Recruiting Convention Zürich

«Rekrutieren ist Sache des ganzen Unternehmens»

Die Herausforderungen im Recruiting nehmen nicht ab. Das machte die Recruiting Convention in Zürich klar. Der Anlass hat die Teilnehmenden motiviert, den Blickwinkel bei der Personalsuche zu öffnen, mit neuen Kanälen zu spielen und den Mut für ungewöhnliche Methoden aufzubringen.

Als das inofizielle Klassentreffen der Schweizer Recruiting Aficionados hat Jörg Buckmann, Personalchef der Verkehrsbetriebe Zürich und Blogger die Recruiting Convention in seinem Blog beschrieben. Zu lesen war das direkt auf der grossen Leinwand im Saal des Zürcher Lake Side - Buckmann hat in seinem unterhaltsamen Vortrag gezeigt, wie bloggen funktioniert und seinen Eintrag vor versammeltem Publikum live geschaltet.

Bloggen war ein grosses Thema an der 2. Recruiting Convention, die mit 110 Teilnehmern aus der ganzen Schweiz und Deutschland auch dieses Jahr ausgebucht war. Für den Veranstalter Prospective haute Walter Schärer in die Tasten und berichtete, was auf der Bühne vor sich ging. Selbstverständlich wurde auch getwittert. Doch das alles eher nebenbei. Bei seiner Eröffnungsrede kündigte Prospective-Geschäftsführer Matthias Mäder einen bunteren Themenmix an als bei der ersten Recruiting Convention vor einem Jahr, die Social Media gewidmet war.

Mehr Social Media Kompetenz als der Bewerber

Das hat sich bestätigt. Zwar hat auch der erste Referent des Tages, Dominik Hahn von der Allianz Deutschland AG, eine grosse Social Media-Affinität und bloggt ebenfalls selbst. Als Personalmarketing-Referent empfiehlt er jedoch seinen Kollegen im Saal, sich besser auf Kernkompetenzen wie etwa eine gute Karrierewebsite zu konzentrieren, statt den neusten Trends in den Social Media nachzuhasten. Die Allianz AG ist im Recruiting auf verschiedenen Kanälen aktiv. Sie hat die Erfahrung gemacht, teilweise weiter zu sein als die Bewerber.

«Aus dem Nähkästchen» plauderte Alexandra Götze, Personalmarketingchefin von Accenture. Nachdem das Unternehmen Wachstum ausgerufen hatte, gerieten die Recruiter unter Druck. Götze setzte sich zum Ziel, Linienmitarbeiter aktiv in den Rekrutierungsprozess einzubeziehen. Sie wurden in einer Roadshow auf die veränderte Lage eingeschworen. Themen der Fortbildung: Das korrekte Ausfüllen von Xing-Profilen und Posts und Likes auf Facebook. «Rekrutierung ist nicht mehr Sache einer Abteilung, sondern des gesamten Unternehmens», ist Götze überzeugt.

Auf verschiedene Arten «direct»

Gianni Raffi, Senior Recruitment 2.0 Manager bei Helsana, glaubt, dass sich selbst im schwierigen IT-Umfeld immer qualifizierte Bewerber finden lassen, wenn man will. In seinem Vortrag zum Thema «Direct Search über Social Media» hat er aufgezeigt, wie sich die Rolle des Recruiters mit den neuen Anforderungen verändert. Die Kernaussage ist dabei: Erfolgreiche Recruiter 2.0 gehen proaktiv vor. Mit Hilfe von vielen Folien hat er die die Vor- und Nachteile des Direct Search erläutert. Positiv fällt auf: Direct Search wird im Markt als innovativ wahrgenommen, über die Social Media wird gleichzeitig Employer Branding betrieben und gegenüber Direktbewerbungen müssen bis zur Einstellung weniger Interviews geführt werden.

