Droht die KI-Stimmung zu kippen?
Tech-CEOs werden ausgebuht, ungemütliche Studien zu den Effekten und Kosten von KI und bedenkliche Meinungsumfragen machen die Runde. Das Implementieren von KI in Unternehmen steht vor einer kritischen Zerreissprobe, denn die Schulden der Digitalisierung holen uns ein. Was HR jetzt verstehen muss.

Manche Ängste sind nicht nur realer, sondern auch berechtigter als andere. (Bild: Alma Medien)
Es scheint, als würde sich mancherorts der Wind drehen.
Je verfügbarer, je allgegenwärtiger KI, aber auch je unausweichlicher KI – gerade im Arbeitsalltag – wird, desto mehr wächst die Skepsis. Besonders bei jungen Menschen.
Auch in Unternehmen stellt man fest, dass die Belegschaft nicht dort ist, wo man sie gerne hätte. Eine der Aufgaben, mit denen HR dieser Tage häufig beauftragt wird, ist, Unternehmen auf KI einzustellen. Nicht selten heisst es dabei, neben Schulungs- und Sensibilisierungsarbeit sei es nötig, Ängste abzubauen, wenn man Menschen auf die KI-Reise mitnehmen und nicht verlieren wolle. Doch das ist leichter gesagt als getan, weil die KI-Antipathien in einem grösseren Kontext stattfinden. Und das offensive Vorgehen der Tech-Konzerne macht das Leben von HR-Abteilungen in dieser Hinsicht nicht leichter.
Wer sind die «Digitalisierungsverlierer»?

«Ein Song für Digitalisierungsverlierer», heisst es beim Deutschlandfunk über das Lied der deutschen Kultband Kettcar. Es dreht sich um Menschen, die durch die Digitalisierung ihren Job verlieren und sich dann gegen Silicon Valley wenden. Das Lied erscheint 2019. Vor der Corona-Pandemie. Vor ChatGPT und Claude.
Rückblende. Ein Jahrzehnt früher. Facebook erobert die Welt im Sturm, eine neue Ära der Digitalisierung bricht an. Das Internet wird als Demokratisierungstechnologie gefeiert. Teil der Beweisführung: Der Arabische Frühling 2011, der ohne die sozialen Medien so nicht stattgefunden hätte.
Sieben Jahre später, die Ernüchterung: Der Skandal um Cambridge Analytica zeigt eindrücklich, was mit unseren Daten geschieht, wer sie wozu nutzt – und wie viel Potenzial sie enthalten. Bald erscheint die Kettcar-EP «Der süsse Duft der Widersprüchlichkeit» und schafft es damit in die Charts.
Die Digitalisierungseuphorie kriegt Risse, spürbar auch in nicht einschlägigen Kreisen. Fake-News, Desinformation und allerlei allgemeine Schindluderei lassen vermuten: Das digitale Freiheitsversprechen wurde nicht eingelöst. Die Hoffnung auf das «Next Big Thing» aber bleibt und findet andere Namen. Crypto und NFTs etwa, kurz hoffte man auf Virtual Reality. Aber: Die neuen Technologien werden bedeutend weniger universal gefeiert als bisherige «Next Big Things», haben aber umso glühendere Jünger.
Irgendwo dazwischen: zunehmende Geopolitische Spannungen, die Weltwirtschaftskrise, Enthüllungen wie jene von Edward Snowden, die Panama Papers, die Paradise Papers, Kriege, das steigende Vermögensgefälle. Die Liste ist lang.
All dies hilft natürlich nicht, um den anhaltenden um den steten Vertrauensverlust in unseren Gesellschaften aufzuhalten. Und nun stehen wir im KI-Zeitalter und fragen uns: Wohin führt uns die Digitalisierungsernüchterung?
Wenn CEOs ausgebuht werden
Die Wirtschaft hat das Potenzial von KI schnell erkannt. Ein «Next Big Thing», das so schnell so gross wird – die vermeintlichen historischen Präzedenzfälle scheinen alle nicht so ganz zu passen.
Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Das KI-Zeitalter scheint unausweichlich. Das sagen auch die grossen Tech-Bosse. Unausweichlich ist aber nur das, was einen bereits getroffen hat: die Vergangenheit.
Mitte Mai 2026. Ex-Google-Boss Eric Schmidt tritt vor Studierende der University of Arizona und spricht über KI. Er lächelt. Milde, weise, vielleicht auch herablassend, vermuten manche. Eric Schmidt lächelt, obwohl er gnadenlos ausgebuht wird. Seine Botschaft: KI ist unausweichlich. Ein einfach neutraler Überbringer einer Botschaft ist Schmidt natürlich nicht. Schliesslich gehört er zu jenen, die an den Hebeln der Macht sitzen.
So manche Speaker werden in letzter Zeit ausgebuht, wenn sie an Universitäten von KI erzählen. Ein ähnliches Schicksal ereilt zum Beispiel den Musiklabel-CEO Scott Borchetta, als er in Tennessee vor Studierenden spricht. Seine Antwort auf die Buhrufe: «Deal with it» – «Kommt damit klar». Seine Botschaft klingt ganz wie jene von Eric Schmidt: KI ist unausweichlich, ihr habt keine Wahl, ob es euch gefällt oder nicht.
Die KI-Aufbruchstimmung scheint verflogen zu sein. Nicht nur bei jungen Menschen an Universitäten, sondern auch bei Firmen. Ängste vor einer KI-Bubble gehen seit längerem umher. Neue Daten von Microsoft befeuern diese Befürchtung. «Fortune» etwa schreibt, KI scheine teurer zu sein als Menschen. «The Verge» wiederum berichtet, Microsoft kündige Claude-Lizenzen für Tausende Entwickler – es handle sich um eine finanzielle Entscheidung.

