CEOs sind keine Götter
Was kann man aus den Werken des Fantasy-Schriftstellers J.R.R. Tolkien für das eigene Führungsverständnis lernen? Der renommierte Tolkien-Forscher Thomas Honegger über Macht und Hybris, Führungspersonen, die keine sein wollen, Galadriel als CEO – und Hobbits.

Nicht einmal die weisesten Leader sehen alle Enden. (Bild: zVg)
«Wenn man sich in eine archetypische Erzählung einklinken, die Leute berühren und motivieren kann, gibt das eine tiefere Sinnstiftung», sagt Thomas Honegger, «und darin sehe ich den Grund, warum ein Werk wie das von J.R.R. Tolkien über Generationen überlebt.»
Es ist kurz vor dem Wochenende, als HR Today mit Thomas Honegger spricht, der gerade noch in Jena sitzt, bevor er dann zum Wochenanfang zuerst nach Oxford, dann nach Leicester und schliesslich nach Zürich reist.
Thomas Honegger ist Professor für anglistische Mediävistik in Jena und zählt zu den angesehensten akademischen Experten für «Herr der Ringe» und alles, was mit dem Werk des britischen Fantasy-Schriftstellers J.R.R. Tolkien zu tun hat. Und so ist Honegger auch ganz Akademiker, nuanciert und bedacht in seiner Wortwahl – aber ein Akademiker jener Sorte, bei der man die Leidenschaft für das eigene Forschungsfeld vom ersten Wort an spürt.
An der Universität Zürich findet am kommenden Samstag die Tolkien-Tagung Schweiz statt. Das Thema: Leadership in Mittelerde. Die Frage: Kann man von «Herr der Ringe» lernen, eine gute Führungsperson zu sein? Die Antwort: Nun, sie ist kompliziert. Ja. Nein. Es kommt drauf an. Darauf, wie offen man für etwas andere Ansätze ist, auf das bereits vorhandene eigene Führungsverständnis, auf die Bereitschaft, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die man nicht einfach mit einem Artikel wie «10 Leadership-Tipps von Gandalf» und hübschen Bonmots abhandeln kann.
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Kapitel I: Warum Tolkien bis heute so einflussreich ist
Nicht alles, was Gold ist, funkelt,
Nicht jeder, der wandert, verlorn,
Das Alte wird nicht verdunkelt;
Noch Wurzeln der Tiefe erfrorn.
Aus Asche wird Feuer geschlagen,
Aus Schatten geht Licht hervor;
Heil wird geborstenes Schwert;
Und König, der die Krone verlor.
– J.R.R. Tolkien, Rätsel über Streicher
Es gibt nicht wenige Berufsgruppen, die «ihre» Filme, Serien und Bücher haben. Lehrpersonen idealisieren nicht selten «Dead Poets Society», viele Journalisten lieben «All the President's Men», medizinisches Personal fiebert bei «The Pitt» mit – aber was ist mit Führungspersonen?
«Herr der Ringe» ist im ersten Moment vielleicht nicht die naheliegendste, aber eine nachvollziehbare Wahl. Kaum eine Bücherserie hat sich je besser verkauft und zählt gleichzeitig zu den wichtigsten literarischen Werken des 20. Jahrhunderts. Und: In der jüngeren Filmgeschichte gibt es auch kaum eine Trilogie, die sich einer derart universellen Beliebtheit erfreut wie jene um Frodo Beutlin und den Ring der Macht.
So übersteigt der Einfluss von J.R.R. Tolkien heute die Sphären der Unterhaltung, und die Welt aus «Herr der Ringe» findet auf die eine oder andere Weise Eingang in die Wirtschaft und sogar die Politik. So existieren diverse nach «Herr der Ringe» benannte Risikokapitalfirmen, aber auch ein US-Rüstungsunternehmen, das den Namen von Aragorns legendärem Schwert Andúril – die Flamme des Westens – trägt, oder, jüngst in den Schlagzeilen, der Big-Data-Konzern Palantir des in nationalkonservativen US-Kreisen einflussreichen Tech-Milliardärs Peter Thiel. In der Politik bekennen sich etwa US-Vizepräsident J.D. Vance oder die italienische Premierministerin Giorgia Meloni dazu, Fans von Tolkien zu sein. Egal, ob aus nobleren oder weniger noblen Motiven – Tolkien scheint heute immer noch überall zu sein.
