Kulturbäckerin zwischen Linie, Leitung und Familienwerten
Yvonne Schorno leitet das HR des traditionsreichen Backwarenherstellers HUG – mit Weitblick, Wertschätzung und einer klaren Haltung zu Führung, Kultur und Personalstrategie.

In der HR-Arbeit gefällt Yvonne Schorno die Kombination von Gestaltung und Menschenorientierung. (Alle Bilder: Aniela Lea Schafroth)
«HR Today» reist diesmal für das Porträt ins ländliche Luzern, genauer nach Malters, wo der 1877 in Luzern gegründete Backwarenhersteller HUG – Produzent von HUG-Gebäck, Wernli-Biscuits, Dar-Vida-Vollkorncrackern und Gastroprodukten – seit 1913 (damals Zwiebackfabrik HUG AG) seinen Hauptsitz hat. Heute befindet sich hier mit dem «Backhaus» eines der modernsten Produktionszentren für Backwaren der Schweiz mit automatisiertem Hochregallager. Gleich nebenan liegt das Bürogebäude mit dem «Chnusper-Laden», dem Fabrikladen von HUG. Trotz der grossen Verlockung lassen wir diesen (erst mal) links liegen, da uns die HR-Leiterin Yvonne Schorno bereits erwartet.
Der Rundgang fürs Fotoshooting führt uns zur Historienwand des Unternehmens, die für Kontinuität und den Anspruch stehe, langfristig Verantwortung auf allen Ebenen zu übernehmen – das gelte, ganz nach dem Motto «Zusammen sind wir HUG», auch bezüglich der Mitarbeitenden. Seit 2022 liegt die operative Führung in Frauenhänden: Anna Hug (fünfte Generation, Märkte) und Marianne Wüthrich Gross (Operations) führen die Firma in einem fortschrittlichen Co-Leitungsmodell.
Für die Führung durch die Bäckerei müssen wir uns umziehen: Kittel und Haube sind streng vorgeschrieben. Drinnen staunen wir über die gewaltigen Dimensionen: die riesigen Schüsseln, in denen die Teige gemischt werden, die langen Öfen, die über diverse Hitzezonen verfügen, und die unzähligen Petit Beurres und Japonais Guetzli, die fein duftend auf den Förderbändern an uns vorbeiziehen. «Einfach nehmen – gezählt wird erst beim Verpacken», fordert uns Yvonne Schorno auf. Diesem Angebot können wir natürlich (mehrfach) nicht widerstehen.
Per Zufall ins HR gekommen
Die heute 56-jährige Yvonne Schorno ist seit sechs Jahren HR-Leiterin der HUG Familie. Ihre HR-Laufbahn startet sie nicht mit einem Karriereplan, sondern mit einer Reihe von pragmatischen Entscheidungen und Zufällen. Aufgewachsen in der Ostschweiz, absolviert sie zunächst das KV in einem Anzeigen- und Medienvermarktungsunternehmen. Nach der Lehre zieht es sie in die Innerschweiz, wo sie ein Jahr in einer Zweigstelle ihres Lehrbetriebs weiterarbeitet. Mit ungefähr 20 Jahren erfolgt der Wechsel ins Personalwesen – zufällig: Unsicher, in welche Richtung sie sich beruflich weiterentwickeln möchte, schlägt ihr eine Personalvermittlung mehrere Optionen vor; unter anderem im HR der Milchprodukteherstellerin Emmi. «Ich hatte einen sehr positiven Eindruck vom Team», erinnert sie sich. «Es hat gematcht, obwohl ich damals noch nicht genau wusste, was HR in der Praxis bedeutet.» Bewusst entscheidet sie sich fürs Ausprobieren: «Ich fand, ich lasse mich einfach mal darauf ein.» Sie beginnt als Assistentin des Personalleiters, wird dann HR-Businesspartnerin und schliesslich, mit 25 Jahren, Personalverantwortliche, wobei Emmi damals «noch massiv kleiner war als heute», aber sich durch Zukäufe laufend vergrössert. Insgesamt elf Jahre bleibt sie im Unternehmen. Danach folgen Stationen als HR-Leiterin bei der ALSO Group (zehn Jahre), der 4B AG (vier Jahre) und der SSBL Stiftung für selbstbestimmtes und begleitetes Leben (drei Jahre).