Auf eine andere Art «Direct» geht Coca-Cola auf Kandidaten-Suche. Men Keller, HR Marketing & Recruiting Manager hat aufgezeigt, wie Speed-Flirting auf Jobebene funktionieren kann. Mit dem Ziel, Aussendienstmitarbeiter bereits zu rekrutieren bevor Vakanzen bestehen, hat Coca-Cola den Job Dating Day ins Leben gerufen. Ein Event, bei dem einerseits interessierte Bewerber Coca Cola kennen lernen können und andererseits Coca-Cola in Kontakt mit potentiellen Mitarbeitern kommt. Zweimal wurde der Anlass durchgeführt. Coca-Cola ist jetzt in der Lage, bei Vakanzen auf einen Pool von rund 50 geeigneten Kandidaten zurückgreifen zu können. Die Rekrutierungszeit ist so von durchschnittlich 46 auf 12 Tage verkürzt worden.

Jeder fünfte sucht seine Stelle über Smartphone

Wissenschaftlichen Hintergrund hatte die Präsentation von Wolfgang Jäger, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule RheinMain. Er hat zum Thema «Mobile Recruiting Status quo - next steps» referiert und führte aus, dass die Schweiz bei der mobilen Internetnutzung im Vergleich mit Deutschland deutlich die Nase vorn hat. Klar sei: Die Zukunft ist mobil. Obwohl die Mehrheit der Unternehmen bereits mobile Anwendungen verwendet, ist der HR-Bereich noch sehr zurückhaltend. Jeder Fünfte Bewerber in der Schweiz gibt an, auch über das Smartphone Stellen zu suchen. Wichtig für die Unternehmen, um diese Menschen abzuholen, ist der sogenannte «Mobile-Fit». Damit ist die Lesbarkeit und ein gutes Nutzungserlebnis auf den Seiten verschiedener Endgeräte gemeint.

Bindungsscheue 20-Somethings

Den Abschluss der Convention bildete Aurelia Ehrensperger vom Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) mit einem interessanten Blick in die Welt der Twenty-Somethings. Das GDI hat eine Studie durchgeführt um zu prüfen, was es mit dem Bild der jungen Menschen das in den Medien gezeichnet wird, auf sich hat. Das Resultat zeigt: Es gibt sie tatsächlich, die Super-Opportunisten die nach Selbstverwirklichung streben, ständig auf der Suche sind und sich nicht festlegen wollen. Aber: Sie sind in der Minderheit. Zudem bringen sie durchaus auch sehr positive Eigenschaften mit. Sie können beispielsweise gut mit viel Informationen umgehen, sind technisch gewandt, anpassungsfähig und agieren aus eigenem Antrieb wenn ihre Interessen geweckt werden. Nur sie im Unternehmen zu halten dürfte schwierig sein, wie Aurelia Ehrensperger sagte. «Binden können sie sie nicht. Am besten ist wohl, wenn sie den Wunsch dieser jungen Menschen, anderes auszuprobieren, respektieren und sie darin unterstützen.»

Themenmix kommt an

Um beim Einstiegsbild von Buckmann zu bleiben, zeigten sich die rund 110 Teilnehmer der Recruiting-Convention als eine gut gelaunte, interessierte Klasse. In den Pausen wurde intensiv networking betrieben und auch beim Apéro am Schluss der Veranstaltung gab es noch genügend Gesprächsstoff, der vor der Heimreise hinderte. «Uns hat vor allem der bunte Strauss von Informationen gefallen», sagen Cornelia Eberle von Holcim Schweiz und Beatrice Knopf von Sanitas. Christine Deveille von der Tamedia AG hingegen hat den Printbereich in den Vorträgen etwas vermisst. Um auf dem Markt präsent zu sein, brauche es auch die Präsenz im Print, sagt sie. Tobias Mengis von experteer fand vor allem den Aspekt interessant, dass sich nicht nur der Markt verändert, sondern auch die Rolle des Recruiters. Und Judith Oldekop von der Swisscom fasst zusammen: «Es inspiriert und motiviert einfach, hier zu sein.»

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