«Ich weiss nicht, ob Sie das gesehen haben», sagt Honegger, «es gab kürzlich ein Meme für die US-Einwanderungsbehörde ICE, auf dem Pippin gezeigt wurde.» Pippin zählt zur Gattung der Hobbits – den kleinen, unscheinbaren Helden, aus deren Perspektive «Herr der Ringe» hauptsächlich erzählt wird. «Das Motto der Werbung war: Macht bei ICE mit, wir müssen uns verteidigen, weil wir sonst kein Auenland mehr haben», sagt Honegger. Tatsächlich: Das US-Ministerium für Innere Sicherheit postete auf seinen offiziellen Social-Media-Kanälen Propaganda, die sich Tolkiens Werk zunutze macht.

Das Department of Homeland Security macht ICE-Propaganda auf X. (Bild: Screenshot)
Kein Auenland, keine ländliche Idylle mehr – das, was Tolkien, geboren im heutigen Südafrika, an seinem England so geschätzt hatte, wohin er vor der Jahrhundertwende mit der Familie zog. Die Konsequenzen der Industrialisierung und deren Bedeutung für die Mechanisierung des Krieges prägten Tolkien und «Herr der Ringe» tief: Im Ersten Weltkrieg nahm Tolkien an der Schlacht an der Somme teil und erkrankte bald am infektiösen Schützengrabenfieber. Die Folge: Er wurde evakuiert, während die meisten seiner Kameraden starben.
Tolkien hatte zeitlebens komplexe politische Ansichten – so fühlte er sich einer «unkonstitutionellen Monarchie» nahe, aber ebenso der Anarchie, misstraute dem Staat und der Industrie –, paarte diese aber stets mit einem starken moralischen Kompass. Wie kann es also sein, dass sein Werk heute ausgerechnet mit Rüstungsfirmen, Überwachungstechnologie und den unmenschlichen Methoden einer Einwanderungsbehörde in Verbindung gebracht wird – und was sagt das über uns und die jetzigen Zeiten aus?
«So etwas kann mit fast jedem Text passieren, der eine gewisse Tiefe und ein gewisses Eigengewicht hat», sagt Thomas Honegger. «Man kann auch im Namen des Christentums Kreuzzüge und Kriege führen, was der Grundauslegung eigentlich diametral widerspricht – aber man kann es eben machen.»
Kapitel II: Sinnstiftung statt Kurzfutter
«Was Tolkien an den Nazis, abgesehen von ihrer Unmenschlichkeit, sehr gestört hat, ist, dass sie die nordischen Sagen vereinnahmt und, wie er es nannte, ‹den Brunnen vergiftet› haben. Tolkien sagte voraus, dass das, was die Nazis damit gemacht haben, auf Generationen ein Problem bleiben wird», meint Honegger, «und heute besteht natürlich auch bei seinem Werk die Gefahr, dass es vereinnahmt und missbraucht wird. Wir dürfen das Feld hier nicht einfach räumen, sondern müssen versuchen, auch in einer breiten Öffentlichkeit den Diskurs aufrechtzuerhalten», sagt Honegger dezidiert.
Es stellt sich darum die Frage: Wenn Konzerne sich bei Tolkien frei bedienen, ohne Rücksicht auf das eigentliche Werk, wie lassen sich daraus Leadership-Tipps destillieren, ohne in dieselbe Falle – sprich: kontextlose Bezüge – zu tappen?

Die Aufmachung der Tolkien-Tagung orientiert sich schalkhaft am Beginn der Geschichte. (Bild: zVg)
«Wenn man nur auf Schlagwörter trifft, hat man vielleicht gewisse Assoziationen – wie Zwerge, Bergbau, Technologie und so weiter –, aber das bleibt sehr oberflächlich.»
Hier möchten Honegger und die Tolkien-Tagung in die Offensive gehen: «Wir müssen von unserer Seite aus sagen: ‹Ihr müsst das Werk genau lesen und verstehen.› Und wir versuchen eben, diese Komplexität auch aufzuzeigen. Das ist unser Grundanliegen.»
«Was wir wollen – und was Tolkien zu Lebzeiten auch ein Anliegen war –, ist die Bewahrung eines bestimmten mythischen Erzählens», erklärt der Tolkien-Forscher. Das «mythische Erzählen», wie es Honegger formuliert, bezeichnet Tolkiens Errungenschaft, einen ‹Prototyp› eines Mythos entworfen zu haben, der auch ohne Vorwissen sofort mehr oder minder universell verständlich ist. Die Abenteuer der Gefährten, das Erbringen von Opfern, Zweifel und Hoffnung sind Dinge, mit denen wir uns schnell identifizieren können. Und das ermöglicht, so Honegger, eine tiefe Sinnstiftung – das Antidot zum viel beklagten Sinnverlust in der (post)modernen Welt.