Von Beginn weg gefällt ihr an der HR-Arbeit die Kombination von Gestaltung und Menschenorientierung. «Einerseits reizte mich damals die neue Materie», sagt sie. «Andererseits entwickle ich gerne Dinge und habe gerne mit Menschen zu tun.» Zudem sei im HR «kein Tag wie der andere» und man habe die Möglichkeit, einen wesentlichen Beitrag zum Wohlbefinden und zur Entwicklung von Menschen zu leisten.
Parallel zur Praxis investiert Yvonne Schorno kontinuierlich in ihre Weiterbildung: Zunächst absolviert sie die klassische Personalfachausbildung. Doch als sie stärker in leitende Rollen hineinwächst, genügt ihr das nicht mehr. Sie entscheidet sich für ein Bachelorstudium in Betriebswirtschaft.
Die Wahl begründet sie auch mit formalen Kriterien: Für die Weiterbildung zur HR-Leiterin sei sie bei Emmi noch zu jung gewesen; «man musste damals über 30 sein». Im Rückblick bewertet sie dies als Vorteil: «Heute bin ich froh, dass ich damals den betriebswirtschaftlichen Weg eingeschlagen habe – das hilft mir heute, Zusammenhänge in der Unternehmung besser zu verstehen. HR muss nicht nur People-Prozesse beherrschen, sondern auch die Logik der Firma mitdenken» – gerade dort, wo HR in Geschäftsleitungssitzungen vertreten sei oder in strategische Fragen hineinwirke. Zu ihrer fachlichen Vertiefung gehört später auch ein Master in Arbeitspsychologie – getrieben von Neugier und dem Wunsch, «mehr menschlichen Background» zu verstehen.
Als prägendes Element ihrer Laufbahn nennt Schorno frühe Vertrauensbeweise. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr die Zeit bei Emmi, als sie als junge Führungskraft die Rückendeckung aus der Unternehmensspitze spürte. «Emmi glaubte an mich und schenkte mir trotz meines jungen Alters grosses Vertrauen. Das hat meine Karriere sicher stark beeinflusst.»
Match mit der HUG-DNA
Dass Yvonne Schorno vor sechs Jahren bei HUG anheuert, ist kein Zufall. «Die Unternehmenskultur hat mich von Anfang an fasziniert», erklärt sie. «Wir nennen sie die HUG-DNA.» Dass das Familienunternehmen den Menschen und nicht nur die Zahlen ins Zentrum stellt, sei für sie ein entscheidender Faktor gewesen. «HR ist hier kein Kostenfaktor. Es ist integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie.» HUG sei in ihrer Wahrnehmung «ein Ort mit Bodenhaftung und Weitsicht zugleich» – und die familiäre Atmosphäre nicht bloss Rhetorik, sondern werde tagtäglich gelebt. «Wir haben viele langjährige Mitarbeitende. Es ist nicht ungewöhnlich, dass jemand mit 45 Dienstjahren in Pension geht.» Besonders eindrücklich sei für sie gewesen, dass beim Standortzusammenzug mit Wernli elf Familien aus Trimbach nach Malters zogen, um dem Unternehmen treu zu bleiben. «Das sagt sehr viel über die Identifikation mit dem Unternehmen aus und macht uns stolz.»
Diese starke Kultur, so Schorno, sei mit ein Grund für ihre tägliche Motivation: «Ich arbeite in einem Umfeld, das auf Vertrauen, Zusammenarbeit und Wertschätzung basiert. Das gibt mir Energie.» Dazu gehöre die psychologische Sicherheit, die HUG lebe und im Führungsleitbild verankert habe. «Man darf ausprobieren. Nicht alles muss von Anfang an perfekt sein. Pilotieren, evaluieren, verbessern – das leben wir bei HUG ganz selbstverständlich.» Dass die Unternehmenskultur solche Ansätze ermögliche, sei für sie einer ihrer grössten Motivatoren.