Dazu kommen unbehagliche Studien über die Effekte von KI auf unser Gehirn oder über Arbeitsverdichtung (statt des allenthalben erwähnten «KI nimmt uns lästige Arbeit ab») sowie Sorgen über das Verschwinden von Junior-Positionen und Befürchtungen, KI könne manche Formen der Diskriminierung – etwa im Recruiting – zementieren und gar neue schaffen («HR Today» berichtete). Die Liste mit Klagen ist lang.
Warum also sind sich die grossen Tech-Konzerne so sicher, dass KI unausweichlich ist? Sind sie sich wirklich sicher? Vielleicht nicht.
Es gibt Anzeichen von Schwäche
Zum Jahresanfang beschwerte sich Microsoft-CEO Satya Nadella darüber, dass man im Netz von «KI-Slop» spreche. Wenig später, im März, wird das Wort «Microslop» auf dem offiziellen Discord-Kanal von Microsoft verboten – und es folgt eine fast griechische Komödie im Zeichen des Streisand-Effekts. Damit nicht genug: Im April wird bekannt, dass die Nutzungsbedingungen von Microsofts Co-Pilot besagen, KI sei nur für Unterhaltungszwecke gedacht – was Microsoft natürlich unmittelbar relativiert. Dennoch: Viraler Spott war auch in diesem Fall die vorhersehbare Reaktion. Auch Jensen Huang, CEO von Nvidia, verhielt sich in einem kürzlich veröffentlichten Podcast-Interview sonderbar defensiv. Die Schlagzeilen danach werfen ihm vor, beinahe die Fassung verloren zu haben.
Eine Mutmassung, aber vielleicht keine unwahrscheinliche: Ganz so unverwundbar fühlt man sich in den Tech-Konzernen wohl nicht.
Verständlich. Als Nvidia vor rund einem Jahr eine Marktkapitalisierung von über 4 Milliarden Dollar erreichte, titelte «Forbes», damit sei Nvidia mehr wert als 97 Prozent aller nationalen Ökonomien, gemessen am BIP. Eine Marktkapitalisierung doppelt so hoch wie die Militärausgaben aller Länder zusammen im Jahr 2024. Mittlerweile ist Nvidia 5,4 Milliarden Dollar wert. Damit könnte man sich relativ problemlos das ganze Bauland in der Schweiz kaufen.