Was in «Herr der Ringe» passiert, geschieht stets in grösseren Zusammenhängen. Es sind aber nicht nur Trauer und Verlust im Krieg, die Tolkiens Weltbild und Werk geprägt haben, sondern auch sein Katholizismus: «Wir hatten einmal ein Paradies, aus dem wir vertrieben wurden, und seitdem leben wir in einer gefallenen Welt.» Jetzt gilt es, wie in «Herr der Ringe», die Wendung zum Guten hin zu schaffen. Simpel ist das aber nicht.
Was, wenn man all das weglässt und aus Tolkiens prototypischem Mythos nur eine «Ästhetik des Guten» für die Führungsetage extrahieren will, um Unternehmensziele zu erreichen? Honegger: «Dann wird es halt ein bisschen Disney-mässig.»
Kapitel III: Macht und Kontrolle, die falschen Götzen
Er ist der zentrale Gegenstand in «Herr der Ringe»: der magische «Meisterring», geschmiedet vom dunklen Herrscher Sauron in den Feuern des Schicksalsberges, über 1600 Jahre vor den Ereignissen in Büchern und Filmen. Der Ring verleiht Sauron unermessliche Macht, mit der er ganz Mittelerde unter seine Gewalt bringen, alle Völker seinem Willen beugen und sie versklaven will. Die Frage danach, was Macht mit jenen anstellt, die sie besitzen, ist in Tolkiens Werk allgegenwärtig.
Anders als Morgoth, quasi der frühere Chef von Sauron, dessen Geschichte in Tolkiens «Silmarillion» erzählt wird, möchte er nicht einfach beliebig Chaos und Zerstörung anrichten, sondern die Welt unter seiner Herrschaft ganz nach seinen Vorstellungen gestalten: absolute Ordnung, Kontrolle, Effizienz.

Die Macht des Rings wirkt dermassen betörend und korrumpierend, dass er auch von vielen anderen Charakteren im Verlauf der Geschichte begehrt und gleichermassen gefürchtet wird. Sogar der Zauberer Gandalf, der eigentlich, ähnlich wie Sauron, eine Art Erzengel (glauben Sie mir, es ist kompliziert) und ein Gesandter der Valar (quasi Halbgötter – ja, es ist wirklich kompliziert) ist, möchte den Ring nicht an sich nehmen, aus Angst, ihn «für das Gute» einsetzen zu wollen, aber daran zu scheitern.
«Gandalf nimmt sich zurück. Er beansprucht nicht, anderen Leuten seinen Willen aufzuzwingen, sie wie seinen Besitz zu betrachten und sie herumzukommandieren», erklärt Thomas Honegger. Ein erster Hinweis auf gute Leadership?
«Das unterscheidet ihn sehr stark von Saruman», dem anderen grossen Zauberer, der eine Allianz mit Sauron eingeht. «Saruman setzt auf ‹Empire-Building›, er will ein Imperium errichten. Regisseur Peter Jackson hat das nicht schlecht umgesetzt in der Szene, in der Saruman auf seinem Turm steht und die Orks mustert. Das erinnert stark an die Reichsparteitage in Nürnberg.»

Saruman überblickt das Ork-Heer in Isengard von seinem Turm aus. (Bild: Screenshot, «Herr der Ringe: Die zwei Türme»)

Reichsparteitag in Nürnberg, 1936. (Bild: Deutsches Bundesarchiv / CC-BY-SA 3.0)
In Sauron sieht Honegger hingegen «sozusagen die Steigerung von Saruman, er will nicht nur die politische Herrschaft an sich», sondern sei quasi der «Gott seiner Sklaven». Die Kontrolle, die Sauron ausüben wolle, sei «auf die vollständige Kontrolle des Willens ausgerichtet – also eigentlich auf den Besitz des Seins», sagt der Tolkien-Forscher. Macht- und Besitzansprüche gehen also Hand in Hand.
«Saruman ist ein bisschen ein CEO. Er redet mit Gandalf und argumentiert: ‹Mit unseren bisherigen Freunden kommen wir nicht weiter, die haben ja nicht geliefert. Wir müssen uns neue Verbündete suchen.› So kommt er auf die Idee mit Sauron», erklärt Honegger.
«Er scheint eine sehr strategische und politische Denkweise zu haben. Sarumans Reden sind eigentlich typische Politikerreden», so Honegger weiter, «aber von der Geisteshaltung her scheint er mir am ehesten mit einem CEO vergleichbar zu sein – leider eben im negativen Sinn.»