Vertrauen steht im Zentrum
Yvonne Schorno beschreibt ihren Führungsstil als «zielorientiert mit viel Freiraum». Sie wolle ihrem Team den Rücken freihalten und die Bedingungen schaffen, damit alle ihre Arbeit gut machen könnten. Vertrauen stehe für sie im Zentrum: «Ich denke, mein Führungsstil ist stark vertrauensorientiert. Das liegt mir von Natur aus. Ich schätze es auch sehr, wenn ich Vertrauen bekomme – und genauso halte ich es mit meinem Team.» Diese Haltung entwickelte sie über die Jahre. In ihrer ersten Führungsrolle mit 25 Jahren habe sie noch nicht genau gewusst, was Leadership wirklich bedeutet. Coachings und Weiterbildungen halfen ihr, ein tieferes Verständnis zu entwickeln. «Führung bedeutet für mich Coaching und auch loslassen – das musste ich erst lernen.»

Beruflich bildet sich Yvonne Schorno laufend weiter – derzeit mit einem CAS in HR-Zukunftsstrategie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Ich möchte am Puls bleiben, mich austauschen und neue Impulse aufnehmen.» Daneben pflegt sie ein persönliches Netzwerk mit HR-Fachpersonen aus anderen Unternehmen.
Strategisch eng eingebunden
Das HR-Team bei HUG ist klar strukturiert, schlank und praxisnah organisiert. «Wir verstehen uns als zentrale Drehscheibe zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden. Wir kümmern uns darum, dass die richtigen Menschen eingestellt, entwickelt und betreut werden und dass alle rechtlichen, organisatorischen und kulturellen Rahmenbedingungen stimmen. Wir sind ein Team von acht Mitarbeiterinnen, wovon fünf Teilzeit arbeiten. Das Team besteht aus zwei Businesspartnerinnen, die Führungskräfte im gesamten Employee Lifecycle begleiten. Eine Mitarbeiterin kümmert sich übergeordnet um Berufsbildung, Employer Branding und Personalmarketing. Der Bereich HR Services besteht aus vier Mitarbeitenden und umfasst die Bereiche Administration und Lohnbuchhaltung sowie Administration der Personalentwicklung. «Alle sind lokal vor Ort, wir legen grossen Wert auf Nähe und Präsenz.» Auch am zweiten Standort in Willisau (Willisauer Ringli) wird die HR-Betreuung sichergestellt. «Unser HR macht oft Besuche und auch die Geschäftsleitung und der Produktionsleiter schauen regelmässig vorbei. Das schafft Vertrauen.»
Ausbildung wird bei HUG nicht nur gepflegt, sondern aktiv weiterentwickelt. Mit aktuell neun (bald zehn) Lehrberufen – darunter auch Integrationsvorlehre und Sport-KV – und 17 Lernenden investiert das Unternehmen gezielt in den Nachwuchs. «Das ist unser aktiver Beitrag gegen den Fachkräftemangel», so Schorno. Von den sieben Lehrstellen ab Sommer 2026 seien aktuell vier noch unbesetzt. «Klar, wir möchten alle Lehrstellen vergeben – aber die Lernenden müssen zu unserem Unternehmen passen. Lieber lassen wir einzelne Lehrstellen unbesetzt, als sie um jeden Preis zu vergeben.»
Digitalisierung im Fokus
In den letzten Jahren hat das HR unter Schornos Leitung eine Vielzahl von Initiativen umgesetzt – mit klarer strategischer Ausrichtung. «Beispielsweise haben wir die Anstellungsbedingungen einem Marktvergleich unterzogen, damit unsere Arbeitsbedingungen gegenüber den Mitbewerbern attraktiv und vergleichbar sind», sagt sie. Auch die Zeiterfassung wurde modernisiert, sodass die Mitarbeitenden aktuelle Saldi und die Einsatzplanung auf der App haben.
Aktuell stehen weitere Digitalisierungsprojekte im Fokus – etwa die elektronische Abwicklung von Spesenprozessen und Arbeitszeugnissen. Schorno betont dabei den partnerschaftlichen Ansatz: «Diese Initiativen entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung und den Vorgesetzten. Das sind keine HR-Insellösungen.» Ein besonderes Augenmerk legt sie auf die Weiterentwicklung der Führungskultur und die Führungskräfteentwicklung. Gemeinsam mit der Geschäftsleitung wurde vor drei Jahren der Führungsleitsatz erarbeitet. HUG hat zudem Kaderstufen abgeschafft und ein neues Führungsmodell eingeführt: mehr Kompetenzen, mehr Verantwortung und aktives Mitarbeiten in themenbezogenen Wirkungskreisen.
