HR Today Nr. 5/2020: Praxis – Positive Psychologie

Stärken erkennen und fördern

Die Positive Psychologie befasst sich mit den menschlichen Stärken und damit, was das Leben lebenswert macht. Wie die Unternehmenspraxis diese Erkenntnisse nutzt, erläutern Fabian Gander und Lisa Wagner vom Psychologischen Institut der Universität Zürich, Alexander Hunziker von der Berner Fachhochschule und Corinna Peifer von der Ruhr-Universität Bochum.

Optimistisch bleiben, sich der eigenen Stärken bewusst sein und Sinn bei der Arbeit verspüren: Diese Ansätze der Positiven Psychologie gelten während der Covid-19-Pandemie mehr denn je. Doch auch in weniger stürmischen Zeiten macht die Positive Psychologie das Arbeitsumfeld von Mitarbeitenden lebenswerter, konstatieren Fabian Gander und Lisa Wagner vom Psychologischen Institut der Universität Zürich und ­Alexander Hunziker von der Berner Fachhochschule. «Nebst dem Aspekt, dass es angenehmer ist, mit motivierten Mitarbeitenden zu arbeiten, wirkt sich die Zufriedenheit auf objektiv Messbares wie eine gesteigerte Produktivität oder einen Rückgang der Absenzen aus», sagt Gander. Ähnlich sieht das Corinna Peifer von der Ruhr-Universität Bochum: «Positiv-psychologische Interventionen sind hilfreiche Bausteine bei der Prävention psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz wie beispielsweise Burn-out.»

Orientierung geben

Um das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu fördern, brauchen Führungskräfte zunächst fundiertes Wissen. Für Lisa Wagner von der Universität Zürich bedeutet das beispielsweise, «die individuellen Charakterstärken der Mitarbeitenden zu identifizieren und ihnen zu ermöglichen, diese bei der Arbeit gezielt einzusetzen». Dazu können Unternehmen Stärkentests nutzen. Etwa jenen des Psychologischen Instituts der Universität Zürich, der auf wissenschaftlichen Befunden basiert und als Online-Trainingsprogramm zur Verfügung steht. «Damit Mitarbeitende ihre Stärken öfter einsetzen können, braucht es meist nur kleine Veränderungen des Aufgabenspektrums», sagt Corinna Peifer. «Wer als Charakterstärke eine grosse soziale Intelligenz besitzt, kann sich beispielsweise nebst seinem Tagesgeschäft als Mentor für Auszubildende einbringen.»

Orientierungshilfe bei der Umsetzung der Positiven Psychologie im Unternehmen bietet auch das PERMA-Modell mit fünf Säulen des Psychologen Martin E. P. Seligman (siehe Kas­ten). Dieses benennt die fünf Säulen eines glücklichen Lebens und setzt sich zusammen aus:

  1. positiven Emotionen,
  2. Engagement und Flow-Erleben,
  3. positive Beziehungen,
  4. Sinn-Erleben und
  5. Ziele erreichen.

Die Wissenschaftlerin Corinna Peifer von der Ruhr-Universität Bochum forscht insbesondere zur Säule «Engagement und Flow-Erleben», die sich unter anderem am Arbeitsplatz nachweislich positiv auf das Glücksempfinden auswirkt. «Wer im Flow ist und in seiner Tätigkeit aufgeht, ist produktiver und fühlt sich kompetenter – und das fühlt sich gut an.»

Beziehungen verbessern

Mitarbeitende können sich gemäss Fabian Gander von der Universität Zürich auch positiv entwickeln, wenn sie von ihren Vorgesetzten die Erlaubnis erhalten, ihre Arbeit flexibel zu gestalten und zu verändern. «Ist jemand beispielsweise ein Morgenmensch, sollte er seine Arbeit dahingehend planen können. Das hilft ihm, seine Stärken besser geltend zu machen.» Trotz dieser Vorteile sei das wohl nicht bei jeder Arbeitsstelle im gleichen Ausmass möglich, ist er sich bewusst.

Bei der Positiven Psychologie können Führungskräfte zudem auf Teamebene ansetzen. «Das heisst, mit gezielten Dankbarkeits- und Freundlichkeits-Interventionen die Beziehungen untereinander verbessern», erklärt Wagner. Für Corinna ­Peifer tragen ferner eine gelebte Feedback- und Fehlerkultur oder gemeinsame Rituale und Aktivitäten wie das Feiern von Erfolgen oder ein Teamausflug zum Aufbau positiver Beziehungen bei. «Nicht zuletzt steigern Führungskräfte damit ihr eigenes Wohlbefinden», betont Alexander Hunziker von der Berner Fachhochschule.