Frappierend: Dabei lässt sich Saruman unter anderem von Bildern in die Irre führen, die er in einem Palantír gesehen hat – einer magischen Steinkugel, die den Nutzer aus der Distanz Dinge sehen lässt. Sogar die mögliche Zukunft. Während dieser Stein zwar immer Wahres zeigt, liegt es letztlich aber am Nutzer, das Gesehene zu interpretieren und in sinnige Zusammenhänge zu stellen. Dass Palantir-CEO Peter Thiel seinem Unternehmen für Überwachungstechnologie ausgerechnet diesen Namen gibt – der aus dem Elbischen übersetzt obendrein «weitsichtig» bedeutet –, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Das Auge Saurons auf der Spitze seines Turms Barad-dûr. (Bild: Giphy)
«Ich bin mir nicht sicher, wie reflektiert Peter Thiel sich selbst sieht und womit er sich wirklich identifiziert», sagt Honegger, «vielleicht sieht er sich als einen positiven Saruman. Saruman der Weisse ist eigentlich einer der Guten, der sich dann bei der Verfolgung seiner Ziele sagt, das Ziel rechtfertigt die Mittel.»
Die Werte, die Saruman hochhalte – Wissen, Herrschaft und Ordnung – könne man zunächst als drei gute Dinge bezeichnen. Am Ende mündet das aber in einem Überwachungsapparat, symbolisiert durch das Auge Saurons. «Dass dieses allsehende Auge dann aber doch nicht wieder alles sieht, ist ein anderer Punkt», schmunzelt Honegger.
Kapitel IV: Dem Prozess vertrauen
Bei aller Verunsicherung über die Unergründbarkeit von Thiels Motiven bleibt dennoch klar, dass das Bedürfnis nach Kontrolle in «Herr der Ringe» zwar omnipräsent ist, allerdings selten mit positiver Bilanz.
Auch hier spielt Tolkiens religiöse Perspektive eine Rolle: «Die guten Anführer, etwa König Théoden von Rohan oder Aragorn, schaffen zum Wohl ihrer Völker etwas, sind dabei aber im Einklang mit einem göttlichen Plan, das ist das Wichtigste», erläutert Thomas Honegger. «Das Problem ist nur: Woher weiss man, dass man im Einklang mit Gottes Plan ist?»
«Das zeigt vielleicht das Spannungsfeld, in dem Unternehmen stehen: zwischen Kontrolle und Loslassen», sagt Honegger. Ob es dabei um langfristige strategische Ziele geht oder um das operative Tagesgeschäft, Aspekte grossflächiger Kontrolle sind in vielen modernen Firmen anzutreffen, in Form von «Return to Office»-Mandaten oder als Analytics-Dashboards mit KPIs.

Grundverschiedene Leader: Gandalf, Théoden und Denethor (von links). (Bild: Collage aus Screenshots)
«Ich lehne mich jetzt vielleicht etwas aus dem Fenster, aber das Problem bei vielen Unternehmen ist ja: Durch die ganzen Berechnungen sehen sie sich fast als abgeschlossenes System, das einfach profitabel sein muss», sagt Honegger. «Das ist ein Denken, das in Tolkiens Werk überhaupt nicht vorkommt. Man könnte zwar sagen, das Auenland sei ein abgeschlossenes System. Aber selbst die Hobbits müssen dort raus und sich einmischen, damit die Welt gerettet werden kann.»
Während in «Herr der Ringe» etwa Denethor, Regent des Königreichs Gondor, alle Hoffnung aufgibt und sich selbst tötet, nachdem er Informationen aus dem Palantír falsch interpretiert hat, tut Théoden das Gegenteil: Er rafft sich auf und trotzt der Depression nach dem Tod seines Sohnes.
«Als er sich fragt: ‹Was mache ich jetzt?›, rät ihm Gandalf: ‹Do the deed at hand.› Tu einfach das, was jetzt ansteht», sagt Honegger.
«Du musst nicht gross darüber nachdenken, wie alles enden könnte. Du musst nicht als Schachspieler zehn Züge vorausdenken. Das kannst du gar nicht, das ist nicht deine Position. Du bist ein Springer und musst jetzt schauen, wohin du mit deinen Möglichkeiten springen kannst, um vorwärtszukommen.»