Weil Medien diesen Vergleich immer lieben (und Sie vielleicht auch, schliesslich ist bald Fussball-WM): Das Bauland entspräche rund 330'000 Fussballfeldern. Gemäss FIFA-Standardgrössen könnte man damit am Äquator entlang Fussballfelder längs aneinanderreihen und fast die ganze Erde umrunden. Oder aber jede Schweizer Gemeinde bekäme etwa 150 Fussballfelder. Manche Dinge sind so abstrakt, dass ihnen auch konkrete Vergleiche kaum beikommen.
Sie sehen: Es steht viel auf dem Spiel. Wo viel auf dem Spiel steht, kann viel verloren werden. Wo viel verloren werden kann, ist Unsicherheit vorprogrammiert. Wo Unsicherheit existiert, wird gerne komplett verworfen, geklammert oder beides gleichzeitig. Ungünstig.
Unklare Gegenwart und Zukunft – ein gefährlicher Mix
Auf der anderen Seite der Unsicherheitsrechnung stehen – anders als es der Kettcar-Song von vor sieben Jahren suggeriert – nicht einfach die «bisherigen Digitalisierungsverlierer», sondern mittlerweile auch jene, die davon bis jetzt tendenziell profitiert haben.
Die Geschichte kennen Sie bestimmt gut: Hat man noch vor wenigen Jahren allen Menschen empfohlen zu studieren, am besten ein MINT-Fach, und Programmieren zu lernen, wenn denn einst etwas aus einem werden sollte, herrscht nun eine verkehrte Welt. Lieber nicht sowas studieren, heisst es jetzt. Lieber eine Lehre.

Oder Philosophie studieren, denn um dieses Fach stehe es im Zeitalter von KI so gut wie seit Aristoteles' Zeiten nicht mehr, sinnierte das Tech-Magazin «Wired» erst gerade mit Verweis auf hochbezahlte Philosophinnen und Philosophen in den grossen KI-Firmen. Dabei gehörte Philosophie seit längerem zu jenen «unnötigen» Fächern, mit denen man absolut gar nichts verdienen könne (wie auch ich mir eine Weile lang verschiedentlich habe sagen lassen müssen).
Die Zukunftsperspektiven der meisten Menschen sind höchst unvorhersehbar und unsicher geworden, auf eine Weise, die es schwer macht, Durchhalteparolen und Appellen an die Hoffnung zu glauben.
Es darf niemanden überraschen, wenn der Vertrauensvorschuss, den man den grossen Tech-Firmen – und dem Neoliberalismus mit seinem Knappheitsprinzip – gewährt hat, aufgebraucht ist. Diese Desillusionierung ist nicht plötzlich aufgetreten, von heute auf morgen, mit dem Release von ChatGPT, sondern ist die lange gärende Konsequenz von nicht eingelösten Versprechen seit den 1990er-Jahren.

