Fachtagung von Pro Familia Schweiz

Familienfreundlichkeit als Businessargument

An einer Fachtagung des Verbandes Pro Familia Schweiz haben sich Experten und Interessierte mit der Frage auseinandergesetzt, wie Unternehmen familienbewusste Arbeitszeitmodelle schaffen können - und damit auch einen grossen Wettbewerbsvorteil erzielen.

Familie und Beruf gut unter einen Hut zu bringen, ist ein schwieriger Balanceakt und erfordert viel Flexibilität und Organisationstalent von Eltern. Doch auch die Unternehmen sind gefordert. In Zeiten des Fachkräftemangels liegt es in ihrem Interesse, gut ausgebildete Mitarbeiter auch während der Elternschaft behalten zu können. Dafür müssen sie Modelle anbieten, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen.

Wie solche Modelle aussehen können, war das Thema der Fachtagung «Flexible und familienbewusste Arbeitsmodelle» des Verbandes Pro Familia Schweiz. Rund 90 Personen aus Unternehmen, Wirtschafts- und Berufsverbänden sowie Fachpersonen aus Kantonen und Gemeinden haben am Donnerstag im Landhaus Solothurn diskutiert, welche Möglichkeiten Unternehmen bieten sollten, um familienfreundlicher zu sein. Aber auch, welchen strategischen Wettbewerbsvorteil sie daraus ziehen können.

Nicht die Betroffenen profitieren

Wie wichtig das Thema Vereinbarkeit ist, hat Laurent Wehrli, Präsident von Pro Familia, bereits in seiner Eröffnungsrede aufgezeigt: In der Schweiz sind heute drei Viertel der Familien mit Kindern im Schulalter auf zwei Gehälter angewiesen. Die Wahl, ob beide Elternteile arbeiten wollen, stellt sich für viele nicht mehr. «Die Vereinbarkeit wird von Eltern eingefordert, die Antworten der Unternehmen und der Politik sind aber noch mangelhaft», so Wehrli.

Pro Familia Schweiz

Der Dachverband Pro Familia Schweiz umfasst mehr als 40 nationale Mitgliederorganisationen und kantonale Pro Familia Sektionen. Ziel ist es, die Familienpolitik in der Schweiz zu fördern. Das Kompetenzzentrum von Pro Familia Schweiz begleitet Unternehmen und die Öffentliche Hand in der Gestaltung der Familienfreundlichkeit. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Schwerpunktthema des Verbandes. Geschäftsführerin ist die St.Galler Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz.

Das hat Dr. Anja Feierabend, Oberassistentin am Institut für Betriebswirtschaftslehre und dem Lehrstuhl Human Resource Management der Universität Zürich, in ihrem Referat bestätigt. Als Leiterin des Projektes HR-Barometer hat sie ausgewählte Ergebnisse der Untersuchung aus dem Bereich Arbeitsflexibilität und Familie vorgestellt. Arbeitsflexibilität, wie sie sich die Arbeitnehmer wünschen - also die Möglichkeiten zu Teilzeitarbeit, Jahresarbeitszeit, Gleitzeit sowie Home Office oder unbezahlte Ferien - fördert zwar die Work-Life-Balance von Angestellten mit Betreuungspflichten, aber genau diese Gruppe kann solche Modelle oft nur begrenzt nutzen. Von Arbeitsflexibilität profitieren meist Männer ohne Betreuungsaufgabe in grösseren Unternehmen und mit relativ hohem Status. Zudem wird eine Teilzeitanstellung von den Betroffenen oft als karrierehinderlich wahrgenommen.

