alfred Wälti. Und das ohne Auswirkungen auf die Beschäftigtenzahl: «Aus heutiger Sicht wird es bis Ende Jahr keinen Stellenabbau geben.»

Gut vorbereitet zu sein, ist für Unternehmen und das HR in Rezessionszeiten somit das A und O. Besonders, um Angst und Lähmung im Betriebsalltag zu verhindern, meinen Baumgaertner und Wälti. «Mitarbeitende müssen kontinuierlich, ehrlich und transparent über die Entwicklung der Branche und vor allem über jene des eigenen Unternehmens informiert werden», sagt Wälti. Chancen und Risiken müssten dabei zur Sprache gebracht werden. Können Mitarbeitende einen Beitrag leisten, gelinge es allenfalls sogar, die Effizienz zu steigern. Daneben brauchen Beschäftigte auch eine Perspektive. «Das ist bei der Bewältigung einer Krise zentraler als irgendwelche ausgehandelten Abgangsentschädigungen», sagt Baumgaertner. «Finden Mitarbeitende eine neue berufliche Perspektive, zeige ihnen das auf, dass es trotz Kündigung für sie weitergehen wird und soll.»

Eine stabile und gelebte Unternehmenskultur stärke in herausfordernden Zeiten die Identifikation, schaffe Vertrauen, stabilisiere das Unternehmen und helfe beim Umgang mit Veränderungen, sagt Swissprinters-Geschäftsführer Wälti. Ein Erfolgsrezept, das auch Baumgaertner kennt: «Selbstverständlich leiden Mitarbeitende unter kulturellen Veränderungen und Entlassungen.» Die Situation lasse sich mit einem Bankguthaben vergleichen: «Habe ich in die Beziehungen zu meinen Mitarbeitenden und in die Unternehmenskultur investiert, ist mein Plus genügend gross, um unvermeidbare Abbuchungen zu machen, ohne sofort einen Negativsaldo aufzuweisen.»

Agieren bei Entlassungen

Trotz aller Voraussicht kann es zur Kurzarbeit oder zu Entlassungen kommen. «Dann muss der Abbau so menschenorientiert wie möglich erfolgen», sagt Baumgaertner. Das findet auch Andrea Engeler, die beim AWA mit Massenkündigungen konfrontiert ist, wenn mehr als zehn Arbeitnehmende zeitgleich entlassen werden. In einem solchen Fall werde je nach Betriebsgrösse zunächst das Personal informiert und dann ein Konsultationsverfahren durchgeführt. «Dadurch ergeben sich oft Lösungsansätze, mit denen Arbeitnehmende teilweise weiterbeschäftigt werden können.» Fruchte das nicht und müsse ein Sozialplan erstellt werden, habe HR das Management beim weiteren Vorgehen zu beraten und die Mitarbeitenden über weitere Schritte zu informieren. «Sie sind auf die Beratung und Begleitung durch HR-Fachkräfte angewiesen», sagt Engeler. Dabei wünscht sie sich «Professionalität, Fairness durch transparente Prozesse und eine umsichtige Kommunikation».

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Christine Bachmann

Christine Bachmann ist stv. Chefredaktorin bei HR Today.

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