Ebenfalls erwähnenswert ist der interne «HUG Campus»: ein modulares Weiterbildungsprogramm, das vom «richtigen Teig» über Zeitmanagement bis zur Führungsentwicklung reicht. «Viele Ausbildungen werden intern durchgeführt, oft sogar von Mitarbeitenden selbst. Der Rest wird extern ergänzt.» Die Inhalte entstehen partizipativ in einem jährlich tagenden Ausschuss, in dem Mitarbeitende aus verschiedenen Bereichen teilnehmen.
Flexibel gegen den Fachkräftemangel
Wie viele Produktionsbetriebe sieht sich auch HUG mit einem wachsenden Fachkräftemangel konfrontiert – insbesondere bei Anlagenführenden sowie den Mitarbeitenden Bäckerei, auch Teigerinnen und Teiger genannt. «Hier sind die Schichtarbeit und die Konkurrenz durch Mitbewerber eine Herausforderung», sagt Schorno. HUG reagiert mit vielfältigen Massnahmen: Teilzeitmodelle in der Produktion, Quereinsteigerkampagnen, Nachholbildungen und interne Laufbahnförderung. «Früher war Teilzeit in der Produktion ein No-Go», berichtet sie. «Heute arbeiten bei uns auch Menschen im Pensionsalter oder junge Mütter in 40-Prozent-Pensen.» Ebenso wurden neue Arbeitszeitmodelle pilotiert, etwa Wochenendschichten oder reduzierte Nachtzeiten. «Wir schauen sehr genau hin: Was macht eine Stelle attraktiv? Was können wir realistisch anpassen?»
Ein weiteres grosses Thema ist das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM), das in engem Zusammenhang mit der Führungskultur steht. «Psychologische Sicherheit ist die Voraussetzung für Eigeninitiative und Potenzialnutzung», betont Schorno. «Deshalb haben wir das explizit in unsere Führungsgrundsätze aufgenommen.»
Und schliesslich ist da die Frage nach Gleichbehandlung – beispielsweise zwischen Büro und Produktion im Kontext von Homeoffice. «Homeoffice war schon vor Corona möglich, aber es hat seither deutlich zugenommen. Wir regeln das jedoch nicht über fixe Tage, sondern über Teamverantwortung.» Wichtig sei, dass jede Abteilung funktioniere – ob mit physischer oder virtueller Präsenz. Zugleich werde streng darauf geachtet, dass auch Blue-Collar-Mitarbeitende von den Initiativen profitieren. «Beispielsweise finden unsere Yoga-Lektionen bewusst um 13.30 Uhr statt, zum Schichtwechsel. So können auch Produktionsmitarbeitende teilnehmen.»
Was Schorno besonders schätzt, ist die unkomplizierte, lösungsorientierte Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens. «Wenn es ein Bedürfnis gibt, setzen wir uns zusammen – HR, Vorgesetzte, Geschäftsleitung und oft auch Mitarbeitende – und überlegen gemeinsam, was möglich ist.»
Gerne in der freien Natur
Yvonne Schorno wirkt im Gespräch fokussiert, pragmatisch, freundlich – und entspannt. Ihre Energie tankt sie nicht nur im beruflichen Tun, sondern ganz bewusst auch in der Natur. «Ich bin sehr gerne draussen unterwegs», sagt sie. Ob mit dem Mountainbike, dem Rennvelo, beim Joggen oder auf Skitouren: Die Bewegung in der Natur ist für sie Ausgleich und Inspiration zugleich. Besonders zieht es sie in die Berge: «Weit habe ich es glücklicherweise nicht von hier aus.» Sehr gerne und oft mache sie Abstecher ins Bündnerland, «und gerade entdecke ich das Wallis.» Ihr Wohnort Eschenbach liegt nur rund 20 Kilometer vom HUG-Hauptsitz in Malters entfernt. Im Sommer nimmt sie oft das Velo für den Arbeitsweg – eine ideale Kombination aus Alltag und Aktivität. «Ich plane dann einfach meine ersten Termine etwas später. Und da darf es durchaus mal das eine oder andere Guetzli mehr sein.»