Explizit dem Thema Home Office hat sich Prof. Dr. Hartmut Schulze von der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW und Leiter des Institutes für Kooperationsforschung und -entwicklung, gewidmet. Sein Fazit: Home Office wird für immer mehr Betriebe und Mitarbeitende zu einer arbeitsorganisatorischen Alternative und bereits ein Tag Home Office pro Woche bietet Kompensationsmöglichkeiten für belastende Arbeit. Doch produktive und gesundheitsförderliche Arbeit im Home Office erfordert Organisation und Gestaltung: Es braucht Konventionen und Abstimmungen, einen Führungsstil, der auf Zielvereinbarungen, Vertrauen, Kommunikation und Personalentwicklung setzt sowie Unterstützung bei der Einrichtung von Home Office.

Nicole Baur, Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten und Direktorin des Büros für Familienpolitik und Gleichstellung im Kanton Neuenburg, hat in ihrem Referat eher die politischen Hintergründe beleuchtet. Familienpolitik sei immer noch ein Stiefkind in der Schweizer Politik. Baur plädiert für Vaterschaftsurlaub (den sie lieber Elternzeit für Väter nennt) und verlangt, dass Anpassungen an die neuen Familienstrukturen vorgenommen werden: in steuerlicher Hinsicht, bei Investitionen und auch in den Verantwortlichkeiten.

Vorbilder und Geschichtenerzähler

Wie Unternehmen die Herausforderung Familienfreundlichkeit konkret angehen können, hat die Podiumsdiskussion gezeigt. Vertreterinnen aus grossen Firmen haben die Modelle in ihren Unternehmen vorgestellt und mit Vertretern von Arbeitgeberverbänden diskutiert. Einig waren sich die Teilnehmer, dass familienfreundliche Arbeitsmodelle längst nicht mehr nur Goodwill, sondern ein Businessargument sind. «Effizienzsteigerung ist in einer Wissensgesellschaft nur noch durch Menschen möglich. Und Menschen arbeiten erwiesenermassen produktiver, wenn sie sich wohl fühlen» sagt Kathrin Amacker-Amann, Mitglied der Konzernleitung der Swisscom. Bei der Swisscom nimmt die Präsenzkultur ab, rund 1000 männliche und 2000 weibliche Mitarbeiter arbeiten Teilzeit. «Wir fördern das, indem wir Geschichten rund ums Thema erzählen und Vorbilder schaffen», sagt Amacker-Amann. Beispielsweise wurden im Konzern Sofas aufgestellt mit einem Telefon daneben, wo Interessierte sich hinsetzen und Männern aus dem Unternehmen zuhören konnten, wie sie von ihrer Vaterrolle sprachen.

Bei Procter &Gamble arbeitet die Generaldirektorin Frédérique Reeb-Landry seit fast 20 JahrenTeilzeit und seit mehreren Jahren auch im Home Office. Sie ist so gleich selbst Vorbild. «Unser Teilzeit-Modell ist sehr leicht zugänglich und wir haben damit erreicht, die Frauen im Laufe der Jahre im Konzern behalten zu können.» Auch Microsoft unternimmt viel, um mit familienfreundlichen Arbeitsmodellen für Arbeitnehmer attraktiv zu bleiben. Mit Coaching wurden die Belegschaft und die Manager an flexible Arbeitsmodelle herangeführt. Mit Erfolg, wie Simone Ruppertz-Rausch, Leiterin Kunden- und Partnerzufriedenheit bei Microsoft sagt: «Wir haben viele Väter, die im Home Office arbeiten.»

Thomas Daum, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, erwähnte jedoch, dass die drei auf dem Podium vertretenen Unternehmen Microsoft, Swisscom und Procter & Gamble keine repräsentative Auswahl von Schweizer Unternehmen darstelle. Er unterstrich, dass KMU’s mit anderen Voraussetzungen konfrontiert seien. Den Arbeitgebern werde viel zugemutet beim Thema: «Vieles hängt auch mit den gesellschaftlichen Vorstellungen zusammen, und die können die Arbeitgeber nicht im Alleingang ändern. Sie sind konfrontiert mit Arbeitnehmenden aus dieser Gesellschaft.» Daum nimmt kein Blatt vor den Mund und führte die bis heute klassische Rollenteilung auch auf Bequemlichkeit der Männer zurück.

