Neue Generationen, neues Lernen – Erfahrungen der CS Business School
Für die Internetgeneration hat Lernen wenig mit überkommenen Vorstellungen zu tun. Statt ein Buch zu lesen, werden die neuesten Trends als Podcast auf dem Arbeitsweg gehört. Den organisierten Gruppenunterricht ersetzen zunehmend individuell zugeschnittene e-Learning-Lektionen im Intranet des Unternehmens.
Kurz nach 19 Uhr komme ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause und freue mich auf das Abendessen mit der Familie. Unsere 12-jährige Tochter finde ich im Büro, am Ohr das Telefon – sie spricht mit einer Freundin –, neben sich die Xbox, angeschlossen an einen älteren Fernseher – sie spielt gerade «Sims» –, und vor sich auf dem Tisch ihr Notebook, auf dem parallel drei oder vier Chat-Sessionen offen sind. Auf die leicht vorwurfsvolle Frage «Was machst du denn hier?» antwortet sie «Ich lerne für die Deutschprüfung von morgen» und grinst mich an. Mit weit geöffneten Augen frage ich nach: «Das nennst du Lernen?» Worauf Anna zu einem offenen Word-Dokument am PC wechselt und mir zeigt, wie sie aus dem Online-Duden Fremdwörter und deren Schreibweise heruntergeladen hat, um sich auf die Prüfung vorzubereiten. «Aber das kannst du doch unmöglich ‹Lernen› nennen», insistiere ich, «du bist doch vollständig abgelenkt vom Telefon, den vielen Chats und dem Spiel!» Wir einigen uns darauf, dass Sie am nächsten Tag mindestens eine 5 als Note zu erreichen habe. Andernfalls würden wir «Spielregeln» einführen, welche alle unnötigen Ablenkungen beim Lernen beseitigen würden. Zwei Tage später kommt sie mit der Note 5–6 nach Hause.
Geprägt von den neuen Medien
Was läuft hier anders als bei unserer Generation? Als bald 50-Jähriger kann ich mich beim Lernen schlecht konzentrieren, wenn ich von anderer Seite abgelenkt werde. Neue Studien und Forschungsergebnisse versuchen, erste Erklärungen für diese Symptome zu liefern. Aus meiner Sicht sind hier zwei Faktoren wichtig. Erstens müssen unsere Kinder und Heranwachsenden mit einer enorm grossen Informationsflut umgehen, der sie ausgesetzt sind. Von TV, Radio, Gratiszeitungen, Internetdiensten bis zu Videoplattformen wie You-Tube. Es scheint, dass sie eine «Selektionstechnik» entwickelt haben, die ihnen hilft, sich auf das jeweils Wesentliche oder Aktuelle zu konzentrieren, anderes auszublenden oder rasch beiseite zu schieben, also zu vergessen. Zweitens gehören sie zur ersten Generation, welche mit dem Internet aufgewachsen ist. Das heisst, sie sind natürliche Multi-Tasker, gehen mit den neuesten Technologien unerschrocken um und probieren alles aus. Sie können mit Unsicherheiten im Leben einfacher umgehen, denken mehr global als lokal und verfügen über ein relativ breites, aber wenig tiefes Basiswissen. Sie sind echte «Just in time»-Lernende. Und nun treten die Ersten dieser Internetgeneration ins Berufsleben ein, via abgeschlossene Lehre oder Studium. Als Weiterbildungsverantwortliche sehen wir uns mit einem vollständig anderen Lernverhalten konfrontiert. Im Nachfolgenden möchte ich aufzeigen, wie die Business School der Credit Suisse darauf reagiert.
Dem Lernstil angemessene Methodik
An den Grundsätzen der Pädagogik hat sich nichts gerändert. Dementsprechend finden sich in der pädagogisch-psychologischen Forschung im Behaviourismus, Kognitivismus und Konstruktivismus nach wie vor die grossen Paradigmen des Lehrens und Lernens, welche auch für die modernen Lernformen weiterhin hohe Bedeutung haben. Neue Forschungen haben sogar gezeigt, dass der «Aufmerksamkeit» eine entscheidende Bedeutung für den Erfolg im Lernprozess zukommt. Dieser Grundsatz gilt ganz unabhängig von der gewählten Lernmethode. Zudem findet bei unserem Personal eine langsame, schrittweise Durchmischung der Generationen statt. Wir haben es – je nach Branche in unterschiedlichem Ausmass – mit allen Alterskategorien und dadurch mit vielen unterschiedlichen Lernstilen zu tun. Das vereinfacht die Situation nicht unbedingt, müssen wir doch wichtige Lerninhalte in mehreren Formen, beispielsweise als Präsenzveranstaltung, Video-on-Demand, als schriftliche Information oder Online-Test, anbieten, um möglichst viele Personen anzusprechen und das gewünschte Resultat zu erreichen.
In einer ersten Phase verteuert das die Weiterbildung – und zwingt uns dazu, uns auf die wirklich wichtigen Lernziele zu konzentrieren. Bei der Credit Suisse rechnen wir damit, dass wir zwischen 20 und 25 Prozent unseres Angebotes bis Ende nächsten Jahres in verschiedenen Lernformen anbieten werden. Die modernen Lernformen, wie e-Learning-Programme, Videos, Virtual Classrooms etc. werden grundsätzlich in einen grösseren Lernkontext eingebunden. Die Informationen dazu erhalten die Mitarbeitenden via das firmeninterne Intranet. Dort werden sie zum Beispiel unter dem Stichwort «Verhandlungstechnik» eine Website finden, welche Grundlagen dazu enthält wie auch eine Übersicht zu allen vorhanden Unterlagen, Videos, Präsentationen, Kursen, Lernprogrammen u.a. Damit ermöglichen wir es den Mitarbeitenden, selber zu entscheiden, was und wie sie lernen möchten. Eine wichtige Aufgabe dieser Intranet-Seiten wird es sein, die notwendige Aufmerksamkeit durch eine hohe Attraktivität und entsprechende Benutzerfreundlichkeit zu erzielen.
Des Weiteren haben wir angefangen, für wichtige Themen kurze 5- bis 15-minütige Podcast-Audiofiles herzustellen, welche vom Arbeitsplatz auf den MP3-Player geladen werden können. Zurzeit stehen zu Führungsthemen sieben Interviews mit Praktikern zu einzelnen Problemen wie beispielsweise «Delegieren», «Entscheidungsfindung» oder «Schwierige Mitarbeitergespräche führen» zur Verfügung. In einem Pilotversuch haben wir zudem erstmals kurze Lernsequenzen mit Ton und Bild zusammengestellt, welche auf einen PDA heruntergeladen werden können. Die Resonanz war dermassen positiv, dass wir demnächst kurze Lernsequenzen zur Produkteschulung für solche Endgeräte produzieren werden.
Zusammengefasst wollen wir den jungen Generationen den Zugang zum Lernen so einfach wie möglich machen. Das bedingt auch den Einsatz der technischen Geräte, mit denen diese Generation vertraut ist. Aber erst die Kombination mit modernen Formen des Präsenzunterrichts wird die gewünschten nachhaltigen Lernerfolge zeigen. Und: Indem wir diesen Weg wählen, betreten wir Neuland und lernen selber Tag für Tag dazu.