Damals hatte der US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama – einer der Intellektuellen der vergangenen Stunde – noch das «Ende der Geschichte» verkündet. Das Modell der Marktwirtschaft und der westlichen Demokratie glaubte er auf einem alternativlosen Siegeszug. Selbst Fukuyama ist seither von seiner ursprünglichen Position nicht mehr ganz so überzeugt, obwohl er sie immer noch verteidigt.
Die wachsende Ablehnung gegenüber KI durch diverse Bevölkerungsschichten, die sich auch in mehr und mehr in Umfragen widerspiegelt, ist erklärbar, nicht beliebig, nicht spontan. Sie existiert nicht in einem Vakuum. Und egal, ob man die KI-Antipathien tugendhaft oder verwerflich findet, egal, ob man die Menschen und ihre Beweggründe für töricht oder klug hält – wegzaubern lässt sich die Gesamtsituation dadurch nicht. Und auch nicht weglächeln, wie Eric Schmidt es womöglich versucht hat.
Kettenreaktionen?
Rückblende. Im Oktober 1859 überfällt der tiefgläubige christliche Abolitionist John Brown ein Waffendepot in der Ortschaft Harper's Ferry mit dem Ziel, eine Sklavenrevolte anzuzetteln. Was er tut, tut er aus absoluter Überzeugung. Eine seiner Überzeugungen: Ohne Gewalt wird man die Sklaverei nicht überwinden können.
Mehrere Menschen – vor allem Browns eigene Leute – sterben, der Plan scheitert und Brown wird erhängt. Seine Taten zählen zu den letzten grossen Ereignissen, bevor der US-Bürgerkrieg ausbricht und die Sklaverei in der Folge abgeschafft wird. Brown gilt heute noch – nicht bei wenigen – als Volksheld und wird in Liedern besungen.
«In firing his gun, John Brown has merely told what time of day it is. It is high noon, thank God», sagte dazu der Schriftsteller und Abolitionist William Lloyd Garrison in einem vielzitierten Ausspruch. Brown habe mit seinem Gewehr nur gesagt, wie spät es sei, nämlich 12 Uhr mittags.
Zurück in die vergangene Zukunft. Im Dezember 2024 erschiesst der damals 26-jährige Luigi Mangione mutmasslich den CEO eines Versicherungskonzerns. Sein Motiv, so besagen Medienberichte, seien schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem, das Mangione als menschenverachtend sieht. Während die Polizei nach Mangione fahndet, wird dieser nicht nur im Netz zu einer Art Volksheld stilisiert, ein Wilhelm Tell sei er gewissermassen, ein Tyrannenmörder. Eine Umfrage bestätigt dieses Bild: Junge haben nicht nur zur Hälfte eine positive Meinung vom mutmasslichen Täter, sondern fast genauso viele sehen die Tat sogar als gerechtfertigt an.

Streetart in Mexiko zeigt Luigi Mangione (Mitte) als Jesus Christus. (Bild: Luisalvaz / Wikimedia Commons)
Im April 2026 zündet der 29-jährige Chamel Abdulkarim mutmasslich ein Warenhaus des Konzerns Kimberly-Clarke an, in dem WC-Papier lagert. Verletzt wird dabei niemand. Es entsteht aber Schaden in der Höhe von rund 600 Millionen Dollar. «Alles, was ihr hättet tun müssen, ist uns genug zum Leben zu bezahlen», habe er einem Mitarbeitenden per SMS geschrieben. Auch er wird in den sozialen Medien gefeiert. Die «Wochenzeitung» schreibt dazu, zwar habe diese Tat nicht zu einer Umverteilung von Reichtum geführt, aber zu einer «Umverteilung von Angst».
Ebenfalls im April 2026 wirft der 20-jährige Daniel Moreno-Gama einen Molotow-Cocktail auf das Haus von OpenAI-CEO Sam Altman. In Online-Posts bezieht sich Moreno-Gama explizit auf Luigi Mangione – und Tech-CEOs.
Als John Brown 1859 Harper's Ferry attackierte, war es 12 Uhr mittags. Wie spät ist es jetzt?
Angesichts dieser Ereignisse zu spät, um davon nicht wenigstens ein bisschen beunruhigt zu sein.
Manche Ängste sind realer als andere
Damit man die Mitarbeitenden auf die KI-Reise mitnehmen könne, müsse man nun Ängste abbauen, heisst es derweil in Unternehmen. Akzeptanz sei zu schaffen, als ob der Siegeszug von KI – so wie man ihn sich in den grossen Konzernen vorstellt und aggressiv forciert – eine alternativlose, beschlossene Sache sei.
Während niemand tatsächlich die Zukunft voraussagen kann, haben Unternehmen aber Pläne für den Fall, dass die begehrte Zukunft tatsächlich eintritt. 99 Prozent der CEOs erwarten gemäss dem «Global Talents Trend Report» der Consulting-Firma Mercer, dass KI zu Entlassungen in den nächsten zwei Jahren führen wird. 98 Prozent planen Veränderungen beim Organisationsdesign. Nur 32 Prozent glauben, dass ihre Belegschaft sich optimal mit KI kombinieren und komplementieren liesse. Das ist eine klare Ansage.
Die Frage, die sich damit stellt: Ist es angesichts dieser Ankündigungen überhaupt möglich, Menschen «die Ängste zu nehmen» – insbesondere, nachdem der Digitalisierungsoptimismus der letzten zwei Jahrzehnte so viele Versprechen aneinandergereiht hat, ohne sie je wirklich zum Wohle aller einzulösen?