Daraus auf eine Unfehlbarkeit von CEOs schliessen zu können, fände Honegger aber falsch, denn hier geht es eher um Beschränkung denn um Legitimation – der König nimmt hier keinen irdischen, sondern himmlischen Rat an. Sie erinnern sich: Gandalf ist gewissermassen ein Erzengel. «Das entspricht einem sehr mittelalterlichen Denken: Man hat verschiedene Stufen in der Schöpfung. Zuoberst Gott, dann die Engel, dann kommen die Menschen, dann die Tiere», ordnet Honegger ein. Innerhalb seines Standes könne man sich zwar entfalten, aber «ein Tier sollte nicht auf die Idee kommen: ‹Ich will jetzt wie ein Engel sein.› Das wäre eine Grenzüberschreitung.»
CEOs sind also keine Götter. «Ich glaube, das ist ein Kategorienfehler. Wenn sich ein CEO von seinen Mitarbeitenden absetzt, sich als Gott und seine Mitarbeitenden als Untergebene sieht, dann macht er einen logischen Denkfehler.»
Kapitel V: Nicht einmal die Weisen sehen alle Enden
Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dem dunklen Thron
Im Lande Mordor wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
– J.R.R. Tolkien, Ringgedicht
Es sind hier also nicht Daten, die dabei helfen, das Böse zu besiegen: «Hier zeigen sich zwei völlig unterschiedliche Geisteseinstellungen», erläutert Honegger. «Théoden ist einer, der die Herausforderung annimmt und sagt: ‹Ich weiss nicht, wie es ausgeht, aber ich tue mein Bestes und hoffe, dass es reicht.› Sein Glaube gibt ihm die Gewissheit, dass es eine grössere Macht gibt – die Vorsehung –, die das alles aufnimmt und einbaut.» Dieses Schicksal erfüllt sich wiederum nur, weil in der Vergangenheit bereits gute Taten vollbracht wurden, deren Wichtigkeit man zuvor gar nicht so wirklich erkannt hatte: Frodo hat am Ende zwar nicht mehr die Kraft, den Ring selbst zu zerstören. Weil Frodo aber einst Gollum aus blosser Barmherzigkeit vom Tod verschont hatte, konnte dieser plötzlich wieder auftauchen, Frodo den Ring vom Finger beissen und in die Lava des Vulkans fallen.
Tatsächlich wünscht sich Frodo in «Die Gefährten» Gollums Tod, worauf Gandalf ihn tadelt, dass viele, die leben, den Tod verdient hätten, und manche, die sterben, das Leben. Doch wer weiss, welche Rolle Gollum in dieser Geschichte noch zu spielen habe: «Denn selbst die ganz Weisen können nicht alle Absichten erkennen», schliesst Gandalf.
«Er weiss um seine Beschränkung – und genau das ist es, was ihn so weise macht», kommentiert Honegger.
Doch es sind nicht nur KPI- und Datenwahn, vor dem uns Tolkien womöglich warnt, sondern auch KI: In «Herr der Ringe» stehen sich Wissen und Lore (übersetzt etwa mit Überlieferung oder Unterweisung) oft gegenüber. Kurz: Wissen bringt ohne Weisheit nicht besonders viel. «Saruman ist ein typischer Vertreter von Wissen. Das entspricht einem wissenschaftlichen Diskurs: Man häuft durch die Wissenschaft immer mehr und besseres Wissen an», sagt Thomas Honegger. «Lore hingegen basiert auf einer völlig anderen Erzählung.»
Nicht Wissen, sondern das Bewahren von Weisheit bringe uns weiter. «Indem Aragorn die beiden Königreiche Arnor und Gondor wieder zusammenführt, versucht er, möglichst viel von dem, was vorher war, ins Vierte Zeitalter hinüberzuretten. Es geht also nicht darum, selbst etwas völlig Neues aufzubauen, sondern etwas zu bewahren. Erst ganz am Schluss gibt es eine Art Endauflösung und die Wiederherstellung des ursprünglich perfekten Zustands. Alles dazwischen ist eigentlich ein langsamer Abstieg.»
Die Sterne spielen – insbesondere für Elben – eine grosse Rolle in «Herr der Ringe». (Bild: Anke Eissmann / zVg)
«KI zeigt uns jetzt: Sie macht Wissen fast unbeschränkt verfügbar. Aber führt das automatisch zu einer Verbesserung der Lebensqualität? An diesem Punkt kommt natürlich Lore ins Spiel. Tolkien steht ganz klar auf der Seite von Lore.»
Ähnliches hat zuletzt Christian Hugo Hoffmann im Interview mit HR Today zum Thema Leadership und KI gesagt: Klassisches Wissen sei im KI-Zeitalter gerade für Führungspersonen weniger wichtig als «Weltwissen»: «Das ganze Thema ‹Wissen› ist vor dem Hintergrund der jetzigen Arbeitswelt überbewertet. Es geht um die Ausbildung von Charakter, von Werten – und auch von Kompetenzen.»
