HRM muss sich neu erfinden

Die heutige Personalentwicklung hat sich in der «Bestätigung des Status quo» verrannt und festgefahren. Sie muss sich jetzt in aller Deutlichkeit hinterfragen.

Human Resources Management: Das Freisetzen aller zur Verfügung stehenden menschlichen Leistungspotenziale in einem Unternehmen. Diskriminierung ausräumen, Vielfältigkeit erkennen und so nutzen, damit der Unternehmenszweck erfüllt wird und dabei jeder der beste Mensch wird, der er sein kann. Starke Menschen, starke Ergebnisse, starke Unternehmen – soweit die Theorie.

Doch die aktuelle Corona-Krise macht es erneut besonders deutlich: Bei finanzieller Enge wird sofort gespart. Besonders beliebt beim «Rotstift» ist beispielsweise das Weiterbildungsbudget. Sprich: Auf Weiterbildung kann sehr leicht verzichtet werden, die Entwicklung des Menschen ist nicht systemrelevant.

Bestätigung statt geistiges Wachstum

Irgendwie eine verständliche Überlegung, denn aus unternehmerischer Sicht werden Millionen für wirkungsschwache Weiterbildungsmassnahmen verpulvert. Werkzeuge, Apps und das Betriebssystem, auf dem die Apps laufen, werden mit hohem Aufwand verbessert. Doch das Denksystem bleibt veraltet. Das Vorgeben von Charakter (Image) wird wichtiger als echter Charakter. Der tatsächliche Nutzen von Weiterbildung wird so immer mehr infrage gestellt. Ausserdem ist eine zunehmende Schulungsmüdigkeit zu erkennen. Immer mehr Mitarbeitende lassen Weiterbildungsmassnahmen über sich ergehen, weil sie eben müssen.

Dazu kommt, dass es in den letzten Jahren in der Personalentwicklung immer weniger um geistige Anstrengung und geistiges Wachstum ging, sondern primär darum, den Menschen so anzuerkennen und zu bestätigen, wie er jetzt ist. Damit er sich gut und am Arbeitsplatz wohlfühlt. Das Negative, das mental Anstrengendere, wurde immer mehr verdrängt – und aus dem Wunsch nach Bestätigung, wurde eine Gier nach guten Gefühlen. Diese Gier spiegelt sich im Anforderungsprofil für Seminare, Workshops, Vorträge und Coachings wider: «Gib mir gute Gefühle! Motiviere mich! Erkenne mich an! Wertschätze mich! Mach mich glücklich!» Oder anders ausgedrückt: eine zwanghafte Bestätigung des Status quo.

Alte Muster durchbrechen

Längst geht es beim Personalmanagement nicht mehr nur um Lohnabrechnungen, sondern auch um «Kennzahlen» wie Zufriedenheit, Identifikation oder Engagement. Ja, sogar psychologische Aspekte spielen mittlerweile eine Rolle. Diese zunehmende Komplexität zeigt, wie wichtig ein effektives und produktives Personalmanagement zur Freisetzung des menschlichen Potenzials ist. Doch diese Daseinsberechtigung gilt es, regelmässig infrage zu stellen.

Schritt eins: Erkennen, wie sehr die «Bestätigung des Status quo» eine lähmende Schicht in der Weiterbildung erschaffen hat. Schritt zwei: eine emotionale Anerkennung dieses Zustands. Schritt drei ist dann die mentale Transformation. Doch wie geht das? Hier meine Thesen dazu:

  • Geistiges Wachstum fordert geistige Anstrengung. Ohne sie geht es nicht. Es gilt, einen Preis zu zahlen: Durch mentale Anstrengung folgt mentales Wachstum.
  • Des Weiteren braucht es konsequente Transformationsprozesse. Dazu bedarf es einer klaren, durchdachten und in der Praxis bewiesenen Methodik und Didaktik.
  • Es braucht Trainer, die sich selbst und andere gerne geistig fordern und in ihrem Leben mentale Transformation selbst leben. Die sich in das Potenzial eines Menschen verlieben. Die positiv unbequem fordernd sind. Die sich nicht emotional prostituieren.
  • Es braucht die Kombination von persönlicher Inspiration und ortsunabhängigem Lernen, online und offline.
  • Es bedarf konsequenter Umsetzungszeiträume und der Möglichkeit, Lernfortschritte zu messen und abzubilden.
  • Alle Möglichkeiten zur Ausrede sollten im Voraus eliminiert werden – wie man beim Abnehmen den Inhalt des Kühlschranks auf ein Minimum runterfährt.
  • Aus der Resilienz-Forschung wissen wir: Ein Mensch wächst im Leben entweder durch die Bewältigung von Krisen oder durch eine länger anhaltende Sinnerfahrung. Letzteres gilt es durch eine sinnvolle Denkschule zu vermitteln.
  • Es braucht mehr Menschen, die einen positiv zwingen, das zu tun, was man tun könnte.
  • Es geht um eine Balance von gelebter Nähe und Distanz – eine Art distanzierter Nähe.

Statt sich also auf die «Bestätigung im Hier und Jetzt» zu konzentrieren, könnte HR sich auf die «Bestätigung für geistiges Wachstum» konzentrieren. Das ist die künftige Daseinsberechtigung, damit die Entwicklung des Menschen nicht als Erstes dem «Rotstift» zum Opfer fällt, sondern genauso ernstgenommen wird wie die Anschaffung einer Maschine.

Checkliste: Woran erkennen wir, dass «Bestätigung durch Wachstum» funktioniert?

  • Die Zahl der mentalen Krankheiten durch besseres geistiges Differenzierungsvermögen und bessere mentale Filter nimmt ab.
  • Weiterbildungsmassnahmen erfahren höhere Akzeptanz.
  • Es gibt eine ehrliche Anerkennung und Respekt vor HR.
  • Ergebnisse sind wichtiger als persönliche Bestätigung.
  • Es gibt einen offenen, bewussten, klärenden Umgang bei Kritik, da keine Bestätigung erwartet wird.

 

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Boris Grundl

Boris Grundl ist Managementtrainer, Redner, Unternehmer und Autor. Er hat die Themen Verantwortungsbewusstsein, mentale Haltung und Leadership in der Tiefe erforscht und systematisch erlernbar gemacht. Das Grundl Leadership Institut sorgt dafür, dass Menschen und Organisationen sie umsetzen können.

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