Selbstführung – der Unterschied, der den Unterschied macht
Immer häufiger ist zu lesen, dass Selbstreflexion und Selbstbewusstheit entscheidend für gute Führung seien. Doch ist das nur ein Hype – oder steckt mehr dahinter?

Selbstreflexion ist der erste Schritt zu bewusster Führung und innerer Klarheit. (Bild: ChatGPT)
Noch immer übernehmen vor allem fachlich starke Menschen Führungsrollen. Die fachliche Leistung steht also im Vordergrund. Selten wird jedoch überprüft, ob eine Person sozial kompetent ist und wirklich Freude am Umgang mit Menschen hat. Man nimmt schlicht an, das Führen werde «schon irgendwie gehen». Dabei wird auch kaum bedacht, dass Führung tatsächlich Zeit beansprucht, denn die fachlichen Aufgaben bleiben meist unverändert. Die Führungsverantwortung kommt einfach obendrauf.
Dass vor allem das Fachliche für eine Führungsrolle zählt, mag in der Vergangenheit mehr schlecht als recht funktioniert haben. Heute jedoch ist vieles noch komplexer und unsicherer geworden. Dies verstärkt den Druck auf die Führungskräfte. Die Erschöpfung unter den Chefinnen und Chefs ist weit verbreitet, wenn auch nicht immer bewusst erkannt. Es ist höchste Zeit, diese Art der Führung zu hinterfragen.
Es sollte ein Muss sein, sich als Chefin oder Chef zu fragen: «Wie führe ich?», «Wie gerne mag ich andere Menschen wirklich?» oder «Führe ich wirklich gerne?» und «Warum führe ich überhaupt?».
Selbstentwicklung beginnt mit Reflexion
Mit solchen Fragen fängt die Selbstreflexion an. Damit sind wir beim Thema Selbstentwicklung und Selbstführung angelangt. Selbstentwicklung beginnt mit Reflexion. Ohne über sich nachzudenken, kann man sich nicht wirklich besser kennenlernen und sich kaum weiterentwickeln.
Das Wort «wirklich» oder sogar «wirklich-wirklich» wird hier bewusst häufiger verwendet, weil es nicht um oberflächliche Antworten geht. Die sind meist leicht gefunden. Es geht darum, in der Tiefe zu ergründen, «was man wirklich-wirklich mag» und «worin man wirklich-wirklich gut ist».

Selbstreflexion ist nicht etwas, das man mal an einem Wochenende erledigt. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Das Praktizieren von Achtsamkeit kann dabei sehr helfen. So kann Selbstentwicklung aktiv angegangen und fest ins Leben integriert werden. Ein reflektiertes und bewusst gelebtes Leben führt dazu, dass man sein eigenes Leben steuert. Ein bewusster Mensch lässt sich nicht einfach treiben und funktioniert nicht nur. Er führt sich selbst.
Selbstführung ist die Basis einer guten, menschlichen und richtungsweisenden Führung. Sie ist kein «Eso-Gedöns» oder «Soft Skill», sondern das Fundament. Ob in Konfliktsituationen, Veränderungsprozessen oder im Umgang mit Unberechenbarkeit: Die innere Haltung einer Führungsperson entscheidet wesentlich darüber, wie vertrauensvoll, klar und wirksam sie handelt und auf andere zugeht.
Wer sich seiner Muster bewusster wird – im Sinne eines lebenslangen Weges – und seine Schattenseiten wie auch seine wirklichen Stärken kennt, kann viel souveräner mit den eigenen Bedürfnissen umgehen. Wer um seine «Untiefen» weiss und dafür sogar Verständnis aufbringt, kann gut für sich sorgen. Das macht freier und unabhängiger.
Mangelnde Selbstkenntnis schafft Probleme
Viele Jahre Führungsarbeit der Autorin und das Beobachten zahlreicher Führungspersonen haben gezeigt: Die meisten Probleme und Konflikte entstehen nicht aus fachlicher Unwissenheit. Sie beruhen vielmehr auf mangelnder Selbstkenntnis. Auf Unkenntnis der eigenen Bedürfnisse und fehlender Wertschätzung für sich selbst. Daraus entstehen Neid, Profilierung, Eifersucht, Gier, Wut, Frust und vieles mehr.
Solange man sich seiner selbst nicht bewusst ist, ist die Verlockung gross, Verantwortung nach aussen zu delegieren. Das zeigt sich darin, dass für alles und jedes Schuldige gesucht und auch gefunden werden und man selbst in der Opferrolle verharrt. Das ergibt ein ohnmächtiges Gefühl. Man fühlt sich ohne Macht und dadurch ausgeliefert. Dies blockiert die eigene Schöpferkraft (oder Selbstwirksamkeit).
Laut dem Neurobiologen Professor Gerald Hüther gehört die Schöpferkraft – neben der Zugehörigkeit – zu den wichtigsten menschlichen Grundbedürfnissen. Sich selbst gut zu kennen, bedeutet, diese beiden Bedürfnisse zu achten und gesunde Grenzen zu setzen. So entsteht innere Ruhe und damit weniger Raum für Neid, Eifersucht, Wut oder Frust.
Weiterbildung hilft, reicht aber nicht
Gute fachliche Weiterbildungen und Seminare zu Themen wie zum Beispiel Projekt- und Konfliktmanagement sind sicher nützlich. Selbstentwicklung anzugehen – und auch in Unternehmen zu fördern –, ist aber entscheidend. Nur wenn sich Menschen selbst von innen heraus entwickeln, können sich eine Organisation und ihre Kultur nachhaltig verändern.

