Warum das klassische Lehrmeistertum ausgedient hat
Die Berufsbildung hat sich verändert – und damit die Rolle der Ausbildnerinnen und Ausbildner. Heute geht es weniger um Anweisung, sondern verstärkt um Führung, Begleitung und Feedback.

Heute geht es in der Berufsbildung weniger um Anweisung als früher. (Bild: Gemini)
Die Berufsbildung in der Schweiz hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Wo früher das Abarbeiten von Leistungszielen im Vordergrund stand, sind Ausbildungsbetriebe heute gefordert, kompetenzorientierte Lernumgebungen zu gestalten. Diese Entwicklung betrifft nicht nur Lernende, sie verändert vor allem die Rolle derjenigen, die sie begleiten. Gefragt sind zunehmend Führungsqualitäten wie Beziehungsgestaltung, Kommunikation, wirksames Feedback und Wertevermittlung.
Denn, wer Lernende begleitet, führt. Auch ohne formale Führungsrolle übernehmen Berufs- respektive Praxisbildnerinnen und -bildner zentrale Leadership-Aufgaben: Sie coachen, geben Orientierung, fördern Selbstvertrauen und prägen die erste Arbeitserfahrung junger Menschen.
Eine kurze Zeitreise: Als Lernende noch «Stifte» waren
Eine kurze Zeitreise zeigt, wie stark sich Erwartungen verschoben haben: Der Einstieg in die Lehre ist heute meist bewusst gestaltet: Lehrvertragsunterzeichnung mit Betriebsbesichtigung, Willkommenspaket, strukturierte Einführungstage, vielleicht ein Lernenden-Camp mit Teambuilding und klarer Wertevermittlung. Onboarding ist nicht nur Administration, sondern bewusst gestaltete Orientierung.

Noch vor einigen Jahrzehnten sah das Bild etwas anders aus: oft minimaler Kontakt vor dem ersten Arbeitstag. Das «Onboarding» eine Feuertaufe: kreative Botengänge, fragwürdige Aufträge und Tests, ob man «es aushält».
Dieser Wandel erzählt mehr als nur eine Geschichte über moderne Ausbildungsformate. Er steht für eine veränderte Haltung gegenüber jungen Menschen in der Arbeitswelt. Was dabei jedoch häufig unterschätzt wird: Mit der Transformation der Berufsbildung hat sich nicht nur die Erfahrung der Lernenden verändert – sondern auch die Aufgabe derjenigen, die sie begleiten.
Neue Erwartungen, neue Realität
Berufsbildung ist längst ein strategischer Faktor. In Zeiten zunehmender Fachkräfteknappheit wird die Entwicklung eigener Nachwuchstalente zur unternehmerischen Notwendigkeit. Gleichzeitig treten junge Menschen mit klaren Erwartungen in die Arbeitswelt ein. Sie suchen Orientierung, Entwicklungsmöglichkeiten, ein Umfeld, in dem Fragen erlaubt sind, und eine stimmige Balance zwischen Berufs- und Privatleben. Fachliche Anleitung allein genügt nicht mehr.
Der bisweilen noch verbreitete Vorwurf, Lernende seien wenig leistungsbereit, hält einer sachlichen Betrachtung kaum stand. Studien zeigen vielmehr, dass sich junge Menschen seit Lehrbeginn als verantwortungsbewusster erleben, Aufgaben konsequent zu Ende führen und zunehmend selbständig handeln. Was gelegentlich als anspruchsvoll wahrgenommen wird, ist oft Ausdruck einer Generation, die gelernt hat, Bedürfnisse klar zu artikulieren und Entwicklung aktiv einzufordern.