Wahrscheinliche Szenarien entwickeln

Doch nicht alle Mitarbeitenden lassen sich von der positiven Art ihrer Vorgesetzten mitreissen. «Pessimisten gibt es immer. Die Frage ist, ob sich diese verändern lassen und sie ihre negativen Erwartungen ablegen können», sagen Wagner und ­Gander. Wobei ein Optimist, der alles durch die rosa Brille betrachte, genauso wenig hilfreich sei. «Pessimismus ist in Massen etwas Nützliches. Er hilft uns, vorausschauend zu handeln und dadurch mögliche negative Konsequenzen zu verhindern», sagt Corinna Peifer. Dennoch sei die richtige Balance wichtig. Ein gesundes Mass an Optimismus fördere die Motivation. «Deshalb sollten sich Vorgesetzte auch um die Pessimisten in ihren Teams bemühen», sind sich alle einig.

Positiv eingestellte Führungskräfte können mit ihrem Team gemeinsam sinnvolle und erreichbare Ziele erarbeiten. Die Analyse, was zu früheren Erfolgen beigetragen habe und wie diese Erkenntnisse künftig genutzt werden können, ist für Gander und Wagner dabei hilfreich. «Steht eine herausfordernde Situation an, kann sich das Team das schlimmstmögliche und bestmögliche Ergebnis vorstellen.» Danach sei abzuwägen, was wahrscheinlich geschehen werde, und dafür ein konkretes Szenario zu entwickeln. «Damit werden die Befürchtungen der Team­mitglieder adressiert und diese durch mögliche Zukunftsszenarien motiviert.»

Sich beieinander bedanken

Um Positivität im Unternehmen zu fördern, sind nicht immer optimale Bedingungen erforderlich. «Manche Menschen blühen unter prekären Bedingungen geradezu auf», weiss Alexander Hunziker. Deshalb müsse niemand darauf warten, bis ein Vorgesetzter einen Kurs in Positive Leadership besucht habe. «Herrscht kein toxisches Klima, können alle damit anfangen, etwas freundlicher zu sein, oder sich deutlicher und spürbarer zu bedanken, wenn etwas Angenehmes passiert ist.»

Positive Psychologie

Das PERMA-Modell nach Martin E. P. Seligman – oder was uns glücklich macht:

  • Positive Emotionen: Wie können im Arbeitsalltag häufiger positive Emotionen erlebt werden? Welche Arten von positiven Emotionen sollen gefördert werden?
  • Engagement und Flow-Erleben: Wie können Mitarbeitende ihre eigenen Charakterstärken einsetzen? Wie können Arbeitsaufgaben so gestaltet werden, dass Flow-Erleben ( das Aufgehen in der Tätigkeit) möglich ist?
  • Positive Beziehungen: Wie kann gezielt Wertschätzung ausgedrückt werden? Wie bringen wir im Team Dankbarkeit zum Ausdruck?
  • Sinn-Erleben: Zu welchem grösseren Ganzen leisten das Team und das Unternehmen einen Beitrag?
  • Ziele erreichen: Was hat zu früheren Erfolgen beigetragen? Was hilft, künftige Ziele zu erreichen?

Positive Psychologie

Die Positive Psychologie ist ein Teilgebiet der Psychologie, das sich im Gegensatz zur eher traditionellen defizitorientierten Psychologie mit den menschlichen Stärken, den positiven Aspekten des Menschseins wie etwa Glück, Optimismus, Vertrauen, individuelle Stärken oder Solidarität beschäftigt. Der Begriff Positive Psychologie wurde 1954 vom amerikanischen Psychologen Abraham Maslow eingeführt und in den 90er-Jahren von seinem Landsmann und Psychologen Martin E. P. Seligman wieder aufgegriffen. Seit der Begründung der Positiven Psychologie macht sich die Unternehmenspraxis deren Erkenntnisse ebenfalls zunutze, beispielsweise in Form des Positive Leaderships.

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Christine Bachmann

Christine Bachmann ist stv. Chefredaktorin bei HR Today.

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