Viele Führungskräfte stehen heute unter permanentem Druck. Entscheidungen müssen sofort gefällt, Orientierung muss gegeben und Erwartungen müssen erfüllt werden. Dieser Spagat führt viele, wie schon erwähnt, an ihre persönlichen Grenzen. Häufig fehlt im Alltag vermeintlich die Zeit, wirklich nachzudenken, zu fühlen und nach innen zu gehen.
Oft zeigt sich auch, dass neu gewonnenes Wissen schon nach wenigen Tagen verpufft. Gute Vorsätze gehen im Alltag schnell unter. Anders ist es, wenn sich innerlich tatsächlich etwas verändert. Wenn Gedanken, Gefühle und damit die Haltung in Bewegung kommen. Dann wird die Veränderung spürbar: nicht laut, sondern leise, sanft und gefestigt.
Im Führungsalltag zeigt sich dies zum Beispiel darin, dass sich Vorgesetzte mehr Zeit nehmen, wirklich zuzuhören. Das gelingt leichter, wenn spürbar und bewusst geworden ist, wie verletzend es sein kann, wenn jemand nicht zuhört. Mit dieser Erfahrung wird diese Chefin oder dieser Chef künftig beim Zuhören nicht mehr gleichzeitig an die nächste Sitzung denken oder gedanklich bereits reagieren wollen. Sie oder er ist dafür umso präsenter und schenkt die volle Aufmerksamkeit. Dadurch fühlt sich das Gegenüber gesehen, fasst Vertrauen und hat den Mut, sich selbst stärker einzubringen. So entsteht Veränderung – still, aber wirksam.
Führung ist Beziehungspflege – zuerst mit sich selbst
Führung ist immer Beziehungspflege. Natürlich mit anderen, aber zuerst mit sich selbst. So wie jemand mit sich selbst umgeht, geht sie oder er auch mit anderen um. Das Team ist ein aufschlussreicher Spiegel. Es zeigt, wie es um die Beziehung zu einem selbst als Mensch steht. Ein altes Sprichwort besagt: «Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.»

Wer als Leaderin oder Leader wirksam sein will, braucht kein perfektes Konzept. Es braucht Klarheit über das eigene Innenleben. Selbstführung beginnt dort, wo Menschen bereit sind, bei sich selbst zu schauen und sich selbst zu verstehen.
Dies kann auch bedeuten, dass man erkennen muss, dass Führen nicht wirklich Freude macht. Und das wäre völlig in Ordnung. Viele geraten eher zufällig in Führungsrollen – oder weil es von ihnen erwartet wurde. Einige glauben auch, sie seien nur wertvoll, wenn sie eine leitende Position innehaben. Die vermeintliche Ehre wirkt so stark, dass kaum hinterfragt wird, ob diese Rolle tatsächlich dem eigenen Wesen entspricht.
Was im Innern gelingt, gelingt auch im Aussen
Darum geht es im Kern der Selbstführung: die eigenen Grenzen zu erkennen, zu setzen und sich selbst zu schätzen. Und wenn dies im Inneren gelingt, gelingt es auch im Aussen. Dann können unter anderem auch dann Grenzen gesetzt werden, wenn «von oben» etwas verlangt wird, das für die Person selbst oder das Team gerade nicht machbar ist. Innere Sicherheit und Klarheit ermöglichen es, Kontrolle loszulassen und wirklich Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für andere. So entsteht echte Wirksamkeit – zum Gewinn für alle.
Selbstführung macht also tatsächlich den Unterschied
Auf dieser Basis wurde von der Autorin ein spezielles Online-Programm entwickelt, das über drei Monate hinweg insbesondere Führungskräfte dabei unterstützt, sich selbst besser kennenzulernen. In einem Buch hat sie zudem Wissen und Erfahrung gebündelt, um Impulse für neue, bewusste Wege im Alltag zu geben.
Wie und wo auch immer: Selbstentwicklung ist die wertvollste Investition überhaupt. Sie schenkt grössere Sicherheit, Klarheit, Authentizität und mehr Freude im Tun. Je mehr Frieden im Inneren entsteht, desto friedvoller, leichter und wirksamer gestaltet sich der Umgang mit anderen.