HR Today Nr. 3/2020: Im Gespräch

«Das menschliche Verhalten ändert sich kaum»

Mit seinen Filmen hielt Charlie Chaplin den entfesselten Kapitalisten einen Spiegel vor. Obwohl seither hundert Jahre vergangen sind, haben seine Botschaften nicht an Aktualität verloren, findet Béatrice de Reyniès, Direktorin von Chaplin’s World.

Frau Reyniès, Sie sind seit kurzem Direktorin von Chaplin‘s World, einem Museum in Chaplins ehemaligen Wohnhaus in Vevey. Was bedeutet dieser Ort für Sie?

Béatrice de Reyniès: Es ist der Ort, an dem Chaplins Arbeit und seine Künstlerfigur der Tramp für mich lebendig werden und der mir das Privileg gibt, die Welt durch seine Augen zu betrachten. Charlie Chaplin wusste, wie man Schauspieltalent entwickelt, ohne jemals eine klassische Ausbildung absolviert zu haben. Besonders faszinieren mich seine Detailversessenheit und sein Perfektionismus sowie sein Wille und seine harte Arbeit, die ihn so weit gebracht haben.

Charlie Chaplin ist vor über vierzig Jahren verstorben. Dennoch wird er weltweit immer noch verehrt. Seine Facebook-Seite zählt 1,5 Millionen Fans und 2019 haben erneut über 250'000 Menschen Chaplin‘s World besucht. Was macht seine Beliebtheit aus?

Charlie Chaplin war auf seinem Gebiet ein Pionier und hat mit seiner zeitlosen Figur des Tramps unvergessliche filmische Meisterwerke geschaffen. Deren zutiefst menschlicher Charakter lässt uns auch hundert Jahre später noch Emotionen von Heiterkeit bis zu tiefster Traurigkeit empfinden. Das in seinen Filmen veranschaulichte menschliche Verhalten hat sich bis heute kaum geändert, die Technologie hingegen schon.

So haben die im Film «Modern Times» gezeigten Szenen mit der Versklavung des Arbeiters am Montagefliessband deutliche Parallelen zu unserer heutigen vernetzten 24-Stunden-Gesellschaft. Chaplin verspottete darin jene, die Macht über andere haben, indem er sie grotesk überzeichnete. Mit seinen Filmen plädiert Chaplin dafür, Situationen mit egozentrischen Autoritäten zu vermeiden und stattdessen ein Verhältnis des gegenseitigen Respekts und Vertrauens zu schaffen.

Es ging ihm meiner Ansicht nach auch darum, Verständnis dafür zu schaffen, dass wir die Dinge in unserem Umfeld nur vorantreiben können, wenn wir zwischenmenschliche Bindungen eingehen. Seine Botschaften zum Frieden, zur Toleranz, zum Mitgefühl oder zur Güte sind Werte, welche die Menschheit heute mehr denn je braucht.

Als ehemalige Direktorin des Grévin-Museums in Paris haben Sie sich mit Wachsfiguren beschäftigt, die man auch in Chaplin‘s World findet. Was fasziniert Sie daran?

Bei noch lebenden Prominenten die Begegnung zwischen der echten Persönlichkeit und ihrem Ebenbild aus Wachs. Bei bereits Verstorbenen, sie durch eine Wachsfigur wieder zum Leben zu erwecken, ihnen ein neues Ansehen zu verschaffen und die Facetten ihrer Persönlichkeit zu beleuchten.

Sie haben Chaplin‘s World mitentwickelt. Wie kam es dazu?

Nachdem ich im kanadischen Montreal zusammen mit Arbeitskollegen ein weiteres Grévin-Museum eröffnet hatte, wurde ich von der Unternehmensgruppe Compagnie des Alpes – zu der auch Grévin gehört – angefragt, die Projektleitung für Chaplin’s World zu übernehmen. Die Idee, die Figur des Tramps wiederzubeleben, gefiel mir. Mit Grévins szenografischem Know-how und meiner Erfahrung als Museumsleiterin wusste ich, dass ich einen Beitrag zum Projekt leisten konnte. Ich habe es dann realisiert und koordiniert – von der künstlerischen Gestaltung, der Szenografie, der Gestaltung der Räumlichkeiten, der in einem Pariser Atelier hergestellten Wachsfiguren bis hin zur Besucherinfrastruktur mit Laden, Ticketschalter und Restaurant.

Bis zur Eröffnung von Chaplin‘s World dauerte es zehn Jahre ...

