FER-Pilotprojekt

Hinschauen statt schweigen verhindert Kosten und Probleme

Psychische Probleme frühzeitig erkennen und Kranke rasch wieder an den Arbeitsplatz bringen, das ist das Ziel des Pilotprojekts FER. Nun ist die Testphase abgeschlossen. Projektleiter Ueli Streit zieht Bilanz.

Herr Streit, was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt?

Ueli Streit: Die Haupterkenntnis ist, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Sozialversicherungen für beide Seiten lohnt. Es hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, dass die beiden Parteien bei psychischen Problemen von Mitarbeitern bereits in einer sehr frühen Phase zusammenarbeiten, in der man noch handeln kann.

Warum lohnt sich das Projekt?

Dank der frühen Intervention hat der Arbeitgeber weniger Absenzen und somit tiefere Absenzkosten. Der Grund dafür liegt darin, dass der Arbeitgeber schon früh Unterstütung erhält, und zwar unternehmensspezifische Unterstützung.

Das heisst?

Der Arbeitgeber erhält früh Mittel und Unterstützung, noch bevor er eine Schadensmeldung erstellt.

Wie sieht diese Unterstützung aus?

Die Vorgesetzten werden geschult, und ihnen werden die notwendigen Instrumente, zum Beispiel Fragebögen, zur Verfügung gestellt, um insbesondere psychische Probleme frühzeitig zu erkennen. So können Vorgesetzte rechtzeitig reagieren, wenn sich das Verhalten oder die Leistung eines Mitarbeiters negativ verändert. Gründe für diese Veränderungen können generell Krankheiten sein, mit 60 Prozent sind es aber mehrheitlich psychische Beeinträchtigungen, die sich auf die Arbeit auswirken.

Woher kommen diese Beeinträchtigungen?

Einerseits aus dem Arbeitskontext: Konflikte, Überlastung und Überforderung am Arbeitsplatz führen dazu, dass der Arbeitnehmer psychisch angeschlagen ist. Andererseits können sich auch private Probleme auf die Arbeit auswirken. In 80 Prozent der Fälle steht kein medizinisches Problem im Vordergrund, wenn es zu psychischen Beeinträchtigungen kommt.

Wie wirken sich diese aus?

Sie haben einen Einfluss auf die Leistung und das Verhalten des Mitarbeiters. Er zieht sich möglicherweise zurück, macht nicht mehr aktiv mit oder spricht Drohungen aus.

Das FER-Pilotprojekt

Das Pilotprojekt FER hat gezeigt: Wenn Arbeitgeber, Privat- und Sozialversicherungen enger zusammenarbeiten, können Mitarbeitende nach einem Unfall oder einer Krankheit eher im Arbeitsmarkt bleiben. Muss ein Arbeitnehmer ins Spital, soll er danach schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren. In der Evaluation habe das Konzept «Gesundheitliche Früherkennung und berufliche Reintegration» (FER) gute Noten erhalten, schreibt das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Sechs mittlere bis grosse Unternehmen aus verschiedenen Branchen und ihre Versicherungspartner hatten eine verbindliche Zusammenarbeit nach standardisierten Abläufen erprobt. Die Pilotphase ist nun abgeschlossen, doch alle sechs Unternehmen führen das Projekt weiter.

Das Ziel war es, bei Krankheit oder Unfall von Mitarbeitenden frühzeitig und koordiniert so zu reagieren, dass die Betroffenen im Unternehmen bleiben können oder zumindest nicht aus dem ersten Arbeitsmarkt ausscheiden. Das liege auch im Interesse der Arbeitgeber und der Versicherungen, hält das BSV fest.

Das Zielmodell FER wurde im Rahmen des Think Tank FER entwickelt. Die Projektleitung obliegt der Firma Mind Step AG. Ueli Streit (Bild) ist Projektleiter. (sda/yb)

Wie kann denn ein Vorgesetzter feststellen, ob ein Mitarbeiter Probleme hat und Hilfe braucht?

Dem Vorgesetzten kommt eine Schlüsselrolle zu. Er muss hinschauen und die betroffene Person gezielt ansprechen, wenn sich ihr Verhalten oder ihre Leistung verändert. Der wichtigste Punkt ist, ein Gespräch mit dem Mitarbeiter führen. Darin werden Führungskräfte speziell geschult. In ganz vielen Fällen löst sich das Problem bereits nach dem Erstgespräch. Kommt es zu keiner Besserung, verknüpft sich der Vorgesetzte mit Fachpersonen. Wichtig dabei sind kurze Wege, zum Beispiel zur IV. Der Vorgesetzte weiss, an wen er sich wenden muss, damit er mit der betreffenden Stelle gemeinsam eine Lösung suchen kann.

Warum ist es so wichtig, dass schnell eine Lösung gefunden wird?

Wird nicht schnell gehandelt, kommt es zu einer Absenz, der Mitarbeiter fehlt ein bis drei Monate und fällt aus dem Arbeitsprozess. Wenn er dann zurück an den Arbeitsplatz kommt, ist es meistens sehr schwierig, zu reagieren. In vielen Fällen kommt es zu einer Auflösung des Arbeitsverhältnisses. Das führt zu hohen Kosten für den Arbeitgeber, aber auch für die Sozialversicherungen, und zu Frust beim Mitarbeiter.

Was bringt es dem Arbeitgeber, wenn er sich schnell um einen kranken Mitarbeiter kümmert?

Neben einer tieferen Absenzenquote kann der Arbeitgeber  seine Fürsorgepflicht einhalten. Wie das Pilotprojekt gezeigt hat, kümmern sich die Vorgesetzten dank FER mehr um ihre Mitarbeiter, und das ist im ganzen Unternehmen spürbar. Finanziell betrachtet sinken die Absenzenkosten und auch die Prämien der Taggeldversicherung können teilweise massiv gesenkt werden, weil es zu weniger Schadensfällen kommt.

Was für eine Schlussfolgerung ziehen Sie aus dem Projekt?

Es war sehr erfolgreich, Dialog und Kooperation mit den Sozialpartnern zahlen sich aus. Sechs Unternehmen haben sich an dem Projekt beteiligt, und sie alle wollen es weiterführen, zudem sind vier weitere Firmen dazugekommen. Unser Ziel ist, die Erfahrungen aus FER und ähnlichen Projekten zusammenzuziehen und daraus ein Standardmodell für den Umgang mit psychischen Beeinträchtigungen zu entwickeln.

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