Impulse für die Zukunft der Berufsbildung

An der Fachtagung «Next Talent 2026» in Baden drehte sich alles um zeitgemässes Lernendenmarketing. HR-Fachpersonen, Ausbildungsverantwortliche und Führungskräfte erhielten konkrete Einblicke in bewährte und neue Ansätze der Nachwuchsgewinnung.

Die Berufsbildung ist ein zentraler Pfeiler des Schweizer Arbeitsmarkts – und entsprechend gross war das Interesse an der diesjährigen «Next Talent», der Fachtagung zum Thema Lernendenmarketing vom 15. Januar. Wie Organisator und Initiant Jörg Buckmann (Buckmann gewinnt GmbH) in seiner Begrüssung sagte, hätten sich 129 Teilnehmende im Trafo Baden versammelt, um Inspirationen, Best Practices und neue Perspektiven für die Rekrutierung und Bindung von Nachwuchstalenten zu gewinnen. Die Beiträge reichten von Social-Media-Initiativen über Integrationsprojekte bis zu unternehmensweiten Lernendenevents – immer mit dem Ziel, jungen Menschen eine zukunftsweisende Ausbildung zu ermöglichen.

Integration durch Vorlehre

Majuran Patkunasingam, regionaler Berufsbildungsveranwortlicher von IKEA Schweiz, präsentierte eindrücklich, wie das Unternehmen mit der Integrationsvorlehre geflüchteten Menschen neue Perspektiven eröffnet – und gleichzeitig dem Fachkräftemangel begegnet. «Wir interessieren uns nicht, woher die Menschen kommen, sondern wo sie hinwollen», laute der Leitsatz von IKEA. Bereits über 100 Personen haben das Programm durchlaufen, viele mit erfolgreicher Übernahme in eine reguläre Berufslehre. Die Erfolgsquote? Beeindruckende 95Prozent.

Patkunasingam betonte die Wichtigkeit der Partnerschaft mit kantonalen Integrationsorganisationen, die geeignete Kandidatinnen und Kandidaten vermitteln. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg sei die tiefe Eintrittsschwelle: Es wird kein CV verlangt, sondern direkt zum Schnuppertag eingeladen. Dort können die Teilnehmenden ihr Potenzial zeigen – wie im Fall von Nazir, einem geflüchteten Jugendlichen ohne formale Ausbildung, der sich in der Logistik beweisen konnte. «Heute bin ich ein glücklicher Mensch. Ich sehe eine Zukunft», habe Nazir am Tag seines EFZ-Abschlusses gesagt – ein Moment, den Patkunasingam sichtlich bewegt schilderte.

Wichtig für die Umsetzung sei jedoch auch die interne Vorbereitung: «Sprachtraining ist sehr wichtig. Aber auch, dass wir frühzeitig innerhalb des Unternehmens kommunizierten, was wir machen wollen», so der Berufsbildungsveranwortliche. Für andere Unternehmen bietet IKEA heute sogar Wissenstransfer-Workshops an – unter anderem mit Partnern wie Migros, SBB oder Lidl.

 

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Ashley Schibler und Elisa Marti an der Ashley Schibler an der «Next Talent 2026»

Ashley Schibler und Elisa Marti zeigten auf, wie ICT-Lernende als Content Creator tätig sind.

TikTok für Talente

Elisa Marti, Leiterin Marketing und Kommunikation bei ICT-Berufsbildung Schweiz, und Ashley Schibler, Mediamatik-Lernende bei Brack.Alltron, stellten das Content-Creator-Projekt für ICT-Lehrberufe vor. Zehn Lernende aus verschiedenen Firmen und Berufen produzieren Content «von Lernenden für Lernende» – auf TikTok, Instagram und YouTube. Authentizität statt Perfektion ist dabei das Erfolgsrezept.

