«Multikulti» – selbstverständlich für die Jugend, doch nicht immer im Betrieb
Während junge Fachkräfte die Arbeit in kulturell gemischten Teams bevorzugen, sind die älteren Kollegen oft distanzierter gegenüber Menschen anderer Herkunft. Firmen, die sowohl auf erfahrene Fachkräfte wie auch auf jungen Nachwuchs angewiesen sind, sollten dies beachten und Multikulturalität fördern, wie das Beispiel der Endress + Hauser-Gruppe zeigt.
Wie arbeiten junge und ältere Facharbeiter und Facharbeiterinnen in sowohl altersmässig als auch kulturell gemischten Teams zusammen? Welche Massnahmen erleichtern ihnen die Zusammenarbeit? Diesen Fragen widmete sich das Projekt «Interethnische Beziehungen zwischen jungen und älteren Facharbeiterinnen und Facharbeitern in Grossbetrieben». Dazu wurden in Deutschland Mitarbeitende von drei industriellen Grossbetrieben befragt, die sich sowohl in Bezug auf ihre Altersstruktur als auch auf ihre ethnische Zusammensetzung durch Vielfalt auszeichnen. Das Projekt, welches vom Xenos-Programm des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sowie von der Gewerkschaft IG Metall unterstützt wurde, lief Ende 2007 aus. Erste Projektergebnisse wurden bereits publiziert.
Für die meisten befragten Jugendlichen gehören regelmässige Kontakte oder auch Freundschaften mit Gleichaltrigen anderer Herkunftsländer heute zum ganz normalen Alltag. Schliesslich kennen sie nichts anderes aus Kindergarten, Tagesstätte und Schule. Während ihrer diversen Betriebseinsätze machten einige von ihnen allerdings die Erfahrung, dass ihre älteren Kolleginnen und Kollegen eine andere, teilweise distanziertere Einstellung zur interkulturellen Zusammenarbeit entwickelt haben als sie selbst.
Für Unternehmen, die aufgrund der demografischen Entwicklung in Westeuropa nicht nur auf ihre beruflich erfahrenen älteren Arbeitskräfte angewiesen sind, sondern auch selbst qualifizierten jungen Nachwuchs nachziehen müssen, ist dies eine spannende Erkenntnis. Schliesslich soll die Zusammenarbeit im Betrieb ja reibungslos verlaufen – über kulturelle und Generationengrenzen hinweg. Weil der ungezwungene Umgang mit Diversity aber offenbar nicht jedem gegeben ist, muss hier und dort ein wenig nachgeholfen werden. Eine entsprechende Aus- oder Weiterbildung wird von den Jugendlichen geschätzt – dies zeigte das Projekt ganz klar. Wie eine solche Massnahme aussehen könnte, wird in einem Handbuch gezeigt, das von den Projektverantwortlichen herausgegeben wurde. Zwar richtet sich dieses speziell an Ausbildner und beschränkt sich auf die Projektarbeit mit Jugendlichen, es spricht aber kaum etwas dagegen, auch ältere Mitarbeitende in Workshops oder Austauschprojekte einzubeziehen oder ihnen zumindest die Resultate der Arbeiten zugänglich zu machen. Kenntnisse über die kulturellen Gepflogenheiten, Vorlieben und Eigenheiten der jeweils anderen Gruppe sind letztlich die beste Voraussetzung für eine entspannte Zusammenarbeit. Respekt, Wertschätzung und Toleranz sind schliesslich weder eine Alters- noch eine Herkunftsfrage.
Im Dreiländereck ist Multikulturalität bereits ganz normal
Bereits 1991 wurde von der Endress + Hauser-Gruppe, einem international bedeutenden Anbieter von Messgeräten, Dienstleistungen und Lösungen für die industrielle Verfahrenstechnik, die so genannte Regio-Ausbildung ins Leben gerufen – «um nach dem Wegfall der geografischen Grenzen auch die mentalen Grenzen in den Köpfen der Menschen zu verringern», so Unternehmensinhaber und CEO Klaus Endress.
Seither bildet Endress + Hauser seine Lehrlinge trinational aus. Das heisst: Während ihrer Ausbildungszeit absolvieren sie bei den jeweiligen Tochterunternehmen in Frankreich, Deutschland und der Schweiz wechselseitig mehrwöchige Stages. Fünf Lehrlinge der Reinacher Endress Flowtec AG haben sich bereit erklärt, ihr Verhältnis zur generationen- und länderübergreifenden Zusammenarbeit für HR Today zu erläutern.
Der Fragenkatalog
Frage 1: Ab welchem Alter ist jemand für Sie alt?
Frage 2: Welche Eigenschaften älterer Menschen finden Sie gut?
Frage 3: Was nervt Sie an Älteren?
Frage 4: Gibt es Situationen, in denen Sie die Zusammenarbeit mit älteren Generationen schwierig oder problematisch finden?
Frage 5: Wann macht die Zusammenarbeit verschiedener Generationen Spass?
Frage 6: Welche kulturellen Unterschiede zur Schweiz sind Ihnen bei den Praktika in Betrieben in Frankreich und in Deutschland ganz allgemein aufgefallen?