Druck auf Unternehmen steigt

Auf die Frage von Podiumsleiterin Dr. Hanna Muralt Müller, wie die Veränderungen schneller vorangetrieben werden könne, meinte Jean-Hugues Busslinger, Direktor der Abteilung Politik vom Centre Patronal: «Wir müssen auf das Thema aufmerksam machen und den Unternehmen zeigen: Es ist möglich, Lösungen zu finden.» Busslinger ist optimistisch, dass sich familienfreundliche Arbeitsmodelle durchsetzen werden, auch bei KMU’s. Einerseits wegen der jungen Generation, die solche Vorderungen stellt und die Unternehmen im Kampf um Fachkräfte damit unter Druck setzt. Zum andern, weil die Technologie immer mehr flexibles Arbeiten ermöglicht.

Die Teilnehmer sind sich einig, dass es mehr Mut erfordert in der ganzen Debatte: Von Männern, um hinzustehen und sich als Teilzeiter zu «outen», von Frauen, um sich für eine Karriere trotz Kindern einzusetzen und von Arbeitgebern, um neue Modelle auszuprobieren.

Empfehlungen der Pro Familia Schweiz-Arbeitsgruppe «Familienzeit»

An seiner Jahrestagung hat der Dachverband Pro Familia Schweiz die Empfehlungen der Arbeitsgruppe «Familienzeit» vorgestellt. Die Themen «Zeit», «Familienzeit» und «Familienfreundlichkeit» bekommen laut Pro Familia Schweiz in Zeiten der Bevölkerungsalterung und der zunehmenden Knappheit von qualifizierten Mitarbeitenden einen immer höheren Stellenwert.

Die Empfehlungen für Unternehmen:

  • Vereinbarkeit zur Selbstverständlichkeit erklären: Dafür muss Vereinbarkeit von Beruf und Familie thematisiert werden und Teil der Unternehmensphilosophie sein.
  • Vereinbarkeit fördert kontinuierlichere Erwerbsverläufe: Die familienbedingten Erwerbsunterbrechungen und -reduzierungen haben mittel- und langfristige ökonomische Folgen, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene.
  • Produktivitätssteigerung dank Familienfreundlichkeit: Mit einem besseren Angebot von Teilzeitstellen auf allen Stufen mit flexiblen Jahresarbeitszeiten fördern Unternehmen nicht nur die partnerschaftliche Aufgabenteilung, sondern profitieren zusätzlich, wie verschiedentlich in Studien aufgezeigt wurde, von motivierten, einsatzfreudigen und ausgeglichenen Mitarbeitern.
  • Förderung neuer Arbeitszeitmodelle: Neue Arbeitszeitmodelle erfordern eine veränderte Unternehmenskultur, indem der Vertrauensarbeitszeit mehr Gewicht als Präsenzzeit verliehen wird. Die Schaffung neuer Arbeitsformen muss mit der Überprüfung gewisser gesetzlicher Normen einhergehen: Arbeitsrecht, Sozialversicherungsrecht, Datenschutz.
  • Unterstützung der Pflege- und Betreuungszeit: Unternehmen sollten den Fokus nicht nur auf die Bedürfnisse der jüngeren Mitarbeitenden mit Kindern richten, sondern auch die Bedürfnisse der älteren Mitarbeitenden die pflege- und hilfsbedürftige Angehörige haben, berücksichtigen.
  • Erstellung einer Kosten-Nutzen Analyse: Massnahmen in den Bereichen Vereinbarkeit und Familienfreundlichkeit in der Planung und Umsetzun kosten Zeit und Geld. Die Fluktuationsraten und die mit jedem Personalwechsel verbundenen kurz- und mittelfristigen Kosten sinken bei umgesetzter Vereinbarkeit aber.

 

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