Kapitel VI: Jene, die nicht führen wollen
Da Unternehmen kaum Einblick in die Weisheit oder die fundamentalen Glaubenssätze ihrer Führungspersonen haben, dürfte es schwierig sein, sie danach auszuwählen. Wie denn dann?
«Es gibt in der Kirche ein Sprichwort: Man soll denjenigen zum Bischof wählen, der gar nicht Bischof werden will. Genau das Gleiche kann man auf Tolkien übertragen: Man sollte denjenigen als Führer nehmen, der es nicht unbedingt will», sagt Honegger. «Faramir ist ein typisches Beispiel» – der jüngere Sohn von Denethor, Regent von Gondor. Während sein älterer Bruder Boromir «einen klaren Führungsanspruch hatte, sich schon als Ersatzkönig sah», war Faramir anders.

Zwei ungleiche Brüder: Faramir und Boromir. (Bild: Screenshot , «Herr der Ringe: Die zwei Türme»)
«Er will Gondor nicht einfach nur um der Macht oder Raumerweiterung willen gross machen. Er schätzt den Krieg nicht wegen des Waffenglanzes, sondern für das, was das Schwert verteidigt – für die inneren Werte, für die er steht», sagt Honegger. «Wenn man diese Bescheidenheit nicht hat, wird es gefährlich, weil man dann nur durch die pure Macht in die Führungsposition gerät.»
Darum seien Selbstbeschränkung, Bescheidenheit und Selbsterkenntnis so wichtig. «Tolkien zeigt das an Figuren wie Faramir, die sich selbst Kritik aussetzen und sich ganz bewusst auch mal Befehlen widersetzen, wenn es richtig ist.»
Wohl kein Zufall: «Faramir war übrigens eine Lieblingsfigur von Tolkien», sagt Honegger.
Auch Frodo ist nicht auf Macht versessen. Er meldet sich zwar entschlossen, den Ring nach Mordor zu tragen, sagt aber zweifelnd, er tue das, «obwohl ich den Weg nicht weiss». Selbst Frodo wird jedoch zum Ende in den Bann des Ringes gezogen. «Wenn man durch so einen Gegenstand fast allmächtig wird, ist man wohl einfach nicht dafür gemacht, dem zu widerstehen», philosophiert Honegger. «Die wenigen, die dem Ring widerstehen können – wie zum Beispiel Sam, der Begleiter von Frodo –, sind allesamt Leute, die keine grossen Machtansprüche haben. Sie kennen sich selbst sehr gut, wissen, was für sie gut ist, und können der Versuchung deshalb widerstehen.»
In der Halle des Feuers von Elrond in Bruchtal. (Bild: Anke Eissmann / zVg)
Die Unstimmigkeiten eines uneingeschränkten Machtanspruchs zeigen sich aber auch auf der Seite der Bösen, quasi Mordor-intern. Honegger nennt als Beispiel einen berühmten Dialog zwischen Shagrat und Gorbag, zwei Ork-Anführern: «Die haben auch ihre ganz eigenen Vorstellungen von Leadership. Die sind nämlich gar nicht glücklich mit Sauron und seiner Führung. Sie beklagen sich über die Nazgûl – man hat das Gefühl, das ist wie die Waffen-SS, und sie selbst sind die einfachen Landser, die den Kopf hinhalten müssen.»
Kapitel VII: Gemeinsam zum Sieg
In «Herr der Ringe» sind es aber nicht nur die klassischen Helden und Könige, die es ganz alleine schaffen, dass sich die Geschichte am Ende zum Guten wendet. Das Wissen um die eigene Rolle im grossen Ganzen und in der Folge auch respektvolle und wertschätzende Kooperation spielen bei Tolkien eine wichtige Rolle. «Vielleicht könnte man diese ganze Quest als eine Art Team-Building-Experience betrachten: Man schickt ein Team auf ein Abenteuer und sie müssen die Dinge zusammen bewältigen.»
«Die Gefährten sind ein zusammengewürfelter Haufen», sagt Honegger. «Das hat in den Fünfzigerjahren angefangen – das würde zeitlich passen, als Tolkien schrieb –, was man auch in Westernfilmen sieht: Es ist nicht mehr der einzelne Held, der in die Stadt kommt, dort aufräumt und dann in den Sonnenuntergang reitet. Es sind Gruppen, wie bei ‹Die glorreichen Sieben›, die gemeinsam etwas erreichen müssen. Das spiegelt sich bei den Ringgefährten wider: Es sind sehr unterschiedliche Talente, die zusammenarbeiten müssen, um die Tat zu vollenden. Elben, Zwerge, Menschen, Hobbits, Zauberer – Gender Equality kennen die Charaktere in ‹Herr der Ringe› zwar noch nicht und die Frauenquote ist etwas tief, aber ansonsten sind die Protagonisten sehr divers», sagt Honegger.