Auch das Arbeitsumfeld verändert sich rasant. Fachwissen bleibt zentral – doch ebenso gefragt sind methodische und persönliche Kompetenzen wie Lernfähigkeit und Selbstorganisation. Es geht längst nicht mehr um das Abhaken von Aufgaben, sondern um begleiteten Kompetenzerwerb. Oder anders gesagt: weniger Teaching, mehr Learning, reflektieren statt instruieren.
Das traditionelle Lehrmeisterverständnis wird der heutigen Komplexität nicht mehr gerecht. Gefragt ist eine Führungsrolle, die Entwicklung ermöglicht.
Beziehung ist Führungsarbeit: Vertrauen als Fundament
Der Lehrbeginn ist für viele junge Menschen die erste prägende Erfahrung in der Arbeitswelt. Neben fachlichem Lernen geht es um Identität, um neue Rollen (Teamkollegin, Ansprechpartner für Kundschaft, Mitgestalterin) und um das Verständnis, wie Zusammenarbeit funktioniert. In dieser Phase wirkt Führung besonders stark, positiv wie negativ.
Wirksame Führung in der Berufsbildung schafft ein psychologisch sicheres Umfeld. Lernende dürfen Fehler machen, Fragen stellen und unterschiedliche Perspektiven einbringen, ohne Gesichtsverlust befürchten zu müssen. Transparente Kommunikation, zeitnahes Feedback und verlässliche Absprachen geben Orientierung. Und Beziehung ist kein weicher Faktor, sondern ein Produktivitätstreiber, denn sie beeinflusst Lernkurven, Motivation und Bindung.
Wie Ausbildnerinnen und Ausbildner entlastet und gestärkt werden können
Viele Praxis- respektive Berufsbildnerinnen und -bildner übernehmen mit dieser Aufgabe ihre erste Führungsrolle. Häufig bleibt es bei einer Initialschulung, während der Alltag danach volle Leistung im Kerngeschäft und nebenbei Ausbildungsarbeit verlangt. Genau hier entscheidet sich, ob Berufsbildung als strategische Investition oder als Zusatzbelastung erlebt wird.
Wer Berufsbildung strategisch denkt, behandelt Ausbildnerinnen und Ausbildner nicht als operative Begleitpersonen, sondern als Führungskräfte auf Schlüsselpositionen. Entsprechend bewusst sollten sie ausgewählt, vorbereitet und unterstützt werden.

Eine zentrale Voraussetzung dafür ist Zeit. Ausbildung passiert nicht nebenher. Wer Lernende begleitet, braucht Raum für Gespräche, Beobachtung und Feedback. Wird Begleitung zur Randaufgabe, entsteht ein Spannungsfeld zwischen Produktivität und Entwicklungsauftrag. Als Führungsarbeit verstanden, wird sie hingegen zur Investition in zukünftige Leistungsfähigkeit.
Ebenso entscheidend ist es, Ausbildnerinnen und Ausbildner nicht nach einer Initialschulung sich selbst zu überlassen. Führung ist kein Zustand, sondern eine Entwicklung. Kollegiale Fallbearbeitung, lernendenspezifische Workshops oder Coaching stärken Sicherheit und Professionalität im Führungsalltag.
Erfolgreiche Ausbildungsbetriebe sichern Qualität dabei weniger über zusätzliche Prozesse als über tragfähige Rahmenbedingungen:
- Ein klar definiertes Pensum für Begleitung, Gespräche, Beobachtung und Feedback im Arbeitsalltag
- Kontinuierliche Qualifizierung mit Praxisbezug (mentale Gesundheit, Neurodiversität, Lernpsychologie, Gestaltung abwechslungsreicher Ausbildungssequenzen etc.)
- Reflexions- und Austauschgefässe: Einzelcoachings, Gruppensupervision oder regelmässige Communities of Practice zur Fallarbeit und Rollenklärung
- Gemeinsame Führungs- und Ausbildungswerte: ein verständlicher Werterahmen, der Verhalten übersetzt: Was heisst Respekt im Alltag? Wie geben wir Feedback? Wie gehen wir mit Fehlern um?
So entsteht ein konsistentes Führungserlebnis für Lernende, und Ausbildnerinnen und Ausbildner gewinnen Sicherheit, Wirksamkeit und Freude an ihrer Rolle.
Berufsbildung braucht Leadership – nicht Lehrmeistertum
All dies macht deutlich: Berufsbildung ist keine Nebenaufgabe. Dort, wo Organisationen ihre Ausbildnerinnen und Ausbildner gezielt stärken, entsteht ein Umfeld, in dem Lernen wahrscheinlicher wird – und Bindung ebenso.
Berufsbildung ist heute weit mehr als die Vermittlung von Fachwissen. Sie ist Talentgewinnung, Kulturarbeit und Zukunftssicherung zugleich. Wer Lernende entwickelt, gestaltet Zukunft.
Die Qualität von Führung zeigt sich nirgendwo so früh wie hier. Organisationen, die Berufs- respektive Praxisbildnerinnen und -bildner als das verstehen, was sie längst sind – nämlich Führungskräfte –, investieren nicht nur in den erfolgreichen Berufseinstieg junger Menschen. Sie legen den Grundstein für Engagement, Leistungsbereitschaft und langfristige Verbundenheit.
Oder anders gesagt: Wer Lernende gut begleitet, prägt die Arbeitswelt von morgen.
Wer Lernende gut begleitet, prägt die Arbeitswelt von morgen.