Die «Herrschaft der Alten» – Normalfall in Schweizer Betrieben?
Seit uns die Fachkräfte auszugehen drohen, wird von den Arbeitgebern vermehrt um die Gunst der Senioren gebuhlt. Doch wer ermuntert eigentlich noch die 175000 Schweizer Lehrlinge zur aktiven Mitwirkung in den Betrieben? Und weiter gefragt: Ist denn eine solche Mitwirkung von Unternehmerseite überhaupt erwünscht?
«Du hörst am besten erst einmal einfach zu.» Die durchaus gut gemeinte Empfehlung, die ein Lehrling in einem Industriebetrieb von seinem Lehrmeister am ersten Tag als Antwort auf eine kritische Nachfrage zu hören bekam, ist exemplarisch: Junge Menschen sollen zuhören und lernen – aber bitte nicht versuchen, den geregelten Gang der Dinge zu stören. Gerontokratie, die «Herrschaft der Alten», ist in westeuropäischen Betrieben in der Regel der Normalfall. Nicht zuletzt führt die Länge des traditionellen Aufstiegsweges ja mit dazu, dass die Vertreter der Macht meist in einem Alter sind, in dem «normale» Arbeitnehmer bereits an ihre Pension denken. Die Entscheidungsgewalt liegt also in vielen Betrieben fest in Seniorenhänden.
Eine Mitsprache ist gesetzlich möglich, nicht verpflichtend
Eine spezifische Altersfrage ist dies allerdings nicht: Im Gegensatz etwa zu Deutschland bleiben in der Schweiz Arbeitnehmende meist a priori von Unternehmensentscheiden ausgeschlossen – auch wenn sie bereits volljährig sind. Zwar sieht das Bundesgesetz im so genannten «Mitwirkungsgesetz» eine aktive Teilnahme an Willens- und Entscheidungsprozessen ausdrücklich vor und nennt als Gestaltungsmöglichkeit für Arbeitnehmer etwa die politische Vertretung innerhalb des Betriebes: «In Betrieben mit mindestens 50 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern können diese aus ihrer Mitte eine oder mehrere Vertretungen bestellen.» Der unverbindliche, bloss empfehlende Charakter des Gesetzestextes zeigt sich allerdings in seinem Wortlaut: Von Können ist die Rede, nicht von Müssen. In der Praxis beschränkt sich die konkrete Mitwirkung von Arbeitnehmenden denn auf Soziales, auf Einkommensfragen, sowie auf betriebliche Probleme wie etwa die Betriebsordnung oder die Arbeitsplatzgestaltung.
Sind die Auszubildenden zu wenig eingebunden?
Auch Jean Christophe Schwaab, Leiter der Jugendkommission des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes SGB, bedauert die ungenügende gesetzliche Grundlage für die Partizipation von Lehrlingen in den Schweizer Betrieben. Zwar sieht Art. 10 des Berufsbildungsgesetzes ausdrücklich einen Anspruch der Lehrlinge auf «angemessene Mitspracherechte» vor. Die Bestimmung werde in den Betrieben aber kaum je umgesetzt. In den wenigen Berufsschulen, die über eine eigene Schülervertretung verfügen, hat diese keine verbindlichen Rechte.
Dank einer entsprechenden Klausel in den Gesamtarbeitsverträgen existierten im Industriesektor zwar viele Betriebskommissionen, eine Sonderbestimmung zur Mitwirkung der Lehrlinge sei ihm aber nicht bekannt, sagt Schwaab. Zwar dürften sich auch Personen in Ausbildung in die Personalkommission wählen lassen – was äusserst selten geschehe –, einen eigentlichen Anspruch auf eine Lehrlingsvertretung hätten sie aber nicht. Aber Schwaab hielte es für wichtig, Lehrlinge bei Themen wie Lehrlingslohn, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz, Arbeitszeit, zu Einsatzplänen oder Inhalten der Ausbildung mindestens zu konsultieren. «Grundsätzlich fordern wir, dass die Lehrlinge zu allen wichtigen Themen, die ihre Arbeit und Ausbildung betreffen, konsultiert werden und dass ihre Meinung dazu auch ernst genommen wird.»
Ist eine Mitwirkungsmöglichkeit überhaupt erwünscht?
Der Berner IT-Konzern Ascom kennt eine eigentliche Lehrlingsvertretung. An seinen Standorten Solothurn und Bern sei sie momentan mit vier Personen in der Ausbildung besetzt. Hanspeter Linder, Leiter der Berufsbildung bei Ascom, hält diese Kommission für eine grundsätzlich gute Sache – nicht zuletzt für seine eigene Arbeit: «Ich nutze die Lehrlingsvertretung sehr gerne als Plattform zum Austausch mit den Jugendlichen. So erfahre ich, welche Themen sie gerade beschäftigen.» Tatsache sei aber, räumt er ein, dass diese Kommission «wahrscheinlich einschlafen» würde, bemühte er sich nicht aktiv darum, sie am Leben zu erhalten.
Das Problem sei dabei nicht, dass die Lehrlinge einer eigenen Vertretung ablehnend oder gleichgültig gegenüber stünden, sondern die Tatsache, dass es ihnen «einfach sehr gut geht bei Ascom». Seit rund zehn Jahren sei die Lehrlingsbetreuung des Konzerns sehr professionell, die Auszubildenden hätten eigene Ansprechpartner und spezifische Lehrlingscoaches und könnten sich jederzeit an das konzerneigene Berufsbildungszentrum wenden. «Ihre Probleme können sie in der Regel selbst lösen und brauchen dafür keine Lehrlingsvertretung», weiss Linder. Dennoch bemüht er sich beharrlich, die jungen Leute für betriebspolitische Belange zu interessieren – teilweise mit Erfolg: «Wenn man sie anspricht und zur Mitsprache auffordert, zeigen sie sich durchaus interessiert.» Die grössten Hürden für eine aktive Tätigkeit erwachsen offenbar im Organisatorischen: Vier Lehrlinge aus verschiedenen Abteilungen an einen Tisch zu bringen, ist sehr schwierig, weiss Linder: «Die Jugendlichen sind durch Lehre, Schule und eigene Freizeitaktivitäten terminlich stark belastet.»
Früh übt sich, wer ein engagierter Bürger werden will
Linders Beharrlichkeit trotz allen Widerständen rührt von seiner Überzeugung, dass die Lehrlingsvertretung auch aus pädagogischer Sicht eine gute Sache sei: «Jugendliche können hier sehr gut lernen, wie man sich in einen Betrieb einbringen kann.» Tatsächlich – dies betonen auch Unicef oder die Kinderlobby Schweiz, die sich für eine stärkere Partizipation von Jugendlichen im Sinne der Kinderrechtskonvention einsetzen – wird niemand zum aktiven Bürger geboren. Die Teilhabe am öffentlichen Leben müsse in entsprechenden Foren gelernt und eingeübt werden. Linder bestätigt: «Im Organisatorischen brauchen sie Unterstützung.» Er leiste diese bei so konkreten Fragen wie: «Wie wird eine Wahl durchgeführt? Welche Traktanden gehören auf ein Sitzungsprotokoll und wie wird es verfasst?»
Momentan konzentrieren sich viele Aktivitäten von Firmen auf die Senioren und auf die so genannten «High Potentials» unter den Jungen. Wer auch in Zukunft engagierte Arbeitskräfte wünscht, täte aber gut daran, sich über deren Mitwirkung heute schon ein paar Gedanken zu machen. Und sie ausdrücklich dazu einzuladen.