HR Today Nr. 11/2020: Personalplanung – Familie und Beruf

Abenteuer Familie

In der Schweiz Betreuungsmöglichkeiten für schulpflichtige Kinder zu finden, ist für Arbeitnehmende oft ein organisatorischer Albtraum. Nun kommt Bewegung in die Sache. Immer mehr Tagesschulen etablieren sich und bieten eine ganztägige Betreuung. Eine Übersicht.

Die Gesellschaft wandelt sich, Familienstrukturen bröckeln. Etwa, weil die verschiedenen Generationen nicht mehr unter einem Dach wohnen, Grosseltern noch erwerbstätig sind, selbst Betreuung brauchen oder immer mehr Mütter arbeiten. Die Kinderbetreuung alleine zur Familiensache zu machen, entspricht daher nicht mehr der Norm. Das bekräftigen auch die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BfS) zur familienergänzenden Kinderbetreuung: Rund 60 Prozent der Vier- bis Zwölfjährigen wurden 2018 ausserhalb der Kernfamilie betreut. 30,5 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe besuchten eine Kindertagesstätte oder Tagesschule, während weniger als ein Drittel von den Grosseltern beaufsichtigt wurden.

Die Nachfrage nach Kindertagesstätten und Tagesschulen entwickelt sich gemäss BfS in der Schweiz ungleichmässig. So existiert ein grosser Graben zwischen den Sprachregionen sowie zwischen Stadt und Land: Nutzen über 70 Prozent der Eltern in französischsprachigen oder städtischen Kantonen und Grossstädten Kindertagesstätten oder Tagesschulen als familienergänzende Kinderbetreuung, kümmern sich in ländlichen Kantonen oder im Tessin eher die Grosseltern um den Nachwuchs. Dass sich gerade im Tessin und in ländlichen Gegenden hauptsächlich Familienmitglieder um die Kinderbetreuung kümmern, liegt gemäss Bildungsbericht Schweiz 2018 am lückenhaften Betreuungsangebot nach dem Übertritt in die obligatorische Schule. «Zwar bieten Schulen im Kanton Zürich in vielen Regionen vor oder nach dem Unterricht einzelne Module wie die Verpflegung am Mittagstisch, selten aber eine durchgehende Betreuung», sagt Barbara Omoruyi, Präsidentin des Zürcher Regionalverbands Bildung und Betreuung.

Daneben existierten in ländlichen Gebieten auch weniger subventionierte Betreuungsmöglichkeiten. «Das macht diese für viele Eltern unerschwinglich, auch wenn es welche gibt.» Eine sich selbst verstärkende Negativspirale: «Wo kein strukturelles Angebot vorhanden ist, behelfen sich Eltern mit der Nachbarschaft. Das wiederum kann als fehlende Nachfrage gedeutet werden.» Eltern seien in städtischen Gebieten deshalb mit Kinderbetreuungsangeboten besser bedient. Trotz vermeintlich fehlender Nachfrage können Kanton und Gemeinde in Sachen Kinderbetreuung nicht einfach weghören. «Zürcher Gemeinden müssen den Betreuungsbedarf klären und ein entsprechendes Angebot auf die Beine stellen», sagt Omoruyi. «Dazu sind sie gesetzlich verpflichtet.» Doch woher kommt der Widerwille, sich mit Kinderbetreuungsangeboten zu befassen? «Die Verantwortlichen in den Gemeinden denken zu kurzfristig und fragen sich nur, wer das bezahlt.» Dabei zeigen zahlreiche Studien, dass die Rendite die anfänglich getätigten Investitionen bei Weitem übersteigen. Etwa jene des Sozialdepartements der Stadt Zürich: Demnach resultiert pro Franken, den die öffentliche Hand in die Kinderbetreuung investiert, ein Nutzen von mindestens drei Franken*. Auch eine Büro-Bass-Studie** kommt zum Schluss, dass die höheren Einkommen der Eltern und die daraus resultierenden Steuererträge und Sozialversicherungsbeiträge sowie die einge­sparten Sozialhilfegelder die anfänglichen Investitionen wettmachen.

Was ist eine Tagesschule?

Nicht nur das Angebot und die Finanzierung sind schweizweit verschieden geregelt. Auch der Begriff «Tagesschule» wird unterschiedlich ausgelegt. «Es gibt keine einheitliche Bezeichnung dafür», sagt Barbara Omoruyi. Den vielfältigen Benennungen zum Trotz hat das BfS mit seinem Papier «Typologie der Betreuungsformen 2015» dennoch einen Definitionsversuch gewagt. Demnach handelt es sich bei Tagesschulen um solche, die sogenannte «gebundene Tagesstrukturen» anbieten. Dabei müssen Kinder vor und nach der Schule sowie über Mittag oft zwingend anwesend sein. Eltern können nicht beliebig wählen, wann und wohin sie ihre Kinder schicken. Meist befinde sich der Betreuungsort im selben Schulgebäude, die Lehr- und Betreuungspersonen seien derselben Schulleitung unterstellt. Somit orientiere sich das Unterrichts- und Freizeitangebot an einem gemeinsam erarbeiteten pädagogischen Konzept.