Manche Ängste sind realer (und berechtigter) als andere, genau wie es manche Versprechungen und Hoffnungen eben auch sind. Wer etwa Phobien therapieren möchte, macht nicht selten eine Expositionstherapie. Heisst: Der Angst begegnen – etwa Spinnen – und erfahren, dass die Angst selbst wohl wesentlich schlimmer ist als das Objekt, auf das sie sich bezieht.
Mit KI geht das offensichtlich nicht so leicht. Und wären all die kolportierten Ängste unsinnig, wäre das eine tragikomische Aussage über KI selbst. Es würde bedeuten, dass die Technologie gar nicht so leistungsfähig ist, wie versprochen und gehofft wird. Die CEO-Pläne wären damit sonderbar überrissen. Und dann müsste man sich aus ganz anderen Gründen Sorgen machen.
Möchten Unternehmen KI tatsächlich optimal nutzen, bringt Aktionismus nicht viel. Aber auch das Schmieden von Frameworks und Strategiepapieren nützt wenig, wenn die Belegschaft sie nicht wie geplant umsetzt, umsetzen kann, unwillens ist oder Angst hat. Und manche Ängste sind nicht nur realer als andere, sondern haben auch – das ist die These dieses Artikels – tiefersitzende Gründe.
Teambuilding in Eldorado
Die Expedition durch den Dschungel nach Eldorado klingt zwar verheissungsvoll. Wenn Ihre Expeditionsteilnehmenden aber schon von anderen Expeditionen gehört haben, die dabei im Amazonas ertrunken, an Tropenkrankheiten zugrunde gegangen oder von Schlangen gebissen worden sind, ohne Eldorado je erreicht zu haben (und das Gold am Ende ohnehin hätten abgeben müssen) – glauben Sie, sie kommen mit?
Wer Werner Herzogs Meisterwerk «Aguirre, der Zorn Gottes» (1972) mit Klaus Kinski gesehen hat, weiss: Die Suche nach Eldorado ist kein Spass.
Wer beim Teambuilding wiederholt bei der Vertrauensübung doch nicht aufgefangen wird, zu Boden fällt und sich eine Schramme holt, wird das Vertrauen in die Vertrauensübung selbst verlieren, da sie zu einer ganz realen Farce würde. Der Witz dieser Übung ist schliesslich, Vertrauen aufzubauen, weil man aufgefangen wird, nicht, Vertrauen zu demonstrieren.
In der Causa KI wirkt es manchmal, als würde man von Mitarbeitenden erwarten, sich erneut auf diese Vertrauensübung einzulassen, obwohl sie schon öfter fallen gelassen wurden. Die Lösung dafür ist nicht, Menschen die Angst vor der Vertrauensübung zu nehmen und sie erneut fallen zu lassen, sondern ihnen echte Gründe zu geben, um zu vertrauen – und sie im Falle eines Falles tatsächlich aufzufangen. Sprich: Vertrauen ist nicht etwas, was eingefordert werden kann.

Wer im aktuellen Weltkontext nur beharrt und fordert sowie Unsicherheiten und Ängste abbauen will, ohne dabei die tatsächliche Angst und ihre materiellen Ursachen in Betracht zu ziehen, ohne tatsächliche Sicherheiten und echte Alternativen zur Angst und ihren Konsequenzen anzubieten, wird einen schweren Weg vor sich haben.
KI ist eine gesamtgesellschaftliche Probe, das stimmt. Dennoch: HR-Professionals sind Kulturvermittler und Stimmungssensoren. Bevor über die Köpfe der Mitarbeitenden hinweg alternativlose Entscheidungen getroffen werden, müssen sie spüren, was möglich ist und was nicht – und weshalb. Auch der Widerwillen und die Angst in Ihrer Belegschaft verrät Ihnen mitunter Wichtiges. Einfach verdrängen ist keine nachhaltige Lösung.
Was HR-Profis und Unternehmen jetzt tun können
Die Aufgabe von HR-Profis ist es darum, nicht Ängste zu nehmen, sondern den Ängsten zu begegnen, sie ernst zu nehmen und Empfehlungen auszusprechen – auch an die Geschäftsleitung, und selbst wenn diese sie ungern hört. Schliesslich kriegt man ungerne Rechnungen, weiss aber, dass das Nichtbezahlen meist keine kluge Alternative ist.

