HR Today Nr. 10/2022: Green Economy - Stromnotlage

Bald ohne Saft?

Die Schweiz steht wie viele andere Länder vor einem Winter, der es in sich hat. Es droht ein Strommangel. Das hat auch Auswirkungen auf die Beschäftigungslage. Ein Gespräch mit Stefan Brupbacher, Direktor des Verbands der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie Swissmem.

Die Medien berichten bei der Strom­versorgung zunehmend über alle möglichen Katastrophenszenarien. Wie wahrscheinlich ist ein Stromengpass im Herbst?

Stefan Brupbacher: Im Herbst wird es kaum zu einer Mangellage kommen. Kritisch wird es Ende Winter, wenn die Stauseen leer sind. Falls die Sparanstrengungen nicht ausreichen, wird der Bundesrat zunächst den Betrieb nicht zwingend benötigter Geräte und Anlagen verbieten oder einschränken. Beispiele dafür sind Saunen oder Leuchtreklamen. In einer zweiten Stufe käme es bei Grossverbrauchern, also unter anderem in der Industrie, zur Stromkontingentierung. Ultima Ratio wären rollierende Netzabschaltungen, die alle Verbraucherinnen und Verbraucher beträfen.

Welche Auswirkungen hätten Stromunterbrüche auf Betriebe der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie?

Ohne Strom gehen buchstäblich die Lichter aus. Länger anhaltende Unterbrüche können mit Notstromaggregaten meist nicht überbrückt werden. Es käme also zu Produktionsausfällen. Je nach Häufigkeit und Dauer dieser Unterbrüche könnten die Firmen ihre Bestellungen nicht mehr zeitgerecht abarbeiten und ausliefern. Betriebe, die auf eine unterbruchsfreie Stromversorgung angewiesen sind, müssten die Produktion sogar vollständig einstellen. Die Zuverlässigkeit der Schweizer Industrie wäre in Frage gestellt. Die Folge: Kunden- und Auftragsverluste.

Stefan Brupacher

Stefan Brupacher Stefan Brupacher ist Direktor des Verbands der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie.

… und auf die Beschäftigung?

Eine Strommangellage ohne Stellenabbau ist angesichts der hohen Abhängigkeit der Industrie von einer zuverlässigen Stromversorgung kaum vorstellbar. Dazu Zahlen zu nennen, ist aus heutiger Sicht aber unmöglich.

Wie wahrscheinlich sind Betriebsstilllegungen?

Falls es tatsächlich zur Stromkontingentierung oder -abschaltung kommt, werden sich Betriebsstilllegungen in einigen Fällen kaum vermeiden lassen.

Welche Betriebe sind besonders gefährdet?

Vor allem Firmen wie Stahlwerke, deren Produktionsprozesse eine unterbruchsfreie Energie­versorgung benötigen. Sie können ihre Produktion nicht beliebig drosseln oder aussetzen, sondern müssen sie wie bei einem Lichtschalter auf «Ein» oder «Aus» stellen. Das Hoch- und Herunterfahren der Produktion kann in solchen Unternehmen Stunden, in Einzelfällen sogar Tage dauern. Kommt es dort wiederholt zu längeren Stromunterbrüchen, ist eine kostendeckende Produktion schon aus technischen Gründen nicht mehr möglich.

Wie sollten sich Unternehmen konkret auf mögliche Stromlücken vorbereiten?

Die erste Massnahme ist, kurzfristig bestehende Einsparmöglichkeiten zu identifizieren und auszuschöpfen. Das trägt dazu bei, dass es nicht zu einer Versorgungslücke kommt. Parallel dazu empfiehlt Swissmem den Unternehmen, sich auf mangellage.ch über die aktuelle Energiesituation zu informieren. Dort können sie künftig untereinander Strom- und Gaskontingente handeln.

Was kann HR dazu beitragen?

Wichtig ist, dass HR in der internen Kommunikation auf den Ernst der Lage hinweist und die Mitarbeitenden zu Energiesparaktionen – auch im privaten Umfeld – motiviert. Die Strommangellage muss unbedingt verhindert werden. Sparanstrengungen sind deshalb entscheidend.

Welche Vorkehrungen sollten in Bezug auf das Personal getroffen werden?

Die Einführung von Kurzarbeit kann bei einer Mangellage als sinnvolles Instrument Arbeitsstellen sichern. Je nach Firmensituation könnte die Flexibilisierung der Arbeitszeit auch helfen, die Produktion aufrechtzuerhalten. Deshalb unterstützen wir alle einschlägigen Motionen, die sich derzeit im politischen Prozess befinden. Etwa jene zu «Energiesparmassnahmen konkret: Flexibilisierung der Arbeitszeiten von der Wochen- zur Jahresarbeitszeit» oder jene zur «befristeten Flexibilisierung des Arbeitsgesetzes im Fall einer Strom- und Gasmangellage.»

Nacht- und Sonntagsarbeit müssen für eine flexible Produktionsplanung aber erst bewilligt werden. Das erfordert einen zeitlichen Vorlauf.

Ja. Deshalb ist es wichtig, dass sich jedes ­Unternehmen über die aktuelle Situation in der Energieversorgung informiert und laufend prüft, wie es angemessen agieren kann, um Produktionsausfälle zu vermeiden.

Welches Entgegenkommen wünschen Sie sich von den Behörden in einem Notfallszenario?

In einer angespannten Situation fordern wir ein administrativ vereinfachtes Verfahren, um Nacht- und Sonntagsarbeit rasch und unbürokratisch zu bewilligen. Letztlich geht es darum, Arbeitsplätze zu erhalten. Noch wichtiger ist ein genereller Kulturwandel innerhalb der Branche: Seit Jahren kämpft die Industrie mit Herausforderungen wie der Frankenstärke, der Covid-Pandemie und nun der Energiekrise. Im Ausland wird die Industrie mit Milliarden subventioniert. Das lehnen wir jedoch ab. Der nachhaltigere Weg sind das Bekenntnis zu Freihandelsabkommen, ein geregeltes Verhältnis mit Europa und keine politischen Alleingänge wie eigenständige Sanktionen. Die Politik darf uns die Arbeit nicht verunmöglichen.

Die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie ist eine Branche mit wachsendem Personalbedarf. Im zweiten Quartal 2022 zählte sie 320 900 Personen. Das sind 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der offenen Stellen ist in der Branche zudem rekordhoch. Angesichts vieler Lieferprobleme, steigender Energie- und Rohstoffpreise sowie Euro-Abwertung: eine Ausnahmeerscheinung oder ein langfristiger Trend?

Erfahrungsgemäss folgt die Beschäftigungsentwicklung in der MEM-Industrie dem Konjunkturverlauf meist mit einer sechsmonatigen Verzögerung. Der Fachkräftemangel und die hohe Anzahl offener Stellen deuten aber darauf hin, dass in der MEM-Branche durchaus das Potenzial für eine höhere Beschäftigung besteht.

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Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

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