Als Grévin involviert wurde, dauerte es bis zum Projektabschluss nur noch zwei Jahre. Wir waren ja bereits als Projektteam organisiert und hatten innerhalb von vier Jahren drei Grévin-Museen ausserhalb von Frankreich eröffnet. Unser kleines, aber mobiles Projektmanagement-Team verbrachte dafür jeweils mehrere Wochen an einem Projektstandort und arbeitete eng mit dem vierzigköpfigen Produktionsteam der Grévin-Werkstätten zusammen. Die grössten Herausforderungen bei Chaplin’s World waren für mich, die Motivation der Mitarbeitenden für dieses aufregende, manchmal aber auch schwierige Projekt aufrechtzuerhalten und als Französin ein Schweizer Team für den Betrieb von Chaplin’s World nach dessen Eröffnung zu rekrutieren.

Sie sind jetzt Direktorin von Chaplin‘s World und somit für die Verwaltung verantwortlich. Wie inspirieren Sie Ihre Mitarbeitenden im laufenden Geschäft?

Indem ich ihnen meine Vision für die Zukunft des Standorts sowie die qualitativen und quantitativen Ziele für das laufende Jahr und die kommenden fünf Jahre aufzeige. Wenn es Schwierigkeiten gibt, verschweige ich das nicht. Wir machen regelmässige Nachbesprechungen, untersuchen die Ergebnisse von Zufriedenheitsbefragungen der Besucher*innen, um gemeinsam Schlussfolgerungen zu ziehen, und lassen die Teams hierzu ihre Verbesserungsvorschläge einbringen.

Vor welchen HR-Herausforderungen stehen Sie?

Von HR-Herausforderungen zu sprechen, ist für mich etwas seltsam, weil ich das HR als ein lebendiges Thema betrachte, das uns ständig beschäftigen muss. Ich versuche, jeden Mitarbeitenden in seinen Funktionen wachsen zu lassen und ihm die Chance zu geben, zu zeigen, was er kann, auch wenn er sich das zunächst nicht zutraut. Kurz: Ihm Vertrauen zu schenken und ihn bei seinen Aufgaben zu begleiten. Nichts macht mich glücklicher, als Mitarbeitende zu sehen, die ihre Aufgaben gerne erledigen.

Was hat sich für Sie persönlich geändert?

Ich habe mich in der Schweiz niedergelassen und wohne in der Nähe des Museums. Ich bin dabei, dieses Land zu entdecken, und liebe die Berge.

Wie soll sich das Museum entwickeln?

Wir wollen mit einem Jahresprogramm zu einem bestimmten Thema neue Kunden gewinnen und Menschen dazu anregen, Chaplin’s World erneut zu besuchen. Dieses Jahr beschäftigen wir uns mit der Filmmusik Chaplins. Dafür haben wir verschiedene kulturelle und künstlerische Events geplant, die alle Altersgruppen und Nationalitäten ansprechen sollen. Charlie Chaplins Werk ist immens. Man kann es bei einem einzigen Besuch in seiner Gesamtheit nicht erfassen. Wiederzukommen ist deshalb eine Gelegenheit, neue und inspirierende Aspekte zu entdecken.

Einige Highlights, auf die sich die Besucher dieses Jahr freuen dürfen?

«Music Times 2020» mit der Ausstellung «The Sound of Charlie Chaplin», eine Ausstellung, die ab 13. März 2020 zu sehen ist, oder eine Zirkusveranstaltung an Ostern mit Filmmusik von Charlie Chaplin sowie die Programmierung von Filmen im Museumskino.

Chaplin‘s World

Charlie Chaplins ehemaliger Wohnsitz ist seit dem 16. April 2016 als Museum öffentlich zugänglich. Chaplin‘s World wurde 2018 von der European Museum Academy zum besten europäischen Museum ernannt und verzeichnet seit seiner Eröffnung einen jährlichen Besucherandrang von rund 250 000 Menschen. Die Restaurationsarbeiten des ehemaligen Chaplin-Wohnsitzes dauerten über zwei Jahre. Für den Besucherrundgang wurden über 30 Wachsfiguren geschaffen: vom Vagabunden über Oona Chaplin, Charlie Chaplin und Churchill bis hin zu Sophia Loren und Michael Jackson. Seit Mai 2019 ist Béatrice de Reyniès die neue Direktorin von Chaplin‘s World.

chaplinsworld.com

 

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Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

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