Zwar mag man hier relativieren, dass die Menschheit schon manche industrielle und technologische Innovation überstanden hat und dass Jobs nicht vernichtet werden, sondern sich Jobprofile lediglich verschieben. Selbst wenn das stimmt, ändert das nichts daran, dass historisch immer wieder individuelle Karrieren und Leben daran zerbrachen. In einer Gesellschaft, die das Individuum zentriert, hat man als Individuum sinnigerweise genau davor Angst, da einem abstrakte Relativierungen und Rationalisierungen im konkreten Fall wenig bringen.
Vielleicht ist die Technologie bereit, aber die Belegschaft nicht. Das lässt sich jedoch auch umdrehen: Wäre das Material für die Expedition nach Eldorado wirklich bereit – inklusive Medizin, Rüstungen, Verpflegung und all dem, was in früheren Expeditionen fehlte –, würde der Erkundungstrupp keine berechtigte Angst mehr empfinden, sondern höchstens die Furcht vor dem abenteuerlichen Restrisiko. Und das ist umso leichter zu ertragen, wenn man weiss, dass man im Falle einer unvorhergesehenen Katastrophe auf sein Team vertrauen kann.
Wieder zurück zu den Menschen
Die Menschen «auf die Reise mitnehmen» kann man nur, wenn man sie tatsächlich mitnimmt. Im Moment wirken viele Konzepte jedoch nicht wie die Einladung, jemanden «mitzunehmen». Eher nach einer Forderung, man solle doch endlich aufschliessen, sonst wird man im Dschungel zurückgelassen.
Für HR-Profis bedeutet das, sich weniger mit Umfragen und Statistiken zu befassen, dafür mehr mit den Menschen, die vor Ort sind. Meist werden mysteriöse Erklärungslücken in Statistiken relativ profan, wenn man Menschen zuhört. Dass die Implementation von KI in Unternehmen ein monumentales technisches und ökonomisches Unterfangen ist, scheinen die wenigsten in Abrede zu stellen. Sie ist aber zuvorderst ein monumentales menschliches Unterfangen.
Für die konkrete Implementation von KI gibt es kein Patentrezept, genau wie es auch für die früheren Digitalisierungsunterfangen keines gab. Frameworks und Strategiepapiere können die zentrale Verantwortung, in der sich HR-Profis sehen – als Hüter der Kultur und des Menschlichen –, nicht übernehmen.

Ein mutiges HR der Zukunft muss gerade angesichts der Technologisierung selbstbewusst sein. Selbstbewusstsein kann etwa bedeuten, den eigenen Intuitionen so weit zu vertrauen, dass man der unsinnigen Auslegung einer Statistik widersprechen kann, ohne am eigenen Verstand zu zweifeln, weil man die eigene Belegschaft tatsächlich kennt und versteht. Vor allem aber bedeutet es, das eigene Rollenverständnis tatsächlich ernst zu nehmen, auch wenn es ungemütlich wird – und dann darauf zu vertrauen, dass das Ungemütliche womöglich tatsächlich wichtig ist.
Die gute Nachricht: Die KI-Implementation ist keine Bürde, die HR alleine tragen muss (oder kann), denn in der Welt sind immer grössere Mächte am Werk als eine einzelne Abteilung, ein einzelnes Unternehmen – oder man selbst.
Weiss man, dass man im Grossen und Ganzen vergleichbar wenig Einfluss hat, befreit einen das vielleicht von einer gewissen Fehlerangst und ermöglicht einem, das zu tun, was man tatsächlich für richtig hält.