Raphael Zahnd
Ausbildung: Elektroniker, 4. Lehrjahr
zu 1: 35
zu 2: Sie sind leicht zufrieden zu stellen.
zu 3: Sie sind leicht zu verärgern.
zu 4: Wenn sie keine Ahnung haben oder wenn sie verbittert sind.
zu 5: Wenn man sich respektiert und offen ist – auch wenn etwas nicht gut ist!
zu 6: In Frankreich ist man sofort ein Kollege, die Franzosen sind aber sonst eher verschlossen. In Deutschland hatte ich nicht genug Kontakt mit Personen. Ich denke, sie sind sehr ähnlich wie wir Schweizer.
Christoph Schweizer
Ausbildung: Elektroniker, 4. Lehrjahr
zu 1: 50–55
zu 2: Sie haben schon mehr Lebenserfahrung gesammelt und wissen, wie man Probleme angeht.
zu 3: Es gibt Ältere, die meinen, dass man gewisse Dinge immer noch machen sollte wie früher, obwohl es grosse Veränderungen gegeben hat.
zu 4: Wenn die älteren Personen nicht wirklich eine Ahnung haben, wie etwas funktioniert – und trotzdem wollen sie dich nicht an das Gerät lassen.
zu 5: Wenn man sich untereinander gut versteht und Hand in Hand zusammenarbeitet.
zu 6: In Frankreich kommt man schnell mit jemandem ins Gespräch. In Deutschland ist mir nichts speziell aufgefallen.
Stefan Wyss
Ausbildung: Elektroniker, 4. Lehrjahr
zu 1: 60
zu 2: Viel Fachwissen, Geduld.
zu 3: Besserwisserei.
zu 4: Wenn die Älteren einen übergehen, weil sie sowieso alles besser wissen.
zu 5: Wenn man von dem vielen Fachwissen der Älteren lernen kann.
zu 6: Deutschland war ähnlich wie die Schweiz, keine grossen Unterschiede. In
Frankreich war die Infrastruktur weniger gepflegt (Schmutz, Schäden etc.) und die Werkzeuge und Maschinen waren älter. Die
Arbeitsmoral bei den Franzosen war anders. Immer nach dem Motto «Hauptsache anwesend und irgendetwas zusammenbasteln» – ob wirklich notwendig, war sekundär. Dafür kontrollieren die Franzosen ständig ihre Arbeitskollegen, ob diese auch etwas arbeiten. In der Schweiz wird meistens in Teams zusammengearbeitet, in Frankreich sind die meisten Eigenbrötler.
Christian Syfrig
Ausbildung: Elektroniker, 4. Lehrjahr
zu 1: Kommt drauf an, wie eine Person ihr Leben lebt. Jemand, der viel macht, ist für mich nicht alt. Mein Grossvater ist 85 und fährt täglich 30 km Velo, das finde ich von der sportlichen Seite her jung. Wenn man aber direkt eine Zahl sagen sollte, sage ich: so um die 55 Jahre.
zu 2: Ich finde es toll, dass die älteren Menschen sehr viel über ihr Leben erzählen können, wie es halt einfach früher so war.
zu 3: Egal was man macht, sie finden es meistens nicht gut. Weil es nicht der Weg ist, wie sie ihn gehen würden.
zu 4: Jein! In meinen Augen ist es einfach so, dass die Älteren immer auf der alten Version beharren und nichts Neues machen wollen. Aber wenn man sie doch überzeugen kann und sie sagen, dass man es auf einem neuen Weg probiert, ist es von grossem Vorteil, denn dann bringen sie meistens viele wichtige Infos, die wir so noch nicht kennen.
zu 5: Wenn man es eben geschafft hat, dass die ältere Generation auch offen für Neues ist. Aber das Gleiche gilt auch für die Jungen, dass sie offen für das Alte sind.
zu 6: Wenn ich ehrlich bin, keine.
Bianca Mörz
Ausbildung: Informatikerin, 2. Lehrjahr
zu 1: 60
zu 2: Sie haben eine gute Berufserfahrung und ein breites Spektrum an Kenntnissen.
zu 3: Wenn ihnen etwas nicht passt, kommt immer derselbe Spruch: «Zu meiner Zeit …»
zu 4: Wenn von Grund auf Meinungsverschiedenheiten bestehen.
zu 5: Wenn man sein Wissen und seine Kenntnisse gegenseitig ergänzen kann.
zu 6: In Frankreich fand ich die Leute freundlicher, aufgestellt – sie schienen weniger gestresst als hier. In Deutschland war ich bisher noch nicht.
Andreas Gunzenhauser
Ausbildung: Konstrukteur, 2. Lehrjahr
zu 1: Was für eine Frage! Ganz spontan würde ich 65–70 sagen, es kommt halt auf das Aussehen und vor allem auf den geistigen sowie körperlichen Zustand an.
zu 2: Kurz und bündig gesagt: Sie haben das, was man in keiner Schule oder Ausbildung lernen kann – Lebenserfahrung.
zu 3: Wenn sie stur an irgendwas festhalten, ohne sich mit Neuem zu befassen.
zu 4: Wenn man überhaupt nicht auf der gleichen Wellenlänge ist, sprich sie kommen zum Beispiel mit Vorurteilen gegenüber Jugendlichen daher.
zu 5: Man kann meistens etwas von ihnen lernen.
zu 6: Noch nicht absolviert.