Fragt man Fans nach den wichtigsten Helden in Tolkiens Werken, kriegt man nicht immer schlüssige Antworten. Ist es nun doch nicht Frodo, sondern Sam, ohne den der Ring nicht zerstört worden wäre? Schliesslich ist er es, der Frodo die letzten Meter auf den Schicksalsberg trägt. Oder ist es Aragorn, ohne dessen Schutz die Hobbits wohl nicht einmal bis zu den Elben gelangt wären? Die Antwort: Es braucht alle.
«Da ist zum Beispiel Boromir, der Wert auf Ehre legt und ein gewisses Mass an Stolz und Pflichtbewusstsein mitbringt. Dann Gandalf: Das ist derjenige, der die Vision hat, das grosse Ganze im Blick behält und weiss, wo es hingehen soll. Man kann die Ringgefährten gewissermassen verschiedenen Kulturen und Herangehensweisen zuordnen.»
Und was ist mit Aragorn? «Er macht keine grosse Entwicklung durch und ist eher eine flache Figur. Von daher ist er als Vorbild für eine moderne Unternehmensgestaltung vielleicht weniger geeignet», so Honegger.
«Bei den Zwergen und Elben haben wir ein Beispiel dafür, wie eher antagonistische Kulturen doch miteinander ins Gespräch kommen und durch Verständnis eine Freundschaft entwickeln können. Das ist auch wichtig: Tolkien zeigt, dass sich Dinge weiterentwickeln können und dass man vor allem mit dem Verständnis für die andere Seite sehr viel weiterkommt.»
Kapitel VIII: Selbstorganisierte Hobbits?
Noch deutlicher wird das Credo, dass es alle braucht, am Beispiel der Hobbits, aus deren Perspektive wir das Abenteuer verfolgen. «Bei ihnen steht der Teamgeist im Vordergrund. Sie sind nicht besonders mächtig oder talentiert, aber man sieht, dass es die Teamleistung und die Solidarität untereinander sind, die den Erfolg bringen.»
Das Auenland: eine selbstverwaltete Idylle? (Bild: Screenshot, «Herr der Ringe: Die Gefährten»)
Wie genau die Hobbits gesellschaftlich organisiert sind, bleibt in «Herr der Ringe» grösstenteils unklar, dennoch weist einiges auf eine wenig hierarchische Selbstverwaltung hin: «Sie haben einen Bürgermeister, der aber mehr oder weniger nur ein Grüssonkel ist und für die Bankette zuständig ist. Und sie haben ein paar ‹Verkehrskontrolleure›, die schauen, dass die Kühe, wenn sie mal ausbüxen, auf den Feldern nicht allzu sehr Schaden anrichten. Das ist schon fast eine Art – ich will nicht sagen anarchistisches –, aber doch sehr unreguliertes Gebilde.»
Das sind viele verschiedene Konzepte, die bei Tolkien gewissermassen nebeneinander stehen und sogar Kooperationen eingehen – und das trotz Mittelalter-Fantasy. «Wir leben in einer Welt, in der sehr viele Kulturen, Geisteszustände und Regierungssysteme parallel existieren», erklärt Honegger seinen Studierenden immer wieder. «Das ist uns oft gar nicht so bewusst. Wenn man das in einer Fantasy-Geschichte präsentiert bekommt, wird einem das vielleicht wieder etwas klarer.»
Ultimativ eingelöst wird das Prinzip von Kooperation und guter Leadership ganz zum Ende der Geschichte hin – gerade in den Filmen ein emotionaler Höhepunkt. Aragorn wird endlich zum König gekrönt, und als die Hobbits vor ihm auf die Knie gehen, sagt er: «Meine Freunde, ihr verneigt euch vor niemandem.»
«Das ist die absolute Wertschätzung für die wirklich Bescheidenen – die Hobbits sind dafür die Inkarnation. Wir als Leser werden dort abgeholt; unser Startpunkt in die Geschichte ist das Auenland. Wir identifizieren uns mit diesen grundsätzlich modernen, zwar präindustrialisierten, aber idealisierten Engländern. Durch diese Figuren kommen wir dann in die heroische Welt – auch zusammen mit Aragorn, der sich langsam als der König offenbart, der zurückkehrt. Wenn man das realisiert und sieht, wie diese Wertschätzung für die Hobbits auch nach seiner Transformation zum König erhalten bleibt, ist das etwas sehr Berührendes», sagt Honegger. Aus gut unterrichteter Quelle weiss auch der Autor dieses Artikels: Tränen sind bei dieser Szene keine Seltenheit.