Schibler beschrieb ihre Motivation: «Ich habe schon vorher Sachen gepostet, weil ich zeigen wollte, dass unsere Berufe nicht langweilig sind.» Ihre Teilnahme habe ihr Selbstvertrauen gestärkt und gezeigt, wie wertvoll ehrlicher Austausch sein kann – auch bei Rückschlägen. «Manchmal kommen Videos besser an, manchmal schlechter. Aber wenn es auch nur zwei, drei Leute erreicht, die genau das gebraucht haben, dann hat es sich gelohnt.»

Der Ansatz des Projekts ist bewusst niederschwellig: Die Teilnehmenden erhalten Freiraum für Kreativität, begleitet von einem Style Guide und Redaktionsmeetings. Die Wirkung lässt sich bereits erkennen – sowohl in der Reichweite der Videos als auch im Feedback von Jugendlichen, die sich durch die Inhalte direkt mit den Berufsbildern identifizieren können. Ein wichtiges Learning: «Besser Einblick statt Versprechen geben.»

Grosser Lernenden-Event bei Bell

Andreas Begré, Leiter Berufsbildung bei der Bell Food Group, gewährte Einblick in ein Praxisbeispiel für Lernendenbindung: den mehrtägigen Lernenden-Event seines Unternehmens. Alle zwei Jahre reisen rund 170 Lernende aus dem DACH-Raum nach Magglingen, um in Teams Projektideen mit Unternehmensbezug zu entwickeln – inklusive Pitch vor der Geschäftsleitung. «Die Jugendlichen müssen den Sinn in ihrer Tätigkeit sehen. Sie wollen mitwirken, Teil von etwas sein», so Begré. Gleichzeitig gehe es um Spass und Gemeinschaft: T-Shirts mit Rückennummern, interaktive Sessions und ein hoher Erlebniswert prägen das Event. Das Siegerprojekt erhält eine Umsetzungsgarantie – darunter war beispielsweise die Entwicklung eines standortübergreifenden Collaboration-Tools, das heute in der gesamten Gruppe genutzt wird.

Begré betonte die Entwicklung, die Lernende während dieser Tage machen: «Sie kommen an, unsicher, was sie erwartet, und gehen am Ende mit einem gestärkten Selbstbild. Die Community zu erleben, zu sehen, dass man nicht allein ist, das prägt nachhaltig.» Die Veranstaltung sei auch ein Ausdruck von Wertschätzung: Die Einladungen werden hochwertig gestaltet, Coaches begleiten die Gruppen eng und die besten Ideen finden Eingang in die betriebliche Praxis.

 

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Sandro Spaeth und André Lüthi an der «Next Talent 2026».

André Lüthi, CEO der Globetrotter Group (links), im Gespräch mit Sandro Spaeth. 

Über Karma, Reisen und eine ganz spezielle Karriere

André Lüthi, CEO der Globetrotter Group, entführte das Publikum auf eine persönliche Reise – von seiner Bäckerlehre über abenteuerliche Trips in alle Welt bis zur Spitze eines Reiseunternehmens mit über 300 Mitarbeitenden. In einem offenen Gespräch mit Sandro Spaeth, Media Relations & Public Affairs Manager bei der BLKB, wurde deutlich, wie stark Lüthis Weg von Neugier, Mut und Sinnsuche geprägt war. «Wenn ich darüber nachdenke, was ich in dieser Zeit gelernt habe – zum Beispiel, was es bedeutet, morgens um halb drei aufzustehen und zu arbeiten – das vergisst man nie», sagte Lüthi rückblickend auf seine Lehrjahre. Seine berufliche Entwicklung sieht er eng verbunden mit persönlichen Werten wie Respekt, Vertrauen und Eigenverantwortung – Tugenden, die in der Lehre, aber auch auf Reisen geschult werden.

Lüthi betonte die Bedeutung des dualen Bildungssystems: «Es gibt kaum ein besseres System, um fürs Leben zu lernen.» Zugleich warnte er vor überhöhten Erwartungen an junge Menschen: «Uns ist etwas verloren gegangen – nämlich die Freude am Nicht-Wissen. Sich einmal zu lösen von dieser Angst.» Berufliche Biografien seien heute selten linear – umso wichtiger sei es, Talenten Raum zur Entfaltung zu geben. Auch Digitalisierung und KI sieht Lüthi nicht als Bedrohung, sondern als Teil eines natürlichen Wandels: «Entscheidend ist die Haltung, nicht die Technologie.» Weiter plädierte er für mehr Vertrauen in junge Menschen und ihre Potenziale – und für eine Haltung, die Fehler zulässt und Erfahrungen ermöglicht: «Ich kann jederzeit wieder neu anfangen – das ist für mich wahre Freiheit.»