Dass an einer Tagesschule Unterricht und Freizeitbetreuung Hand in Hand gehen, hat für Omo­ruyi viele Vorteile: «Sozialpädagogen betrachten das Kind aus einer anderen Sicht als Lehrpersonen. Sie wollen wissen, wie es ihm geht, und was sie tun können, damit es sich als Person entwickelt. Lehrpersonen beschäftigen sich dagegen mit der Frage, wie ein Kind lernt und warum und wie jedes dem Unterricht folgen kann.» Für Omoruyi ergänzen sich die Fachrichtungen Pädagogik und Sozialpädagogik deshalb ideal. Im Arbeitspapier «Wege von Tagesstrukturen zu Tagesschulen» zeigt die Publizistin Ursula Rellstab weitere Vorzüge dieses Schulmodells auf. Statt sechs legen Kinder beispielsweise nur noch zwei Schulwege zurück und verbringen mehr Zeit mit ihren Klassenkameraden statt mit Kindern aus ständig wechselnden Gruppen.

Flexibilität kostet

«Bei gebundenen Schulen haben Eltern zwar weniger Wahlmöglichkeiten, doch mit diesem Schulmodell lassen sich die Kosten durch die höhere Auslas­tung und die weniger aufwendige Administration tief halten», sagt Omoruyi. «Muss eine Schule eine ausgebildete Person für eine schwankende Anzahl Kinder anstellen, ist das teurer als für zehn ständig anwesende.» Könne man das Betreuungspersonal zudem in einem höheren Pensum mit mehr als nur zwei Stunden pro Nachmittag beschäftigen, ziehe das besser qualifizierte Bewerbende an. «Das wiederum wirkt sich auf die Qualität der Betreuungsleis­tung aus.» Dass die Komplexität bei zu viel Wahlmöglichkeit seitens der Eltern bei Schulen mit modularen Angeboten steigt und die Administration zunimmt, weiss auch Ursula Rellstab: «Die Kontrolle wird so kompliziert, dass die Betreuerinnen vor lauter administrativen Arbeiten kaum mehr Zeit fürs Spielen haben.» Beispielsweise wenn Hans jeden Tag zu Mittag isst, aber Françoise nur am Montag, Dienstag und Donnerstag und zusätzlich ihre Hausaufgaben macht. «Diese Flexibilität wird für diese Schulen zum administrativen, organisatorischen, räumlichen und pädagogischen Problem.» Deshalb plädiert Rellstab dafür, modular aufgebaute Schulen in Tagesschulen zu überführen.

Auf diesen Weg hat sich die Stadt Zürich nun begeben, nachdem das Stadtzürcher Stimmvolk mit 77,3 Prozent Ja-Stimmen am 10. Juni 2018 die zweite Phase des Projekts Tagesschulen 2025 befürwortet hat. Für das Pilotprojekt «Tagesschule Zürich 2025» hat die Stadt tief in die Tasche gegriffen: Rund 74,57 Millionen Franken wurden für die Jahre 2018 bis 2022 bereitgestellt. «Damit nimmt die Stadt Zürich im Kanton eine Vorreiterrolle ein», sagt Barbara Omoruyi. «Das Tempo, das die Projektverantwortlichen vorgegeben haben, hat mich erstaunt. Sie haben das Pilotprojekt innert weniger Monate mit ersten Schulen umgesetzt und pragmatisch überlegt, wie die Bedürfnisse aller Beteiligten unter einen Hut gebracht und die Kosten minimiert werden können.» Beispielsweise, indem alle Kinder grundsätzlich am Mittagstisch teilnehmen. Wollen die Eltern das anders, müssen sie ihren Nachwuchs abmelden. «Das hat dazu beigetragen, dass die Auslastung an den Schulen hoch ist und das Mittagessen für sechs Franken angeboten werden kann. Das ist für alle Eltern noch bezahlbar.»