Kapitel IX: Die CEO von Lothlórien
Könnte sich Thomas Honegger eine Figur aussuchen, die heute als Vorbild für CEOs dienen soll, dann wäre es die Herrscherin des Elbenreichs Lothlórien, wo auch Frodo und Co. Halt machen.
«Zieht man ihre Vorgeschichte in Betracht, ist sie eine echte Erfolgsgeschichte», sagt Honegger, «und sie ist sich stets treu geblieben.»

Die Elbenfürstin Galadriel ist ein Beispiel für gelungene Unternehmensführung. (Bild: Screenshot , «Herr der Ringe: Die Gefährten»)
Obschon Galadriel in «Herr der Ringe» eine eher kleine Rolle spielt, ist sie in den Jahrtausenden davor eine schillernde Figur: «Sie widersetzt sich schon sehr früh Fëanor – der eine Art Faust-Figur ist und als Künstler die Silmaril erschafft, was schliesslich die Kriege zwischen den Elben und Sauron auslöst», erklärt der Tolkien-Forscher und kommt dann nochmal auf das Thema Wertschätzung zu sprechen: «Fëanor fragt sie damals dreimal um Strähnen ihres Haars – Galadriel war für dessen Schönheit bekannt –, sie aber weigert sich.» Galadriel folgt schliesslich nicht Fëanor, sondern geht nach Mittelerde und baut dort ihr eigenes Reich auf. «Als viel später der Zwerg Gimli in ‹Herr der Ringe› Galadriel um eine einzige Strähne ihres Haars bittet, schenkt sie ihm deren drei. Erst wenn man das ‹Silmarillion› gelesen hat, versteht man, was für eine enorme Bedeutung diese Geste hat.»
Galadriel bewahrt ihr Reich bis zum Schluss. «Man könnte das als Erfolgsgeschichte einer Unternehmensgründung und -entwicklung sehen. Lothlórien wird schlussendlich wahrscheinlich untergehen, aber es hatte eine sehr lange, sehr erfolgreiche Geschichte – und der CEO hat dafür am Ende seine Seele nicht verkauft.»
Kapitel X: Die Wendung zum Guten am Ende aller Dinge
Es ist mir doch gewiss:
Die Sonne zieht die hohe Bahn,
Der Stern den milden Lauf,
Solang der Tag noch nicht vertan
Geb ich den Sieg nicht auf.
– J.R.R. Tolkien, Sams Lied in Cirith Ungol
Gäbe es eine einzige Lektion, die moderne Leadership aus Tolkien ziehen könnte, dann: «Niemals aufgeben». Honegger verweist erneut auf das Gespräch zwischen Gandalf und König Théoden: «Do the deed at hand. Also nicht die Flinte ins Korn werfen, sondern das tun, was als naheliegende Herausforderung direkt vor einem liegt und gemacht werden muss.»
Das mag kein befriedigendes 10-Tipps-Destillat sein, aber anders würde man «Herr der Ringe» kaum gerecht werden: «Es ist eben schwierig, einen Text wie den von Tolkien einfach so herunterzubrechen und eins zu eins auf eine konkrete Situation in der Wirtschaft anzuwenden. Aber seine Texte bieten immer Möglichkeiten zum Hinterfragen und zur Diskussion. Genau das macht sie so wertvoll.»
Und doch gleicht die Geschichte in «Herr der Ringe» unserer aktuellen Geschichte: Die Welt befindet sich im politischen und wirtschaftlichen Chaos, autoritäre Regimes sind auf dem Vormarsch und der Klimawandel bedroht unsere Existenz. Doch bei Tolkien gibt es sie, die Wendung zum Guten.
«Sowohl als Gesellschaft wie auch als Wirtschaft darf man sich nicht als unabhängig oder abgeschottet von der grösseren Umwelt betrachten. Man muss sich in einem holistischen Denken als Teil eines grossen Ganzen sehen, sich dieses Bewusstsein bewahren und das pragmatisch mit alltäglichen Handlungen abstimmen. Das ist vielleicht so, als hätte man die grosse Vorsehung im Hinterkopf, während man die einzelnen Aktionen in ‹Herr der Ringe› liest.»