 

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Daniel Hunziker an der «Next Talent 2026»

Daniel Hunziker erklärte dem Publikum, wie die Spitäler Schaffhausen Lehrstellenmarketing machen.

Von Eseln und Rennpferden

Daniel Hunziker, Leiter Personalentwicklung und HR-Administration bei den Spitälern Schaffhausen, gewährte einen humorvollen und reflektierten Einblick in das Lernendenmarketing eines Gesundheitsbetriebs, der konsequent neue Wege geht. Den ungewöhnlichen Titel seines Referats «Von Eseln und Rennpferden» erklärte er so: «Unser CEO meinte, wir sollten künftig mehr Rennpferde und weniger Esel rekrutieren.» Doch in der Praxis gehe es gerade nicht um Leistung um jeden Preis, sondern darum, junge Menschen ernst zu nehmen – unabhängig davon, ob sie gleich durchstarten oder einen anderen Rhythmus mitbringen.

Die Spitäler Schaffhausen haben mit ihrer eigenständigen Ausbildungsmarke ein klares Profil geschaffen: echt, nahbar und bodenständig. Hunziker betonte, dass nicht Hochglanz-Kampagnen den Unterschied machen, sondern Erlebnisse, die bleiben: «Kürzlich waren wir zum Beispiel mit den Lernenden auf einem Eselhof. Das prägt – und zeigt, was uns wichtig ist.» Persönliche Gespräche, Einblicke in den Alltag und Authentizität spielen eine zentrale Rolle. Social Media sei dabei hilfreich, aber nie das Ziel an sich. «Es geht nicht darum, dass wir die Lautesten sind – sondern die Richtigen ansprechen», so Hunziker. Der Erfolg gibt dem Ansatz recht: Die Bewerbungen im Pflegebereich sind um 43 Prozent gestiegen. Seine Botschaft: Wer jungen Menschen auf Augenhöhe begegnet, gewinnt.

Von Live-Podcast bis Lehre+Sport

Neben den genannten Beiträgen bot die «Next Talent» weitere spannende Referate. So wurde etwa im Live-Podcast «Verzell mal» von Linda Gashi diskutiert, wie der Handwerksbetrieb Schreiner 48 mit kreativen Ideen junge Talente gewinnt. Die Zürcher Kantonalbank stellte das Modell Lehre+Sport vor, das Sportkarriere und Berufslehre vereint. Die Pilatus Flugzeugwerke zeigten, wie Berufsbildung unternehmensweit integriert werden kann – inklusive Mitwirkung der Lernenden auf Augenhöhe. Und ein augenzwinkernder Input von h+s Knigge stellte zur Diskussion, was im Jahr 2026 «guter Ton» ist. Auch diese Beiträge lieferten wertvolle Impulse für eine zukunftsfähige Berufsbildung.

Viel Unterhaltung und Austausch geboten

Für visuelle Akzente und viele Lacher sorgte der Illustrator Jonas Räber, der alle Referate live und humorvoll zeichnerisch begleitete. Seine Comics fingen nicht nur Kernaussagen ein, sondern machten die Atmosphäre der Vorträge auf originelle Weise sichtbar – ein kreativer Beitrag, der das Event um eine inspirierende Dimension erweiterte.

Mit mehreren Pausen und einem gemütlichen Ausklang mit feinen Drinks bot die «Next Talent 2026» auch ausgiebig Möglichkeiten fürs Netzwerken unter den Teilnehmenden, was gerne und rege genutzt wurde.

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Daniel Thüler

Daniel Thüler, Chefredaktor HR Today, daniel.thueler@hrtoday.ch

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