Pilotprojekt Tagesschule 2025 der Stadt Zürich

Das Tagesschulangebot der Stadt Zürich umfasst Blockzeiten von 8 bis 15 Uhr. Darüber hinaus können Eltern ihre Kinder zwischen 7 und 18 Uhr für freiwillige Betreuungsangebote anmelden. Durch diese Kernzeiten können Eltern ein Arbeitspensum von bis zu 160 Stellenprozenten wahrnehmen. Montage und Freitage sind an den Tagesschulen Pflichttage. Dadurch soll die Spitzennachfrage an Dienstagen und Donnerstagen auf mehrere Tage verteilt und die Raumnutzung optimiert werden. Der Nachmittagsunterricht bleibt während der gesamten Primarschulzeit gleich. An Tagen mit Nachmittagsunterricht bleiben Schülerinnen und Schüler über Mittag in der Schule, erhalten eine warme Mahlzeit und werden von qualifiziertem Fachpersonal betreut. Bei den Pilotschulen zählt die Mittagszeit zur «gebundenen Zeit». Die Eltern bezahlen pro Mittag einen Einheitstarif von sechs Franken, die Stadt trägt im Gegenzug die Personalkosten für die Betreuung, einen Teil der Verpflegung und die Miete der Räumlichkeiten. Die Schulen bieten zudem unentgeltliche und freiwillige Aufgabenstunden. Stundenpläne von Kindern aus derselben Familie werden in der Regel aufeinander abgestimmt. Vorgeschrieben sind die Abmeldemodalitäten, einheitliche Zeitpläne, warme Mahlzeiten gemäss den Ernährungsrichtlinien der Stadt Zürich, zusätzliche Aufgabenstunden von der ersten bis zur sechsten Klasse als Bestandteil des Angebots sowie die dazugehörigen Abmeldemöglichkeiten.

* «Kindertagesstätten zahlen sich aus», Edition Sozialpolitik (Nr. 5a, 103 Seiten), Karin Müller Kucera und Tobias Bauer

** Volkswirtschaftlicher Nutzen von Kindertageseinrichtungen in der Region Bern, Heidi Stutz, Tobias Fritschi, Silvia Strub, Büro Bass, November 2007

stadt-zuerich.ch/ssd/de/index/volksschule/tagesschule2025.html

Checkliste: Qualitätsmerkmale von Tagesschulen (Verein Tagesschulen Schweiz)

Räumliche und zeitliche Bedingungen

  • Die Tagesschule ist mindestens zwischen 7:30 und 17:30 Uhr geöffnet, die professionelle Betreuung der Kinder ist an fünf Tagen während der Schulwoche gewährleistet.
  • Während der Schulferien besteht ein Betreuungs­angebot.
  • Die Kinder besuchen wöchentlich ein durch die Tagesschule definiertes Minimum an Betreuungseinheiten. Dazu gehören mindestens zwei Mittagszeiten.
  • Die Anmeldung für die Betreuungseinheiten ist für ein Semester verbindlich.
  • Die Räume der Freizeitbetreuung befinden sich im gleichen Gebäude oder in der gleichen Anlage wie die Schulräume.
  • Das Raumangebot ermöglicht in angemessener Weise Aktivitäten von Kindern unterschiedlichen Alters (Unterricht, Hausaufgaben, Essen, Spiel, Sport und Ruhe).
  • Innen- und Aussenräume sowie deren Einrichtung entsprechen den amtlichen Vorgaben und sind für alle Kinder aller Altersgruppen frei.

Bildungsarbeit

  • Die Gestaltung von Unterricht und Freizeit orientiert sich an einem gemeinsamen pädagogischen Konzept. Dieses richtet sich nach den kantonal geltenden Bestimmungen und Lehrplänen und ist an lokale Gegebenheiten angepasst.
  • Die Hausaufgaben werden in Begleitung einer Betreuungs- oder Lehrperson erledigt.
  • Eigenaktivität, Freiräume und genügend Bewegung sind zentrale Elemente der Freizeitgestaltung.
  • Kindern, die eine Tagesschule besuchen, stehen sämtliche Angebote der Schulgemeinde zur Verfügung (Musikschule, Logopädie und schulärztlicher Dienst).

Routinen

  • Das Essen richtet sich nach aktuellen Erkenntnissen der Ernährungswissenschaften.
  • Gesundheitsförderndes und präventives Verhalten ist Teil des Alltags und wird von Mitarbeitenden vorgelebt.
  • Kinder beteiligen sich an den Aufgaben beim Betrieb einer Tagesschule und übernehmen Verantwortung.
  • Kooperation mit Familien
  • Schule und Eltern verstehen sich als gleichwertige Partner.
  • Die Schule hat ein Konzept zur Elternarbeit.
  • Gespräche mit Eltern finden in der Regel mit einer Lehrperson und einem Mitarbeitenden der Betreuung statt.

Leitung und Personal

  • Tagesschulen werden von dafür qualifizierten Betreuungs- und Lehrpersonen geleitet.
  • In der Betreuung und im Unterricht arbeiten qualifizierte Mitarbeitende.
  • Lehr- und Betreuungspersonen bilden ein Team und arbeiten eng zusammen.
  • Für das Personal gelten die offiziellen Anstellungs-, Gehalts- und Weiterbildungsbedingungen.

vorher.bildung-betreuung.ch

 

Kommentieren0 Kommentare

Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

Weitere Artikel von Corinne Päper

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren